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Klarheit über Target-Salden – Ein offener Brief von Hans-Werner Sinn

 

Von Anfang an haben wir im HERDENTRIEB die Target-Debatte ausführlich und kritisch begleitet. Nun äußert sich mit Hans-Werner Sinn ihr geistiger Vater hier im Blog. Er nimmt Mark Schieritz gestrigen Beitrag („Hatte Hans-Werner Sinn doch recht?“) zum Anlass auch unseren Lesern den vertrackten Sachverhalt „noch einmal klar zu legen“. Für die offene Debatte möchten wir Ihm ausdrücklich danken.

Hier also der Brief von Hans-Werner Sinn:

Lieber Herr Schieritz,

ich habe lange zu Ihren Ausführungen geschwiegen, möchte nun aber doch auf ihren letzten Blog antworten, damit sich nicht wieder Fehlinterpretationen verbreiten wie schon im Frühsommer. Ihr Text erweckt den Anschein, ich hätte von meiner Aussage Abstand genommen, dass die Target-Salden Kredite messen, die aus Deutschland in die peripheren Länder fließen. Sie messen natürlich solche Kredite.

Wahr ist freilich nicht, dass damit eine Kreditklemme in Deutschland entsteht. So hatten Sie mich seinerzeit interpretiert, aber diese Interpretation war nicht richtig. Ich habe nie verstanden, woher sie kam. Wenn es unscharfe Formulierungen meinerseits waren, bitte ich um Nachsicht. Zeitungsartikel sind manchmal kurz. Ich hatte gehofft, dass die Interpretationsprobleme spätestens mit dem Working Paper mit Timo Wollmershäuser vom Juni 2011 ausgeräumt waren.

Ein Kreditfluss von Deutschland in die peripheren Länder ist nicht dasselbe wie eine Kreditklemme in Deutschland. Er bedeutet aber sehr wohl, dass ein Teil der Verfügungsrechte über Güter, die man durch Ersparnis an andere Personen abtritt, nicht auf dem deutschen Kapitalmarkt, sondern auf den Kapitalmärkten der südlichen Länder anlandet. Die Target-Kredite messen aus ökonomischer Sicht keinen grundsätzlich anderen Typ von grenzüberschreitenden Krediten als Kredite des Luxemburger Rettungsfonds EFSF, die in Deutschland aufgenommen und dann an die Krisenländer weitergeleitet werden. Auch solche Kredite rufen in Deutschland normalerweise keine Kreditklemme hervor, wenngleich sie Verfügungsrechte über Güter international umverteilen. Die Kredite, die dem deutschen Kapitalmarkt entzogen werden, müssen abgesehen von keynesianischen Selbstfinanzierungseffekten, die in der Zeit nach Lehman eine Rolle gespielt haben, zu Lasten des deutschen Konsums, zu Lasten der deutschen Investition oder zu Lasten des deutschen Kapitalexports in Drittländer gehen. Es gibt aber Effekte auf die Zinsniveaus, die die Investitionen beeinflussen. All das haben Timo Wollmershäuser und ich selbst in dem genannten Working Paper vom Juni 2011 bereits ausgeführt (siehe bes. S. 29).

Lassen Sie mich für Ihre Leser den Versuch unternehmen, den Sachverhalt in möglichst einfachen Worten noch einmal klar zu legen. Bis zur Krise floss billiges privates Kreditgeld (z.B. von Banken oder Versicherungen) in die Peripherie und finanzierte den Geldabfluss aus diesen Ländern zu uns, mit dem Waren bei uns gekauft wurden. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise versiegte der private Kreditstrom aus Deutschland heraus. Die Länder der Peripherie holten sich das fehlende Kreditgeld aus der (elektronischen) Notenpresse der eignen Zentralbanken. So konnten sie unsere Waren weiter kaufen. Zunehmend haben sie auch Fluchtgeld mit der Notenpresse kompensiert. Die Banken Deutschland, Luxemburgs und Hollands zogen nämlich auch ihre bereits verliehenen Kreditbestände zurück.

