Lesezeichen
‹ Alle Einträge

China schießt ein Selbsttor

 

In der Financial Times gab es heute auf Seite 15 einen Kommentar von James Mackintosh, in dem er argumentiert, dass Chinas Ankündigung, die Wechselkursflexibilität zu verbessern (to „enhance„), de facto erneut darauf hinauslaufen wird, dass die Zentralbank massiv intervenieren muss, mehr als bei einem festen Wechselkurs des Yuan gegenüber dem Dollar. Recht hat er.

Grafik: Yuan/Dollar Wechselkurs - täglich

In den drei Jahren vor dem letzten Übergang von festen zu „kontrolliert flexiblen“ Wechselkursen im Juli 2005 hatten sich Chinas Währungsreserven im Monatesdurchschnitt um 13,5 Mrd. Dollar erhöht, in der dreijährigen graduellen Aufwertungsphase, die dann folgte (von 8,30 Yuan auf 6,82 Yuan pro Dollar), waren es 30,9 Mrd. Dollar pro Monat.

Grafik: Entwicklung der chin. Währungsreserven

Ich habe mir mal die neueren Reservestatistiken angesehen: Während der letzten Festkursphase, von Juli 2008 bis März 2010 (neuere Zahlen gibt es nicht) waren es 30,1 Mrd. Dollar pro Monat. Die Zuwachsrate hatte sich aber von 36,0 Prozent p.a. im Zeitraum Juli 2005 bis Juli 2008, als es ein „dirty floating“ gab, auf 18,5 Prozent p.a. abgeschwächt.

Mit anderen Worten: Bei glaubhaft festen Wechselkursen ist der Interventionsbedarf offenbar geringer als bei einem „managed float„. Wenn China also das Ziel verfolgt, von der allmählich ziemlich riskanten Gläubigerposition gegenüber den USA wegzukommen, ist der gestrige Politikschwenk genau das Falsche. Jetzt ist es natürlich richtig interessant geworden, chinesische Wertpapiere und andere Beteiligungen zu erwerben (soweit das angesichts der Kapitalverkehrskontrollen möglich ist) oder Direktinvestitionen zu tätigen. Die Gesamtnachfrage nach Yuan könnte wegen der Aufwertungserwartungen also erneut gewaltig zunehmen. Wegen der Handelsbilanzüberschüsse ist sie ohnehin schon sehr stark. Der Gläubiger China wird immer mehr zur Geisel des Schuldners USA – oder könnte es werden.

Ich vermute daher, dass es sich um nicht viel mehr als eine freundliche Geste im Vorfeld der kommenden G8- und G20-Treffen handelt. Es gibt allerdings praktisch keine Ökonomen und Politiker außerhalb Chinas, die nicht auf eine starke Aufwertung des Yuan drängen. China kann sich ihres Beifalls sicher sein. Ich gehöre allerdings nicht dazu.

Zuletzt hatte es zudem wieder einen geradezu explosionsartigen Anstieg der chinesischen Exporte gegeben, nachdem es eine Weile so ausgesehen hatte, als würde die starke Binnennachfrage zu einem Rückgang der Handelsbilanzüberschüsse führen. China befindet sich daher in der Defensive und glaubt offenbar etwas tun zu müssen, damit es nicht zu Handelsrestriktionen kommt, vor allem von Seiten der USA.

Es gibt auch ein binnenwirtschaftliches Argument: Eine stärkere Währung dämpft tendenziell die Inflation. Bei den Verbraucherpreisen hatte sich diese nämlich von -0,7 Prozent im Jahresdurchschnitt 2009 auf zuletzt 3,1 Prozent im Vorjahresvergleich erhöht und weist damit eine stark nach oben gerichtete Tendenz auf.

Grafik: Effektiver Wechselkurs des Yuan

Das mit dem erneut stark zunehmenden Überschuss in der Handelsbilanz Chinas ist meiner Ansicht nach keine ausgemachte Sache und kann nicht für den Handlungsbedarf beim Wechselkurs herhalten! Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und der Swing von einem Defizit von 7,2 Mrd. Dollar im März, einem kleinen Überschuss im April und einem Überschuss von nicht weniger als 19,5 Mrd. Dollar im Mai hat nicht unbedingt viel zu sagen. Der gleitende Durchschnitt für zwölf Monate liegt bei 12,1 Mrd. Dollar – im März 2009 hatte er bei 26,5 Mrd. Dollar seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Grafik: Chinas Handelsbilanzsaldo

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass der chinesische Handelsbilanzüberschuss sowohl absolut, aber vor allem auch in Relation zum Sozialprodukt stark rückläufig ist, auch wenn sich beim Wechselkurs nichts tut. Der Internationale Währungsfonds sagt für Chinas reales BIP bis 2015 Zuwachsraten von 9 1/2 bis 10 Prozent voraus, während die Weltwirtschaft insgesamt nur mit einer Rate von rund 4 1/2 Prozent expandieren wird. Diese gewaltige Diskrepanz reicht aus, die chinesischen Überschüsse im Verlauf des kommenden Jahrzehnts zu beseitigen, möglicherweise sogar rascher als ich mir das vorstelle, und ohne eine nominale Aufwertung des Yuan. Auch die höhere chinesische Inflationsrate wirkt in diese Richtung.

49 Kommentare


  1. @ Dieter Wermuth # 40

    Sehe ich auch so. Deswegen müssen sich Leistungsbilanzdefizitländer besonders anstrengen, damit sie nicht weiter ins Hintertreffen geraten und dieses sehe ich bei den USA eben nicht.

  2.   enigma

    @ Wermuth 40

    Es ist schön, wenn Sie Ursache und Wirkung auseinanderhalten können!

    Für Statistiker: die Investitionsquote kann nicht über der Sparquote liegen. Vielleicht noch mal nachsehen!

    Sind Sie wirklich der Meinung, daß der (Real-) Kapitalstock zu einer Verbesserung der Leistungsbilanz führt? Haben Sie die letzten 40 Jahre Entwicklungsgeschichte verfolgt?


  3. @ enigma

    Kapitalstock zu Leistungsbilanz. Sie haben recht, der Finanzmarkt zeigt Auswirkungen, die mit den klassischen Wirtschaftsansätzen nichts mehr zu tun haben. Beispiel: Deutschland exportiert mehr Kapital als durch den Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaftet wird. Trotzdem steigt der Leistungsbilanzüberschuss weiter. Die USA importieren mehr Kapital, als sie für die Deckung des Leistungsbilanzdefizits erforderlich, trotzdem sinkt die Wettbewerbsfähigkeit. Scheinbar fördert eine gewisse Kapital-, Liquiditätsknappheit erst die Anstrengung und umgekehrt.

  4.   Thomas Pittner

    @ Bernd Klehn
    „Scheinbar fördert eine gewisse Kapital-, Liquiditätsknappheit erst die Anstrengung und umgekehrt.“

    Könnte sein.
    Nur: wo ist denn „Kapital“ absolut knapp?
    Knapp ist doch nur der Fluss in reale Investitionen, weil die Schneeballsysteme mehr versprechen.

  5.   Dieter Wermuth

    @ Bernd Klehn (#41)

    Es kann ja reichen, wenn die Bedingungen für Kapitalimporte attraktiv sind (Reservewährung, tiefer und gut organisierter Kapitalmarkt, freundliches Umfeld für Unternehmensgründer und Direktinvestoren, einklagbare Eigentumsrechte) – dann macht es auch nichts, wenn ein Land jahrzehntelang Schulden gegenüber dem Ausland anhäuft. Das erfordert aber zudem, dass die Schulden auf die eigene Währung lauten und der Wechselkurs abgewertet werden kann.

    Gruß, DW

  6.   Dieter Wermuth

    @ Thomas Pittner (#39)

    Aus volkswirtschaftlicher Sicht sollte Kapital (also Ersparnisse) immer dahin wandern, wo es die besten Ertragschancen gibt, also von den kapitalreichen in die kapitalarmen Regionen. Dass das „Wasser vielfach bergauf fließt“, also von China in die USA, ist eigentlich eine Anomalie. Das hat was mit Kapitalverkehrsbeschränkungen, merkantilistischen Entwicklungsmodellen, gewaltigen Unterschieden in den nationalen Sparquoten und vermutlich noch mit vielen anderen Dingen zu tun.

    Gruß, DW

  7.   Dieter Wermuth

    @ enigma (#42)

    Natürlich kann die Investitionsquote in einem Land über der Sparquote liegen – die Differenz ist einfach das Defizit in der Leistungsbilanz.

    Gruß, DW

  8.   Dieter Wermuth

    @ Thomas Pittner (#44)

    Kapital ist immer da, wenn gespart wird. Wie es an die Investoren kommt, ist eine andere Sache – die Mittelsmänner schöpfen mal mehr oder weniger davon ab – ihre Gewinne sind dann wieder aus volkswirtschaftlicher Sicht Einkommen, und was sie nicht ausschütten, sind wiederum Ersparnisse.

    Gruß, DW


  9. @Dieter Wermuth #45

    Attraktiver Kapitalimport

    „Das erfordert aber zudem, dass die Schulden auf die eigene Währung lauten und der Wechselkurs abgewertet werden kann.“

    Selbst dieses nützt nichts, denn auch so wächst die Nettoauslandsverschuldung am BIP und es droht die Pleite. Was wirklich hilft, sind Kapitalverquickungen. Ich verkaufe den Auslandsanlegern Schrott und kaufe mich im Ausland mit wertvollen Teilen ein. Nur so sind die Kapitalmarktgewinne der USA entstanden. Selbst nach Ihrem Szenario hätten die Nettoauslandsschulden der USA seit 2001 rasant steigen müssen.
    Für diese neue Strategie, die seit 2001 möglich ist, muss ich aber zuerst erheblich mehr Kapital einsammeln, als ich zur Leistungsbilanzdeckung brauche.

 

Kommentare sind geschlossen.