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Rücksichtslose deutsche Sparer

 

Am Mittwoch hatte Marco Annunziato von der italienischen Bank UniCredit unter der Überschrift „Reckless Thrift“ die Überschussländer China und Deutschland massiv angegriffen – sie seien wegen ihrer gewaltigen Leistungsbilanzüberschüsse mitverantwortlich für die globale Krise. Sie sparten zuviel, und insbesondere Deutschland setze auf eine Erholung des Welthandels statt die Rezession durch eine kräftige Stimulierung der Inlandsnachfrage abzumildern und zu verkürzen. Ebenso wie die anderen Länder des Euroraums verlasse es sich zu sehr auf die automatischen Stabilisatoren – steigende staatliche Defizite durch Steuerausfälle und höhere Sozialleistungen – und kritisiere die Ausgabenpläne der amerikanischen und britischen Regierungen, hoffe aber gleichzeitig, dass sie die konjunkturelle Wende bringen. Die größte europäische Volkswirtschaft wieder einmal als Trittbrettfahrer!

Das ist in diesen Tagen der Tenor in der ausländischen Presse, in den Analysen der internationalen Organisationen und natürlich beim G20-Treffen in London. Ich plädiere ja auch immer für eine energischere anti-zyklische Politik Deutschlands, aber weswegen die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse so verwerflich sein sollten, kann ich nicht erkennen. In einer Währungsunion spielt nur eine Rolle, wie groß der aggregierte Überschuss ist – und der war in den letzten Jahren immer leicht negativ. Niemand kümmert sich darum, ob Kalifornien gegenüber Florida einen Überschuss hat oder nicht, oder Bayern gegenüber Brandenburg, und es sollte uns auch nicht sonderlich beunruhigen, dass Deutschland nach Spanien, Italien oder Frankreich mehr an Gütern und Dienstleistungen exportiert als von dort bezieht. Die kapitalreicheren Länder und Regionen sind naturgemäß Nettoexporteure von Kapital – sie vergrößern dafür im Gegenzug ihr Auslandsvermögen.

Das Problem war und ist, dass zu viel von dem deutschen Geld in Immobilien landete und offenbar nicht für eine bessere Kapitalausstattung solcher Arbeitsplätze genutzt wurde, die dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind. Wenn ich die Vororte von Madrid zubetoniere, habe ich zwar Kapital eingesetzt (und geschaffen), aber meine Exportfähigkeit um kein Jota gesteigert. Das ist jedoch ein Problem der Strukturpolitik in den Empfängerländern, kein deutsches.

Überschüsse in der Leistungsbilanz können allerdings auch signalisieren, dass die inländischen Ertragschancen von Investitionen als mickrig angesehen werden, jedenfalls als ungünstiger als im Ausland. Das kann mit abnehmenden Grenzerträgen zu tun haben, weil der Kapitalstock bereits so groß ist – was ich, wenn ich mir den Zustand unseres Bildungswesens und der Infrastruktur ansehe, nicht glauben mag – oder mit fehlenden anderen Anreizen für Investitionen. Vor allem die schlechten Absatzaussichten angesichts jahrelanger Lohnzurückhaltung und die forcierte Konsolidierung der Staatsfinanzen dürften dafür verantwortlich sein. Der Konsum ist einfach zu schwach.

Deutschland kann jedenfalls eine Menge tun, um der Nachfrage wieder auf die Sprünge zu helfen. Die Staatsfinanzen sind gesund, die Sparquote ist hoch (11,8% bei den privaten Haushalten, 23,9% gesamtwirtschaftlich), das Preisniveau sinkt seit vergangenen September mit einer Verlaufsrate von 1,1%, und Probleme mit der Auslandsverschuldung oder dem Wechselkurs gibt es nicht, wie auch?

Welcher finanzpolitische Impuls wäre angemessen? Entscheidend ist das Ausmaß der Unterauslastung der Kapazitäten. In den sieben Jahren bis zum letzten zyklischen Höhepunkt im ersten Quartal 2008 hat sich das reale BIP im Durchschnitt um 1,4% pro Jahr erhöht. Diese Zahl kann als Schätzung dienen für die mittelfristige Wachstumsrate des sogenannten Produktionspotentials, also der Kapazitäten. Unter der Annahme, dass das reale BIP im ersten Quartal um 2% q/q sinkt, dann die nächsten beiden Quartale um jeweils 1% q/q und es dann im Schlussquartal eine Stagnation gibt (was etwa dem Konsens entspricht), errechnet sich für Ende 2009 eine Unterauslastung von 9,2%, als Differenz zwischen dem aktuellen und potentiellen realen BIP.

Um also den Nachfrageausfall auszugleichen, wäre bis Ende 2009 ein gesamtstaatliches Defizit von 2 ½% (für die automatischen Konjunkturstabilisatoren) plus 9,2% gleich 11 ½% des BIP anzustreben. Das entspricht etwa den amerikanischen Größenordnungen.

Wie sollte ein solches Programm aussehen? Es geht darum, kurzfristige Nachfrageimpulse auszusenden und mittelfristig die Wachstumsrate des Produktionspotentials, also unseren künftigen Wohlstand, zu erhöhen. Ich stelle mir bei den rasch greifenden Maßnahmen eine Mischung aus niedrigerer Mehrwertsteuer (von 19% auf 10%), Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes, Aufstockung von Hartz IV und Kindergeld, sowie eine vorübergehende Senkung der Sozialabgaben vor. Dazu käme ein Programm für die Zukunft: zeitlich limitierte Subventionen für neue Unternehmensinvestitionen, zusätzliche Ausgaben für das Bildungswesen auf allen Stufen, vorgezogene Investitionen in das Verkehrswesen (vor allem für die Bahn) und Mehrausgaben für die Forschung.

Bei allem Aktionismus muss darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Unsinniges passiert. Willem Buiter hat am Dienstag in seinem FT-Blog die Abwrackprämie als ein Paradebeispiel für eine verfehlte Politik dargestellt – das sei so, als würde man empfehlen, möglichst viele Häuser abzufackeln, damit die Bauwirtschaft wieder mehr zu tun hat. Das sei schlimmer als Gräben auszuschütten und dann wieder zuzukippen. Wohl wahr.

Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker haben im letzten Wirtschaftsdienst einmal mehr dafür plädiert, dass die Crux bei uns der viel zu langsame Anstieg der (Real-)Löhne sei. Das kann man beklagen, und es ist auch richtig, nur weiß ich nicht, wie das zu ändern wäre. Lediglich beim Staat haben die Gewerkschaften relativ leichtes Spiel in der gegenwärtigen Situation, und hohe Abschlüsse (8% für zwei Jahre?) könnten eine Signalwirkung für die übrige Wirtschaft haben. Stark wird sie nicht sein, denn die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer schwächt sich zusehends – bis Jahresende wird die Arbeitslosenquote wieder bei 9 ¼% liegen, nach ihrem zyklischen Tiefpunkt von 7,6% im vergangenen Herbst. Das wird vermutlich nicht das Ende sein, denn der Arbeitsmarkt ist bekanntlich ein nachlaufender Indikator der Konjunktur. Nein, von den Löhnen sollte man keinen starken Impuls erwarten, so wünschenswert das wäre.

Die Ankündigung eines großes Konjunkturprogramms wäre übrigens hilfreich bei den kommenden Verhandlungen über die künftige Struktur des Finanzsektors, vor allem was Steueroasen, Hedge Funds, Aufsichtsstandards und dergleichen betrifft. Das quid pro quo hieße, wir kommen den Amerikanern und Briten beim Konjunkturprogramm entgegen, dafür sind sie bereit, Risiken aus dem Finanzsystem zu nehmen.

Rücksichtslose deutsche Sparer? Ist Herr Mustermann, zusammen mit Frau Watanabe aus Japan und Herrn Li aus China tatsächlich mit schuld an der gegenwärtigen Misere? Die Leute sind nun mal so wie sie sind, und sie haben bestimmte Präferenzen bezüglich ihres Ausgaben-Sparmixes. Wenn sie aus Makrosicht zu viel sparen, was gegenwärtig tatsächlich der Fall ist, muss die Politik das Anreizsystem ändern und einen Teil der Nachfragelücke füllen, oder sogar mehr als das. Nur bei den Zinsen wurde bisher das getan, was zu tun war.