In Deutschland versuchten die Banken, das sich aufstauende Geld an die Bauherren und die Wirtschaft zu verleihen, was den Investitionsboom erklärt, aber durch den Verleih verschwand das Geld ja nicht, sondern wechselte nur die Konten. Deshalb haben die deutschen Banken das überschüssige Geld bei der Bundesbank angelegt oder von dort weniger Kreditgeld für eigene Zwecke bezogen: Der Netto-Refinanzierungskredit der Bundesbank und das damit geschaffene Geld wurde eins zu eins durch das aus der Peripherie nach Deutschland fließende Geld verdrängt. Kurzum, Geld wurde im Süden über das Maß hinaus gedruckt, das für die eigene Geldversorgung benötigt wurde, um Gütern bei uns zu kaufen und Schulden zu tilgen, und dann hat die Bundesbank das hereinströmende Geld geschreddert (alles natürlich nur elektronisch).

Die Target-Salden messen direkt den Nettogeldstrom aus der Peripherie in den Kern des Eurogebietes und indirekt auch die Verlagerung der Zentralbankkredite vom Kern in die Peripherie. Sie führen zu Forderungen und Verbindlichkeiten der Notenbanken der einzelnen Länder gegenüber dem Eurosystem. Die treffendste Kurz-Heuristik für die Target-Forderung der Bundesbank ist, dass sie zeigt, in welchem Umfang die Bundesbank ihre Notenpresse verliehen hat.

Indem das Zentralbankensystem das Nachdrucken des abfließenden Geldes in der Peripherie erlaubte, wurde dort auf den Kapitalmärkten mehr und bei uns weniger Kredit angeboten, als es ohne diese Politik in der Krise der Fall gewesen wäre. Gleichwohl gab es in Deutschland natürlich per Saldo mehr Kredit als ohne die Krise, weil die Kreditverlagerung durch das EZB-System die Umlenkung der privaten Kapitalströme nach Deutschland nur bei den kurzfristigen Krediten hat kompensieren können.

Mit freundlichem Gruß
Ihr
Hans-Werner Sinn

65 Kommentare


  1. @H.W. Sinn:
    „Ein Distrikt, der mehr Güter importieren will, als er exportiert, muss sich dafür in anderen Distrikten einen privaten Kredit besorgen oder die District-Fed muss marktgängige Vermögensobjekte hergeben, um den Kapitalimport durch das Zentralbankensystem zu Marktkonditionen zu realisieren, und ein Distrikt, dessen Bürger per Saldo Vermögensobjekte in anderen Distrikten erwerben wollen, muss dafür
    mehr Güter exportieren, als er importiert. Mit dem bloßen Anwerfen der Geldpresse, wie im Euroraum, darf er seine Wünsche jedenfalls nicht befriedigen.

    Wir empfehlen der Europäischen Union, die US-amerikanischen Regeln in
    diesem Punkte zu übernehmen, wobei wir Übergangsregeln für überschuldete Staaten für notwendig halten.“

    Was soll das denn für Europa bringen, Herr Sinn? Solange die diesen Target2-Kapitalströmen unterliegenden Ursachen, nämlich die massiven Leistungsbilanzungleichgewichte und die in direkter Beziehung dazu stehende öffentliche wie p r i v a t e Verschuldung der Wirtschaftssubjekte in diesen Ländern in der Fremdwährung Euro, nicht beseitigt wird, solange werden solche Maßnahmen notwendig sein, um den Kollaps der entsprechenden Volkswirtschaften zu verhindern. Aus Ihrem Papier geht auch eindeutig hervor, daß dieses Mittel in seiner Zeitdauer und Wirksamkeit begrenzt ist.

    In den Vereinigten Staaten ist die FED der Lender of last resort für die einzelnen Distrikte des Zentralbanksystems. Es gibt eine Bundesregierung, die in Abstimmung mit der Zentralbank FED alle fiskalischen Maßnahmen auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten beeinflussen kann. Der Dollar ist für die USA eine Eigenwährung, im Gegensatz zum Euro, der für alle Mitgliedstaaten des Euro-Raums eine Fremdwährung darstellt. An diesem Manko wird letzten Ende auch der Euro-Raum in seiner heutigen Form zerbrechen, sollte nicht noch ein Wunder geschehen. Denn die Maßnahmen, welche die von mir oben genannten Mankos beseitigen, rühren direkt an die nationalstaatliche Souveränität der europäischen Einzelstaaten, was einerseits die Fragen der Steuergesetzgebung wie auch der konkreten Wirtschafts- und Finanzpolitik angeht. Es müßte ein Abtretung dieser Hoheitsrechte oder großer Teile davon an eine gemeinsame europäische Regierung erfolgen, und nach all dem, was man erlebt hat, sind weder Griechenland noch die anderen GIPS dazu bereit, und auch hier in Deutschland kann ich nur allerschärfsten Widerstand in Bevölkerung dazu entdecken. Die lauthals kolportierten Sprüche insbesondere des Finanzministers Schäuble dürfen hier nicht überbewertet werden; ganz so blind und abgehoben ist selbst die deutsche Politik nicht, daß sie nicht inzwischen bemerkt hätte, wie sie sich mit diesen „Eurorettungsmaßnahmen“ das eigene Grab schaufelt.

