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Europa 2011 = Europa 1931

 

Ein Land steht vor dem wirtschaftlichen und politischen Abgrund. Der Staat steht vor dem Bankrott und die Regierung spart drakonisch: Sie kürzt heftig bei den öffentlichen Bediensteten und erhöht kräftig die Steuern; die Wirtschaft schrumpft dramatisch, und die Arbeitslosigkeit steigt; in den Städten kommt es zu Massendemonstrationen und zu Straßenschlachten; die Banken stehen vor dem Kollaps, weil die internationalen Kapitalgeber ihr Geld aus dem Land abziehen; Banken müssen mit öffentlichen Mitteln vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Griechenland 2011? Nein, Deutschland 1931.

Der Regierungschef heißt nicht Papandreou, sondern Heinrich Brüning. Der Kanzler setzt am Volk vorbei per Notdekret eine staatliche Kürzung nach der anderen durch, während das Bruttoinlandsprodukt ins Bodenlose fällt. Wir wissen: Zwei Jahre später wird Hitler die Macht übernehmen, acht Jahre später der zweite Weltkrieg ausbrechen. Die politischen Verhältnisse sind heute Gott sei Dank nicht die gleichen, die wirtschaftlichen aber umso mehr.

Deutschland hatte 1931 vor allem Schulden im Ausland – wie Griechenland. Der größte Gläubiger Deutschlands waren die USA, die Schulden in Dollar denominiert. Deutschlands Staat und Wirtschaft hatten sich seit 1924 – nach dem Dawes-Plan – Dollar in den USA geliehen, vor allem um die Reparationen gegenüber Frankreich und Großbritannien zu bezahlen. Die Kredite aus dem Ausland finanzierten auch den deutschen Aufschwung nach der Hyperinflation der frühen 20er Jahre: Die berühmten Goldenen Zwanziger waren durch eine Kreditblase finanziert, ganz ähnlich den wirtschaftlichen Aufschwüngen Spaniens, Irlands oder Griechenlands vor der Finanzkrise 2008 ff.

Dann kam die Finanzmarkt-Krise in den USA. Am Schwarzen Freitag 1929 brachen die Aktienmärkte zusammen. Die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung stieg dramatisch, und immer mehr US-Anleger und Banken überprüften ihr Portfolio und beschlossen, ihre Risiken zu minimieren – vor allem ihr Engagement im fragilen Europa. Sie begannen, ihre Gelder aus Europa, vor allem aus Deutschland, abzuziehen, und vergaben keine neuen Kredite mehr.

Die US-Anleger wollten aber keine Reichsmark, sondern Dollars – eine Währung, die die Reichsbank nicht drucken konnte. Zusehend schwanden damit die Dollarreserven der Reichsbank; und Deutschland musste seine Leistungsbilanz von einem Defizit in einen Überschuss verwandeln, um die notwendigen Dollar zu verdienen. Wie aber sollte es das schaffen? Wie Griechenland heute war auch Deutschland damals in einem Währungskorsett. Deutschland hatte seine Währung an den Goldstandard gebunden und konnte seine Währung nicht abwerten. Also mussten Kosten und Löhne runter – die Menschen mussten von jetzt auf gleich ihre Ausgaben vor allem für Importe massiv drosseln, und die Unternehmen mussten schnell mehr exportieren, um die nötigen Dollar-Devisen zu verdienen.

Doch die harte Deflationspolitik konnte das Vertrauen der Finanzmärkte nicht wieder herstellen: Die amerikanischen Investoren streikten weiter, die deutsche Wirtschaft sackte ein und damit auch die Steuereinnahmen des Staates; gleichzeitig machten die USA ihre Märkte mit den Smoot-Hawley-Zöllen dicht, um ihre Wirtschaft vor ausländischen Importen zu schützen; darüber hinaus verringerte die Große Depression in den USA die Nachfrage nach Importen massiv. Das traf alle Länder, die mit ihren Exporten Dollar verdienen mussten, um ihre Schulden in Dollar bezahlen zu können.

Damit hatten die Dollar-Schuldner – unter ihnen auch Österreich und Ungarn – weder die Möglichkeit, sich Dollar zu leihen, weil die US-Banken streikten, noch sich Dollar auf dem US-Markt zu verdienen. Aus innenpolitischen Gründen wollten sich die USA aus Europa fernhalten; die US-Zentralbank hätte ohne Probleme Kredite vergeben können, doch sie wurde politisch davon abgehalten.

