‹ Alle Einträge

Die Euro-Krise muss nicht immer weitergehen

 

Am Montag hatte Wolfgang Münchau in der Financial Times die These aufgestellt, dass die Euro-Krise nicht beendet werden kann, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern. Den Krisenländern werde es nicht gleichzeitig gelingen, die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu verbessern – indem sie Ressourcen von den Binnensektoren in die Außensektoren umlenken und gegenüber den Handelspartnern real abwerten – und die staatlichen Schulden auf ein erträgliches Niveau zu reduzieren. Da es keinen Plan gebe, mit dem das bewerkstelligt werden kann, wird die Euro-Krise weitergehen. Die Marktteilnehmer, die in letzter Zeit eine Liebesaffäre mit dem Euro angefangen haben, machten daher einen Fehler.

Finde ich nicht. Die Umlenkung der Ressourcen läuft inzwischen auf Hochtouren. Vereinfacht gesagt, die Löhne und Gewinne in den Sektoren, die mit dem Ausland konkurrieren (die für den Export produzieren oder Importe ersetzen) steigen rascher als in den Binnensektoren, etwa der Bauwirtschaft. Zudem nehmen die Löhne, bereinigt um Produktivitätseffekte, also die sogenannten Lohnstückkosten, in der Gesamtwirtschaft langsamer zu – oder sinken seit einigen Jahren sogar – als in den anderen Euro-Ländern. Die relativen Preise verändern sich sowohl im Inland als auch gegenüber dem Ausland. So muss es sein.

Grafik: Entwicklung der Lohnstückkosten seit 2000

Der Erfolg dieser Strategien zeigt sich unter anderem daran, dass sich die Leistungsbilanzen von Italien und Spanien, den Ländern, auf die es wegen ihrer Größe letztlich ankommt, stark verbessert haben. Gab es vor der Krise, im Jahr 2008, noch Defizite in Höhe von 2,9 und 9,6 Prozent des BIP, rechnet der Internationale Währungsfonds in diesem Jahr für Italien mit einer ausgeglichenen Bilanz und für Spanien mit einem Überschuss von 1,4 Prozent. Griechenland hat sein Defizit im selben Zeitraum von 14,9 (!) auf ein Prozent reduziert, Portugal konnte sein Defizit von 12,6 in einen Überschuss von 0,9 Prozent verwandeln. In Irland gibt es ebenfalls inzwischen einen positiven Saldo (2,3 Prozent). Nur in Frankreich will es nicht so recht klappen – aber das ist offiziell ja auch kein Krisenland. Für die Folgejahre rechnet der IWF durchweg mit zunehmenden Überschüssen.

Grafik: Leistungsbilanzsalden in der Währungsunion

Münchau moniert, dass sich Euroland auf Kosten der übrigen Welt saniere. Aber nichts ist normaler als das, wenn die Wachstumsunterschiede so groß sind, wie sie sind: Das reale BIP der Welt expandiert laut IWF 2013 im Vorjahresvergleich mit einer Rate von 2,9 Prozent, Eurolands BIP aber schrumpft um 0,4 Prozent. Die Weltwirtschaft wird verkraften, was sich bei den Leistungsbilanzen tut. Zudem vermindert sich ja auch das Risiko, dass ein Euro-Crash die globale Wirtschaft eines Tages aus der Bahn wirft. Ich habe im Übrigen noch nie gehört, dass sich die US-Regierung bei ihrer Wirtschaftspolitik um die Interessen der übrigen Welt Gedanken macht.

Ein positiver Saldo in der Leistungsbilanz bedeutet im Übrigen, dass ein Land netto ein Kapitalexporteur ist und damit seine Auslandsschulden abbaut (das gilt für die Krisenländer) oder sein Auslandsvermögen weiter erhöht (Deutschland, Niederlande). Gläubiger freuen sich bekanntlich, wenn Schuldner gesunden. Wie wir am Beispiel Japans sehen, nehmen Anleger auch gewaltige Staatsdefizite hin, wenn ein Land nicht auf Nettokapitalimporte aus dem Rest der Welt angewiesen ist: Obwohl die Bruttoschulden dort in diesem Jahr 244 Prozent des BIP erreichen, liegen die Renditen zehnjähriger Papiere („JGBs“) zur Zeit bei nur 0,6 Prozent. Der Rückgang der zehnjährigen italienischen und spanischen Renditen von über sieben Prozent vor nicht allzu langer Zeit auf etwas über vier Prozent heute ist für mich ein Zeichen, dass den Regierungen Italiens und Spaniens zugetraut wird, dass sie ihre Schulden bedienen können.

Es fällt ihnen natürlich nicht leicht. Noch steigen die Schuldenquoten, weil das nominale Sozialprodukt entweder nur langsam zunimmt oder sogar zurückgeht, während die staatlichen Defizite einfach nicht verschwinden wollen. Die Regierungen der Krisenländer verfolgen teilweise eine extrem pro-zyklische Finanzpolitik: Sie versuchen die Ausgaben einzuschränken und gleichzeitig die Einnahmen zu steigern. Damit bremsen sie die Konjunktur. Tendenziell führt langsames Wirtschaftswachstum bekanntlich zu steigenden Defiziten im Staatshaushalt.

Spanien liefert für diesen Zusammenhang ein besonders dramatisches Beispiel: 2012 war das Sozialprodukt gegenüber 2011 um 1,7 Prozent gesunken, das staatliche Defizit belief sich 2012 auf 10,6 Prozent – es hatte gegenüber dem Vorjahr weiter zugenommen. Von 2011 auf 2012 erhöhte sich dadurch die Schuldenquote des Staates von 70,4 auf 85,9 Prozent des Sozialprodukts und hatte damit ein gefährliches Niveau erreicht. Vor der Krise lag die spanische Quote weit unter der Marke von 60 Prozent, der Schuldenobergrenze im Maastricht-Vertrag, und das Land galt als wirtschaftspolitischer Musterschüler.

Grafik: Tabelle - Schuldenquoten in der Währungsunion

Die Krisenländer helfen sich angesichts ihrer Schuldenberge damit, dass sie die Laufzeit der neuen Verbindlichkeiten stark verkürzen, teilweise auf bis zu drei Monaten. Damit profitieren sie von der Niedrigzinspolitik der EZB. Selbst Griechenland als schlechtester Schuldner kann sich Geld auf drei Monate zu rund vier Prozent leihen. Auch bei den europäischen Rettungsmechanismen – mit ihrer guten Bonität – sind Mittel preiswert zu bekommen, vorausgesetzt natürlich, dass sie die finanz- und strukturpolitischen Auflagen der Kreditgeber erfüllen – oder versprechen, sie zu erfüllen.

Für den Moment ist der Schuldendienst daher ein nicht so großes Problem, aber mit solider Haushaltsführung hat das nichts zu tun. Ebenso wenig kann man darüber glücklich sein, dass die EZB vermutlich auf Jahre hinaus nicht in der Lage sein wird, die Zinsen zu erhöhen. Die Staatsschuldenkrise wäre sofort zurück. Die Zinsen dürfen erst dann steigen, wenn die Konjunktur so gut läuft, dass die Haushaltsdefizite von allein verschwinden. Die EZB ist daher nicht so unabhängig, wie wir uns das wünschen. Sie ist de facto zu einem sogenannten Fiscal Agent geworden – sie muss, gewollt oder ungewollt – den europäischen Finanzpolitikern Flankenschutz geben.

Insofern hat Münchau recht: Es muss noch etwas Grundlegendes geschehen, damit die Euro-Krise endlich überwunden wird. Die institutionellen Rahmenbedingungen müssen nachhaltig gestärkt werden, damit aus dem jetzigen, nach wie vor anfälligen Währungssystem eine echte Währungsunion werden kann. Dazu gehören eine Vereinbarung über die Lastenverteilung bei der Abwicklung von Banken, eine eurolandweite Einlagensicherung, für die Rettungsfonds belastbare Durchgriffsmöglichkeiten auf die Finanz- und Strukturpolitik der Schuldnerländer, größere Schritte in Richtung Transfers von den reichen an die armen und/oder überschuldeten Länder, das teilweise Streichen von Staatsschulden – wenn auch nur in Form einer Streckung des Zins- und Tilgungsdienstes.

Es ist ein ziemliches Programm, und ich muss zugeben, dass auch mir, als ausgewiesenem Eurofan, bänglich wird, wenn ich mir die Liste der Probleme ansehe, die noch gelöst werden müssen. Ich kann nur hoffen, dass es schnell zu Fortschritten kommt. Euro- und fremdenfeindliche Parteien sind in Straßburg, Brüssel und in zahlreichen nationalen Hauptstädten auf dem Vormarsch. Für Manche sind die 19 Millionen Arbeitslosen ein Argument, dass der Euro abgeschafft werden sollte.

48 Kommentare

  1.   Henry Kaspar

    @ Marlene

    Die Eurozone sollte zum jetztigen Uebeschussersparnis anhauefen welche sie, wenn die jetzt arbeitende Generation in Ruehstand geht, abbaut – um die Dinge zu erwerben von denen Sie sprechen.

    Aber der weitere Punkt ist dass es keine Gesetzmaessigkeit gibt wonach Leistungsbilanzsalden im Gleichgewicht (=langfristig) null sind. Es kommt auf die Struktur der Volkswirtschaft an. Deutschland hatte auch vor der Eurozone stets externe Ueberschuesse wg. Transfers und FDI von Gastarbeitern in ihre Herkunftslaender. Volkswirtschaften mit alternden Bevoelkerungen sollten ebenfalls Ueberschussersparnis haben – das Gegenstueck dazu ist ein Leistungsbilanzueberschuss.Schliesslich sollten rapide wachsende Schswellenlaender Kapital anziehen und damit Leistungsbilanzdefizite haben(bis sie zu den entwickletnen Laendern aufgeschlossena haben) – das Gegenstueck sind LB-Ueberschuesse in den entwickelten Laendern.

    Gruss,
    HK

  2.   alterego

    Möchte mich aus Zeitgründen nur auf einen groben Vergleich der Preis- und Kostenwettbewerbsfähigkeit der Krisenstaaten mit DEU, AUT, NED und FIN beschränken.

    Mein Fazit vorab: Dass die Krisenstaten bei Verbleib in der Eurozone eine für die nachhaltige Überwindung ihrer Krise hinreichende Wettbewerbsfähigkeit erreichen könnten, erscheint mir nach wie vor recht zweifelhaft. Die bisher erreichte Verbesserung reicht dazu nicht aus. Gleichwohl scheint der Anpassungsprozess die Grenzen des Erträglichen bereits weitgehend ausgeschöpft zu haben.

    Ich stütze meine Aussage auf einen Vergleich der Preis- und Kostenwettbewerbsfähigkeit auf Basis der BIP-Deflatoren. Die BIP-Deflatoren messen die in dem Wert der gesamtwirtschaftlichen Produktion enthaltene Preiskomponente.

    Das Niveau der Wettbewerbsfähigkeit wird in „Punkten“ entsprechend den Angaben der Deutschen Bundesbank („Harmonisierte Indikatoren der preislichen Wettbewerbsfähigkeit auf Basis der BIP-Deflatoren“) ausgedrückt.

    Während die relativ wettbewerbsstarken Volkswirtschaften Deutschlands, Österreichs, der Niederlande und Finnlands ihre Preis- und Kostenwettbewerbsfähigkeit zwischen 1995 (das Jahr, in dem die Währungsunion vereinbart wurde) und heute um 2 bis 17 Punkte verbessern konnten, hat sie sich für Griechenland und Italien um 17 Punkte, Portugal, Zypern und Spanien um 12 Punkte sowie Irland um 9 Punkte verschlechtert. D.h., die Spreizung in der Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Krisenstaaten und der Vergleichsgruppe bleibt trotz der zuletzt erzielten Annäherung weiterhin beträchtlich.

    Dabei waren die Volkswirtschaften bezüglich ihrer Wettbewerbsfähigkeit mutmaßlich schon 1995 nicht auf ähnlichem Niveau, wobei die Aufspreizung damals aber durch Wechselkursanpassungen „moderiert“ werden konnte. Diese sind heute nur noch gegenüber den Handelspartnern außerhalb der Währungsunion möglich und das auch nicht wirklich, da die Eurowechselkurse stark von den Volkswirtschaften der Währungsunion mit dem größten zonenexternen Außenhandelsvolumen beeinflusst sind. Daher hat der Euro seit der Krise weniger abgewertet als es für die Krisenvolkswirtschaften bei eigener Währung der Fall gewesen wäre.

    Kurz: Wermuths Optimismus teile ich nicht. Skeptisch bin ich insbesondere für Griechenland, Spanien und Italien, die eine Anpasung, ausgehend vom 2008er/2009er Krisenmaximum auf das 1995er Niveau, bisher erst zur Hälfte (Spanien) oder weniger geschafft haben. Wie sollen sie, wenn das denn reichte, den Rest schaffen können?

  3.   alterego

    @2
    Genauso ist es. Deshalb habe ich mich auch auf die Preis- und Kostenwettbewerbsfähigkeit und nicht die Leistungsbilanzen bezogen.