106 Kommentare


  1. Nein, mein lieber Herr Wermuth, da sind Sie meines Erachtens schwer auf dem Holzweg: Der Leistungsbilanzsaldo ist natürlich der entscheidende Faktor, zumindest aus unternehmerischer Sicht, denn es macht bekanntlich einen Riesenunterschied, ob Cash Flows über den Umsatz zufliessen, oder über Bankenkredite: Im ersten Fall treffen ihre vergangenen Erwartungen ein, sie sind solide finanziert, sie schauen mit Zuversicht in die Zukunft. Im zweiten Fall haben sie vielleicht schon ein Problem und schon gezwungen, dieses zu beheben, oder sie sind gerade im Begriff, eines zu erzeugen. Ich habe vor kurzem diesen Usenet-Post von Hyman Minsky aus 1992 ausgegraben, in welchem er nochmal genauer drauf eingeht:
    weissgarnix.de/?p=1850

    Simpel gesprochen: ausländischen Unternehmen, denen wir einerseits Kaufkraft abziehen, von denen wir aber andererseits auch nichts kaufen, die haben von unserem Kapital auch nichts.

    Dass es eher die mickrige deutsche Investitionsquote ist, bei der man die Schuld suchen sollte, glaube ich schon eher. Und außerdem bei unserer zunehmend obszönen Einkommens- und Vermögensverteilung. „Der Konsum ist zu schwach“, geh da schau her! – Woran mag das wohl liegen?

    Welcher finanzpolitische Impuls wäre angemessen? – Eine massive Einkommens- und Vermögensumverteilung, das fiele mir als allererstes ein. Wenn der Rentier bereits sanft entschlafen ist, um mal Keynes ein wenig abzuwandeln, dann sollte man sich sein Geld, dass er nunmehr ohnehin nicht mehr ausgeben kann, auch holen, statt es brach herumliegen zu lassen. Es gibt eine Menge Leute in Deutschland, die mit Freuden was zur effektiven Nachfrage beitragen würden.

  2.   Peter Hallonen

    Der Staat kann nichts oder wenig tun, um die Reallöhne zu erhöhen? Trotz Tarifautonomie: es gibt eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit. Genauso wie zum 1. Januar 2007 die Lohn(neben)kosten gesenkt und die Mehrwertsteuer erhöht wurde, könnte nun der umgekehrte Weg beschritten werden. Die Mehrwertsteuer wird gesenkt und die Sozialversicherungsbeiträge erhöht, auf diese Weise die Nachfrage vom Inland aufs Ausland umgeleitet. Die Tarifparteien könnten höchstens protestieren, ändern können sie an dieser – primär staatlichen – Entscheidung nichts. Außer sie reagierten mit einer Lohnsenkung, was die Gewerkschaften wohl kaum mitmachen würden.

    Es ließen sich noch andere Möglichkeiten vorstellen, wie der Staat die Lohnstückkosten beeinflusst. Immer müssen dabei die Inlandspreise gesenkt und die Ausfuhrpreise erhöht werden.

  3.   Heinrich Kaspar

    Es geht darum, (i) kurzfristige Nachfrageimpulse auszusenden und (ii) mittelfristig die Wachstumsrate des Produktionspotentials, also unseren künftigen Wohlstand, zu erhöhen.

    Korrekt; hinzu kommt allerdings noch dass (iii) keine langfristigen Haushaltsbelastungen entstehen duerfen.

    Ich stelle mir bei den rasch greifenden Maßnahmen eine Mischung aus niedrigerer Mehrwertsteuer (von 19% auf 10%), Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes, Aufstockung von Hartz IV und Kindergeld, sowie eine vorübergehende Senkung der Sozialabgaben vor.

    Sofern all dies temporaer ist — fuer ein, maximal zwei Jahre — keine Einwaende. Andernfalls stoesst es sich an Prinzip (ii) und (iii).

    >> Heiner Flassbeck und Friederike Spieker haben im letzten Wirtschaftsdienst einmal mehr dafür plädiert, dass die Crux bei uns der viel zu langsame Anstieg der (Real-)Löhne sei. Das kann man beklagen, und es ist auch richtig, nur weiß ich nicht, wie das zu ändern wäre. >>

    Ich halte das fuer groben Unsinn. Solange in weiten Segmenten des Arbeitsmarkts Massenarbeitslosigkeit herrscht kann keine Rede davon sein, die Realloehne seien zu hoch.