Das Abfließen des ausländischen Kapitals aus Deutschland führte zu massiven Bankenpaniken im Jahr 1931, darüber hinaus zur Verstaatlichung vieler Banken und zu einer massiven Kreditklemme, die besonders kleine und mittelständische Unternehmen hart traf. Die Wirtschaft schrumpfte noch mehr, die Arbeitslosigkeit stieg auf dreißig Prozent. Deutschlands Devisen-Reserven gingen zu Neige, es konnte seinen Wechselkurs nicht mehr verteidigen; es verließ den Goldstandard und wertete seine Währung ab. Damit konnte sich die deutsche Wirtschaft aber keine Luft verschaffen. Weiterhin brauchte der Staat Dollar, und aus den USA waren keine zu haben; die Schulden blieben die gleichen. Deutschland musste 1931 seine Banken schließen und den Schuldendienst einstellen. Nach der desaströsen, aber ohne Hilfe von außen fast unvermeidbaren Politik Brünings kam 1933 Hitler an die Macht. Der weitere traurige Verlauf der Geschichte ist bekannt.

Die Parallelen zu heutigen Situation sind erschreckend: Griechenland, Irland, Portugal und mittlerweile Italien müssen unter dem Druck der internationalen Finanzmärkte massiv sparen; die Arbeitslosigkeit in Griechenland steht bei 18 Prozent, in Spanien gar bei 22 Prozent. Und diejenigen, die wirklich helfen könnten, helfen nicht oder zu wenig: vor allem Deutschland und die Europäische Zentralbank (EZB). Viel wäre 1931 für Deutschland gewonnen gewesen, wenn die USA die notwendigen Kredite an deutsche Banken und den Staat vergeben hätten. Die politische Radikalisierung hätte vielleicht verhindert werden können. Aber die USA waren politisch gehemmt und wollten sich nicht in innereuropäische Angelegenheiten einmischen. Vor allem wollten sie um jeden Preis ihre Schulden eintreiben, ohne jedoch Deutschland und anderen Schuldnerländern die Möglichkeit zu geben, die notwendigen Devisen dafür erwirtschaften zu können.

Heute ist es Deutschland, dessen Regierung und Parlament nur bereit sind, sich mit einer Bürgschaft über maximal 233,4 Milliarden Euro an Finanzhilfen für Krisenländer zu beteiligen. Das ist schlicht zu wenig, um das Finanzsystem im Euroraum zu stabilisieren. Die Garantien für das deutsche Bankensystem aus dem Jahr 2008 beliefen sich allein auf 480 Milliarden Euro.

Heute ist es Deutschland, dass durch seine Leistungsbilanzüberschüsse und seine Opposition gegen eine Überschussreduktion den Krisenländern keine Möglichkeit gibt, genug Einkommen zu erwirtschaften, um ihre Schulden zu bedienen; heute ist es Deutschland, das jede Politik der Zentralbank zur Unterstützung der Staatsfinanzierung kategorisch ablehnt. Deutsche Ökonomen rechtfertigen die Zurückhaltung der Zentralbank mit der Hyperinflation von 1922 und 1923; die Situation der Krisenländer aber ist die der deutschen Deflation von 1929 ff.

Diese Fehl-Einschätzung kann sich bitter rächen: Das Ansehen Deutschlands etwa in Griechenland oder Spanien ist massiv gesunken; die politischen Spannungen in den Ländern mit Rekord-Arbeitslosigkeit steigen; der Zusammenbruch des Euroraums würde vor allem die deutsche Industrie hart treffen und auch in Deutschland zu Massenarbeitslosigkeit führen.

Die USA lernten nur durch einen Weltkrieg, dass sie nicht mit aller Macht ihre Schulden eintreiben können, dass der Gläubiger es dem Schuldner ermöglichen muss, seine Schulden zu bedienen. Nach ihrem Versagen in den 20er Jahren wussten sie ab 1945, dass sie ihrer politischen Pflicht für eine friedliche Welt mit Transfers gerecht werden mussten: Der Marshall-Plan war ein großes Transferprogramm – keine Kredite – , der es den vom Krieg zerstörten Ländern erlaubte, ihre Wirtschaften wieder aufzubauen. Das erhöhte auch die US-Exporte etwa für Investitionsgüter; die USA öffneten ihren Markt für europäische Importe, so dass Europa Dollar für die Schuldenrückzahlung verdienen konnte. Das internationale Handels- und Währungssystem der westlichen Welt garantierte bis in die 70er Jahre ökonomisches Wachstum, einen freien Markt mit sozialem Ausgleich – direkte Folgen davon, dass die USA aus ihren Fehlern der Zwischenkriegszeit gelernt und danach gehandelt haben.

