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Was gegen den Wachstumsschock zu tun ist

 

Inzwischen ist allen klar, dass wir es diesmal nicht mit einer normalen Konjunkturdelle, sondern mit etwas viel Ernsterem zu tun haben: die Zuwachsraten des deutschen BIP werden mindestens sieben Quartale in Folge im Vorjahresvergleich negative Vorzeichen aufweisen, was ungewöhnlich lang ist; im Tiefpunkt der Rezession, der nach unseren Rechnungen im vergangenen Quartal erreicht wurde, lag das reale BIP um 7,6% unter seinem letzten Höchststand (vom 1. Qu. 2008), ebenfalls ein Rekordwert; die Verbraucherpreise stagnieren seit etwa einem Jahr und dürften, wenn man sich die Einfuhrpreise, die industriellen Erzeugerpreise und den Trend bei den Löhnen ansieht, demnächst fallen, so dass es erstmals zu einer Deflation kommen könnte. Sowohl die Geldpolitik als auch die Finanzpolitik bewegen sich, gemessen an den nominalen Notenbankzinsen und den staatlichen Defiziten, auf vollkommen ungewohntem Terrain. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie, ob gewollt oder nicht, demnächst noch nachlegen müssen, nach dem Motto „Wir haben zwar die Orientierung verloren, aber wir verdoppeln unsere Anstrengungen“, wie es ein Kommentator kürzlich hier im Blog formuliert hatte.

Ein Konjunktureinbruch ist schlimm genug, was sich aber als das eigentliche Problem herausstellen könnte, sind die Langfristeffekte der Krise. Die trendmäßige Wachstumsrate des sogenannten Produktionspotentials könnte stark zurückgehen. Hoffen wir, dass es nicht so kommt wie in Japan, wo die durchschnittlichen Zuwachsraten des realen BIP nach dem Platzen der Aktien- und Immobilienblasen innerhalb von zehn Jahren von fast 4% (in den 80er Jahren) auf etwa 1% (in diesem Jahrzehnt) zusammengeschnurrt waren. Empirische Studien belegen ziemlich eindeutig, dass die Verluste an potentiellem Output dann besonders groß sind, wenn eine Rezession mit einer Bankenkrise größeren Ausmaßes einhergeht, so wie jetzt bei uns und in allen übrigen OECD-Ländern.

In Deutschland ist der Ausgangspunkt noch viel schlechter als damals in Japan: Das Trendwachstum beträgt nämlich seit dem letzten zyklischen Spitzenwert im Jahre 2001 nur noch 1,33%. Die Nulllinie ist daher schnell erreicht, wenn es auch nur annähernd so kommt wie in Japan – dann geht es nicht mehr um Anteile an einem wachsenden, sondern an einem schrumpfenden Kuchen. Fragt sich, ob das unsere Sozialsysteme aushalten werden. Der Aufschrei, den der Vorschlag der Bundesbank ausgelöst hat, das normale Rentenalter ab 2060 (!) auf 69 Jahre anzuheben, gibt einen Vorgeschmack auf die Verteilungskämpfe, die uns drohen.

In ihrem jüngsten Jahresbericht führt die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) auf Seite 82 vier Gründe an, weswegen sich das Potentialwachstum in der Tat kräftig vermindern könnte:

– Da der Prozess der Kreditschöpfung auf Jahre hinaus nicht mehr richtig funktioniert, verlangen die Banken und Anleger höhere Risikoprämien, was zu höheren Zinsen und damit zu geringeren Investitionen führt.

– Die strukturelle Arbeitslosigkeit dürfte zunehmen, da manche Jobs, etwa in der Finanzbranche und bei den Autobauern, für immer wegfallen (ohne dass ausreichend viel neue an anderer Stelle entstehen).

– Es ist davon auszugehen, dass diesmal, noch mehr als in früheren Krisen, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung zurückgefahren werden. Da gleichzeitig die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche sinken dürfte – Stichwort Kurzarbeit -, vermindert sich die Wachstumsrate der sogenannten Faktorproduktivität, die neben der Zuwachsrate der Erwerbsbevölkerung entscheidend dafür ist, wie stark das potentielle reale BIP wächst.

