‹ Alle Einträge

Danke, Financial Times Deutschland!

 

Liebe FTD,

zu Deinem zehnten Geburtstag einen dreifachen Dank:
Danke für zehn Jahre anregende Zeitungslektüre. Danke für den Wirbel, den Du vor zehn, elf Jahren im deutschen Wirtschaftsjournalismus verursacht hast. Danke aber vor allem, für Thomas Fricke und sein Team, sowie für die Kolumne, Das KAPITAL. Ohne ihre Beharrlichkeit stünde die deutsche volkswirtschaftliche Debatte heute noch weiter im Abseits als sie es ohnehin schon tut. Dein tollster Scoop war die Entzauberung von Hans-Werner Sinn. Aber der Reihe nach.

Seit der ersten Ausgabe bin ich ein treuer und oft angetaner Leser. Bereits um sechs Uhr liegst Du neben der FR, der FAZ und der Börsen-Zeitung auf meinem Tisch. Angetan bin ich von der Aufmachung, dem Layout und dem Mix in den Meinungsbeiträgen.

Danke auch dafür, dass Du vor elf Jahren ganz schönen Wirbel im etwas verstaubten, deutschen Wirtschaftsjournalismus ausgelöst hast. Zum einen hast Du aus allen Redaktionen Herzstücke rausgerissen, so in der Börsen-Zeitung, in der ich damals arbeitete, meinen damaligen Chef und heutigen Hirten Lucas Zeise, den klugen Norbert Häring, der inzwischen beim Handelsblatt schreibt, den smarten Thomas Klau, der Dir noch als Gastautor erhalten ist, und und und. So ging es vielen Redaktionen und alles musste sich neu sortieren.

Aber nicht nur personell hast Du gewirbelt. Auch mit Deinen Scoops hast Du uns vor Dir hergescheucht. Mit Deiner Respektlosigkeit hast Du uns braven deutschen Journalisten gezeigt, wie man es macht.

Doch das größte Verdienst der FTD ist ihre offene volkswirtschaftliche Haltung. Das KAPITAL ist für meinen Geschmack etwas zu sehr von der Österreichischen Schule beeinflusst. Aber sei es drum, viel besser als plumper Neoliberalismus ist es allemal und viel spannender als all die Kommentare der Liberalalas, man möge sie auch Tauschwirtschaftler nennen.

Fricke, der Chefvolkswirt hat vor allem 2000 ff. als einer der ganz wenigen in der Republik gegen den Mainstream gehalten. Damals war hier zu Lande alles so verkrustet, Sie glauben es nicht. Deutschland hat den Stabipakt gerissen, stand am Pranger und alles nur weil Gewerkschaften zu mächtig waren, Arbeitsmärkte zu inflexibel, der Staat zu fett etc. pp. Da haben Fricke, Dullien, inzwischen Professor und viele andere, so auch der neue Hirte Mark Schieritz, dagegen angeschrieben. Das war wichtig, hat es doch denen, die nicht der „katholischen Kirche“ beitreten wollten, die Option eröffnet, anderes zu denken, zu lernen.

Der Scoop schlechthin der vergangenen zehn Jahre steht heute leider nicht auf den Seiten der Sonderbeilage „Zehn Jahre FTD“. Es ist die Entzauberung von Großökonom Hans-Werner Sinn. Die FTD wars, Fricke, Dullien und Co., die seine zentrale These in „Basarökonomie“ entlarvten. Sinn hatte Exporte und Importe falsch abgetragen und war so zu dem Schluss gekommen, dass Deutschland permanent an Wettbewerbsfähigkeit verliere. Ja, Sie lesen richtig! Die FTD machte dann die Schlagzeile auf Seite 1: „Deutschland ist Exportweltmeister“. Und das war die Wahrheit! (eine schöne Aufarbeitung des Falls und wie die anderen großen Zeitungen damit umgingen hier von Sebastian Dullien)

Super. Weiter so, meine liebe FTD. Du wirst auch in den nächsten zehn Jahren noch gebraucht!

Alles Gute zum Geburtstag

Dein Robert Heusinger

13 Kommentare

  1.   EuroOptimist

    Zustimmung, denn die FTD hat das Lob verdient.
    „Das KAPITAL ist für meinen Geschmack etwas zu sehr von der Österreichischen Schule beeinflusst.“
    Ich möchte trotzdem keine Ausgabe vermissen, weil sie fast alle erhellend sind.


  2. Naja. „Das Kapital“ ist zweifellos ein asset, aber ansonsten? Würde es die FTD morgen nicht mehr geben, ich glaube, ich würde es überleben. Fricke ist nur ein weiterer Vertreter aus einer langen Reihe von Bastardkeynesianern. Aber dafür ist er sympathisch.