  4.   lemming

    @Heinrich Kaspar
    Ich halte das fuer groben Unsinn. Solange in weiten Segmenten des Arbeitsmarkts Massenarbeitslosigkeit herrscht kann keine Rede davon sein, die Realloehne seien zu hoch.
    „DIE“ Reallöhne gibt es nicht, das ist mal wieder so eine VWL-Quoten-FataMorgana. Es gibt Segmente, die der globalen Konkurrenz ausgesetzt sind – meist niedrig qualifizierte Industrie, mit Konkurrenz chinesischer Wanderarbeiter und niedrigen Transportkosten – und es gibt solche, die es nicht sind, hochqualifizierte und dienstleistungsbezogene.
    Bei letzteren ist wiederum relevant, welche Kaufkraft die Zielgruppen aufweisen. Friseure und Nagelstudios haben darum ebenfalls ein Hungerlohn-Niveau (sog. „Aufstocker“), Coaches und SAP-Berater verdienen dagegen üppig.
    Diese Differenzen sind allerdings ganz und gar vernachlässigbar, wenn man sich die allg. Verteilungsentwicklung zwischen Arbeits- und Kapitaleinkünften anschaut. Hier wird mal wieder der Arbeitsesel geprügelt, obwohl man den Sack meinen müsste…

  5.   Ric

    Ich bleib bei der Ansicht dass die Abwrackprämie im Grunde sinnvoll ist. Denn man muss bedenken dass sie der Autoindustrie hilft die Hilfe braucht, anstatt also den Firmen direkt Staatshilfen zu geben ist es viel sinnvoller den Steuerzahlern Geld zu geben mit dem sie Produkte der Firmen in Anspruch nehmen und somit der Steuerzahler auch was davon hat und nicht nur der Anteilseigner des Autoherstellers der damit von seiner Kapitalnachschusspflicht befreit wird.
    Ich denke auch nicht dass das zum Großteil vorgezogene Käufe sind die „später“ dann wieder fehlen in der Nachfrage. Aufgrund der Vorbedingungen, mind. 9 Jahre alt muss das Auto sein, und des Betrages ist zu vermuten dass vor allem geringe und mittlere Einkommen davon profitieren (wer sich einen 7er BMW leisten kann lässt sich auch nicht von 2.500 Euro motivieren und hat vorher schon garkein 10 Jahre altes Auto gefahren was nur noch Schrottwert hat). Leute also die sonst gar nicht das Geld gehabt hätten für einen Neuwagen und einen Wagen solange fahren solange sie nur irgendwie durch den TÜV kommen. Zusätzlich hat man damit noch so manche CO2 Schleuder von der Straße geholt, auf eine für den Bürger angenehmere Weise als nur immer Verbote und Gebote von der Politik auszusprechen. Kurzum, ich find diese Prämie und die Ausweitung der Kurzarbeit waren die besten Entscheidungen der Bundesregierung in dieser Krise bisher.

