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Oh, Du verdammter Stabilitätspakt

 

Euroland steckt in der tiefsten Krise seit der Einführung der Gemeinschaftswährung vor zehn Jahren. Daran gibt es leider nichts zu deuteln. An den Finanzmärkten werden bereits Wetten auf die Zahlungsunfähigkeit einzelner Euroländer abgeschlossen, namentlich Griechenland, Irland und die Slowakei. Aber auch Spanien, Portugal und selbst Italien schauen nicht sehr stabil aus. Die Debatte um die Rettung der Eurozone läuft hochtourig. Als populärer Vorschlag wird eine Gemeinschaftsanleihe herumgereicht. Selbst der Internationale Währungsfonds befürwortet inzwischen dieses Instrument. Ist es der Weisheit letzter Schluss? Und wer oder was hat eigentlich zu der Krise geführt? Auf die erste Frage ist die Antwort schwieriger, auf zweite dagegen kinderleicht: Es ist der verdammte Stabilitätspakt, den deutsche Super-Ökonomen ersonnen haben, die vom Kapitalismus noch nie richtig viel verstanden haben.

Zunächst kurz zum eigentlichen Problem: In der Eurozone ist es der Zentralbank untersagt, den Regierungen der einzelnen Länder direkt Staatsanleihen abzukaufen. Damit steht den Euroländern die Option, im Notfall Geld zu drucken, um die Staatsschuld zu bedienen, nicht zur Verfügung. Den 16 Euroländern geht es also wie Schwellen- oder Entwicklungsländern, die in ausländischer Währung verschuldet sind. Bekommen sie am Markt keine Euro mehr, weil ihre Zahlungsfähigkeit angezweifelt wird, dann ist aus die Maus. Dann droht der Staatsbankrott. Die kräftigen Ausweitungen bei den Renditedifferenzen zwischen deutschen Papieren und den Anleihen der oben genannten Staaten sprechen eine klare Sprache: Genau davor haben die hypernervösen Anleger Angst. Deshalb verlangen sie inzwischen bis zu drei Prozentpunkte höhere Zinsen von Staaten wie Griechenland oder Irland als von Deutschland. Und genau deshalb wird es für diese Staaten immer schwieriger, Mitten in der großen Krise, Konjunkturprogramme und Bankenrettungspakete zu finanzieren. Ein Teufelskreis.

Warum ist der Stabilitätspakt der einzig wahre Verantwortliche? Weil er als einziger Koordinierungsmechanismus innerhalb der Währungsunion schwachsinnig ist. Ein Beispiel: Die Staatsverschuldung Spaniens beträgt aktuell rund 40 Prozent gemessen am Brutto-Inlandsprodukt (BIP). Die deutsche liegt bei rund 65 Prozent. Aber Spanien hat Probleme, nicht Deutschland. Toll.

Es ist die fatale deutsche Sichtweise, dass wenn alle nur ihre Hausaufgaben machen, Koordinierung sich erübrigt. So sagt es zum Beispiel Super-Ökonom Otmar Issing, der Ex-Chefvolkswirt der EZB und heute Ober-Finanzmarktregulierer der Kanzlerin. Was meint er damit? Wenn die Arbeitslosigkeit zu hoch ist, ist das ein Problem der Gewerkschaften, die gefälligst ihre Hausaufgaben machen sollen, also für niedrige Löhne kämpfen. Wenn die Staatshaushalte aus dem Ruder laufen, ist das ein Problem der Finanzpolitik, die bitteschön die Staatsausgaben drosseln möge. Wenn die Inflation zu hoch ist, ist das ein Problem der Notenbank, die bitteschön die Zinsen anheben möge. Dass alles mit allem zusammenhängt, auf diese Idee kommen diese deutschen Ökonomen nicht. Mitgewerkelt am Stabipakt haben noch der heutige Bundespräsident Horst Köhler, der heutige Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark, der Ex-Finanzgeneral der EU, Klaus Regling, der Ex-Bundesbankchef Hans Tietmeyer, um nur die prominentesten zu nennen

Und also dachten sich diese Experten, wenn es schon eine Währung geben soll, dann muss auf jeden Fall verhindert werden, dass die einen Staaten auf Kosten der anderen Staaten über ihre Verhältnisse leben dürfen. Deshalb Maastricht, Stabipakt und No-Bailout, sprich kein Mitgliedsland darf dem anderen im Falle von Zahlungsschwierigkeiten helfen. Sind doch selbst dran schuld, wenn sie pleite gehen. Hätten sie mal ihre Hausaufgaben gemacht.

