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Die Lange Nacht der ZEIT

Tattoos, Weltfrieden und Sex: 20 Veranstaltungen an 14 Orten decken an einem Abend (fast) alles ab, was uns bewegt.

Die Zeit ist das, was verhindert, dass alles gleichzeitig passiert.“ Frei nach diesem Bonmot des Physikers John Archibald Wheeler kann besonders eine Nacht mit der ZEIT natürlich nichts anderes als lang sein. Eine Nacht, die schon am frühen Nachmittag beginnt, nämlich um 15 Uhr auf der Cap San Diego, wo Kirsten Moie aus ihrem Buch Seeräuber-Moses liest. Weitere 19 Veranstaltungen an 13 verschiedenen Orten stecken den Rahmen, um den ersten Geburtstag der Hamburg-Seiten der ZEIT angemessen zu feiern. Autoren der ZEIT treffen prominente Persönlichkeiten der Hansestadt zu Podiumsdiskussionen, Lesungen und Werkstatt-Veranstaltungen. Vom Bucerius Kunst Forum bis zur Pony Bar wird eine lange Nacht lang über alles gesprochen, was sich thematisch zwischen Tattoos und Weltfrieden, Sex, Kunst und intellektuellem An-der-Bar-Rumgehänge ansiedeln lässt.

Text: Nik Antoniadis

 

Marina and the Diamonds

Bubblegum Bitch: Die britische „Queen of Electro Pop“ kommt auf ihrer Deutschlandtour für einen Abend in die Markthalle.

„Wie viele von euch haben bis vor zwei Sekunden schon mal von mir gehört?„, fragte Marina Diamandis das Publikum in Austin, als sie 2010 zur SXSW-Session die Bühne betrat. Wenn sie jetzt ihre Show in der Markthalle eröffnet, wird sie diese Frage wohl nicht mehr stellen müssen. Vor fünf Jahren hatte die griechisch-walisische Songwriterin gerade den Schritt über den großen Teich gewagt, nachdem ihr Debütalbum The Family Jewels gerade die Top 10 in Großbritannien geklettert war.

Ähnlich wie Lily Allen oder Kate Nash drehen auch ihre Songs sich um die Unbilden des Erwachsenwerdens und alles, was im Kielwasser so mitschwimmt. Sie singt über Mut und Verletzlichkeit, über Unsicherheit, Enttäuschung und Trotz. Aber bei aller Melancholie schwingt immer, wenn auch teilweise kaum hörbar, eine komische Attitüde mit: „Feeling like a loser, feeling like a bum / Don’t get on my bad side, I can work a gun.“ Vor allem punktet sie durch eine beeindruckende Bühnenpräsenz: Sie wirbelt, wütet und tobt sich durch einen Song, um wenig später verloren und zerbrechlich in einen anderen zu schlüpfen. Nach ihrem zweiten Album Electra Heart kommt sie nun mit ihrem dritten, Froot, auf Deutschlandtour und beglückt Hamburg in der Markthalle.

Text: Nik Antoniadis

 

„Fassbinder“

Melodramatischer Satansbraten: Das Lichtmeß zeigt eine sehr persönliche Dokumentation über Rainer Werner Fassbinder.

Er wollte perfekte Filme machen, die zugleich auch persönlich sein sollten. Letzteres zumindest ist Annekatrin Hendels dokumentarischer Lebensabriss Fassbinder, der am 7. Mai im Lichtmeß gezeigt wird. An den produktivsten und provokantesten, 1982 verstorbenen Regisseur des Neuen deutschen Films, der in diesem Mai 70 Jahre alt geworden wäre, erinnern Interviews mit seinen Mitstreitern. Dabei tritt in den Storys der Alt-Stars Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Irm Hermann ein manipulativer Satansbraten zutage, den die Damen gleichwohl als Genie heute mehr denn je verehren.

Eine Reihe weiterer Werke von (und mit) Fassbinder werden bis Ende Mai auch im Metropolis und im Studio gezeigt. Hier wird der gebenedeite Melodramatiker zum Beispiel als Kriminalfilmregisseur vorgestellt: mit der an der Nouvelle Vague und billigen B-Pictures orientierten Dreiecksgeschichte Liebe ist kälter als der Tod (10./13./22.5.) und mit dem prophetischen Science-Fiction-Zweiteiler Welt am Draht (21./24.5.), der ein totalüberwachtes Leben ausmalt.