    Der Grund warum in Deutschland zu wenig investiert wurde war einer der in Deutschland gleichermaßen nicht ernst genommen wird aber eine große Rolle spielt. Nennen wir es Finanzpatriotismus. Deutsche, gleich ob Manager oder der kleine Mann, verbinden seit Jahren eine große Frustranz mit ihrem Heimatland. Das lösen sie durch „Auswandern“, in das Ausland oder innere Emigration. Und sie steigern sich maßlos in jedes eigentlich kleine alltägliche Problem rein, verherrlichen gleichzeitig das Ausland über alle Maßen. Und schließen von Urlaubsaufenthalten, wo man immer den Honeymoon-Effekt hat und das echte Leben dort so und so nicht erfährt, auf die tatsächlichen Verhältnisse und bauen darauf die Entscheidung auf eben „auszuwandern“ und sind dann ganz überrascht dass es auch anderswo Bürokratie, schlecht gelaunte Menschen, Chaos, Winter und Regen, und vieles andere gibt und das eben doch nicht wie man dachte alles nur „typisch deutsch“ sei.
    Exakt so ist es bei vielen Entscheidungsträgern in der Wirtschaft. Man glaubte eben nur dass nur die Deutschen gern an Arbeitslosenzahlen manipulieren etc., da hat man gern dem angeblichen Boom aus dem Nichts von Spanien geglaubt und dort in Beton und Asphalt investiert. Auf dem Papier ergab es ja alles einen Sinn und zudem klingt ein Investment in „Salamanca“ doch gleich besser als in „Schweinfurt“. Erst dieser Zeitgeist hat Deutschland zu diesem Kapitalexporteur gemacht, was nun mit der Bilanz endet dass wir zwar Exportweltmeister waren und sind und dafür viele ausländische Devisen erhalten gleichzeitig die Devisen aber ebenfalls gleich wieder exportieren – und dafür eben nun Schrottimmobillien in Spanien oder foreclosed homes in Florida haben. Also nichts. Pointiert hat ein Teil der deutschen Volkswirtschaft damit für jene ausländischen Volkswirtschaften gearbeitet und deren Ökonomien bereits ein massives Konjunkturprogramm zugeführt. Die US Regierung müsste viel mehr in ihre bail outs stecken, müssten nicht deutsche Landesbanken, IKB und Co. soviele Milliarden abschreiben. Diese Rechnung macht freilich keiner auf. Auch weil man dann von dem Wahn wegkommen müsste sich immer auf die Weltmärkte zu fixieren und dortige Wettbewerbsfähigkeit als Selbstzweck zu begreifen, wobei die Binnenwirtschaft im eigenen Land vor die Hunde geht.

  6.   Dieter Wermuth

    @ weissgarnix

    Die sogenannten Rentiers unterliegen bis auf den Anteil, der auf die Sozialversicherungsrente entfällt, der normalen Einkommensteuer. Da ist nichts zusätzlich zu holen. Vermutlich wollen Sie die Kapitaleinkünfte stärker besteuern – da bin ich ganz bei Ihnen: Jede Einkommensart sollte gleich besteuert werden. Man muss nur verhindern, dass das Finanzkapital ins Ausland verschwindet. Alle Macht dem Finanzminister, und dass er nicht so schnell aufgibt.

    Grüße, DW

  7.   Dieter Wermuth

    @ Peter Hallonen

    Sie haben natürlich recht. Die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen war ja auch nie so schlecht, wie es uns die Unternehmensverbände glauben machen wollten. Warum sind wir Exportweltmeister? Sie haben diese Sicht aber erfolgreich über die Medien verbreitet (die immer am Ende der intellektuellen Nahrungskette agieren) und eine Reduzierung der angeblich überhöhten Nebenkosten erreicht. In Zeiten wie diesen, in denen die Arbeitslosigkeit rapide steigt und es ein Ziel der Wirtschaftspolitik sein sollte, die Inlandsnachfrage zu stimulieren (und damit unseren Nachbarn zu helfen), ist es tatsächlich sinnvoll, die Sozialversicherungsbeiträge zu erhöhen und die Verbrauchssteuern zu senken. Das ist übrigens so etwas wie eine Verbesserung der terms of trade.

    Grüße, DW

  8.   Dieter Wermuth

    @ Ric

    Das mit der Abwrackprämie ist natürlich nicht vollkommen sinnlos, wie alles, was die Nachfragelücke füllen hilft – aber es ist natürlich volkswirtschaftlich eine Verschwendung, wenn Sie alte Autos, die noch eine Weile halten würden, einfach wegwerfen. Die Produktion der neuen ist ja ziemlich rohstoff- und energieintensiv. Wenn Sie bei Autos Energie einsparen wollen, müssen Sie die Mineralölsteuer anständig erhöhen (nicht so problematisch in Zeiten der Deflation!). Sie reißen im Übrigen Ihr Haus auch nicht alle zwanzig Jahre ab. Die alten Schachteln hätten zudem ganz gut nach Osteuropa oder Afrika verschenkt werden können.

    Sie müssten eigentlich jetzt auch für Abwrackprämien für Mikrowellenherde, Badewannen und alte Bratpfannen plädieren. Warum immer Autos?

