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How to deal with a crisis 101

 

Brad DeLong zitiert zum Thema Griechenland aus dem Klassiker Lombard Street von Walter Bagehot:

„‚On extraordinary occasions,‘ says Ricardo, ‚a general panic may seize the country, when every one becomes desirous of possessing himself of the precious metals as the most convenient mode of realising or concealing his property,—against such panic banks have no security on any system.‘ The bank or banks which hold the reserve may last a little longer than the others; but if apprehension pass a certain bound, they must perish too.

The use of credit is, that it enables debtors to use a certain part of the money their creditors have lent them. If all those creditors demand all that money at once, they cannot have it, for that which their debtors have used, is for the time employed, and not to be obtained. With the advantages of credit we must take the disadvantages too; but to lessen them as much as we can, we must keep a great store of ready money always available, and advance out of it very freely in periods of panic, and in times of incipient alarm…“

Und weiter:

„The way in which the panic of 1825 was stopped by advancing money has been described in so broad and graphic a way that the passage has become classical. ‚We lent it,‘ said Mr. Harman, on behalf of the Bank of England,

by every possible means and in modes we had never adopted before; we took in stock on security, we purchased Exchequer bills, we made advances on Exchequer bills, we not only discounted outright, but we made advances on the deposit of bills of exchange to an immense amount, in short, by every possible means consistent with the safety of the Bank, and we were not on some occasions over-nice. Seeing the dreadful state in which the public were, we rendered every assistance in our power.

After a day or two of this treatment, the entire panic subsided, and the ‚City‘ was quite calm….“

14 Kommentare

  1.   feedback loop

    Danke für das interessante Zitat. Wir wollen ja nicht nur streiten sondern uns auch bilden. Was Bagehot beschreibt, kennen wir heute als „Lender of Last Resort“, oder nicht?

    Falls Sie sich mit Ihrem Beitrag auf die Kritik an Ihrem vorherghehden beziehen…
    a) Man darf die Hintergründe nicht vergessen, die zu einem Vertrauensverlust führen.
    b) Man muss die Verteilungs- and Anreizwirkungen von bailouts und deren Vorgeschichte betrachten.
    c) Wer die ethische Dimension nicht in den Blick nimmt, übersieht leicht den sozialen Sprengstoff der Sache. Hier geht es um mehr als ein technisch zu lösendes Wirtschaftsproblem.
    d) Ist ein Statsbankrott nicht etwas anderes als ein Bank Run?
    e) Wie war das nochmal mit Schumpeter und „kreativer Zerstörung“?
    u.s.w.
    Welche sozialen Gruppen haben welche Interessen. Gibt es überhaupt „deutsche Interessen“? Wie siehts mit der Gerechtigkeit und damit der Rechtfertigbarkeit einer bailout -Lösung aus? Kann das mit dem Lender of Last Reort angesichts der weltweiten Überschuldung (privat und staatlich) langfristig überhaupt gutgehen oder brauchen wir eine Schuldenstreichung nicht lieber füher als später?


  2. Zufällig meine Lieblingsstelle aus Lombard Street, aber meines Erachtens auf die Griechenland-Debatte dennoch nicht anwendbar: Wir haben es hier nicht mit einem zentralbanktechnischen Problem zu tun, sondern einem politischen. Während es für die BoE politisch stimmig war, 1825 diese Politik zu fahren, ist es das für Merkel anno 2010 nicht. Der Wähler wird sich (zurecht) fragen, warum angeblich zuhause für nichts Geld da ist, während wir den Griechen 25Mrd „überweisen“ (dass wir das in Wahrheit nicht tun, sondern diese Hife rein fiktionaler Natur ist, weiß er ja nicht).

    In meinem Blog schrieb einer, wenn die BILD wollte, dann wäre Merkel bereits Geschichte. So sehe ich das auch. Ökonomen-Statements oder Fragen der Währungsunion sind daher schon längst nicht mehr das Thema; sondern es geht um die Frage: Welchen Stellenwert hat die politische Integration Europas noch auf der Agenda? Mein Eindruck ist: keinen besonders hohen. Vor diesem Hintergrund kann es tatsächlich passieren, dass der Euro demnächst von der Bildfläche verschwindet. Ganz vorstellen vermag ich mir das zwar noch nicht, aber denkbar scheint es mir durchaus.

