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Einbruch der Gewinne, Konsum hält sich noch

 

Heute morgen gab es die detaillierten saisonbereinigten Zahlen zum deutschen Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal. An der ursprünglich veröffentlichten Gesamtzahl hat sich nichts geändert: Gegenüber Q4 ist das reale BIP um 3,8% gesunken, also auf ein Jahr hochgerechnet mit einer Rate von 14,4%, und lag damit um 6,9% unter dem Vorjahreswert. Spannender, weil neu, ist der Blick auf die Komponenten. Vor allem der Einbruch der Gewinne und der gewaltige Anstieg der Lohnstückkosten lassen befürchten, dass die Probleme am deutschen Arbeitsmarkt gerade erst begonnen haben. Ein Glück, dass dieses Jahr gewählt wird und die Politiker alles tun werden, damit es hier zu keiner Katastrophe kommt. Auch wenn manche der Maßnahmen nicht sinnvoll sind, oder sogar kontraproduktiv, ist die pragmatische anti-zyklische Politik trotzdem das Gebot der Stunde.

BIP - Deutschland - 09Q1

Hier einige Highlights aus dem heutigen BIP-Bericht:

1. Der BIP-Deflator, das breiteste Inflationsmaß, ist gegenüber dem Vorquartal unverändert geblieben, übertrifft den Vorjahresstand aber immer noch um 1,7%. Wenn die Einfuhrpreise sinken, so wie das seit August letzten Jahres der Fall ist, erhöht das vorübergehend den BIP-Deflator, weil die Einfuhren in der Formel Y = C + I +X – M ein negatives Vorzeichen haben und Minus mal Minus bekanntlich Plus ergibt. Die rückläufigen Einfuhrpreise sickern im Verlauf der Zeit in die übrige Wirtschaft ein und drücken dann die Inflationsraten bei den anderen BIP-Komponenten und damit auch den Deflator. Heute früh wurde übrigens auch der Preisindex der Einfuhr für April veröffentlicht: Er sinkt seit August 2008 mit einer Rate von 15,1% (April gegen Juli, auf ein Jahr hochgerechnet); selbst die Verdopplung der Ölpreise seit letztem Dezember hat daran nichts ändern können. Wir sind auf dem Weg in die Deflation.

2. Auf der Kostenseite tut sich Dramatisches. Da das Arbeitnehmerentgelt je Stunde auch in den ersten drei Monaten weiter gestiegen ist (4,2% ggVj, 1,4% ggVq) – Löhne sind im Konjunkturzyklus ein nachlaufender Indikator -, der Output pro Stunde aber sank (-3,9% ggVj, – 1,7% ggVq), sind die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten geradezu explodiert (+8,4% ggVj, +3,2% ggVq). Ganz extrem war es im Produzierenden Gewerbe (ohne Bau), wo sie um 23,4% über ihrem Vorjahreswert lagen. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hat sich so stark verschlechtert wie nie zuvor. Angesichts des festen Euro könnte es für eine Weile in dieser Richtung noch weitergehen.

3. Bei solchen Zahlen verwundert es nicht, dass die Gewinne einbrechen. Während das augregierte Arbeitnehmerentgelt trotz des kräftigen Anstiegs der Arbeitslosenzahlen in den letzten Monaten noch um 0,8% höher war als vor Jahresfrist, gab es bei den Unternehmens- und Vermögenseinkommen einen Rückgang von 22,1%. Dadurch haben letztere nur noch einen Anteil von 30,3% am Volkseinkommen, nach dem Rekordwert von 36,0%, der vor einem Jahr erreicht wurde. Aus konjunkturellen Gründen verschiebt sich die sogenannte funktionelle Einkommensverteilung stark zugunsten der Löhne und Gehälter – die aber ebenfalls sinken, wenn auch nicht so stark.

Funktionale Einkommensverteilung - Deutschland

4. Eine stabilisierende Kraft war im ersten Quartal der private Konsum, etwas für Deutschland bislang Ungewohntes. Während das reale BIP, wie erwähnt, im Vergleich zum Vorquartal um 3,8% zurückging, legte der Verbrauch um 0,5% zu. Dafür gibt es einige offensichtliche Gründe und vermutlich auch einige weniger offensichtliche: Die sogenannten Masseneinkommen waren stabil, nicht zuletzt wegen des starken Anstiegs der Sozialleistungen, das Preisniveau der Verbraucherpreise lag um 0,1% unter dem des vierten Quartals, und es gab die Abwrackprämie für alte Autos, die überraschend stark in Anspruch genommen wurde. Da Autos so teuer sind, die Versuchung, ein neues zu kaufen, wegen der Prämie aber fast unwiderstehlich war, haben die Haushalte erstmals seit langer Zeit ihre Ersparnisse vermindert, wenn auch moderat. Die Sparquote ist nach wie vor so hoch (11,7%), dass es noch viel Spielraum beim Konsum gibt – wenn die Verbraucher mitspielen würden, könnten sie der Konjunktur demnächst wieder auf die Beine helfen.