– Zudem kann es einen negativen außenwirtschaftlichen Effekt geben: Wenn die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital nicht vollkommen mobil sind, wovon auszugehen ist, führt der krisenbedingte Verlust von Exportmärkten zu einem dauerhaften Verlust von Arbeitsplätzen und Fabriken.

Keine Frage, es handelt sich hier nicht um Schwarzmalerei, sondern um ein realistisches Szenarium. Was ist zu tun? Am dringendsten ist eine rasche und gründliche Sanierung des Bankensektors, damit die Kreditvergabe wieder in Schwung kommt. Keine zusätzlichen Investitionen ohne geliehenes Geld! Seit Beginn des Jahres ist die Kreditvergabe in Deutschland ebenso wie im Euroland insgesamt saisonbereinigt leicht rückläufig. Strenge Mahnungen von Seiten der EZB, der Kanzlerin oder des Finanzministers helfen da wenig. Es geht den Banken nämlich vor allem darum, ihre Bilanzen wieder in Ordnung zu bringen – sie enthalten immer noch zu viel überwerteten Schrott, nicht nur amerikanischer Provenienz, und die schwache Konjunktur tut ihr Übriges für die Qualität der Aktiva. Die Banken wollen nicht Kredite vergeben, sondern vielmehr ihr Kreditvolumen herunterfahren, damit es wieder zu ihrem durch Verluste geschrumpften Eigenkapital passt.

Der „Bad Bank“-Plan der Bundesregierung ist gerade mal halbherzig. Die saubere Lösung besteht in einer vorübergehenden, leider vielleicht auch längeren Verstaatlichung der Banken – das würde die Solvenzproblematik und die Frage des Eigenkapitals auf einen Schlag lösen. Allerdings müsste der Staat massiv in die Geschäftspolitik eingreifen, also unprofitable Bereiche schließen, Mitarbeiter in großem Stil entlassen, einschließlich vieler Manager, auf Fusionen drängen, wo es dem Wettbewerb nicht schadet, und die Gehaltsstrukturen und Bonisysteme an die neuen Gegebenheiten anpassen. (Wie wäre es mit Angestelltengehältern à la öffentlicher Dienst? Banking ist kein geistig anspruchsvolles Hexenwerk und rechtfertig daher nicht die bislang üblichen Prämien.) Und dann die solcherart geschrumpften Banken privatisieren!

Ebenso wichtig ist, dass der Staat alles tun muss, damit die Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht schrumpfen. Sie müssten sogar trotz der katastrophalen Haushaltslage durch direkte und indirekte Subventionen gesteigert werden, denn auf die Qualität und Quantität des Humankapitals kommt es an beim Übergang zur Wirtschaftsstruktur der Zukunft. Wir brauchen noch mehr als bisher wissensintensive Arbeitsplätze. Wie wäre es, Frau Merkel, wenn Sie sich mal zusammen mit den Ministerpräsidenten der Länder vornähmen, dass die beste deutsche Universität innerhalb der nächsten zehn Jahre in der internationalen Rangliste auf Platz 20 vorrückt, von Platz 55 heute (Uni München)? Und dass die nächsten neun alle unter den 50 besten sind! Das ist mindestens ebenso wichtig, wie für eine sauberere Umwelt zu kämpfen.

Schließlich: So ungern ich es als Anhänger flexibler Wechselkurse tue, plädiere ich doch dafür, nicht jedwede Aufwertung des Euro hinzunehmen. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit darf nicht zu sehr unter einem überteuerten Euro leiden. Ich schätze, dass die Schmerzgrenze für Deutschland und die übrigen Länder des Euroraums bei 1,6 Dollar liegt. Sollte der Euro weiter zulegen wollen, müsste unbegrenzt interveniert werden. Bei Deflation macht das nicht viel, ist sogar nützlich, und wie wir gerade von Herrn Bernanke gelernt haben (nicht dass wir das nicht ohnehin gewusst hätten), verfügt die Notenbank über genügend Instrumente, mit denen sich die Inflation bekämpfen lässt. Remember: Nach der Weltwirtschaftskrise gab es das Festkurssystem von Bretton Woods, das uns dreißig Jahre Wohlstand und stabile Preise beschert hat, les trentes glorieuses (ich verkürze die Argumentation ein bisschen zu stark, ich weiß). Der Dollar müsste ja nicht wieder die Leitwährung sein!