  2.   Rebel

    Eine Währung in den Händen erfordert das Denken eines gemeinsamen Marktes und das Handeln einer Regierung. Sprachen und Kulturen sollen verbinden und nicht trennen.
    Das ist unsere herausfordernde Aufgabe.

  3.   Rebel

    @ spine_dottore

    „genauer“ hat bei kantoos belegt, das die negativen deutschen Zinsen ein überraschender Wochenenddeal waren 😉

    Daher bitte keine voreiligen Generalisierungen riskieren.

  4.   ergo sum

    Alle diese Vergleiche mit der US-Fed sind wirklich sinnlos. Das geniale System der zwölf die Staatengrenzen überschreitenden Distrikte des Federal Reserve Systems, die ihre Salden gegeneinander ausgleichen können, bleibt Euroland leider permanent verschlossen — daher das Ungleichgewicht, die Wurzel alles Euro-Übels. Aber ein dem US-System entsprechender europäischer „Fed-Distrikt“, welcher z.B. ein Drittel Deutschlands Polen oder Belgien zuschlagen würde, ist nun mal nicht vorstellbar, geschweige denn realisierbar.

  5.   Hans-Werner Sinn

    Nachdem ich etwas genervt feststelle, dass der Kommentar, den ich in das Antwortfeld schrieb, verschwunden ist, weil ich in den Kommentaren zwischendurch hochblätterte, probiere ich es hier nochmal. Vielen Dank jedenfalls für alle Kommentare. Ich kann sie leider nicht alle beantworten, weil mir die Zeit fehlt.

    Kantoos
    Die Übertragung von griechischen Assets auf die Bundesbank reicht keineswegs. Man muss entweder Assets übertragen, die mit Realpfändern besichert sind oder, besser noch, Assets, die man nicht schaffen kann wie in den USA. Die EZB behauptet immer, dass sie ausreichende Sicherheitsabschläge macht, ohne zu veröffentlichen, wie groß die sind. Aber heute sträubt sie sich mit Händen und Füßen gegen die Beteiligung an den Abschreibungen auf griechische Papiere. Warum wohl? Weil ihre Sicherheitsabschläge viel zu klein waren und sie die Verluste nicht zeigen will. Sie hätte die griechischen Staatspapieres schon lange nicht mehr nehmen dürfen, denn die haben ja kein Investment Grade mehr. Dadurch dass sie es doch tat, sind wir heute im fünften Jahr der Totalfinanzierung der gigantischen griechischen Leistungsbilanzdefizite mit öffentlichen Mitteln, EZB-Krediten oder Rettungsgeldern. Die Finanzierung durch die Notenpresse darf nur gegen Hinterlegung wirklich sicherer Assets erlaubt sein, weil der Zins, den die EZB verlangt, keine Risikoprämie enthält. Alles andere geht schief.

    jmg
    Mit Löschen hatten wir das Löschen der bezahlten Salden gemeint. Das ist logisch nicht ganz dasselbe wie glattstellen. Ich will mich aber nicht in Semantik üben. Ihr Hinweis auf den US-Blog ist nützlich, weil er weitere Details der Berechnung der zu bezahlenden Target-Salden offenbart. Wir haben uns bislang zu diesen Details nicht geäußert. Wichtig ist, dass die Salden einmal im Jahr durch Übertragung sicherer, echter Assets zu bezahlen sind. In der Tat gibt es immer noch einen Rest. Das finde ich weniger schlimm als Sie, denn eine Art Kontokorrentkredit sollte es schon geben. Nur darf er nicht grenzenlos sein. Mindestens brauchen wir, wie Helmut Schlesinger es vorschlägt, ab einer bestimmten Höhe Strafzinsen. Die 300 Mrd. Dollar sind im Übrigen nicht mit den 300 Milliarden Euro bei der Bundesbank von vor einem Jahr vergleichbar. Erstens beziehen Sie sich auf das Gesamtsystem. Sie müssten in Europa zum Vergleich noch die Target-Forderungen von Finnland, Holland und Luxemburg hinzurechnen. Zweitens sind Dollars nicht Euros. Drittens ist das US-BIP größer als das Euro-BIP. Ich hatte ja schon darauf hingewiesen, dass die europäischen Salden relativ zum BIP mehr als vier Mal so groß wie die amerikanischen sind.