Doch die Wahrheit ist natürlich komplexer.

Wer eine Währung hat, braucht viel mehr Koordinierung als nur das gemeinsame Starren auf die Haushaltssalden. Wichtiger als die Haushaltssalden sind beispielsweise die Salden in der Leistungsbilanz, in der alle Ausfuhren und Einfuhren von Gütern und Dienstleistungen erfasst werden. Denn sie geben Auskunft darüber, welches Land Probleme hat und welches Probleme schafft. Länder mit krassen Defiziten (Spanien steuert auf zehn Prozent gemessen am BIP zu) sind genauso gefährlich wie Deutschland (im vergangenen Jahr lag der Überschuss bei über fünf Prozent gemessen am BIP). Wo ist die Instanz in Euroland, die hier mit Politikvorschlägen verbindlich eingreifen kann?

Das Hauptproblem sind natürlich und wie in diesem Blog immer wieder dargestellt, die zu geringen Lohnstückkosten in Deutschland. Damit haben wir die anderen Länder ganz klassisch ausgebeutet – über fieseste Beggar-thy-Neigbour-Politik. Und jetzt fliegt uns allen die Eurozone um die Ohren.

Aber genauso bedarf es natürlich auch einer Koordinierung zwischen den Fiskalpolitiken der einzelnen Länder, wie wir in der Debatte über die einzelnen Konjunkturpakete feststellen. Wenn Deutschland die Steuern anhebt (wie bei der Mehrwertssteuer geschehen) und im Gegensatz über die Senkung der Lohnnebenkosten die Arbeit billiger macht, verbessert es seine Wettbewerbsfähigkeit zu Lasten aller anderen Länder, die heute unter zu hohen Leistungsbilanzdefiziten ächzen.

Und last but not least muss auch die Geldpolitik mit der Fiskalpolitik des gesamten Euroraumes abgestimmt werden. Wenn die Fiskalpolitik bremst, kann die Geldpolitik einen laxeren Kurs einschlagen, als wenn die Fiskalpolitik einen Wirtschaftsaufschwung auch noch anfacht.

Das alles ist mehr als trivial, nur leider nicht für deutsche Ökonomen, die Euroland die Krise eingebrockt haben, weil sie heimlich alles Lobbyisten der deutschen Exportindustrie sind – und nur eines im Sinn hatten: Immer mehr Exporte für Deutschland, immer mehr Gewinne für diese Industrie.

Doch jetzt droht das Kind in den Brunnen zu fallen. Die Investoren spekulieren auf das Auseinanderbrechen der Währungsunion. Jetzt ist guter Rat teuer. In der Frankfurter Rundschau führen wir gerade eine ganz spannende Debatte, was nun zu tun ist. Professor Wilhelm Hankel, bekennender Euro-Kritiker, sieht die Zeit gekommen, den Euro schonend rück abzuwickeln. Deutschland wieder die D-Mark zu geben, den wackeligeren Ländern ihre Drachme, Peseta und Lira. Dann könnten diese Länder sich über Abwertung aus dem Tal der Tränen befreien, meint Hankel. Deutschland täte den Staaten mit einer Aufwertung der neuen D-Mark einen größeren Gefallen als durch jede noch so große Gemeinschaftsanleihe.

Thomas Mayer, Euroland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, dagegen schlägt anstelle der Gemeinschaftsanleihe einen Europäischen Währungsfonds (EWF) vor, der Ländern in Zahlungsbilanzschwierigkeiten Beistand gewährt, nicht ohne sie danach an die Kandare zu nehmen. Interessant ist seine Weiterentwicklung des EWF, der eines Tages echte Gemeinschaftsanleihen begeben soll, aber nicht aus der Not heraus, sondern um wahrhaft liquide Papiere zu schaffen. Er plädiert für eine deutlich stärkere Koordinierung, auch wenn er das Wort Wirtschaftsregierung nicht mag und auch noch nicht so weit geht.