40 Kommentare

  1.   Ric

    Eine Debatte die sich dadurch noch viel mehr aufdrängen wird ist der des Zweck allen Wirtschaftens. Und zwar hoffentlich ganz ohne Ideologie.

    Die Weichenstellung die wir jetzt als Weltgemeinschaft tätigen werden mindestens das restliche 21. Jahrhundert entscheidend vorbestimmen. Drehen wir die Globalisierung auf reaktionäre Weise zurück und flüchten uns in’s Altbekannte oder begreifen wir manche aktuelle Probleme auch als Lernprozess auf dem Weg des riesigen Strukturwandels der die Globalisierung ja auch ist.

    Es ist richtig dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts von stabiler Prosperität IM WESTEN geprägt war – freilich zum großten Teil aufgrund der grotesken weltpolitischen Lage dieser Tage von der der „Westen“ ökonomisch stark profitierte. Und weil es auch noch Generationen gab die die „Depression“ (vor allem in den USA) und die Weltkriege (vor allem in Europa) als prägende Erfahrung miterlebt haben, dadurch Politik mit „Augenmaß“ betrieben aber auch aus persönlicher Erfahrung genau wussten dass eine als sicher geglaubte Stabilität über Nacht zusammenbrechen kann und darum „gepflegt“ werden muss.

    Diese Vorsicht wurde ja die letzten Jahre vor dieser Krise nur noch mit negativen Adjektiven diffamiert. Und die breiten Bedenken in der Bevölkerung wurden nur noch als „German Angst“ verspottet, was ja der bekannteste Germanismus in der Welt sei. „Heuschreckendebatte“ und Co. mögen schon wieder vergessen sein, mögen wenig subtil geführt worden sein haben sich aber nun als im Grunde vollkommen berechtigt erwiesen. Die Deutschen nicht als ewige Schlußlichter und Zauderer sondern als eine der letzten die noch nicht vollends besoffen waren. Das ist die Sichtweise die ich inzwischen darauf habe, obwohl ich die letzten Jahre wie ich gestehen muss eher zu jenen gehörte die die Deutschen einfach für zu verzagt gehalten hat.

    Ich bin aber nicht derart kulturpessimistisch dass ich denke dass die Menschen nur durch Schaden klug werden.
    Aber es reicht mit Sicherheit nicht die Bewältigung der Politik zu überlassen. Solange man in den Bankentürmen nur darüber sinniert wie man möglichst wieder so weitermachen kann wie bisher ist gar nichts gelöst. Ich sehe hier eher den mündigen Bürger in der Pflicht, nicht so sehr die Politik.
    Hätte man auf manches als billiger Populismus abgekanzelte gehört was so durch die Öffentlichkeit ging, die Krise hätte zumindest milder ausfallen können. Man muss die Größe besitzen den eigenen Irrtum einzugestehen wenn er so offensichtlich ist und solche schlimmen Konsequenzen hat!


  2. Es hat keinen Sinn an allen Fronten zugleich, mit vielen kleinen Schritten und immer neuem Nachjustieren gegen diese Krise ankämpfen zu wollen und dabei immer neues Geld auf den Tisch zu werfen, nur um dann nach einiger Zeit erneut festzustellen, dass es wieder nicht funktioniert hat. Die Krise ist nicht vorbei und sie darf nicht unterschätzt werden. Es kann und wird wahrscheinlich noch schlimmer kommen und es gilt, sich frühzeitig auf diesen Fall vorzubereiten. Zunächst, das heißt um Schlimmeres abzuwenden, muss deswegen an den wichtigsten Stellen das Richtige getan werden – was den Blick für das Wesentliche voraussetzt.