    Fabian Lindner
    Sie zitieren die folgende Aussage und führen sie als Beleg für die Kreditklemmeninterpretation an: „Da nach der Überweisung in Deutschland zu viel Zentralbankgeld im Umlauf ist, kann die Bundesbank nur entsprechend weniger an die deutschen Geschäftsbanken verleihen. Die Bundesbank verzichtet also auf eine innerdeutsche Kreditvergabe zugunsten einer Kreditvergabe über die irische Notenbank [meine Hervorhebung].“ Diese Aussage ist vollkommen korrekt. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie Sie hier herauslesen wollen, dass ich für Deutschland eine Kreditklemme behauptet hätte. Mit dem Begriff Kreditklemme meint man, das der Nachfrager nach Krediten beschränkt ist, nicht der Anbieter, und der von Ihnen zitierte Satz sagt ja nun eindeutig, dass der Anbieter, nämlich die Bundesbank, beschränkt ist. Ähnliches gilt für ihre zweites Zitat. Die Banken schwimmen in Geld und Kreditmitteln, die sie vergeben könnten, weil sich keiner mehr aus Deutschland heraustraut. Deswegen kann die Bundesbank ihre Refinanzierungskredite nicht mehr loswerden, und deswegen der deutsche Investitionsboom. Ich wiederhole mich hier. Bitte lesen Sie das Working Paper ganz genau. Da steht alles drin.

    Henry Kaspar
    Ich weiß nicht, was Sie genau meinen, wenn Sie sagen, hinter einer Bank in den USA stünde die Bundesregierung. Fest steht, das Fed-System gehört den privaten Geschäftsbanken. Die Geschäftsbanken eines Distrikts sind Eigentümer ihrer District-Fed, und die District-Feds haben sich ein Federal Reserve System mit einer Clearing-Instanz geschaffen. Natürlich ist alles stark reguliert und unter staatlicher Kontrolle, aber eben nicht staatlich. Die Distrikte decken sich nicht einmal mit Staatsgrenzen. Die Unabhängigkeit von der Politik ist einer der Gründe, warum es in den USA bislang nicht gelungen ist, die District-Feds zum Finanzier von Bundesstaaten zu machen.

    Spine Dottore
    Der Investitionsboom in Deutschland hat nicht nur mit den Exporten zu tun. Haupttreiber sind die Kapitalanleger, die wegen der Finanzkrise wieder den sicheren Hafen suchen. Wie sonst käme der Boom im Wohnungsbau zustande oder der exorbitante Anstieg der Preise landwirtschaftlicher Grundstücke? Es ist eines der Hauptgesetze des Kapitalismus, dass die Wirtschaft dort brummt, wo das Kapital hinfließt, und in die Flaute geht, von wo es wegläuft. Das Boom-Gebiet kriegt ein Defizit in der Leistungsbilanz, das Flaute-Gebiet einen Überschuss. Das erklärt die deutsche Geschichte unter dem Euro bis zur Krise und danach. Im Moment findet gerade der Regimewechsel statt. Deutschland boomt im Inneren wegen der Investitionsgüternachfrage, die Importe steigen, und wegen steigender Löhne werden die Exporte wieder gedämpft. Diese Grundsituation könnte den Rest des Jahrzehnts bestimmen, es sei denn wir knüpfen zu großzügige Rettungsschirme über die EZB oder den Luxemburger Fonds und geben dem deutschen Sparkapital beim Verlassen des Landes Geleitschutz. Dann bricht unser Boom wieder zusammen, und die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte werden perpetuiert.

    Vielen Dank allen. Ich verabschiede mich nun aus der Diskussion.
    Ihr
    Hans-Werner Sinn

  6.   Rebel

    Zeit-Sinn – Sinn-Zeit

    Die Zeit fehlt nicht Ihnen – sie fehlen der Zeit 😉

  7.   Fabian Lindner

    @ HWS

    „Mit dem Begriff Kreditklemme meint man, das der Nachfrager nach Krediten beschränkt ist, nicht der Anbieter, und der von Ihnen zitierte Satz sagt ja nun eindeutig, dass der Anbieter, nämlich die Bundesbank, beschränkt ist.“

    Sie haben zwar angekündigt, Sie würden nicht mehr antworten, aber für die Leser ist vielleicht interessant zu wissen, dass eine Kreditklemme eben NICHT die Einschränkung der Kreditnachfrage, sondern des Angebots ist. Der Begriff ist in Deutschland recht neu, auf Englisch heißt er „Credit Crunch“. Siehe etwa Wikipedia:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kreditklemme#cite_note-0

    Die Diskussion um einen Credit Cruch kam in den USA besonders in der Krise 1990 vor, in der Sparkassen zu viele Immobilienkredite vergeben hatten, deswegen hohe Abschreibungen vornehmen mussten und selbst keine Kredite mehr vergeben konnten. Auch hier ist der „credit crunch“ eine Frage des Kreditangebots, NICHT der Kreditnachfrage.

    Unabhängig davon ist Ihre von mir zitierte Aussgage auch inhaltlich falsch, denn die Zentralbank ist in ihrer Kreditvergabe in keiner Weise beschränkt (wie Sie unrichtigerweise im zitierten Paper schreiben) – es kann also bei ihr keine Kreditklemme geben.

    Mit freundlichen Grüßen, Fabian Lindner

  8.   Hans-Werner Sinn

    Sehr geehrter Herr Lindner,
    Also gut, noch ein letzte Mal. Ein Kreditklemme ist eine „Einschränkung des Angebots“ (Ihre Ausdrucksweise) durch den Anbieter, die die Nachfrager beschränkt. Derjenige, der die Einschränkung vornimmt, wird ja nicht selbst eingeschränkt, sondern der jeweils andere! Im konkreten Fall war die Bundesbank bei ihrem Versuch, Refinanzierungskredite unterzubringen, durch die geringe Bereitschaft der Banken, solche Kredite anzunehmen, beschränkt. Die Banken schwammen ja schon im Geld und wollten von der Bundesbank keines mehr haben. Das ist das genaue Gegenteil von Credit Crunch oder Kreditklemme. Verheddern wir uns bitte nicht in der Semantik.
    Übrigens vielen Dank, dass Sie Ihren Namen angeben.
    Mit freundlichem Gruß
    Ihr
    Hans-Werner Sinn

  9.   Thomas Pittner

    „Verfügungsrechte über Güter international umverteilen“

    Schöne Formulierung, Herr Sinn; ob sie aber geeignet ist, „den Sachverhalt in möglichst einfachen Worten [] klar zu legen“? ;–)

    Auch wenn es ihnen um einen anderen Sachverhalt hier ging, ist das doch der Kern der gegenwärtigen Schuldenkrisen: wieviel zusätzlicher Kredit ist notwendig, um das geschaffene Sozialprodukt zu räumen?

    Es ist unwahrscheinlich, dass jeder jedes Jahr genau soviel Güter kaufen (konsumieren bzw. real investieren) will, wie er an Einkommen erzielt. Wer weniger kaufen will, bringt sein gespartes Geld zu einem Finanzinstitut, das kann es jemandem leihen, der mehr kaufen will, als er an Einkommen hat. Erster hat ein Guthaben, letzter entsprechend Schulden, die Kredit- und Geldmenge steigt. (in der FIAT-Welt lässt sich natürlich mit Banklizenz das zigfache an Kredit schöpfen, aber das ändert nicht das Prinzip)

    Das Sozialprodukt ist also nachfrageseitig durch die eigenen Einkommen, die auch real ausgegeben werden sollen, und die erhaltbaren Kredite begrenzt (dazu kommen Kredittilgungen).

    Seit einigen Jahren befindet sich Europa erklärtermaßen in verschiedenen Schuldenkrisen.
    Schaut man sich die Kredite im Verhältnis zum BSP an, kann man von Jahrzehnten der Schuldenkrise sprechen, die eben erst beim Abbruch der einfachen weiteren Aufschuldung sichtbar geworden ist.

    Nun kann man über einzelne Elemente des Finanzsystems, die eine weitere Aufschuldung ermöglichen, trefflich diskutieren. So ermöglicht Target2 die weitere Finanzierung von Exportüberschüssen durch Notenbankkredite, oder auch die Umschuldung hin zu „sichereren“, also von mehr Steuerzahlern zu tragenden, Schulden (Kapitalflucht).

    Der Kern des Problems liegt jedoch in der Verteilung der Einkommen aus dem Wertschöpfungsprozess; immer größere Teile sollen nicht ausgegeben werden, sondern sich als Geldvermögen auf verschiedenste Art und Weise auf Konten niederschlagen. Das „leistungsfähige Finanzsystem“ sorgt dafür, dass schon genug Kredite erzeugt werden, um das Sozialprosukt zu räumen.

    Kann man sagen: Na und?
    Kann man; aber es ist völlig klar, das eine ausufernde Gesamtverschuldung irgendwann zusammenbrechen muss, es sich nicht mehr genug Nachschuldner finden, die sowohl die ausstehenden Tilgungen als auch die zusätzlich notwendigen Kredite aufnehmen wollen, oder können.

    Und dabei ist es relativ egal, ob nun Staaten, Unternehmen oder private Haushalte (also der Teil, die nicht die Geldvermögen halten) an ihre Kreditaufnahmefähigkeit stoßen. irgendwann werden „die Märkte“ feststellen, dass sie keine zusätzlichen Kredite mehr bekommen, und dann ist Schluß; bzw. die Staaten springen mit Rettungsschirmen bei, Sonderfonds etc.

    Wenn die einzelnen Staaten ihre Möglichkeiten ausgeschöpft haben, dann kommen noch supranationale Gebilde, IWF, Rettungsschirme, EU selber, in Betracht, die die Schulden aufnehmen können. (Japan zeigt, dass dies theoretisch sehr weit getrieben werden kann, man muss sich nur von Vorurteilen frei machen 🙄 )

    Fakt ist: wer wirklich Schulden reduzieren will, wie dies ja gegenwärtig von der Politik und scheinbar fast jedem anderen angestrebt wird, muss akzeptieren, dass dies nur mit einer Reduzierung von Guthaben möglich ist.

    Und da ist es eine banale Erkenntnis, das „Sparen“ an Einkommen von Bevölkerungsschichten, die eine hundertprozentige Konsumquote haben und kein vermögen besitzen, UNMÖGLICH zu einer Reduzierung der Schulden führen können; es sei denn, ihre Einkommen sinken so stark, dass das Sozialprodukt so stark sinkt, dass auch die Geldvermögensbesitzer so starke Einbußen hinnehmen müssen, dass ihre Geldvermögen reduziert werden.

    Man könnte ja stattdessen auch einsehen, wie unsinnig dies ist; könnte man doch mit Maßnahmen, die sich direkt an die Geldvermögen wagen, eine weitgehende Erhaltung des Sozialprodukts oder sogar weiteres Wachstum bei Reduzierung von Schulden erzielen.

  10.   Thomas Pittner

    Es gibt ja die Diskussion, ob die Austeritätsprogramme diverser Staaten jenen geholfen haben, oder nicht (IWF-Papier).

    Egal, wie man das einzeln bewertet; ein eventueller Erfolg solcher Maßnahmen zum Abbau der staatlichen Verschukldung funktioniert über ee Verbesserung des Außenbeitrags, also einer Verschuldung des Auslandes.

    Das kann für ein einzelnes Land ein möglicher Weg sein; es ist offensichtlich, dass dies nicht für eine Gruppe von Staaten, deren Außenhandel großteils untereinander abläuft, nicht funkitnieren kann.
    Und dafür ist die Empirie auch völlig unstrittig; es gibt nur einen Fall, die Weltwirtschaftskrise I, mit dramatischem BSP-Einbruch.

    Dies sollten sich die Freunde des Schuldenabbaus vor Augen halten, wenn sie ihre gesamteuropäische Schuldenbremse auf allen staatlichen Ebenen in Gang setzen.

    Die Frage wird sein, wie viele „Sparrunden“ mit BSP-Senkung es geben wird, bis man entweder weiter steigende Gesamtverschuldung hinnimmt (bleibt die Frage, wer noch kreditwürdig sein soll), oder Vermögen reduziert.
    Vielleicht gibt es schon zur Wahl in Frankreich eine erste Antwort.

 

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