Die deutsche Politik und Öffentlichkeit sollten von den USA der Nachkriegsjahre lernen, dass nur Großzügigkeit helfen kann, eine Schuldenkrise zu lösen. Und anders als Unternehmen lassen sich Staaten nach einem Bankrott nicht auflösen – was bleibt ist wirtschaftlicher Niedergang und Misstrauen zwischen den Nationen. Es gilt weiterhin: Wer nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen, ist dazu gezwungen, sie zu wiederholen.

145 Kommentare

  1.   Wagnaldo

    Man müsste gar kein Geld drucken.

    Man müsste es sich nur da holen, wo es aufgrund der Steuerpolitik und -hinterziehung sowie der Bankenrettung hinversackt ist.

    Die Geldvermögen nehmen in Deutschland schneller zu als die Staatssschulden. Über Griechenland mit seiner noch schieferen Vermögensverteilung brauche ich gar nicht mal anzufangen.

    Wahrscheinlich könnte man mit einer europaweiten, entschlossenen Besteuerung von großen Vermögen, großen Unternehmen, Finanzmarkttransaktionen und Kapitalerträgen genügend Geld einnehmen, um die nächsten 25 Schuldenkrisen zu beheben, ohne dabei das Mantra „Sozialabbau, Privatisierung“ zu murmeln.

  2.   Knut Seezer

    Ach, so einfach geht das? Na, dann machen wir das doch!;-)

  3.   PBUH

    >Vielleicht zur Abwechslung mal ein paar Realitäten:

    Realitäten ?

    Glauben sie etwa Merkel und ihre Luschentruppe bekommen hier auch nur eine einzige der durchaus berechtigten Forderung durch.

    Diese Sprüche sind nix als ein Placebo für die Parteibasis, die droht nämlich diesen ganzen Rettungsschwachsinn nichtmehr mitzutragen.

    Europa dient einzig unseren „Freunden“ und „Partnern“ dazu Deutschland auszusaugen, das erkennen zum Glück immer mehr Leute.

  4.   Rebel

    Amtssprachen gibt es 23 :

    Etwas Tempo aufnehmen wäre belebend:

    http://www.google.de/ig?hl=de&source=iglk#max9

    und über die UBS kann der Weber noch etwas Kohle der IG Farben dem Steuersäckel herüberschicken 😉

  5.   enigma

    @ Rebel

    Beratungstisch? Es sieht so aus, als würde es demnächst mal verläßlich werden. Nur da spielt Dänemark keine Rolle!

    Vielleicht zur Abwechslung mal ein paar Realitäten:

    german-foreign-policy.com/de/fulltext/58202

  6.   Rebel

    @ enigma

    Das abschliessende Merkmal der Übereinstimmung des politischen Relevanzkonzepts von Eulau ist von den „Vollspacken“ im EU-Rat (27), in EU-Kommission, EU-Parlament, der EURO-Gruppe (17), dem IWF, der EBRD praktisch durch Abstimmungsregeln umzusetzen und einzuhalten. Damit entsteht Vertrauen, Verlässlich- und Verbindlichkeit für die Betroffenen Bürger.
    So wird ab Januar Dänemark diesen Prozeß als EU-Ratsvorsitzendes Land, Nation, Staat, Volk ein halbes Jahr moderieren.
    Das ist gelebtes Europa. Volksbefragung und Wahlen sind dabei inbegriffen.
    Konkrete Verfassungsformlierungen sind gefragt – rauf den Beratungstisch!

    Beispiel:
    ecb.int/ecb/legal/pdf/en_statute_from_c_11520080509en02010328.pdf


  7. zu 131. – free_speech betreff Handelsbilanz Griechenlands

    Ich weiß nicht, woher Sie die Zahlen über das Handelsbilanzdefizit haben.

    Wenn sie einmal hier reinschauen: europa-auf-einen-blick.de/griechenland/export.php, so finden Sie ein ganz anderes Bild.

    Das Fazit heißt:“Jahrelang liegt ein großes Handelsbilanzdefizit vor (sehr negativ).“

    Die schlechte Produktivität und die mangelnde Leistungsfähigkeit der griechischen Wirtschaft ist ein Fakt. Und dies ist ein wesentlicher Teil der Ursache der jetzigen Misere. Ein anderer wichtiger Grund ist der staatliche Schlendrian und die Fettlebe des States.

  8.   Rebel

    @ enigma
    thanks alot;
    studiert und gefühlt wie im Seminar bei Heinz Sahner vor über 20ig Jahren als wir gegen die geplanten Studiengebühren erfolgreich „demokratisierten“!
    Nur wer kämpft kann gewinnen :
    „Alle wollen das eine, Cassens in die Leine, wir noch mehr, Allbrecht hinterher.“ 😉 Und jetzt ist seine Zensursula die grosse Hoffnung als Nachfolgerin für Anschäla – liegt wohl an den „Verbindungen“ zu Abgeordneten – Erfolg, Macht, Herrschaft garantiert?