Was ist jetzt zu tun?

Kurzfristig bleibt der Eurozone gar nichts anderes übrig als über eine riesengroße Gemeinschaftsanleihe die hypernervösen Investoren zu beruhigen. Da zahlt Deutschland natürlich kräftig drauf, aber das ist allemal besser als den Verdacht länger zu näheren, die Eurozone könnte auseinander fallen.

Das ist kurzfristig die einzige Option. Mittel- und langfristig dagegen muss die Koordinierung kräftig ausgebaut werden, der Stabilitätspakt zu einer Fußnote verkommen. Nicht, dass solide Staatsfinanzen nicht wichtig wären – im Gegenteil. Aber sie sind eben längst nicht alles.

Ein EWF, wie ihn Mayer vorschlägt, finde ich eine kluge Idee, solange die Staaten nicht den großen Schritt wagen wollen, hin zur Wirtschaftsregierung, hin zu den Vereinigten Staaten von Europa. Das war immer der nächste Schritt nach der gemeinsamen Währung. Wann, wenn nicht jetzt in der Krise müssen wir anfangen, ihn zu wagen?

38 Kommentare

  1.   Heinrich Kaspar

    Dumme EZB, dumme deutsche Oekonomen, dummer Stabilitaets-Pakt, dumme Lohnzurueckhaltung — eine Wehklage die an klassisch-griechische Tragoedien erinnert. Zu einer oekonomisch kohaerenten Argumentation verdichten sich die Klagepunkte in meinen Augen nicht; aber das wurde hier ja schon mehrfach durchgekaut ohne irgendein Ergebnis zu zeitigen. Deswegen erspaere ich mir weitere Truebsal und beschraenke mich auf selektive Anmerkungen.

    In der Eurozone ist es der Zentralbank untersagt, den Regierungen der einzelnen Länder direkt Staatsanleihen abzukaufen.

    Das ist Regierungen ueberall in der Welt untersagt, mit den moeglichen Ausnahmen von Zimbabwe und Nordkorea. Solange die Zentralbank unbegrenzt Staatschuld diskontiert — wie in der Eurozone der Fall — ergibt sich daraus keine Beschraenkung fuer den Souveraen.

    Es sei denn er ist in Fremdwaehrung verschuldet oder insolvent, natuerlich.

    Dann droht der Staatsbankrott. Die kräftigen Ausweitungen bei den Renditedifferenzen zwischen deutschen Papieren und den Anleihen der oben genannten Staaten sprechen eine klare Sprache. …. rum ist der Stabilitätspakt der einzig wahre Verantwortliche? Weil er als einziger Koordinierungsmechanismus innerhalb der Währungsunion schwachsinnig ist.

    Da steht: der Bankbeamte, der meinen Ueberziehungskredit gestuzt hat um meine Schuldenlast zu begrenzen, ist schuld wenn ich insolvent werde.

    Bei soviel Logik komme ich nicht mit.

    Länder mit krassen Defiziten (Spanien steuert auf zehn Prozent gemessen am BIP zu) sind genauso gefährlich wie Deutschland (im vergangenen Jahr lag der Überschuss bei über fünf Prozent gemessen am BIP). Das Hauptproblem sind natürlich und wie in diesem Blog immer wieder dargestellt, die zu geringen Lohnstückkosten in Deutschland.

    Und da steht: weil die Lohnabschluesse in Deutschland ein paar Jahre unter dem Produktivitaetszuwchs blieben (damit einen jahrzehtelangen, massenarbeitsloigkeit-kreierenden Trend umkehrend), verschuldeten sich die Spanier bis ueber beide Ohren mit Hypothekenkrediten.

    Sachen gibt’s…..

    die Euroland die Krise eingebrockt haben, weil sie heimlich alles Lobbyisten der deutschen Exportindustrie sind – und nur eines im Sinn hatten: Immer mehr Exporte für Deutschland, immer mehr Gewinne für diese Industrie.
    Doch jetzt droht das Kind in den Brunnen zu fallen. Die Investoren spekulieren auf das Auseinanderbrechen der Währungsunion.