    Grüße, DW


  9. Wermuth

    „Warum immer Autos?“

    Weil Autos eine deutsche Schlüsselindustrie sind. Es geht ja nicht nur um die Autokonzerne selbst, sondern auch um die Zuliefererstrukturen. Und die liefern auch international, selbst wenn die deutschen Premiumhersteller nicht von dieser Subvention profitieren. Ohne die Abwrackprämie, da bin ich mir ziemlich sicher, würden die noch schneller kollabieren. Und zwar von BaWü bis zu uns im Sauerland. Buiter liegt in dieser Frage daneben. Außerdem verstehe ich nicht die Inkonsequenz in seinem Argument: Unsere Wirtschaftssystem beruht doch darauf, dass wir Güter wegwerfen, die eigentlich noch funktionsfähig sind. Das macht jeder, wenn er seinen Kleiderschrank ausmistet oder er die unzähligen Handys im Keller zählt … . Man kann jetzt tatsächlich die Frage stellen, ob dieses Konsummodell sinnvoll ist. Oder ob etwa unsere klammheimliche Wachstums-Orientierung an den Nachholbedarf der frühen sogenannten Wirtschaftswunderjahre vernünftige Zukunftsperspektiven beschreibt. Aber wenn man solche Fragen stellt, muss man die Konsequenzen zu Ende denken. In der Funktionslogik unseres Wirtschaftssystems wird das nicht zu machen sein. Aber man sollte diese Frage eben nicht auf die Autoindustrie beschränken. Hier wird nur mit dem Konsumgutschein Abwrackprämie versucht, den „Winter des Missvergnügens“ für die Autoindustrie zu überbrücken. Welche Wirkung der hat, entscheidet sich an zwei Fragen. Zum einen, ob es gelingt an den Strukturen vor der Krise wiederanzuschließen, es sich also nur um eine Konjunkturdelle handelt. Das ist nicht zu erwarten. Wenn das aber nicht der Fall ist, dann müssen wir diese Gelegenheit nutzen, um gleichzeitig zu restrukturieren. Das bedeutete aber eine Lösung der Frage, wer die Krisenlasten zu tragen hat. Das ist ein Verteilungsproblem, so wie das unter anderem Weissgarnix beschrieben hat. Im Kern handelt aber die Politik noch so, dass sie klammheimlich die Hoffnung hat, im Großen und Ganzen an die Bedingungen vor der Krise anschließen zu können – sie fürchtet nämlich an den Verteilungsrelationen etwas ändern zu müssen. Und weiß genau, dass sie das müsste, wenn sie nicht hunderttausende Arbeitnehmer einseitig die Krisenlasten aufbürden will.

    Ob die das nämlich mitmachen, ist nicht mehr so sicher.

    Und da ist es doch eine ganz vernünftige Sache mit einem vergleichsweise kostengünstigen Instrumentarium sich etwas Zeitgewinn zu erkaufen.

    Gruss f. luebberding

  10.   beese

    Herr Wermuth,
    Sie vergleichen doch nicht im Ernst Autos mit Häusern?
    Mobiles mit Immobilem?
    Kaputte, bzw. hinfällige Autos auf Strassen sind eine arge Gefährdung.
    Die jetzt angefporderten Autos waren doch auch schon zu einem guten Teil da – sag ich jetzt mal.
    Da fällt mir allerdings ein, dass mittlerweile Autos in manchen Gegenden teurer sind als Immobilien…..
    In Bezug auf die Abwrackprämie teile ich die Ansicht von @Ric, in Bezug auf sinnvolle Massnahmen die Ansicht von @weissgarnix, allerdings ohne dessen verkürzte Sicht auf den Generationenvertrag….
    Ach, bei den Zinsen wurde alles getan, jetzt runter mit der Mehrwertsteuer?
    Habe ich nicht gestern von einem Banker gehört, dass natürlich diese ewige Zinssenkerei auch nicht allen etwas bringen würde, weil die Banken dies nutzten, um an den Kunden zu verdienen und, was sie verloren, wieder einnehmen wollen, weshalb die extrem niedrigen Zinsen gar nicht beim Verbraucher ankommen.
    So stelle ich mir das dann auch bei der Mehrwertsteuersenkung vor.
    Die wird die CDU dann aber sicherlich vornehmen, weil sie die Unternehmen entlastet.
    Möglich, dass wir dann irgendwann in Deutschland eine noch größere Schere zwischen arm und reich haben.

 

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