 

Kunstlift

Sprechende Stoffe: Svenja Keune stellt im Langzeitkunstprojekt poetische Gebilde aus, die mit dem Betrachter in Kontakt treten.

Zum ersten Mal in diesem Jahr nimmt der Kunstlift wieder Fahrt auf, dieses vielgesichtige Langzeitkunstprojekt, das sich im Gewand eines Vereins – der Agentur für Identität e.V. – präsentiert und seit 2009 vielfältige, teilweise kontroverse Arbeiten auf den Weg gebracht hat. Im Rahmen des Architektursommers ist diesmal an Bord: die Hamburgerin Svenja Keune, die für ihre Textile Interfaces gerade für den German Design Award im Bereich Newcomer nominiert wurde. Kommt man ihren poetischen Gebilden aus Stoff, Wolle oder Kunststoff nahe, beginnen sie zu pulsieren, wölben sich einem entgegen, räkeln sich, fesseln durch fließende Bewegungen und nehmen einen Emotional Dialogue auf. Ausgelöst durch Sensoren und betrieben mit exakt platzierten Servomotoren, fordern sie einen zu spontaner Berührung auf, zu Nähe und einer Mensch-Maschinen-Kommunikation, zum Staunen und Wundern.

Text: Sabine Danek

 

„Final Cut 2015“

And the winner is …: Im Metropolis wird Hamburgs vielversprechendsten Nachwuchsregisseuren der Filmpreis der HFBK verliehen.

Roter Teppich für die Diplom-, Master- und Bachelor-Filmprojekte der Studierenden der HFBK im Metropolis Kino: Im Gespräch mit ihren Professoren, darunter Wim Wenders, Robert Bramkamp und Pepe Danquart, stellen Studenten beim diesjährigen Final Cut die Inhalte und filmtechnischen Hintergründe ihrer Filme vor. Ab 19 Uhr werden im Screening Ausschnitte aus den 15 Abschlussarbeiten des Jahrgangs 2014/15 gezeigt. Im Anschluss daran wird ab 22 Uhr – inzwischen bereits zum vierten Mal – der HFBK-Filmpreis der Hamburgischen Kulturstiftung vergeben. Ausgewählt wurde er von einer Jury, zu der u.a. die Filmemacherin Monika Treut und der Künstler Florian Wüst gehören, dotiert ist er mit 5.000 Euro und soll neue Filmprojekte möglich machen. Es gibt also einiges zu feiern.

 

MS Stubnitz

Die Third & Thirty Opera-Tour steht für Alternative Rock, Avantgarde und Punk. Es spielen: Mike Watt & The Missingmen, Už Jsme Doma und Sheik Anorak.

Die besten Abende, um neue Bands kennenzulernen, sind jene, an denen mehrere Kombos auftreten. Man kommt für eine und geht mit der Platte unterm Arm einer anderen. Auf der MS Stubnitz findet am 6. Mai die Third & Thirty Opera-Tour statt. Sie richtet sich an Freunde der Richtungen Alternative Rock, Avantgarde und Punk. Die meisten Leute wird wohl der US-Amerikaner Mike Watt ziehen, der lange Bassist bei Iggy and The Stooges war. Er wird von The Missingmen auf den Dampfer begleitet. Aus Tschechien kommen Už Jsme Doma, die eine komische Punkrock-Show abliefern und ein wunderbares Video im Internet veröffentlicht haben, in dem Doublebass auf knutschende Glamour-Menschen trifft. Dritte Band im Bunde: Sheik Anorak aus Frankreich, Stichwort „Post-Velvet Noise Rock“.

 

„Mixwoch“

Es gibt eine neue Hip-Hop-Reihe in Hamburg. Das Moondoo wird zur Spielwiese für das Partyformat von DJ Scream.