Privater Konsum - Deutschland - 09Q1

5. Von den Lohnstückkosten und den jetzigen und erwarteten Gewinnen her werden am Arbeitsmarkt aber erst mal schlechte Nachrichten überwiegen. Die Beschäftigung hat sich, anders als etwa in den USA, trotz des Konjunktureinbruchs erstaunlich gut gehalten – sie war von September 2008, dem zyklischen Höhepunkt, bis März mit einer Verlaufsrate von lediglich 0,8% gesunken, und die Arbeitslosenquote ist in dieser Zeit von 7,6% auf 8,3% gestiegen. Angeblich ist der deutsche Arbeitsmarkt im vergangenen Jahrzehnt super-flexibel geworden – an diesen Zahlen lässt sich das jedenfalls nicht ablesen. Wenn das reale BIP um fast 7% niedriger ist als im Vorjahr und das trendmäßige Produktivitätswachstum 1% beträgt, passt dazu ein Rückgang der Beschäftigung um 8% oder 3,2 Millionen. Dass es dazu bisher nicht gekommen ist, hat wohl mit den deutlich großzügigeren Kurzarbeiterregeln, sowie vielleicht mit der Erwartung der Unternehmen zu tun, dass der Spuk bald vorbei sein wird. Es fragt sich, wie lange die Dämme noch halten.

Arbeitsmarkt - April 2009

6. Sorge macht vor allem die außenwirtschaftliche Situation: Der Welthandel geht laut IWF in diesem Jahr real so stark zu zurück wie seit Menschengedenken nicht mehr. Die Einfuhren der reichen Länder dürften 2009 real um 12,7% unter ihrem Vorjahresdurchschnitt liegen, die der Schwellenländer und Entwicklungsländer um 8,7% (WEO, S. 205). Und Deutschland verliert nicht nur durch die jüngste Aufwertung des Euro an Boden, sondern auch durch die Explosion der Lohnstückkosten. Es wäre naiv, auf eine Wende im Außenhandel zu setzen. Im ersten Quartal sind die Exporte im Vergleich zum vierten Quartal um 9,7% gesunken, die Importe um 5,4%, woraus sich für den Außenbeitrag ein negativer Wachstumsbeitrag von 2,2 Prozentpunkten zum BIP-Rückgang von 3,8% errechnet. Weil unsere Importe langsamer zurückgehen als im Rest der Welt, ist Deutschland für seine Handelspartner zu einer Art Konjunkturlokomotive geworden. Eine ganz neue Rolle!

7. Ein weiterer negativer Wachstumsbeitrag, 0,5 Prozentpunkte, kam vom Abbau der Lagerbestände, und nicht weniger als 1,3 Prozentpunkte vom Einbruch der Ausrüstungsinvestitionen. Diese hatten gegenüber dem vierten Quartal 16,2% verloren, real wohlgemerkt. Der künftige Wohlstand hängt entscheidend von der Zunahme und der Verbesserung des Humankapitals und des Sachkapitals ab – da aber sieht es zur Zeit schwarz aus. Konjunkturprogramme sollten vor allem hier ansetzen, nicht bei den Milchbauern.

Ausrüstungsinvestitionen - Deutschland - 09Q1

Insgesamt haben wir es mit einem Horrorszenarium zu tun. Viel schlechter kann es aber kaum werden, so dass wir in der Nähe des unteren Wendepunkts sein könnten. Darauf deuten auch die meisten Umfragen, die fast euphorischen Aktienmärkte und die schwachen Rentenmärkte hin. Es wird allerdings ein Kampf werden, denn noch sinken die Auftragseingänge rascher als die Produktion, noch bleiben die Gewinne bei diesen Lohnstückkosten unter Druck, und noch steht uns ein scharfer Anstieg der Arbeitslosigkeit bevor. Was, wenn der Euro zudem wieder auf 1,60 Dollar steigen sollte?