    Und da steht: die Waehrungsunion bricht auseinander, weil deutsche Exportunternehmen Gewinne gemacht haben. Welch Wandel innerhalb von ein paar Zeilen– weiter oben brach sie noch auseinander, weil die Euro-Staaten unterschiedliche Zinsen auf ihre Staatsschuld zahlen muessen

    Das alles ist mehr als trivial, nur leider nicht für deutsche Ökonomen

    In dem Fall: hoch leben die deutschen Oekonomen!! Hoch!! Hoch!!

    Nichts fuer ungut,
    HK

  2.   Mart

    Warum kauft Deutschland nicht die die italienischen, griechischen und irischen Anleihen auf und gibt dafür dann Eigene heraus?
    Dadurch würde der Spread einerseits sinken und anderseits könnte man mit der restlichen Zinsdifferenz schöne Sachen machen.
    Die Chinesen kaufen ja auch amerikanische Anleihen aus gutem Grund …

  3.   Thomas

    @RvH: Ist es wirklich sicher, dass die Zinsen für Deutschland steigen, wenn es eine Euroanleihe gibt?

    Ich halte das für keineswegs sicher. Ich halten den Renditeaufschlag für Frankreich für fundamental, also bezogen auf die Ausfallwahrscheinlichkeit, für nicht gerechtfertigt. Man kann den hohen Abstand höstens mit einem Liquiditätsbonus für Deutschland erklären. Diesen Bonus würde die Euroanleihe auch bekommen, und sogar noch stärker, da das Volumen deutlich größer ist.

    Außerdem ist das letzte Wort bei der Euroanleihe noch nicht gesprochen. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass einige Staaten, welche die Defizitkriterien verletzten den anderen Staaten einen Ausgleich zahlen müssen. So etwa in der Art, einen Basispunkt je Prozentpunkt Staatsverschuldungsquote über 60% des BIP oder Neuverschuldung über 3% oder Inflationsrate über/unter 2%.

  4.   EuroOptimist

    Sie machen es sich zu einfach! Solange die Euroländer politisch nationale Einheiten sind, die sich ihre eigenen Regierungen nach ihren nationalen Interessen wählen, besteht eben die Gefahr, dass ein Land sich ein Dolce Vita leistet und dann bei Notwendigkeit die Folgen auf die anderen Währungsunionsmitglieder verteilt. „Gefahr“ ist untertrieben, denn ein solches Verhalten wäre absolut rational und deshalb zu erwarten.
    Wenn man keine europäische Nation mit EINEM politischen Diskurs hat, dann musste man entweder den Euro bleibenlassen oder mit einer Krücke wie dem Stabilitätspakt starten. Ohne die Krücke hätte es keinen Eurostart gegeben. Dass Sie jetzt etwas anderes und die Krücke loswerden wollen, sei Ihnen unbenommen, aber es macht keinen Sinn, deshalb die Krücke zu beschimpfen. Sie hat immerhin 10 Jahre entweder gehalten oder ein Funktionieren des Euro nur vorgetäuscht. Ansichtssache.

  5.   Frager

    Nur, falls dieses Euroanleihe kommen sollte, wird es dann für die Staaten nicht noch teurer sich zu verschulden und nicht nur für Deutschland? Es wird sich schließlich der sicherheitsorientierte/hypernervöse Investor dann nicht mehr mit Staatsanleihen zufrieden geben, wenn es dann gemeinschaftliche Eurostaatsanleihen gibt. Allerdings hat diese Idee Charme, würde das Lissabonfiasko im letzten Jahr wett machen, da ja im Zweifel ein Komissar mit so etwas beuaftragt werden müsste, um so etwas einigermaßen praktikebel zu machen.
    Das Grundproblem besteht aber weiterhin, wer will dann noch normale Staatsanleihen?
    Mit dieser längerfristig sicherlich sinnvollen Reform würde man imo kurzfristig die Lage noch einmal verschärfen.
    Man kann natürlich argumentieren, dass das mit den Bundesländer-/Bundanleihen ganz gut läuft, nur hier hat man schon eine andere Art des Zusammenhalts, da ja die EU kein Staat ist. Auf der anderen Seite kann man auch argumentieren, dass der Euro nicht die erste Währungsgemeinschaft ist, wenn man an die lateinische Münzunion denkt.