    Bankensektor, Forschung und Entwicklung, Wechselkurse – ich denke, das sind drei wesentliche Aktionsfelder. Die vorgeschlagenen Maßnahmen halte ich – soweit ich es zu beurteilen vermag – für konsequent und angemessen. Wer glaubt, man könne das Problem des Bankensektors unter Verzicht auf die Verstaatlichung von Banken lösen, der gibt sich einer Illusion hin. Es wäre durchaus kein Schritt in Richtung Sozialismus, wie vielfach beschwörend gemahnt wird. Vielmehr ist dies der m. E. letztendlich sowieso unvermeidliche Druck auf die Reset-Taste, um überhaupt wieder zu gesunden wettbewerblichen Strukturen und einer Balance zwischen Renditezielen und Geldversorgungsfunktion zu gelangen.

    Dieser Schritt sollte besser früher als später getan werden. Dass wir im Bankensektor ein Drei-Säulen-System haben, ist dabei ein großer Vorteil und sollte es leichter machen, diesen Schritt zu tun.

    Zum Thema Wechselkurse: Was geschieht, wenn sich die Situation in den USA allen bisherigen Maßnahmen zum Trotz weiter verschlechtert? Niemand kann das ausschließen. Die Gefahr einer Dollarabwertung ist angesichts des erdrückenden Schuldenbergs der USA groß, denn Abwertung ist für die USA ein möglicher Entschuldungsweg. Dass dies eine enorme und möglicherweise fatale Belastung für die Wirtschaft anderer Währungsräume wäre, kann man nicht genug betonen.

    Den Vorschlag der verstärkten Förderung von Forschung und Entwicklung möchte ich um eine wichtige Dimension ergänzen. In den zurückliegenden Dekaden wurde diese Förderung viel zu eng definiert und (u. a. deswegen) zum allergrößten Teil in den Großunternehmenssektor gelenkt. Das muss sich ändern! Es ist wichtig, dass diese Förderung vor allem auch die tragende Säule der Wirtschaft erreicht, die kleinen und mittelständischen Unternehmen, insbesondere dynamisch innovative Unternehmen. Die Wirtschaftsstruktur der Zukunft wird nicht mehr als simple Verlängerung der gegenwärtigen, durchaus problembehafteten Wirtschaftsstruktur verstanden werden können. Unsere Stärke ist unsere Innovativität und nicht, was leider in Vergessenheit geraten zu sein scheint, besonders kostengünstig zu produzieren. Es muss gerade jetzt, in der Krise, endlich auch wieder verstärkt Neues von unten nachwachsen können.

  3.   Dieter Wermuth

    @ Stefan L. Eichner

    Das Tolle an der Förderung von Forschung und Entwicklung, und an der Ausbildung der Menschen insgesamt, ist, dass man sich keine großen Gedanken mehr über die optimale Wirtschaftsstruktur machen muss – die Leute, die was im Kopf haben, kriegen das schon von allein hin. Besser als noch ne Autobahn gegen die Krise.

    Grüße, DW

  4.   WIHE

    Zum Thema Banken verstaatlichen:

    Sollen alle Banken verstaatlicht werden?
    Deutsche Bank, Commerzbank, Postbank, Dresdner Bank, andere Banken, Kreissparkassen, Bausparkassen Volksbanken andere Genossenschaftsbanken?

    Zu welchem Kurs?

    Deutsche Bank zu 50 Euro, die Volksbanken, zum Kurs der von den Genossen eingezahlten Anteile?

    Und wenn dann alles verstaatlicht ist, soll es hier besser werden?

    Wer es glaubt, wird selig.
    (Westdeutsche Landesbank, Bayerische Landesbank, sächsische Landesbank, Nord-LB, IKB, KFW)

    Ich glaube, mit der Verstaatlichung des Bankensystems tun wir uns keinen gefallen. Es würde zur Spielwiese abgehalfteter PolitikerInnen, wie wir es schon kennengelernt haben.

    Wenn der Staat glaubt, die Banken würden zu wenig Kredite vergeben, dann soll er z.B. die KFW und andere Staatsbanken großzügig mit Geld ausstatten, die das Geld an kreditsuchende und wenig kreditwürdige Unternehmen vergibt. Die KFW müsste er wenigstens vorher nicht aufkaufen oder verstaatlichen und die Anteilseigner enteignen.

    Kreditwürdige Leute kriegen auch heute noch das Geld, das sie benötigen, selbst auf dem Höhepunkt der Bankenkrise kurz nach der Lehmann-Pleite kriegten sie es.

    Wenn heute weniger Kredite vergeben werden, dann mag es auch vor allem daran liegen, dass nicht mehr investiert wird. Warum soll man auch investieren, wenn der benötigte Ausstoß an Waren drastisch einbricht?

    Und wackeligen Unternehmen mit hohem Risiko Geld zum Überleben auszuleihen, kann nicht Aufgabe von Banken sein, die überleben müssen und zwar aus eigener Kraft.

  5.   Georg Trappe

    Ich hatte das Privileg 26 Jahre für eine Firma in der Forschung und Entwicklung zu arbeiten, die sehr erfolgreich in Bezug auf Innovation und Wachstum agiert hat. Ich denke, ich verrate keine Betriebsgeheimnisse,
    wenn ich hier ein paar Ursachen für diese nachaltige Innovations- und Wachstumskraft offenbare und als mögliche Antwort auf die Frage ohne Fragezeichen zur Diskussion stelle.

    Mitarbeiter standen im Mittelpunkt. Die optimale Entwicklung des Potentials hoch qualifizierter Mitarbeiter war eine hohe Pflicht eines jeden Vorgesetzten. Neben der Führung durch Zielvereinbarung hat sich in meiner Praxis dabei eine am Reifegrad (in Bezug auf die Aufgabe) des Mitarbeiters orientierte Vorgehensweise bewährt. Das zugrunde liegende Modell beschreibt 4 Phasen, die die Entwicklung eines Mitarbeiters durchläuft.
    Auf der x-Achse ist die Zeit abgetragen, auf der y-Achse der Aufwand des Vorgesetzten, der zu investieren ist.
    Der Verlauf des Aufwandes über Zeit entspricht dabei einer Glockenkurve mit Maximum beim Übergang von Phase 2 zu 3
    1. Phase Klärung der Frage Was zu tun ist (Aufgabe, Geschäftsfeld)
    2. Phase Klärung der Frage Wie es zu tun ist (know how, operative Ziele, operativer Rahmen)
    3. Phase Klärung der Frage Warum es tun ist (Motivation,
    Strategie)
    4. Phase Übergabe von voller Ergebnisverantwortung an einen reifen, selbstmotivierten Mitarbeiter.

    Das auf eine Volkswirtschaft übertragen, deren Industrie- und Wirtschaftpolitik auf Innovation und Wachstum abzielt,
    bedeutet aus meiner Sicht eine Reifegrad angepasste Unternehmensförderung.

    So absurd es auf den ersten Blick klingt, der Schwerpunkt der Investitionen darf nicht bei den wertvollsten Mitarbeitern, die die Phase 4 bereits erreicht haben erfolgen und auch nicht bei den Novizen sondern bei denen die sich bereits mit Wie und Warum herum schlagen. Dabei ist natürlich darauf zu achten, das genügend hoch qualifizierte Novizen nachwachsen
    und die Wertvollsten einem nicht weglaufen, aber um die
    optimale Entwicklung des Potentials zu gewährleisten
    ist der Grossteil des Aufwands in 2 und 3, im mittelreifen Mittelstand zu leisten.

    Ich bin mit diesem Ansatz immer ganz gut gefahren und habe damit zur Entwicklung von Mitarbeitern beigetragen, die von der Hochschule einer 20 Millionen $ Umsatz Produktlinie beigetreten sind und heute als Vice President zur Führungsmannschaft einer Firma gehören, die eben aus dieser Produktlinie hervor gegangen ist und in 2005 für 1 Mrd US$ erfolgreich an die Börse gebracht wurde.

    Wenn ich Kanzler wäre würde ich die Analogie wagen.

    Gruss,

    Georg Trappe

  6.   Georg Trappe

    Nachtrag zu 5)

    Ich vergass zu erwähnen, das es bei der erwähnten Produktlinie/Firma um eine Produktlinie/Firma geht,
    bei der für mehr als 50% des Umsatzes, Entwicklungs-, Marketing-, Produktionsverantwortung und Leistung bis 2005 in Deutschland lagen. Ein anderes Kundensegment (die anderen knapp 50% Umsatz, nicht Gewinn) wurden aus Kalifornien bedient.
    Der Vertrieb war/ist international.
    Beim Produkt handelte es sich um ein sog. „late entry“ gegen etablierte Konkurrenz, hauptsächlich aus Japan und USA, zu Anfang der 90er Jahre (wir erinnern uns gerne an „Das leise Lächeln des Siegers (Japan)“ und weniger gerne an das „Kaputt reden“ des Standorts Deutschland zu dieser Zeit durch Hilmar Kopper und Rolf-E. Breuer, nach der geistig moralischen Wende, die ich zum Glück unbeschadet überstanden habe).

    Gruss,

    Georg Trappe

  7.   Dieter Wermuth

    @ WIHE (#4)

    Es geht bei der Verstaatlichung nur um die rasche Rekapitalisierung der Banken – sie müssen wieder in die Lage versetzt werden, Kredite zu vergeben. Die Aktiva werden zu einem echten Marktkurs an eine Bad Bank gegeben, dadurch gäbe es eigentlich Konkurse in großem Stil – an der Stelle springt der Staat ein. Die Bad Bank ist dann de facto ein Portfolio Manager, der die „toxic assets“ ohne Zeitdruck, also zu möglichst günstigen Preisen verkauft. Natürlich haben wir schon massenhaft staatliche Banken (Landesbanken, Sparkassen, Förderbanken) sowie Genossenschaftsbanken. Die sind auf manchen Gebieten sehr gut, auf anderen nicht. Da muss die Konsolidierung weitergehen. Aber die verstaatlichten Privatbanken wären nur vorübergehend in staatlichem Mehrheitsbesitz – bei passender Gelegenheit wären sie wieder zu privatisieren. Das ist das schwedische Modell. Das Ganze läuft natürlich unter dem Motto „lasst uns den Kreditschöpfungsprozess wieder in Gang bringen, denn walking dead banks à la Japan sind schlimmer für die Gesundheit der Volkswirtschaft als eine vorübergehende Verstaatlichung.“

    Grüße, DW

  8.   spekulant

    @Wihe #4

    Zur vorübergehenden Verstaatlichung der systemrelevanten Banken gibt es meines Erachtens keine Alternative.

    Ohne staatliche Hilfen wäre fast das gesamte Bankensystem längst pleite.

    Ein privater Investor würde ja auch keine Bank mit Kapitalspritzen vor dem Untergang retten, ohne gleichzeitig die Kontrolle zu übernehmen.

    Der Staat ist aber GEZWUNGEN, die systemrelevanten Banken zu retten – und zwar jedesmal, wenn sie wieder am Abgrund stehen. Daher ist er quasi ein „Investor wider Willen“. Als solcher muss er auch – vorübergehend – die Kontrolle übernehmen. Denn sonst verstaatlichen wir die Verluste, privatisieren aber die Gewinne.

    Und die Banken werden noch lange am Abgrund stehen, denn:

    1.) In der Wirtschaftskrise wird der Wert weiterer Anlagen und Kreditforderungen der Banken schrumpfen. Die Vorstände werden jahrelang vor allem damit beschäftigt sein, ihre Bank nicht in die Pleite zu fahren.

    2.) Auch die bisherigen Wertverluste der Papiere in den Bankbilanzen sind nicht vorübergehend. Natürlich behaupten das die Banken. Aber: In den USA ist während der Boomphase eine gigantische Maschinerie zur Erzeugung von faulen Immobilienkrediten entstanden. Innerhalb weniger Jahre hat sich der reale Wert der Wohnungen und Häuser mehr als VERDOPPELT. Es war eindeutig eine Blase, denn auf Dauer kann der Wert von Wohnungen maximal mit der Rate des Wirtschaftswachstums steigen, fundamental ist sogar nur eine Steigerung in Höhe der Inflationsrate gerechtfertigt.

    3.) Die gesamte Wirtschaft wird viele Jahre lang massiv beeinträchtigt sein. Es hilft überhaupt nichts, wenn jetzt die Kurse wieder steigen. Denn nicht der aktuelle Crash ist gefährlich, gefährlich war die vorherige Blase am Immobilien- und Aktienmarkt: In dieser Zeit war die Kapital-Allokation gestört. Große Mengen an Kapital wurden fehlinvestiert, das heißt die Investitionen gingen nicht in Projekte, die langfristig Früchte tragen. Stattdessen wurde schlechtem Geld (Investitionen in überteuerte Immobilien und Aktien) viele Jahre lang gutes Geld hinterhergeworfen.

    4.) In gewisser Hinsicht ist die Situation jetzt sogar problematischer als zu Beginn der Krise, denn in den letzten Monaten ist den Banken noch klarer geworden: Wenn sie Fehler machen, haut der Staat sie wieder raus. Wir haben also einen massiven Anreiz ins System eingebaut, zu riskante Geschäfte einzugehen.

    5.) Und die Fehlallokation von Kapital geht weiter. Durch die Liquiditätsschwemme und die niedrigen Zinsen wollen die Investoren ihr Geld partout loswerden. Aktien werden gekauft, egal ob die langfristigen Gewinnaussichten der Unternehmen stimmen. Andererseits haben Unternehmen, die langfristige Kredite bei den Banken nachfragen, Schwierigkeiten. Denn: Die Liquidität von der Zentralbank wird nur für einige Monate bereitgestellt und wird von den Banken daher in Aktien und Anleihen investiert, die man schnell wieder abstossen kann, nicht aber in Kredite, die man langfristig halten muss.

    Ich verstehe die Aufregung über Bankverstaatlichung nicht: Es geht ja nicht darum, dass der Staat jahrelang alle Bankgeschäfte übernimmt. Sondern: Er soll die Banken nur schnellstmöglich von faulen Papieren befreien. Sonst lasten diese Papiere jahrelang auf den Bilanzen und bremsen die Vergabe neuer Kredite.

    Soll der Staat den Müll der Banken entsorgen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen? Damit belohnt er ja nachträglich die miserablen Investitionen der Banken und verschleudert Volksvermögen.

    Viele Grüße

  9.   Dietmar Tischer

    Was wir brauchen:

    >Wir brauchen noch mehr als bisher wissensintensive Arbeitsplätze.>

    Schon richtig, dass wir die brauchen.

    Was wir brauchen, damit es die gibt:

    handelsblatt.com/…/ingenieurmangel-wird-noch-dramatischer

    Ernüchternd.

  10.   lemming

    Tja, die Forschung & die Entwicklung. Sie geht aufs Unvorhersehbare aus, darum ist eben auch nicht vorhersehbar, geschweige denn berechenbar, ob und wie sich Investitionen in diesen Bereich wirtschaftsfördernd auswirken werden.
    Es ist wohl auch kaum zu bestreiten, dass die bisherigen F&E Anstrengungen vor allem zu einem Produktivitätszuwachs in etablierten Märkten geführt haben. Dies aber hat wiederum die Krise nicht gemindert, sondern verschärft, durch Freisetzung von Arbeitskräften, sinkende Preise, Marktkonzentration usw.
    Insgesamt fehlt es an „Investitionschancen“, also an „Phantasie“, an einem „next big thing“. Ich glaube nicht, dass man die durch die Erhöhung von F&E Ausgaben bewirken kann.
    Und natürlich wurde viel zu viel „totes Kapital“ akkumuliert, das sich jetzt gerade als realwirtschaftlich unverwertbar, also wertlos erweist.
    Ich fürchte, auch das Mantra „Innovation“ ist schon abgegrast, es ist wohl eher die Form des Wirtschaftens selber, die zu überdenken wäre. Also unsere kapitalistische Grundordnung…

 

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