19 Kommentare

  1.   Wolfgang Dincher

    @Udo Schmitz

    Es gibt kleine Tricks, um die Arbeitslosenzahlen zu drücken. So werden Arbeitslose bei der Beauftragung Dritter mit ihrer Vermittlung nicht mehr erfasst. Arbeitslose in kurzfristigen Trainingsmaßnahmen galten früher auch mal als weiterhin arbeitslos. Bei der Einführung von Hartz IV hat man die erfasste Arbeitslosigkeit zunächst ausgeweitet, dann hat man aber versucht, die Zahlen wieder zu reduzieren. So fallen heute sehr viele Arbeitslosengeld-II-Empfänger nicht mehr unter die Arbeitslosen.

    Grüße

  2.   Dieter Wermuth

    @ Wolfgang Dincher

    Nach den heutigen Arbeitsmarktzahlen für den Mai ist klar, dass diese stark verzerrt sind. Vermutlich sind zur Zeit mindestens 1,5 Mio Menschen auf Kurzarbeit (und damit nicht arbeitslos), nach weniger als 100.000 vor einem Jahr. Die Anzahl der geleisteten Stunden dürfte stark zurückgegangen sein. Insgesamt können wir uns freuen, dass es ein einigermaßen haltbares soziales Netz gibt – und dass Wahljahr ist.

    Grüße, DW

  3.   Uwe Richter

    @ Wolfgang Dincher und Udo Schmitz

    Neben dem Begriff der Arbeitslosigkeit gibt es bei der BA noch den weiteren Begriff der Unterbeschäftigung, der u.a. auch Personen in sog. „Maßnahmen“ und Arbeitsgelegenheiten, etc. umfasst. Danach lag die Unterbeschäftigung (mit Kurzarbeit gerechnet in Vollzeitäquivalenten) im März 2009 bei rund 5 Millionen. (siehe Monatsbericht Mai 2009 der BA, S. 68)

    Genaueres findet sich in der Veröffentlichung „Umfassende Arbeitsmarktstatistik: Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung Mai 2009“ der BA. Neben den genauen Definitionen und Abgrenzungen beider Begriffe gibt es dort auch die „Gesetzesänderungen und Weisungen mit Auswirkungen auf die Messung von Arbeitslosigkeit seit 1986“ (siehe S. 38f.)

    Grüße

  4.   Dieter Wermuth

    @ Thomas

    Es handelt sich um gesamtwirtschaftliche Zahlen für Q1:

    compensation: -2,2% y/y, (real GDP: -9,1% y/y, employment: -0,8% y/y), productivity daher -8,4% y/y; compensation geteilt durch productivity also: 0.9779/0.9161 = 1.0675 => +6,75%. Besser wäre natürlich, wenn wir mit Stunden statt mit Beschäftigten rechnen könnten, habe ich aber nicht gefunden für’s erste Quartal.

    Grüße, DW

  5.   Thomas

    @D.Wermuth

    Verstanden, danke.

    Dann haben wir also für die Gesamtwirtschaft: Deutschland +8,4 %, Japan +6,8 %. Allzuweit auseinander ist das nicht. (Zumal der Yen stark aufgewertet hat, was in den Zahlen noch nicht drinsteckt.)

  6.   egghat

    Deflation?

    Im Winter haben wir bei einem Ölpreis von 60 wieder Inflation. Das ist doch nur ein Basiseffekt. Die Inflationmessung kann man sich bei Ölpreisschwankungen wie in 2008 (und auch 2009) komplett knicken …

  7.   mylli

    @ egghat

    Wofür gibt es denn die Kernrate, wie schauts bei der eigentlich aus?

  8.   Dieter Wermuth

    @ mylli

    Bei den deutschen Erzeugerpreisen ohne Energieträger war die annualisierte Inflationsrate in den letzten sechs Monaten -5,4%, bei den Verbraucherpreisen ohne Energie noch +0,8%. Auch die Kernraten sind rückläufig, und in der Pipeline steckt Deflation.

    Grüße, DW

  9.   Dieter Wermuth

    @ egghat

    Im Vorjahresvergleich wirkt der Basiseffekt sehr stark, vermindert also die Inflationsrate – aber auch wenn Sie sich die Kernraten ab, sagen wir, Januar ansehen, erkennen Sie, dass wir in Richtung Deflation gehen. Die Nachfrage ist einfach zu schwach, als dass sich Preiserhöhungen durchsetzen ließen.

    Grüße, DW

 

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