  6.   Ric

    Nun der Fairness halber muss man schon auch erwähnen dass Investoren die Zukunft wichtiger ist als die Gegenwart. Die Zukunftsaussichten haben sich für Spanien in einem unfassbaren Tempo verflüchtigt, ebenso wie der vorgebliche Boom der sich als riesige Baublase herausstellt. Man lebte also auf zu großem Fuß und ist überschuldet, in allen Sektoren. In Deutschland hingegen hat man mit teils brachialer Gewalt versucht die Verschuldung zu drücken, die Lohnspirale nach unten und „Zähneklappern“, wie es ein Finanzminister formulierte, im öffentlichen Sektor waren die Folge. Dies hat allen Unkenrufen zum Trotz sicher nicht dazu geführt dass die Bundesrepublik in einem mustergültigen Zustand ist, das Perfekte ist der Feind des Guten, aber im VERGLEICH (wo wir wieder beim Thema wären) sieht es für deutschlands Perspektiven mit am besten von allen westlichen Staaten aus. Dies begründet das Rating und das Vertrauen darin dass die Bundesrepublik in der Zukunft fähig sein wird ihre Schulden zu bedienen. Bei uns sind alle Sektoren die sich aufgebläht haben in den Boomjahren belächelt und als unterentwickelt betrachtet worden, hingegen hat es niemanden gewundert dass in Spanien mehr Wohnraum gebaut und geplant wird als in Frankreich, Deutschland und England zusammen – und dies obwohl Spaniens Bevölkerung noch viel schneller als jene in Deutschland altert.

    … was freilich andererseits generelle Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Finanzmärkte aufwirft und meine ganze Argumentation ad absurdum führen könnte.


  7. Privatleute kann man in Insolvenz gehen lassen, aber auch nur dann, wenn sie offenbar nicht Schaeffler heißen oder eine große Bank sind … . Wir haben es nicht mit Privatleuten zu tun, sondern mit zwei Problemen, die aber nicht identisch sind.

    1. Zahlungsunfähigkeit der meisten Staaten Osteuropas wg. der Schulden in Fremdwährung. Polen, Ukraine, Baltikum, Ungarn etc. Hier handelt es sich um klassische Schulden- und Währungskrisen. Das ist nichts Neues. Lösung: Der IWF bzw. die EU stellen einerseits neue Kredite zur Verfügung. Einführung von Kapitalverkehrskontrollen zur Vermeidung von Kapitalflucht. Durch die Abwertung wird zugleich die Marktposition dieser Länder verbessert. Exporte werden billiger, Importe teurer. Also das, was diese Staaten brauchen. Die müssen also vor allem eine Chance haben: Zugang zu unseren Märkten und gleichzeitig massive Stützungsmassnahmen unserer Konjunktur. Das nutzt ihnen am meisten. In Zukunft werden sich diese Staaten aber aus den eigenen Ersparnissen finanzieren müssen – und nicht wie in Ungarn durch die Verschuldung bei ausländischen Banken in Fremdwährung.

    2. Die Krise innerhalb der Eurozone – Spanien, Griechenland, Irland. Die Möglichkeit der hohen Spreads bei Staatsanleihen etwa zwischen dem Club Med und Deutschland galten vor der Einführung des Euro als Beleg dafür, dass der Euro eben nicht zu einem unseriösen Handeln einzelner Mitgliedsstaaten führen würde. Solche Staaten wären damit zur Rückführung ihrer Verschuldung gezwungen. Es wäre also – so argumentierte damals etwa Sarrazin – ein ähnlicher Mechanismus am Werk wie bei einem System mit unterschiedlichen Währungen. Die Spreads ersetzen den Abwertungsmechanismus. Das Problem ist nur, dass dieser Abwertungsmechanismus zwar die Verschuldung auf den Kapitalmärkten teurer macht, aber zugleich einen positiven Effekt hat: Er verbessert die Wettbewerbsfähigkeit und stabilisiert damit die eigene Konjunktur. In der jetzigen Lage ist das für die kollabierenden Eurostaaten ausgeschlossen. Hankel argumentierte nun immer, dass das zwar für die deutsche Exportwirtschaft ein Problem ist, aber zugleich die deutschen Konsumenten davon profitieren würden. Es findet also über den Währungsmechanismus aus Ab- und Aufwertung ein Ausgleich statt. In der Eurozone wird das unter heutigen Bedingungen nicht funktionieren. Also muß das Gleiche passieren wie in dem ehemaligen DM Währungsgebiet. Man braucht einen fiskalischen Ausgleich der Ungleichgewichte. Entweder über direkte Subventionen oder über gemeinsame Anleihen. Am Ende kommt das auf das Gleiche heraus. Das Saarland hätte als eigenständiger EU Staat übrigens die gleichen Probleme wie Spanien – nur die Tatsache ein deutsches Bundesland zu sein, und damit in der nationalen Solidarität zu leben, bewahrt das Bundesland vor dem Konkurs. Und damit kommen wir zu der von Heusinger erwähnten pathologischen Exportorientierung.