Einige nennen es Bergfest, das Moondoo macht aus der Wochenmitte den Mixwoch. Die neue Hip-Hop-Reihe von DJ Scream wurde im Münchner Crux Club ins Leben gerufene und später nach Wien, Würzburg und Passau expandiert. Nun also Hamburg, ein affines Publikum ist hier auf jeden Fall am Start. Das Konzept klingt spannend: Die volle musikalische Bandbreite des Hip-Hop kommt zum Einsatz, jedoch kann man sich nie sicher sein, wessen konkreter Zusammenstellung man ausgesetzt ist – die DJs des Abends sind so lange geheim, bis man sie hinter dem Mischpult sieht und identifiziert. Wie so ein Mixwoch klingt, kann man online prüfen – hier liegen Mixwoch Mixtapes zum Anhören bereit. Wer sich hier auch in den Newsletter einträgt und zu den hundert Ersten zählt, bekommt übrigens freien Eintritt.

 

Polizeiorchester

35 uniformierte Männer und Frauen spielen umringt von Blumenbeeten in Planten un Blomen Jazz-, Swing-, Klassik- oder Pop-Nummern. 

Und das war so: Vor 121 Jahren hat eine Gruppe Hamburger Polizeibeamter, die in ihrer Freizeit gerne musizierten, ein Orchester gegründet. In den siebziger Jahren stellte die Stadt sie als Berufsmusiker ein. Heute besteht das Hamburger Polizeiorchester aus professionellen Musikern, die Jazz, Swing, Klassik oder Popmusik und vieles mehr spielen. Neben Konzerten in sozialen Einrichtungen, zum Beispiel für pflegebedürftige Menschen, die ihr Bett nicht verlassen können, performen sie auch gerne Open Air. Viel nimmt die 35 Mann starke Truppe unter der Leitung von Dr. Kristine Kresge nicht ein, was der Grund war, dass die Stadt das Polizeiorchester vor fünf Jahren abschaffen wollte. Doch am Ende wurde an der Formation vorbei gekürzt, was ihre Fans freut. Die nächste Gelegenheit, dem Orchester zu lauschen, bietet sich am 6. Mai im Musikpavillon in Planten un Blomen.

 

Charlie Winston

Der britische Multiinstrumentalist kommt mit neuem Album ins Knust und spielt hoffentlich die geile Uptempo-Popnummer „Lately“.

Der Singer-Songwriter hat im Februar sein neues Album Curio City herausgebracht, das wieder einmal beweist, was für einen speziellen Blick auf die Welt dieser Mensch hat. Das Stück Lately beispielsweise, das bereits 2014 als Single ausgekoppelt wurde, ist eine stimmige Uptempo-Popnummer, die sofort in die Beine und den Kopf geht. Das Video zeigt den britischen Musiker, wie er extrovertiert, nein angsteinflößend tanzend ein Theaterpublikum verschreckt. Herrlich. Charlie Winston zog vor Kurzem von Paris zurück nach London – vielleicht hatte er die Nase voll vom feinen Pariser Publikum. Für die Stücke der neuen Platte ließ er nur sich selbst an die Instrumente und spielte alles selbst ein. Nur beim Abmischen durfte Ruahdri Cushnan (Mumford and Sons) helfen.

Text: Lena Frommeyer

 

„Der Tod und das Mädchen“

Harte Kost im Monsun Theater: In seinem Stück verarbeitet Autor Ariel Dorfman eigene Erfahrungen mit der chilenischen Militärdiktatur.

Heute lebt Paulina Salas mit ihrem Mann, dem Anwalt Gerardo Escobar, ein glückliches Leben in einem idyllischen Strandhaus. Zu Zeiten der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet aber wurde Paulina gefoltert und vergewaltigt. Während der grauenvollen Tat lief im Hintergrund Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen. Das Lied erklingt wieder in ihren Ohren, als der Zufall den Arzt Robert Miranda zu ihr nach Hause führt. Sie meint, in ihm ihren Peiniger wiederzuerkennen, und nimmt ihn mithilfe ihres Mannes als Geisel. Der Arzt soll seine Tat gestehen und Paulina so ihren Frieden wiedergeben. Doch Paulinas Zustand wird im Laufe der Geiselnahme immer labiler. Der Autor des Stückes, Ariel Dorfman, verarbeitete mit dem Stücke seine eigenen Erfahrungen und Emotionen, die er mit Pinochets Militärdiktatur verbindet. So schuf er einen Politthriller, der die Machtlosigkeit der Opfer, ihren Wunsch nach Rache und die Auswirkungen der Unterdrückung aufzeigt.

Text: Adriana Jodlowska