  3.   Feedback Loop

    Vielen Dank für das interessante Zitat. Ich stimme Weissgarnix jedoch zu, dass es kaum geeignet ist, in der aktuellen Debatte um Griechenland weiterzuhelfen. Die Situation ist eine andere:

    Es geht ja nicht nur um Vertauensverlust an sich. Der hat ja seine Gründe in der Überschuldung (nicht nur Griechenlands). Das lässt sich nicht einfach durch das „Lender of last Resort“ -Prinzip lösen. Darüberhinaus findet die Debatte vor dem Hintergrund statt, dass der Steuerzahler schon in beträchtlichen Ausmaß die Gewinne des FIRE-Sektors (Banken, Versicherungen etc.) bezahlen durfte. In der Verteilungs- oder auch Gerechtigkeitsfrage liegt sozialer Sprengstoff. Der ist der Hintergrund für die von weissgarnix postulierte Fähigkeit der Bild-Zeitung, die Kanzlerin übder diese Sache stürzen zu lassen. Es kann auch nicht sein, dass sogenannte „Risikozuschläge“ „free lunch“ bleiben, indem im Zweifelsfall die Gläubiger durch Ihren Einfluss immer sicherstellen, dass am Ende bezahlt wird.
    Last but not least: Die Überschuldung Griechenlands ist akut, aber das ganze System ist weltweit überschuldet. Das Prinzip, grenzenlose Liquidität bereitzustellen funktioniert nicht ad infinitum. Schulden, die nicht bezahlt werden können (!) werden auch nicht bezahlt werden. Sie müssen daher am Ende gestrichen werden. Das ist ein einfaches ökonomisches Gesetz. Die Frage ist, welche Vermögensumverteilungen wir akzeptieren wollen, bis sich diese Einsicht am Ende durchsetzt.


  4. @weissgarnix

    Dieses sehe ich ganz anders. Hinter den Kulissen ist von Deutschland das Maximale getan worden, um den Euroraum zu retten. Die Nettoauslandsposition der Bundesbank beträgt 354Milliarden bundesbank.de/…/monatsberichte/2010/201004mb_bbk.pdf (Anhang Seite 73) und bewegt sich straff auf 50% des Nettoauslandsvermögens zu. 209Milliarden sind davon der Rettung der Europartner in der Wirtschaftskrise zuzurechnen. Diese 209Milliarden werden wahrscheinlich im Augenblick mit 1% verzinst. Mehr geht ganz einfach nicht. Bei dem Nettoauslandsvermögen ist ein Bundesbankgewinn für 2009 von 4,1Milliarden schon verdammt generös, besonders wenn man bedenkt, wie teuer wir die Einheit bezahlen mussten.


  5. Weissgarnix

    Genau deshalb halte ich die ganzen Debatten etwa über die Rating Agenturen oder die Schuld der Spekulanten heute für reine Ablenkungsmanöver. Man lebt seit dem Ausbruch der Krise schon längst in einer neuen Welt, wo ökonomische Entscheidungen letztlich nur von der Politik getroffen werden und Marktrationalität dann keine Rolle mehr spielt, wenn diese Rationalität quasi sofort in den Untergang führen würde. Die Pokerei von Merkel kann ja nur einen rationalen Grund gehabt haben: Sie war sich bewusst, dass die sogenannte disziplinierende Wirkung der Finanzmärkte auf Griechenland überhaupt nicht mehr existiert, weil diese Finanzmärkte letztlich keine Sanktionsmöglichkeit mehr haben – wie etwa noch während der Asienkrise zusammen mit dem IWF. Wenn der Markt nichts mehr rausrückt, kommt der 800 Kilo Gorilla in der Stadt, so hat das bei uns ja Stefan ausgedrückt. Die Politik kann sich also nicht wie bisher zurücklehnen und ihre Einflusslosigkeit behaupten, um damit ihre Politik durchzusetzen – etwa zunehmende Ungleichheit, Rückzug des Staates usw. Sie muss jetzt eingreifen, um das Desaster zu verhindern. Damit wird aber jedes Eingreifen zu einer politischen Entscheidung mit der entsprechenden Logik. Also muss sie gegenüber den Griechen Härte demonstrieren, selbst wenn das in ökonomischer Perspektive komplett Gaga sein sollte. Schließlich kann sie sonst ihre Politik in Deutschland nicht mehr legitimieren. Das hast Du ja geschildert.

    Eurooptimist hat bei uns eine gute Antwort auf meinen Artikel gehabt:

    “Jetzt gibt es aber nur einen einzigen Grund für diese fatale Entwicklung: Es ist die Politik selbst.” War das nicht mal das Mantra der Neoliberalen? In diesem Fall ist wohl ausschließlich die deutsche Politik gemeint, aber das ist dann doch der Vereinfachung zuviel.“