    Deutschland hat sich so verhalten wie vor der Einführung des Euro. Damals allerdings haben die diversen Währungskrisen der Plündern-wir-unsere-Nachbarn-Politik automatisch Grenzen gesetzt. Das ist mit der Eureinführung vorbei gewesen – und diese Kritik Hankels war immer berechtigt gewesen. Deutschland hätte gegenüber den anderen Mitgliedsstaaten die gleiche Politik machen müssen wie die Bundesländer gegenüber dem Saarland. Das kann man ja auch nicht in Grund und Boden zu konkurrieren … . Weil es diesen solidarischen Ausgleich nicht gab, blieb ja nur die Verschuldung als Konjunkturmotor der Südeuropäer. Deren Problem sind ja nicht die staatlichen Defizite gewesen, sondern die hohe private Verschuldung. Im Club Med – aber auch in Irland – waren die Zinsen im historischen Vergleich beispiellos gesunken. Das kurbelte die Binnenkonjunktur an – und die deutschen Exporteure schnitten sich den entsprechenden Teil vom Kuchen ab. Während also die EZB auf die Staatsverschuldung starrte, war ihr die Verschuldung von Bürgern und Unternehmen in diesen Staaten mehr oder minder gleichgültig. Inflationsdruck für die gesamte Eurozone ist jedenfalls nicht entstanden. Dafür war selbst Spanien zu klein. Der Staatsbankrott droht jetzt nur aus einem Grund: Weil der Staat als Schuldner der letzten Hand auftreten muss. Konsumenten und Unternehmen sind am Ende. Wenn der Staat aber nichts macht, werden die wegbrechenden Einkommen diese Volkswirtschaften kollabieren lassen. In der Architektur der Eurozone ist das Szenario aber offensichtlich nicht vorgesehen. Denn in der Logik dieses Systems müssen jetzt diese Staaten sparen – sich also so prozyklisch verhalten wie es Sarrazin vor bald 15 Jahren beschrieben hat. Natürlich weiss jeder an den Finanzmärkten, dass so ein Unsinn aus politischen Gründen nicht funktionieren kann. Außer Issing und andere Helden … . Also gibt es nur eine Alternative: Entweder wir betrachten alle Mitglieder dieser Zone wie in der alten DM Zone das einzelne Bundesland. Oder die Eurozone wird auseinanderbrechen.

    So einfach ist das. In letzterem Fall bin ich für die Gründung einer deutsch-französischen Konföderation. Zudem ist es natürlich abenteuerlich, ausgerechnet jetzt in seiner Verzweiflung die Eurozone schnell zu erweitern. Polen etc werden auf unabsehbare Zeit draußen bleiben müssen.

  8.   Dietmar Tischer

    @ H. Kaspar

    >der Bankbeamte, der meinen Ueberziehungskredit gestuzt hat um meine Schuldenlast zu begrenzen, ist schuld wenn ich insolvent werde. Bei soviel Logik komme ich nicht mit.>

    Selbstverständlich ist er schuld, dass Sie insolvent werden.

    Denn wenn er den Überziehungskredit nicht stutzt, dann können Sie weiter machen – immer so weiter. Und Schuldenlast – welche Schuldenlast haben Sie dann noch?

    Aber richtig, es gibt da ja noch die Bank des Bankbeamten, die hat dann die Schuldenlast. Was, wenn es für die schief geht, weil der Bankbeamte Ihren Überziehungskredit nicht stutzt?