  9. @120 creditcrunch:
    „Der Zins bildet sich frei am Markt. Das hat nun gar nichts mit Spekulation zu tun. Leben wir über unsere Verhältnisse, dann wird´s halt teurer. So schnellt ihr Girokonto vom Dispo eben auch von 10 oder 11% auf über 16%, wenn Sie immer weiter überziehen.“

    Wie kommt es dann, daß die Spreads auf griechische Anleihen erst in den letzten zwei Jahren auf solche Höhen schnellten, obwohl die griechische Verschuldung bereits seit vielen Jahren bekannt waren?

    „Nebenbei bemerkt: Deutschland refinanziert sich zu Zinssätzen auf Rekordniveau – und das bei REKORDVERSCHULDUNG. Dies nur deshalb, weil wir in den vergangenen 10-15 Jahren reale Einkommenverluste der Arbeitnehmer verzeichnet und damit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den andern Ländern in der EU haben. Sollte der Export einbrechen, weil z.B. andere Euro-Länder nicht mehr zahlen können oder wollen, so haben wir eben eine brachliegende Binnenkonjunktur.“

    Ja warum können die nicht mehr zahlen? Weil wir sie durch unser Lohndumping in den letzten Jahren zur Verschuldung gezwungen haben.

    „Letztlich geht es nur um ein Thema:
    Nicht Geld muss gedruckt werden, sondern moderat gespart werden, die Staatsquote vor allem zurückgefahren werden, um privates Investment attraktiv zu machen.“

    Wie soll das gehen: Deutschland spart (weiterhin) gegen die europäischen Handelspartner, Griechenland spart gegen alle anderen, Italien spart gleichfall gegen alle usw.?

    „Das alles hat gar nichts mit Spekulanten zu tun. Man stelle sich nur mal vor, wer sonst als die Banken nehmen die Anleihen den Staaten ab? Im Grunde muss doch der Druck auf die Länder endlich zunehmen, nicht mehr so viele Anleihen auszugeben, d.h. auf Pump Wachstum, das gar nicht da ist, zu finanzieren. Und genau das geschieht im Moment an den (Anleihe-)märkten.“

    Länder können dann auf Anleihen, respektive auf Neuverschuldung, verzichten, wenn sie ausreichend Steuern einnehmen. Das verträgt sich allerdings nicht mit den Steuersenkungsorgien der letzten Jahre und den Wettbewerb um die niedrigsten Steuersätze.


  10. @jemand
    „Die deutsche Regierung hat in der Vergangenheit auch oft genug erwähnt, dass es Schwarzgeldkonten von Wohlhabenden in der Schweiz gibt – zumindest oft genug, damit sich die Schweizer gemobbt fühlen und es zu ernsthaften Streitereien mit der Schweizer Regierung gekommen ist. Vielleicht nicht im Zusammenhang mit den Griechen, aber im Zusammenhang mit den Deutschen. “

    Dei Frau Merkel oder der Herr Schaeuble haben noch NIE etwas ueber Gelder in der Schweiz gesagt, die die Griechen dort verstecken. Nicht das ich wuesste. Das ist doch der Kern zur Problemloesung. Jedes kleine Junge weiss bescheid, dass da das Geld ist, aber Merkel und Schauelbe anscheinend nicht. Die lassen lieber den deutschen Steuerzahler Griechenland retten, anstatt zu fordern, dass man das griechische Geld aus der Schweiz nehmen sollte. Das Geld dort, (280 Mrd Euro – 80% der Staatschulden Griechenland liegen in Bankkonten reicher Griechen in der Schweiz) und anderswo im Ausland muss besteuert werden.

    Das Problem ist nicht, dass die Schweizer das erlauben, sondern dass weder Deutschland noch die Griechen ernsthaft was dagegen unternehmen.

    Zum Beispiel koennte man einfach eine „Auslandsanlagensteuer“ erfinden. Jedes Geldanlagevermoegen im Ausland wird mit 5% pro Jahr versteuert. Deutschland besteuert so deutsche Vermoegen in der Schweiz, Griechenland griechische Vermoegen in der Schweiz. Sowas muss langsam mal kommen.

    So eine Steuer haette uebrigends auch die Eurokrise verhindert, da keiner der griechischen Regierung oder spanischen Banken Geld geliehen haette aus dem europaeischen Ausland, denn sie haetten 5% Zinsen eingebuesst.

 

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