    Exakt. Die Politik der Neoliberalen bestand ja darin, die Abwesenheit der Politik zu suggerieren, obwohl diese Politik vor allem darin bestand, die Marktlogik durchzusetzen. TINA war das durchschlagende Argument. Das funktioniert natürlich nicht mehr, wenn man ganze Staaten eben mal vom Markt nehmen kann … . Dann müssen also ein paar Millionen für meine Laienmusiker auch drin sein … . Wenn man das weiter denkt, würden wir natürlich auch in Zimbabwe landen … . Das kann uns Kasper erklären … . Der Witz bei Europa ist jetzt, dass man es natürlich nicht lange durchhalten wird, wenn man etwa wie Axel Weber den Nutzen des Euro für Deutschland deklariert, aber gleichzeitig etwa zunehmende Ungleichheit durch Sparpolitik weiter eskalieren lassen will. Mit TINA braucht man niemandem mehr zu kommen. Das ist natürlich für unsere Ordnungspolitiker und die Theoretiker effektiver Märkte ein schwerer Schlag. Das passt einfach nicht in ihr Weltbild, dass unser Finanzmarkt mittlerweile eine reine Fiktion ist, der nur noch da ist, weil ihn niemand in den Orkus schicken will … . Ohne TINA stehen also politische Frage wie Gerechtigkeit und Ungleichheit auf der Tagesordnung, ansonsten kannst Du niemanden erklären, warum man etwa den Gürtel enger schnallen soll. Und Du kannst dann auch niemandem mehr den EURO erklären, wenn der deklarierte Nutzen nur bei einer Minderheit ankommt. Und in Deutschland ist die europäische Integration eben eine Frage der Ökonomie, weil die Erinnerungen an die Weltkriege verblasst. Dann landet man halt wie BILD beim Nationalismus, wenn man keinen Nutzen mehr erkennen kann.


  6. Zwei sehr gute Posts zum Thema Griechenland. Danke, Herdentrieb!

    Um zu verstehen, warum die deutsche Politik auf allerhärtester Konditionalität besteht, bedarf es aber womöglich mehr als nur einer Analyse des Boulevards. Für die deutsche Geopolitik ist der Kasus Hellas eine einmalige Gelegenheit.

    Stratfor hat eine sehr interessante und aktuelle Analyse produziert: stratfor.com/weekly/20100315_germany_mitteleuropa_redux. Für Deutschland, seit dem 2. Weltkrieg allein auf ökonomische Machtausübung beschränkt (und damit bislang ziemlich erfolgreich), kann durch Hartnäckigkeit im Fall Griechenland die eigene politische Macht innerhalb Europas ausgedehnt werden.

    Zitat Stratfor: “The paradigm that created the European Union — that Germany would be harnessed and contained — is shifting. Germany now has not only found its voice, it is beginning to express, and hold to, its own national interest. A political consensus has emerged in Germany against bailing out Greece. Moreover, a political consensus has emerged in Germany that the rules of the eurozone are Germany’s to refashion. […] But this was not the “union” the rest of Europe signed up for — it is the Mitteleuropa that the rest of Europe will remember well.”

    Unter diesen Umständen ist es erst recht unverständlich, dass die Griechen nicht freiwillig den Euro verlassen – dadurch könnten sie nur gewinnen.


  7. @f.luebberding

    „Und in Deutschland ist die europäische Integration eben eine Frage der Ökonomie, weil die Erinnerungen an die Weltkriege verblasst.“

    Glaube ich nicht, wir tun das Maximale im Hintergrund, weil wir wissen wie wichtig ein friedliches Zusammenleben mit unseren vielen Nachbarn ist. Nur im Vordergrund glaubt man diese Anstrengungen nicht mehr erklären zu können, weil viele durch auf die Wiedervereinigung folgende jahrelange Verzichtspolitik und anschließend, als es dann endlich wieder aufwärts ging, durch die unverschuldete Wirtschaftskrise gefrustet sind. Fernerhin sollte man aufhören uns unbedingt zu verkaufen, dass die EU für uns der ökonomische Renner ist, sondern klarstellen, dass das friedliche Zusammenleben mit unseren Nachbarn für uns essentiell ist und wir dafür bereit sind einen gewissen ökonomischen Obolus zu zahlen.

  8.   keiner

    „Fernerhin sollte man aufhören uns unbedingt zu verkaufen, dass die EU für uns der ökonomische Renner ist, sondern klarstellen, dass das friedliche Zusammenleben mit unseren Nachbarn für uns essentiell ist und wir dafür bereit sind einen gewissen ökonomischen Obolus zu zahlen.“

    Zahlen, damit wir die anderen Länder nicht mehr überfallen können? Sehr geil!


  9. Weissgarnix (2) hat recht, dass die zitierte Stelle aus Lombard Street nicht auf Griechenland passt. Es handelt sich um die Methode, die von China, USA und bis zu einem gewissen Grad auch Deutschland mit den Konjunkturpaketen tatsächlich bereits erfolgreich angewandt wurde.

    Griechenland hingegen hat keine Wirtschaftskrise in obigem Sinn. Es hat lediglich einen Haufen von Schulden gemacht, die es nicht bedienen kann.

  10.   Henry Kaspar

    Schon ne bisschen andere Geschichte–Bagehot schreibt ueber Bankruns, ueber Kunden die ihre (kurzfristigen) Depositen abziehen. Dies it eine Kernverwudnbarkeit einer jeden Bankm, nachdem Maturity-Transformation das Kerngeschaeft von Banken ist. Kurzfristige Verbindlichkeiten, illiquide Assets.

    Bei Griechenland geht nicht um Maturity Transformation sondern um einen ganz normalen Schuldner, der seine (groesstenteils langfristigen) Schulden nicht mehr ueberollen kann.

 

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