  4.   alterego

    Noch zu #22
    Interessant wäre die Frage, was die Ursache des Preis-/Kostenproblems der Krisenstaaten ist. Ich vermute geringe Produktivität, wahrscheinlich aufgrund struktureller Verkrustungen und mangelnder Innovationskraft, sowie vergleichsweise geringe Wettbewerbsintensität. Überzogene Lohnstückkosten spielen sicher auch mit, aber (zumindest derzeit) nicht (mehr) zwingend die Hauptrolle.

  5.   Michael Stöcker

    @ f.luebberding # 15

    Nicht schon wieder diese Flassbecknummer. Wir können uns nicht am eigenen Schopfe aus der Schei… ziehen. Flassbeck hat ja in vielen Punkten Recht und ich schätze seine unkonventionelle Sicht jenseits neoklassischer und neoliberaler Paradigmen. Aber: Löhne sind Kosten und müssen mit Cash bedient werden!

    Ja, ich weiß, sie sind auch Nachfrage, aber der Vertragserfüllungsstandard (Geld) ist zu ungleich verteilt, als das höhere Löhne bei den weniger erfolgreichen Unternehmen eine Lösung sein könnten. Der Erfüllungsstandard lautet eben auf Euro, Dollar, etc. Der ist aber aufgrund der Liquiditätsfalle in größeren Teilen dem Kreislauf entzogen und kehrt erst nach einer destruktiven Deflationsspirale wieder zurück. Mindestlöhne wären ein systemwidriger Eingriff in den Preisbildungsmechanismus, der bei zu geringer Höhe keine Wirkung entfaltet, bei einem zu hohen Ansatz aber Arbeitslosigkeit produziert und damit als Brandbeschleuniger wirkt. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?

    Flassbeck hat das Grundproblem richtig analysiert, empfiehlt aber untaugliche Rezepte. Er will dem ertrinkenden Unternehmer, seinen Rettungsring wegnehmen (Lohnsenkung), während ich dem ertrinkenden Arbeitnehmer einen Rettungsring zuwerfen möchte. Wir können beide retten oder aber beide untergehen lassen.

    Der Preismechanismus ist eines der konstituierenden Elemente einer Marktwirtschaft, in den man nur in höchster Not als allerletztes Mittel eingreifen sollte (hier bin ich ganz bei Hayek). Und wenn man es tut, dann aber doch bitte marktkonform und nicht marktkonträr. Also, bitte nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    […]

    [Gekürzt. Bitte verzichten darauf, hier off-topic Diskussionen zu führen. Danke. (UR)]

  6.   Michael Stöcker

    @ alterego # 22

    Die BIP-Deflatoren, auf die sich Sinn immer bezieht, sind doch thematisch längst durchgekaut und widerlegt. Es sind Unternehmen, die weltweit konkurrieren, nicht aber volkswirtschaftliche Durchschnittswerte. Wenn ich die durchschnittliche Wettbewerbsfähigkeit von Porsche und einem Hobbygärtner bilde, dann wäre Porsche nach Deflator-Konzept nicht wettbewerbsfähig. So ein Nonsens. Mehr zu dieser abgegessenen Thematik unter: blogs.faz.net/fazit/2012/12/03/das-spanische-paradox-warum-steigen-die-exporte-obgleich-die-wirtschaft-angeblich-nicht-wettbewerbsfaehig-ist-663/

  7.   Michael Stöcker

    noch zu # 26

    Wer hier an die Geschichte mit dem Jäger und dem toten Reh denkt, der denkt richtig.

  8.   Marlene

    Wettbewerbsfähigkeit bleibt eine relative Größe.

    In Deutschland sind die Reallöhne im ersten Quartal 2013 gesunken und stagnieren seitdem.

    Darauf zu hoffen dass die Reallöhne in anderen Ländern massiv sinken und auf eine wachsende Auslandsnachfrage zu setzen ist ein Vabanquespiel aber keine seriöse europäische Wirtschaftspolitik.

  9.   f.luebberding

    Stöcker

    Ihr eigentliches Argument findet sich in diesem Satz:

    „Mindestlöhne wären ein systemwidriger Eingriff in den Preisbildungsmechanismus, der bei zu geringer Höhe keine Wirkung entfaltet, bei einem zu hohen Ansatz aber Arbeitslosigkeit produziert und damit als Brandbeschleuniger wirkt.“

    Das ist nicht schwierig zu verstehen. Es ist noch nicht einmal falsch. Es ist schlicht eine Theorie, die ich nicht teile. Das kann vorkommen.

  10.   f.luebberding

    Über den von Kaspar angesprochenen insitutionellen Unterbau sollte man übrigens noch einmal reden. Das Ziel kann eben nicht ein europäischer Nationalstaat sein. Das sollte klar sein.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren