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Neuer Ölpreisschock

 

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hält sich laut Ifo-Umfrage ganz gut. Der Geschäftsklimaindex lag im März weit über seinem langfristigen Mittelwert – und meilenweit über dem Rezessionsniveau von Anfang 2009. Vor allem ihre geschäftliche Lage wird von den Unternehmen nach wie vor als exzellent eingestuft, aber auch die Erwartungen haben sich zuletzt sichtbar erholt: Der Euro ist erst einmal gerettet, der schwache Wechselkurs ist aus Sicht der exportorientierten, also der meisten Unternehmen, ein großer Vorteil, die Zinsen sind real und nominal so niedrig wie seit Menschengedenken nicht mehr, und die Lohnforderungen halten sich im Rahmen. Alle reden von Krise, aber uns geht’s gut: Das ist im Grunde die Botschaft des Ifo-Indikators. Übrigens auch der Aktienmärkte.

Grafik: ifo-Geschäftsklimaindex - Maerz 2012

Die Zahlen wollen allerdings nicht so recht zu den Purchasing Managers‘ Indices (PMIs) passen, die vergangene Woche veröffentlicht wurden. Seit einem Jahr geht es sowohl in der Industrie als auch bei den Dienstleistungen mit der Lageeinschätzung der Einkaufsmanager mehr oder weniger stetig nach unten. Auch die Auftragseingänge in der Industrie, wie sie monatlich in saisonbereinigter Form von der Bundesbank publiziert werden, sind rückläufig, und zwar deutlich: Preisbereinigt sind sie in den Monaten November bis Januar annualisiert gegenüber den vorangegangenen drei Monaten mit einer Rate von etwa 13 Prozent gesunken.

Sehr positive Nachrichten gab es zuletzt von der Bauwirtschaft, die mitten im Winter aus ihrem Dauerschlaf erwacht ist. Ob es sich da um etwas Nachhaltiges handelt, muss erst abgewartet werden, aber es scheint, dass die niedrigen Hypothekenzinsen und die neuerdings etwas festeren Immobilienpreise Wirkung zeigen.

Was mich verblüfft, ist die Gelassenheit, mit der Analysten und andere Kommentatoren des Wirtschaftsgeschehens dem Anstieg der Ölpreise zusehen. Auch den deutschen Unternehmen scheint er ziemlich egal zu sein. Für die Konjunktur braut sich meiner Ansicht nach da aber etwas äußerst Gefährliches zusammen. Seit Anfang der siebziger Jahre sind alle globalen Rezessionen wenn nicht durch eine Explosion des Ölpreises verursacht, so doch stets davon begleitet gewesen. Diesmal kostet ein Fass Brent etwa 95 Euro, Mitte 2008, auf dem Höhepunkt des Ölpreisbooms, waren es in der Spitze 92 Euro. In Dollar gerechnet befindet sich der heutige Preis von 126 Dollar pro Fass noch um einiges unter dem Rekordwert von Mitte 2008 (146 Dollar), wegen der Euroabwertung von 1,59 Dollar auf 1,33 Dollar müssen wir in unserer Währung aber mehr zahlen als je zuvor.

Grafik: Oelpreis Brent seit 1999 in Euro

Im Jahr 2011 kosteten die deutschen Einfuhren von Mineralölprodukten 122 Mrd. Euro, das waren fast 28 Mrd. Euro mehr als 2010. Das klingt vielleicht etwas abstrakt und angesichts der Summen, die für die Rettung Griechenlands, Irlands und Portugals bewegt werden, nicht sonderlich viel. Ist es aber! Ein Betrag von fast 28 Mrd. Euro entspricht zwei Prozent der jährlichen Konsumausgaben und bedeutet nichts Anderes, als dass die Haushalte um so viel weniger übrig haben für andere Ausgaben. Zuletzt ist der allgemeine Preisindex relativ zum Kernindex, bei dem die Ausgaben für Energie ausgeklammert werden, viel rascher gestiegen als sonst. Die Ölpreise schlagen stark auf’s Portemonnaie durch. Es sieht also wieder einmal düster aus für den privaten Verbrauch und damit für die Konjunktur.

Grafik: Index der Verbraucherpreise in Deutschland

Lassen wir uns nicht blenden von den schönen Ifo-Zahlen, auch nicht von den immer noch erfreulichen Nachrichten vom Arbeitsmarkt. Das globale BIP expandiert im ersten Quartal real nur mit einer Rate von maximal 2,5 Prozent und damit um mindestens einen Prozentpunkt langsamer als im Trend. Auch der Rest der Welt bekommt von nun an die volle Wucht der Ölpreishausse zu spüren, so dass die allseits vorhergesagte Erholung der Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr für mich nach Wunschdenken aussieht.

Das Sozialprodukt unserer Partnerländer im Euroraum wird nach der Prognose der EU-Kommission vom Februar gegenüber 2011 um 0,9 Prozent schrumpfen. Unser wichtigster Markt ist also im Rückwärtsgang.

Trotz des wettbewerbsfähigen Wechselkurses wird es daher insgesamt von den Exporten her keine Kompensation für den Kaufkraftschock geben, den die Haushalte gerade erleben. Warum nur sind die Aktienkurse so fest?

56 Kommentare

  1.   Tom Schülke

    @ 25

    hier ein Link dazu..

    heise.de/tp/artikel/36/36411/1.html

  2.   Tom Schülke

    @ 28

    Super Beitrag.

    Ich freue mich jedesmal wenn ich jemanden Höre/lese, der fundiert zum thema PO beitragen kann.

    alleine der EROI ist den meisten Ökonomen ein Fremdwort.

    In der TAt PO ist das eigentliche SChreckensgespenst, vor dem wir uns in Acht nehmen sollten. Jede Form von Risikomanagement das diesen Namen verdient sollte uns zu weit größeren Bemühungen im Bereich EE antreiben.

  3.   Marlene

    @Dieter Wermuth

    Wir sind gemeinsam Bewohner von Osterinselland.

    Und der Wettbewerb (Wer verkauft die meisten Statuen) wird nicht dazu führen, dass auch noch in 100 Jahren genügend Holz für die Herstellung weiterer Statuen vorhanden ist.

    Es ist einfach nicht vernünftig alle öffentlichen Gemein- durch Individualgüter zu ersetzen.

  4.   Geld

    Endlich diese sehr schöne Analyse! Ich versuche die ganze Zeit das Pattern für die Beziehung zwischen Benzinpreisen und Rezessionsgefahr zu finden. 2008 waren die Spritpreise ungefaehr genauso hoch als die Krise zugeschlagen hat. Woran liegt es genau? Grenzen des Wachstums, da auch andere Rohstoffe/Lebensmittel sehr teuer sind? Ist die kumulierte Preiserhöhung aller Primaerstoffe eventuell die Konjunkturbremse? Bekomme ich als Unternehmen noch Öl/Mineralölderivate in ausreichender Menge, wenn ich richtig intensiv investieren möchte? Sind eventuell die Grenzkosten schon wesentlich höher als Brent suggeriert?

    Hat jemand Antworten?

  5.   alterego

    @44

    Vermute starke Nachfrage nach Öl infolge ausgeprägten Wachstums in den Boomregionen Fernost und Lateinamerika mit evtl. schon Tendenz zu Überhitzung plus eskalierenden politischen Risiken in der Förderregion Nahost. bluewin.ch/de…Weltkonjunktur_2012__Solides_Wachstum_aber_Gefahren_lauern

  6.   alterego

    Ergänzung zu 45

    Der Preisanstieg wird möglicherweise zusätzlich auch durch die reichlich vorhandene Liquidität befeuert (Inflation der Rohstoffpreise). Die Öl- bzw. Rohstoffpreisinflation wiederum wird im Gegenzug sowohl die Ölförderung wie die Ölnachfrage bremsen, was schließlich das Wachstum abkühlt oder womöglich in eine Rezession umkehrt. Die europäische Wirtschaft dümpelt ja eh schon nur so vor sich hin.


  7. #44

    Commodities müssen gelagert werden und wenn Nachfragerückgang aufgrund der relativ zu hohen Preise und berstende Lager zusammenkommen ist spätestens Schluss.

    2008 haben die Heinis der Fraktion „es geht immer so weiter“ dabei die stagnierende oder sogar leicht rückläufige Rohöllagermenge im Auge gehabt, aber übersehen, dass parallel die der Endprodukte Benzin, Kerosin und Diesel an die Spitze des machbaren gelangt war.

    Und weil die Fraktion „Peak Oil“ meistens überhaupt keine substantiierte Meinung zu Substition durch Technik und Alternativen, die beide preisabhängig sind, aber die Stimmung durchaus prägte, kam der Einbruch für viele überraschend.

    Freundliche Grüße
    Andreas Heil

  8.   Dietmar Tischer

    Auf dem Weg zum PO:

    WACHSENDE Disproportion von Kapital- und Arbeitseinsatz mit der Folge, dass der Kapitaleinsatz keine entsprechende Menge Arbeit bindet und damit auch nicht hinreichend Kaufkraft generiert. Das addiert sich zu der diesbezüglich ungünstigen Situation, die wir heute schon vom Bohrloch bis zur Tankstelle haben.

    Das Problem der Kaufkraftminderung durch Ressourcentransfer zu den Bohrlöchern wird dadurch STRUKTURELL noch einmal verschärft.

    Dazu die oligopolistische Anbieterstruktur, die mit zudem mit enormen politischen Risiken beladen ist.

    Da braucht es keine Spekulanten, um hier Probleme zu erkennen.

    EE die Lösung?

    Ist auch keine, wenn sie auf einem Ressourcentransfer– beruht, gesellschaftlich nicht akzeptabel bzw. durchsetzbar ist (zu HOHE Subventionen bzw. zu STARK steigende Verbraucherpreise).

    Deshalb AUCH weiter steigende Ölpreise, bis EE wettbewerbsfähig wird.

    Eine verträgliche Entwicklung verlangt sowohl Konsumverzicht wie auch marktunabhängige Steuerung – und allerorts ein hohes Maß politischer Verantwortung.

  9.   Dieter Wermuth

    @ Moika (#26)

    Es gibt meines Wissens keine ernstzunehmende Studie, die zeigt, dass die Spekulation a) die normalen Sachinvestitionen verdrängt und b) per saldo profitabel ist. Würde ich gern mal sehen. Bauchgefühl reicht nicht. DW

  10.   Dieter Wermuth

    @ Marlene (#43)

    Immer wenn durch private Aktivitäten negative externe Effekte entstehen (Fluglärm, Verseuchung der Luft und des Wassers, Verlust der biologischen Lebensgrundlage), brauchen wir den Staat, damit er Regeln setzt, einschließlich Verboten. Ich sehe, so wie Sie, dass einzelne Staaten immer öfter überfordert sind. Das ist einer der Vorteile der EU – aber selbst die ist oft noch zu klein, denken Sie nur an das Überfischen der Ozeane, die Erderwärmung oder die Produktion von Raketen und Atombomben in Ländern, die möglicherweise von Verrückten regiert werden. Manche Kompetenzen müssen auf Dauer an eine starke internationale Instanz abgegeben werden. Meistens muss aber der Leidensdruck noch um Einiges steigen, damit das passiert. DW

 

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