  3.   Rebel

    Respektlosigkeit

    ist wunderbar, neues zu Denken und „Bastardkeynesianer“ klingt wie eine hart erarbeitete Lobelei.

  4.   Rebel

    @ weissgarnix

    makroo.de/DaskeynesianischeModell/DerGuetermarkt/
    DerMultiplikator/DereinfacheEinkommensmultiplikator.htm

    das ist ihre Hausaufgabe für diese Woche.

    Sollen wir mehr oder weniger sparen in der Bundesrepublik?

  5.   EuroOptimist

    @ Rebel
    Zitat aus der von Ihnen verlinkten Seite:
    „Das wäre zwar ineffizient, um nicht zu sagen idiotisch, aber in unserem Modell macht es keinen Unterschied.“
    Schönes Modell, in dem Idiotie keinen Unterschied macht!

  6.   JMQ

    Schade, dass Sie mit keinem Wort Wolfgang Münchau erwähnt haben. Immerhin hat er schon 2006 fast im Wochentakt in der FTD vor der US Immobilienblase gewarnt. Mir ist kein anderer deutscher Journalist bekannt, der das so früh gesehen hat. Die Kommentare von Zeise und Fricke sind dagegen wenig originell und ziemlich vorhersehbar. Linke Nachfrageökonomie halt.

  7.   Robert von Heusinger

    @JMQ

    Sie haben Recht: Münchau ist auch ein Asset, allerdings ein schwankendes! Bei jeder zweiten Kolumne klatsche ich in die Hände, bei jeder anderen schüttel ich den Kopf. Aber ganz groß: Seine Forderung CDS zu verbieten. Wenn ich in einer Finanzzeitung arbeiten würde, wäre das auch mein großes Thema. Diese Dinger sind des Teufels und gehören abgeschafft.

    Bei Zeise und Fricke sind wir auseinander!

    Ihr Robert Heusinger

  8.   JMQ

    @Robert von Heusinger
    „Münchau ist auch ein Asset, allerdings ein schwankendes! Bei jeder zweiten Kolumne klatsche ich in die Hände, bei jeder anderen schüttel ich den Kopf.“

    Mir geht es da genauso, nur wahrscheinlich umgekehrt 😉

  9.   Rebel

    @ EuroOptimist
    5.

    Sie sind durchgefallen.
    Es ist egal ob investiert wird mit dem Umweg über Finanzierungen durch Banken oder durch Konsum der direkt durch Produktion gedeckt wird. Sie hätten nur den nächsten Satz lesen brauchen.
    „Ob in der Gleichung zur Bestimmung des Gleichgewichtseinkommen
    der Wert von Caut oder von Iaut ansteigt – auf das Einkommen wirkt es sich kurzfristig gleichermaßen aus. Die mittel- bis langfristigen allokativen Wirkungen werden vom Modell nicht erfasst.“

    Es bleibt also eine Frage, wie Einkommen verteilt bzw. umverteilt wird, wenn Wirtschaftswachstum geschaffen wird. Und da hatten wir uns für ein Grundgesetz mit sozialer Marktwirtschaft festgelegt bis die Deregulierungswelle angerollt kam. Die angeblichen kurzfristigen Gewinne dürfen wir jetzt mit den negativen (mittel und langfristigen) Folgen wieder gerade ziehen. Kölner, Düsseldorfer U-Bahn, Berliner S-Bahn Desaster … Verdienen tun jetzt nur Gutachter, Anwälte Ingenieure, die haben sich ihr eigenes Beschäftigungsprogramm auf Kosten der Aufsicht, Kontrolle bei fehlender soliden Betreuung geschaffen. Umverteilung eben.

    Und die Antwort ob mehr oder weniger steht auch in dem Satz : „ansteigt“. Das heisst weniger Sparen also das, was die USA und Japan zur bis zum Exzess praktizieren. Wachstumsgläubige!

    Verdammt dicht dran ist auch daneben.


  10. Ihrem FTD-Lob, Herr von Heusinger, kann ich mich nur anschließen. Als langjähriger treuer Handelsblatt-Leser war ich in den letzten Jahren doch immer mehr von diesem enttäuscht (vgl. dazu auch meinen früheren Blog-Eintrag „Die Welt aus Düsseldorfer und Hamburger Sicht. Vergleich Handelsblatt mit Financial Times Deutschland (FTD), u. a. zum Thema Ölpreisentwicklung“ – beltwild.blogspot.com/2009/06/handelsblatt-financial-times).

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren