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Memo an Merkels Ökonomen

 

Weil ich wegen meiner derzeitigen Babypause nicht beim Frühjahrstreffen des IWF in Washington sein kann, habe ich mir in einer schlaflosen Nacht die Dokumente im Netz angesehen. Ich bin immer wieder überrascht von der hervorragenden Arbeit, die die Ökonomen des Währungsfonds seit einigen Monaten abliefern.

Auch im neuen WEO gibt es wieder ein sehr interessantes Kapitel. Diesmal zum beliebten Thema global imbalances. Der Fonds hat sich angesehen, wie exzessive Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz in der Vergangenheit abgebaut wurden. Quintessenz: Es ist – anders als wir es von der Regierung und ihren Berater immer wieder hören – durchaus möglich, chronische Exportüberschüsse durch expansive wirtschaftspolitische Maßnahmen abzubauen.

Das Schöne dabei: Es kostet nicht einmal Wachstum. Denn was an Output im Exportsektor fehlt, entsteht im Binnensektor neu. Natürlich gibt es Risiken wie ein Überstimulierung der Wirtschaft, die zu Inflation und Vermögenspreisblasen führt, aber das ändert nichts daran, dass das Problem im Prinzip lösbar ist.

Hier die entsprechende Passage aus dem WEO:

„First, the current account surplus narrowed significantly in response to policy changes. Although exchange rate appreciation often played a role, other policies also facilitated the reversals, including macroeconomic policies that stimulated domestic demand and, in some cases, structural reforms. Second, policy-induced current account surplus reversals were not typically associated with lower growth. Real appreciation seems to have slowed growth, but other factors tended to offset this adverse effect. Specifically, demand frequently shifted from external to domestic sources…“

Worauf warten wir noch?

24 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    @ Mark Schieritz

    >Worauf warten wir noch?>

    So kann nur ein Ökonom fragen.

    WIR, mehrheitlich die deutsche Bevölkerung, warten darauf, dass – um nur einen gewichtigen Aspekt zu nenne – Umsteuern von konsumtiven Staatsausgaben zu investiven (Forschung, Bildung etc.) VERZICHTSLOS machbar ist.

    Wir, Merkel und Merkels Ökonomen warten auf Godot.

  2.   Rebel

    Okonomische Grundlagen

    Investitionen sind nur buchalterisch abgebildetes Anlagevermögen.
    Konsum (privat und staalich) ist menschlicher Verbrauch für das Leben – also in Geld (Umlaufververmögen) ungewandeltes Anlageververmögen nach dem Unternehmensproduktionsprozess (Abschreibungen die durch Umsätze erlöst worden sind). Es besteht damit kein Widerspruch nur eine zeitliche Abfolge. Und die Beispiele Forschung und Bildung sind bisher keine Investitionen, sie werden es erst, nach zahlenmässiger Nutzbarmachung als bilanziell darstellbare immaterielle Vermögensgegenstände bzw. Zertifikate oder Anteile des erlösten kalkulatorischen Gewinns sichtbar bzw auszahlbar. Kassenbestand!

  3.   Dietmar Tischer

    @ Rebel

    Habe ich von Widerspruch geredet?

    Die zeitliche Abfolge, bzw. die zahlenmäßige Nutzbarmachung findet bisher nicht hinreichend statt und wird – meiner Einschätzung nach – auch in Zukunft nicht hinreichend stattfinden.

    Mehr habe ich nicht gesagt.

    Oder anders ausgedrückt:

    Das Problem, das hier aufgeworfen wird, ist keines ökonomischer Grundlagen, sondern eines mehrheitlichen gesellschaftlichen bzw. politischen Wollens.

    Daran fehlt es.


  4. Diesen Satz aus dem WEO-Paper bitte nicht überlesen:

    „In all the case studies, appreciation was the main policy lever for reversing the current account surplus. The appreciation was both in nominal terms—all economies let their currencies appreciate against the U.S. dollar—and in real effective terms. And it was substantial in all cases.“

    Insbesondere in Deutschland vermag ich nicht wirklich einen „Policy Change“ gegenüber den 70ern festzustellen, der als alternative Erklärung herhalten könnte. DM-Aufwertung – nicht’s anderes als das steckte dahinter.

    Da das aber durch den Euro nicht mehr geht, bräuchte es wirklich eine Umkehr im fiskalischen Policy-Mix. Aber den sehe ich schlicht nicht kommen.

  5.   Mark Schieritz

    @weissgarnix: korrekter Hinweis! Aber wäre zum Beispiel eine Lohnerhöhung bei festen Wechselkursen nichts anders als eine real effective appreciation?

  6.   Rebel

    Wissens-, Methodenbeherrschung

    Ist doch ganz einfach die Einkommen / Löhne der Realwirtschaft können nicht mehr nach unten geredet werden und die Aufwertungsgewinne aus dem virtuellen Traumvermögen werden durch Abschreibung und
    Bilanzverkürzungen auf Normalverstandwerte schrumpfen.
    Das bisherige Unverständnis bzw. Mitmachen durch Politik ist faktisch längst beendet:
    Griechenland geht pleite, andere werden folgen und ein neues europäischen Finanzsystem wird von uns geschaffen werden.

    Ist vielleicht ne Generationenfrage, die neue nutzt die Möglichkeiten
    bereits:

    Deutschlandfunk 25.04.2010 um 17.05 Uhr
    Kulturfragen

    Demokratisierung des Wissens
    oder Informations-Overkill?
    Das Netz als neuer Kommunika-
    tions- und Kulturraum – Der
    Bremer Medienforscher und
    Organisationspsychologe Peter
    Kruse im Gespräch

    dradio.de/dlf/sendungen/kulturfragen/

    leider noch nicht drin – später versuchen.

    @ Dietmar Tischer

    51:49 Mehrheitsentscheidungen sind gesellschaftlich, politisch ganz schön eng – würden sie die entscheidende Stimme sein wollen und das transparent vertreten? Wir werden das demokratisch angehen müssen!
    Lernen und überzeugende Lösungen kommunizieren – das ist gefordert – Intelligenz in die Portale und auf die Podien.
    Zusammen schaffen wir das.


  7. @Schieritz

    >Aber wäre zum Beispiel eine Lohnerhöhung bei festen Wechselkursen nichts anders als eine real effective appreciation?

    Ja, klar. Aber das ist die Stelle, an der sich die Katze in den Schwanz beißt, nicht wahr? Denn Lohnerhöhungen würden der exportorientierten Wirtschaft die Wettbewerbsfähigkeit kosten, so das Credo, und daher darf man das natürlich unmöglich ins Auge fassen – da seien Sinn, Hüther & Co vor.

    Außerdem: An wen will man die Forderung nach höheren Löhnen konkret adressieren? Zu sagen, dass in „Deutschland“ oder in „der deutschen Wirtschaft“ die Löhne steigen sollten, ist das eine; aber wer soll jetzt genau um wieviel erhöhen? Alle um denselben %-Satz? Jeder so, wie er kann? Oder eine Branchenlösung per Ministerbeschluss?

    Versteh mich nicht falsch: Ich bekanntlich der Erste, der aufspringt, wenn es um „Stärkung des Binnenmarkts“ geht. Aber die notwendigen Schritte würden eine so tiefgreifende Umsteuerung bedeuten, auch in der Gestaltung des Steueraufkommens, dass ich es mir schlicht nicht vorstellen kann, wie eine Regierung Merkel-Westerwelle das hinbekommen wollte.

  8.   Dietmar Tischer

    @ Rebel

    >51:49 Mehrheitsentscheidungen sind gesellschaftlich, politisch ganz schön eng – würden sie die entscheidende Stimme sein wollen und das transparent vertreten?>

    Ich würde sehr gern die entscheidende Stimme sein wollen und damit meine Überzeugung vertreten.

    Diese ist, dass wir – vorerst nach wie vor auf der Basis eines keineswegs zu schwächenden Exports – die Inlandsnachfrage erhöhen sollten. „real effective appreciation“ heißt daher für mich aber nicht starke Reallohnerhöhungen (wie immer das durchsetzbar sein soll, wenn die Tarifparteien wie jüngst es NICHT wollen, siehe den Beitrag von weissgarnix zuvor), sondern – weil die Privatwirtschaft nicht hinreichend investiert –, erhebliche staatliche Investitionen, vor allem in Forschung und in das Bildungswesen. Dies generiert auch Konsum, wenngleich dieser an anderer Stelle wegen gekürzter Transferleistungen und Subventionen wegbrechen würde. Das dadurch möglichst in der Breite höhere Bildungsniveau der nachfolgenden Gene-ration würde vermehrt privates Kapital anziehen, was wiederum Investitionen und höhere Einkommen zur Folge hätte – mit wachsendem Konsum.

    >Wir werden das demokratisch angehen müssen!>

    Ja, werden wir müssen – und dabei SCHEITERN!

    Dies deshalb, weil es in Deutschland eben NICHT um 51:49 Mehrheitsentscheidungen geht.

    Der Mainstream, sicher 2/3 der Bevölkerung, wenn nicht mehr, wird obiges Programm nicht wollen, wenn es mit Konsumverzicht oder deutlich höherer Staatsverschuldung verbunden ist.

    Sie können den Menschen die Effekte vorrechnen und vielleicht werden sie sogar die Notwendigkeit einsehen. Aber Sie werden sie nicht derart überzeugen, dass sie freiwillig danach handeln. Deshalb sind Memos nutzlos.

    Ich habe in diesem Zusammenhang eine TV-Sternstunde aus den 80er Jahren vor Augen, welche die Allermeisten hier am Blog vermutlich nicht erlebt haben, weil sie noch zu jung waren.

    Kein/e Moderator/in, keine Zuschauer, keine Einblendungen, keine Zuschauer- oder Expertenbefragungen. Nur zwei Männer im Gespräch – und was für ein Gespräch. Der eine war Helmut Schmid, ich glaube damals Noch-Bundeskanzler. Der andere Lee Kuan Yews, von 1959 bis 1990 Premierminister von Singapur. Beide Ökonomen, der Asiate hatte an der London School of Economics und in Cambridge studiert.

    Schmid wie man ihn seit eh und je kennt. Lee Kuan Yews mit hoher Sensibilität für das westliche Wertesystem, aber entschieden kein Anhänger, geschweige denn Verfechter demokratischer Institutionen und Willensbildung.

    Schon 1962 hatte er seine Überzeugung so ausgedrückt:

    >If I were in authority in Singapore indefinitely without having to ask those who are being governed whether they like what is being done, then, I have not the slightest doubt that I could govern much more effectively in their own interests.>

    Er war die Autorität in einem autoritären Einparteiensystem und beförderte den ressourcenlosen, ethnisch gespaltenen Stadtstaat innerhalb einer Generation vom Entwicklungsland zur Industrienation. Übrigens: mit konsequenter Marktwirtschaft!

    Unsere Ausgangslage ist damit natürlich nicht vergleichbar.

    Aber ich glaube dennoch, dass der Erfolg seiner Auffassung recht gibt.

    Das ist kein Plädoyer gegen die Demokratie.

    Es ist ein Verweis darauf, was meiner Ansicht nach in einer Demokratie, speziell in einer mit alternder, besitzstandswahrender Bevölkerung, NICHT möglich ist.

  9.   Rebel

    „Wenn ich im Amt wäre …“

    Die Stimme und Betonung Helmut Schmidt`s klingt geradezu im Ohr:

    Vorausschau durch Rückblick…
    Deshalb auch der Link, wo die nächste Generation und ihr Umgang im Netz beschrieben wird.
    Zur Bildung mit Wertschöpfung habe ich auch schon anderer Stelle die Einführung bilanzierbarer Bildungszertifikate vorgeschlagen. Persönliche geldwerte qualifikationsgestufte steuerfreie Erlöse.
    Sicher fordert das neues Denken und Handeln – aber das ist doch notwendig! Kaizen – ständiger Verbesserungsprozess.

  10.   Dietmar Tischer

    @ Rebel

    >Sicher fordert das neues Denken und Handeln – aber das ist doch notwendig!>

    Absolut, auch mit Anreizen auf der Nachfrageseite nach Bildung, wie Sie andeuten.

    Das Land hätte eine Perspektive, wenn es zu neuem Denken und Handeln käme.

    Warum sind Sie so sicher, dass es der UMGANG im Netz schafft?

 

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