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Leviathan

Für den Oscar nominiert: Andrej Swjaginzews Polit-Thriller vom Polarkreis läuft ab 12. März in deutschen Kinos, unter anderem im 3001.

Wenn der Verkehrspolizist Pascha an seinem Geburtstag zum fröhlichen Scheibenschießen ins Grüne hinauszieht, versehen mit Wodka, Schaschlik und einer Kalaschnikow, hat er auch einen ganzen Satz großformatiger Bilder ehemaliger Staatenlenker unter dem Arm – Lenin, Breschnew, Gorbatschow –, die ihm als Zielscheiben dienen. Ein Bild seines aktuellen Dienstherrn befindet sich nicht darunter. Noch nicht, wie Pascha betont. Gleichwohl zielt der Film des russischen Arthouse- und damit Ausnahme-Regisseurs Andrej Swjaginzew (Die Rückkehr), der in Leviathan von Korruption und Machtmissbrauch in einer Kleinstadt an der Barentssee erzählt, auch auf den aktuellen Herrn des Kreml. Unübersehbar prangt dessen Konterfei an der Wand jenes Dienstzimmers, aus dem heraus der Bürgermeister Schelewjat hier ebenso selbstherrlich wie abgefeimt regiert. Als er jedoch den Automechaniker Sergejew um seinen gesamten Besitz bringen will, stößt er auf ernsten Widerstand … Leviathan besitzt inszenatorische Längen. Entschädigt wird man mit großartigen Landschaftsaufnahmen, die mit einer im westlichen Kino ungewohnten Naturmetaphorik die am Polarkreis obwaltenden Relationen zwischen Individuum und Staat offenbaren.

 

Feministische Avantgarde

Spannend, provokant und wegbereitend: Die Kunsthalle zeigt feministische Kunst der 1970er. Eröffnung ist am 12. März. Die Ausstellung läuft bis 31. Mai.

Mehr als 150 Arbeiten aus der Sammlung des österreichischen Stromunternehmens Verbund sind in der Schau zu sehen, die durch zehn europäische Städte tourt und belegt, dass diese Kunstbewegung Avantgarde war. Sie kehrte der Malerei den Rücken, nutzte stattdessen spontane Medien wie Fotografie, Video oder Performance, lehnte sich gegen die Darstellungsweise des weiblichen Körpers auf, gegen Idealisierungen und männliche Dominanz, zerrte das Private an die Öffentlichkeit. Den männlichen Blick im künstlerischen Visier forderte Valie Export in ihrem Tapp und Tastkino, das sie sich vor die Brust geschnallt hatte, Passanten auf, mit ihren Händen durch einen Vorhang zu greifen und so ihren nackten Busen zu betasten. Mierle Laderman Ukeles prangerte die monotone Hausfrauenarbeit an, indem sie 1973 die Treppen eines Museums schrubbte. Wie Männer breitbeinig im Bus sitzen und Frauen mit züchtig aneinandergepressten Knien, stellte Cindy Sherman in ihren Fotografien dar, während Annette Messager in Die freiwilligen Folterungen ihre Brüste mit Saugkelchen malträtierte. Die Themen der feministischen Avantgarde sind so vielfältig wie die Methoden, mit denen sie arbeitet, und reichen von der Küche bis in die Kunstwelt hinein.

Text: Sabine Danek

 

Nonne im Schlafsack

Von Kleidern, Kostümen und sakralen Gewändern: Die Hamburger Künstlerin und Mode-Designerin Gloria Brillowska stellt vom 12. bis 22. März im Westwerk aus.

Bereits als sie an der Armgartstraße Modedesign studierte, hat sich Gloria Brillowska vor allem dafür interessiert, was Kleidung jenseits von Mode sonst noch alles kann, für inhaltlich aufgeladene Couture, für Kostüme und sakrale Kleidung, dafür, welche Rolle sie in Mythen spielt, aber auch für das Objekthafte an ihr – und wie Kleidung als Körpergestaltung funktioniert. Jetzt zeigt die junge Künstlerin, die in einem kreativen Haushalt aufwuchs, in einer „kleinen Retrospektive“, wie sie die Ausstellung Nonne im Schlafsack im Westwerk nennt, ihre Arbeiten. Dazu gehören Objekte aus Textil, Bühnenoutfits von Felix Kubin und der Theatergruppe Jajaja, Zeichnungen, Kostüme, Kollektionen und auch ein Modefilm. Frischer Wind im Westwerk! – und dazu wird es zur Eröffnung Live Acts geben.

Text: Sabine Danek

 

Kraftklub

Kollektives Ausflippen steht mit den Überfliegern aus Chemnitz in der Sporthalle Hamburg an. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

Tja, eines muss man den Jungs von Kraftklub lassen: Wenn schon Mainstream, dann bitte so, wie ihn die fünf Chemnitzer spielen. Seit ihrem Debüt Mit K (2012), auf dem sie Indie, Punk und Rap – oder besser: Sprechgesang – zu einem wilden und juvenilen Mix verwurstet haben, geht’s nur steil bergauf mit ihnen. Wo Kraftklub sind, da stehen die Fans schon reihenweise Schlange, um auch ja nicht ihren Auftritt zu verpassen. Neuen Zündstoff für ihre Shows gab’s schließlich im letzten Jahr mit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums In Schwarz, inklusive der Single Unsere Fans, in der sie etwaige „Ausverkauf-Vorwürfe“ einfach mal ironisch auf ihre Anhänger ummünzten. Verstanden hat’s nicht jeder direkt. Aber lange böse sein können ihre Fans ihnen offensichtlich auch nicht. Ansonsten würden Kraftklub wohl kaum heute in der ausverkauften Sporthalle spielen. Den Support an diesem Abend übernehmen die Österreicher Wanda mit ihrem Überhit Bologna.

 

Streetfood Wednesday

Foodtrucks und feine Kost, regionale Anbieter und Aficionados des bewussten Konsums treffen am 11. März in der Fischauktionshalle Altona ein.

Was 2014 mit Erfolg begonnen hat, wird glücklicherweise in diesem Jahr konsequent weitergeführt. Zwei Mal organisierte Dannie Quilitzsch von Hallo Frau Nachbar bereits im letzten Jahr das kulinarische Pendant zu ihrem Nachbarschafts-Designermarkt. Auftakt für das diesjährige Foodtruck-Geschehen war am 26. Februar die Social Media Week in den Schanzenhöfen. Verpasst? Keine Sorge, einfach den 11. März rot im Kalender anstreichen und die nächstbeste Gelegenheit wahrnehmen, die diesmal ausnahmsweise auf einen Mittwoch fällt. Foodtrucks, regionale Anbieter feiner Kost und andere Aficionados des bewussten Konsums versammeln sich zum Streetfood Wednesday in der Fischauktionshalle Altona. Einen Monat später dann wieder am einem Donnerstag, nämlich den 9. April. Die darauffolgenden Termine sind auf der Website zu finden.

Text: Julia Braune

 

 

Tinashe

Die US-Künstlerin lässt ihren verführerischen Sound, den sie als „progressive R ’n‘ B“ bezeichnet, auf das Mojo-Club-Publikum los.

An Aufmerksamkeit mangelt es der amerikanischen Sängerin und Schauspielerin Tinashe nun wirklich nicht: Mit ihrem Album Aquarius (2014) knackte sie die Top 20 der US-Charts, die Singleauskopplung 2 On feat. Schoolboy Q schaffte es immerhin bis auf Platz 24, und bei YouTube werden ihre Videos hunderttausend- bis millionenfach geklickt. Und dennoch: Gegen den Hype, den FKAtwigs im letzten Jahr auslöste, wirken die Erfolge von Tinashe eher bescheiden. Dabei fischen beide durchaus in ähnlichen Gefilden. Auch Tinashe versieht ihren verführerisch umschmeichelnden R ’n’ B mit Einflüssen aus Hip-Hop, Pop und einem Hauch Elektro. Der vielleicht größte Unterschied: Während man bei FKAtwigs aufgrund ihrer distanzierten und kühl wirkenden Aura immer lieber ein paar Meter Abstand hält, sind die Songs von Tinashe mehr am Flirten und winken einen – gefühlt – ganz nah an sich heran. Wir sind dann schon mal auf dem Weg in den Mojo Club.

Text: Jan Kahl

 

„Empfänger“

Die Installation der Künstlerin Margarethe Mast ist bis zum 27. März im Einstellungsraum e.V. zu sehen. Vernissage ist am 11. März.

Fragmente aus Richard Wagners Oper Parsifal mit der Lautsprache eines motorisierten Zweirads wiedergegeben: In ihrer Installation Empfänger beschäftigt sich die 2014 preisgekrönte Absolventin der Hochschule für bildende Künste Margarethe Mast mit dem menschlichen Umgang mit Tönen. Ununterbrochen ordnet man sie ein, ordnet sie in die eigene Soundbibliothek, verknüpft sie mit Geschehnissen und Gefühlen. „Viele davon sind gekoppelt an Erinnerungen, lösen Negatives oder Positives aus,“ so die Künstlerin, „und mit einigen identifiziert man sich mehr als mit anderen.“ Das Aufnehmen, Verarbeiten und zu etwas Neuem Formulieren ist ein menschlicher Vorgang, den die Künstlerin Margarethe Mast im Bereich des Sounds thematisiert. Ihre Installation kann man ab dem 11. März besuchen, am Vernissage-Abend gibt es eine Einführung von Benjamin Sprick, Musikwissenschaftler der HfBK Hamburg.

 

MC Rene

Ein Urgestein des deutschsprachigen Hip-Hops meldet sich nach zehn Jahren Bühnenabstinenz als Rapper mit neuem Album am Schulterblatt zurück.

„Tour kann kommen. Wir machen euch fertig“, tönt es von der Facebook-Site von MC Rene. Das ist doch mal ’ne Ansage. Für seine Renessance-Tour hat sich der gebürtige Braunschweiger anscheinend viel vorgenommen. Dementsprechend hoch dürften auch die Erwartungen seiner Fans sein. Immerhin ist das Urgestein des deutschsprachigen Raps seit zehn Jahren nicht mehr getourt – allenfalls als Stand-Up-Comedian oder zur Präsentation seines 2013 erschienenen Hörbuches Alles auf eine Karte, aber eben nicht als klassischer Rap-MC. Nach Der letzte Marrokaner, seinem bisher jüngsten Album, hat sich MC Rene, der mit bürgerlichem Namen René El Khazraje heißt, mit dem Produzenten Carl Crinx zusammengetan, um an neuen Tracks zu arbeiten. Das Ergebnis ist seit Kurzem im Handel. Am 11. März droppt MC Rene seine neuen Rhymes im Kleiner Donner.

 

Prag

Cineastisch angehauchte Live-Musik-Therapiestunde mit Erik Lautenschläger, Tom Krimi, Nora Tschirner und ihrer „Selbsthilfegruppe Filmmusik 60er Jahre“.

Ein gewisser Hang zur ironischen Distanz ist nicht zu leugnen, wenn eine Band wie Prag sich selbst als „Selbsthilfegruppe Filmmusik 60er Jahre“ bezeichnet. Zum Glück funktioniert der therapeutische Ansatz kein bisschen und Prag kommen mit ihrer Genesung nicht voran: Das zweite Album Abschied schwelgt noch immer in orchestralem Schönklang, der ausgeblichenes Zelluloid zu vertonen scheint. Nicht unwichtig ist die Information, dass neben Erik Lautenschläger und Tom Krimi auch Ex-MTV-Moderatorin Nora Tschirner, die mit zwei Til-Schweiger-Filmen (Keinohrhasen und Zweiohrküken) im Minus ist, hier unauffällig mitmacht und sich damit wieder die volle Kreditwürdigkeit erspielt. Für diesen cineastisch angehauchten Konzertabend gedenkt die Kampnagel-Belegschaft ausnahmsweise mal Popcorn an der Tür zu verteilen.

 

Frank Schulz

Der Autor liest am 10. März im Literaturhaus aus seinem Kriminalroman „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“.

Mit Onno Viets und der Irre vom Kiez hatte Frank Schulz 2012 voll ins Schwarze getroffen. Der hochkomische Roman war der Versuch eines Krimis, in dem der Held einer Eingebung folgend versucht, ein Detektiv zu sein. So ganz klappt das in beiden Fällen nicht, aber das Ergebnis ließ sich jeweils sehen. Nun kann man so einen Typen nicht einfach erfinden und dann in der Versenkung verschwinden lassen. Darum ist Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen eine sehr willkommene Fortsetzung der Geschichte. Viets, der nach den Ereignissen des ersten Buchs an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, kriegt den passenden Auftrag vermittelt: Er soll den exzentrischen Künstler Donald Jochemsen auf einer Mittelmeerkreuzfahrt begleiten. Doch Ereignisse an Land setzen der Seereise ein abruptes Ende. Im Literaturhaus trägt Frank Schulz aus der kuriosen Ermittler-Schnurre vor. Leseprobe: hier.

Text: Michael Weiland