    Kein Problem, da haben die Anteilseigner (es sind nur Anteilseigner) eben Pech gehabt, das kommt vor. Und dann haben wir ja noch den Staat, der kann sich um die Bank und die Einlagen kümmern.

    Und wenn der Staat zahlungsunfähig wird – heute wird ernsthaft darüber diskutiert, ob Schleswig Holstein wegen der HSH Nordbank „quasi bankrott“ ist (!!) –, was dann?

    Auch kein Problem, wir finden schon ein paar Leute, die Anleihen zeichnen. Oder wir pumpen die Anderen an. Zur Not drucken wir eben Geld, dann sind wir nicht zahlungsunfähig.

    Auch kein Problem …

    Es ist diese „Logik“, die ich nur mit dem Verhalten eines Hundes vergleichen kann: Die Schnauze immer am Boden, an jedem Loch rumschnüffeln, allem, was sich bewegt hinterher hechelnd, die Fährte ist das Ziel…

    Keine Orientierung, das Ganze wird nicht mitgedacht.

    Ich verstehe nicht, wie man sich jahrelang ernsthaft mit Ökonomie befassen kann, und dabei diese Einstellung „kultiviert“.

    Ich verstehe es einfach nicht, werde es wohl auch nie verstehen.

  9.   Maasta

    Vielen Dank lieber RvH. Noch simpler kann man auch sagen, der Geburtsfehler der Währungsunion ist die Trennung von Geld- und Fiskalpolitik.

    Ich wette trotzdem, dass wir Europäer am Euro festhalten werden.


  10. Nur noch eins:

    Zum DM Währungsgebiet. Dazu gehörten natürlich nicht nur die einzelnen Bundesländer. In Wirklichkeit hatte die Bundesbank die Geldpolitik in allen europäischen Staaten bestimmt. Geldpolitisch waren auch Frankreich, Spanien etc. deutsche Bundesländer. Es gab nur einen Unterschied. Keine Krise wie heute. Als 1992 die Bundesbank die Zinsen erhöhte, stürzte sie wegen der Folgen der deutschen Währungsunion praktisch ganz Europa in die Rezession. Nur war damals der EWS zugleich kollabiert. Soros und der Pfund sind uns allen ja noch in guter Erinnerung. Im EWS waren dann die Schwankungsbreiten der EWS Währungen auf bis zu 15 % erhöht worden. Großbritannien schied ganz aus – und musste massiv abwerten. Die DM wertete gegenüber allen europäischen Währungen entsprechend auf. Das System bewies also eine hohe Flexibilität – also das genaue gegenteil zu heute.

    Die Folge war unter anderem eine Existenzbedrohende Krise der deutschen Exportwirtschaft. Allen voran der Autoindustrie und des Maschinenbaus. Die konnten damals gar nicht so schnell rationalisieren, um die Kostensteigerungen aus der DM Aufwertung zu kompensieren. Zum Teil führte das dann zu Standortverlagerungen, unter anderem nach Osteuropa, und zur Restrukturierung unserer Exportindustrien. Das beste Beispiel war die Krise und der Wiederaufstieg von Porsche. Was rettete aber die deutsche Konjunktur, bzw. bewahrte sie vor dem Kollaps? Die deutsche Einheit und die daraus resultierende hohe Staatsverschuldung. Denn die Buba hatte zwar deswegen die Geldpolitik ruinös angezogen, nur konnte sie eben die politischen Entscheidungen – Ausweitung des westlichen Sozialstaates auf den Osten – nicht rückgängig machen. Die deutsche Einheit wirkte wie ein Keynesianisches Nachfrageprogramm, wenn das auch damals kein Mensch so genannt hat … .

    Allein aus dem Grund konnten die anderen Europäer diese Krise halbwegs bewältigen. Denn sie wurden zwar durch die Buba ebenfalls zu Zinserhöhungen gezwungen, mussten also die restriktive Geldpolitik mitmachen und die konjunkturellen Folgen ertragen, aber Deutschland hatte damals eine negative Handelsbilanz. Die anderen profitierten also durch ihre Exporte vom deutschen keynesianischen Einheitsboom. Das ist heute fast vergessen, aber scheint mir nicht ganz unwichtig zu sein. Wenn auch die Problemlage heute eine andere ist – eine Erinnerung daran kann ja nicht schaden … .

 

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