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Unternehmer – glücklich aber investitionsfaul

 

Den deutschen Unternehmen geht es prächtig, aber sie investieren erstaunlich wenig. Wenn ich mir die Indikatoren des ifo-Instituts, die Umfragen unter Einkaufsmanagern (PMI), den IW-Indikator für die Standortqualität des Landes oder die Weltmarktanteile der wichtigsten Branchen anschaue, komme ich zu dem Schluss, dass es den Unternehmern kaum besser gehen könnte. Die Gewinne steigen zudem mindestens seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 deutlich rascher als die Löhne, die Einkommensverteilung verschiebt sich also zugunsten des Faktors Kapital, zulasten des Faktors Arbeit. Und die Analysten erwarten, dass die Gewinne der 30 Dax-Unternehmen in diesem Jahr um 21 Prozent höher sein werden als 2013; in 2015 sollen sie noch einmal um 14 Prozent zulegen*).

Seit Ende 2011 ist der deutsche Aktienindex trotz des jüngsten Rückschlags um knapp 60 Prozent gestiegen. Die Unternehmen bekommen ihr Eigenkapital im Vergleich zu dem, was sie in der Vergangenheit gewohnt waren, fast geschenkt. Das gilt ebenso für Fremdkapital, also für Kredite und Unternehmensanleihen. Ein weiteres Beispiel: Nach der jüngsten Analyse des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) verfügen die Unternehmen der Elekroindustrie, einer der Schlüsselbranchen des Landes, über hohe Barmittel, haben eine Eigenkapitalquote von 40 Prozent, und Kredite sind weder schwer zugänglich noch teuer, einschließlich der Exportkredite. Vor allem aus Sicht ausländischer Beobachter können die deutschen Unternehmen vor Kraft kaum laufen.

Grafik: Brutto- und Nettoanlageinvestitionen in Deutschland, 1970-2013

Aber warum investieren sie nicht? Sollen wir uns Sorgen machen? Die Investitionsquote ist im Unternehmenssektor sowohl brutto als auch nach Abzug der Abschreibungen seit Jahrzehnten rückläufig. Die Quote ist inzwischen zwei volle Prozentpunkte niedriger als in vergleichbaren Ländern.

Grafik: Investitionen im Internationaler Vergleich
Quelle: KfW, Dr. Klaus Borger

Es gibt zwei naheliegende Gründe für den Investitionsstreik der Unternehmen: Erstens sind die relativen Kosten für Arbeit gesunken, so dass arbeitssparende Anlagen und Prozesse nicht so dringend sind wie bei Lohninflation. Zweitens herrscht immer noch Auftragsmangel, das erwies sich auch in der genannten ZVEI-Analyse als das bei Weitem wichtigste Investitionshemmnis. Zwar ziehen die Auftragseingänge im gesamten Verarbeitenden Gewerbe auch real seit etwas mehr als einem Jahr kräftig an, das Niveau ist aber immer noch so niedrig, dass die Kapazitäten nicht ausgelastet werden können. Warum also investieren?

Im Übrigen ist es für die Verzinsung des Kapitals (die Gewinne) zumindest kurzfristig am besten, wenn erst einmal die vorhandenen Anlagen besser genutzt werden. Die Bezahlung der Manager großer börsennotierter Unternehmen hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich der Marktwert ihrer Firmen entwickelt, ob also die Eigentümer reicher werden oder nicht. Die Gewinne sowie die Gewinnerwartungen müssen stimmen, dann steigen die Aktienkurse, der Marktwert und die Einkommen des Managements. Investitionen sind oft nicht gut für die Gewinne, vor allem wenn die Unternehmen sich am Markt auch so gut behaupten können. Mit anderen Worten: Die Analysten machen sich Sorgen um die Investitionsschwäche, die Unternehmen haben kein Problem damit. Wenn die Nachfrage nach ihren Produkten stärker wäre, würden sie sicher wieder mehr in neue Anlagen und Ausrüstungen stecken.

Direktinvestitionen im Ausland sind eine Alternative zu inländischen Investitionen, sie bewegten sich in den vergangenen Jahren gemäß Zahlungsbilanzstatistik zwischen 1,5 und 3 Prozent des BIP. Sie folgen tendenziell den Exporten, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung. Da vor allem in den ärmeren Ländern im Vergleich zu Deutschland Kapitalknappheit herrscht, sind die Renditen dort besser als im Inland. Das Nettoauslandsvermögen der Volkswirtschaft insgesamt dürfte 2013 etwa 45 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts erreicht haben – das entspricht den kumulierten Salden, also den Überschüssen in der Leistungsbilanz, korrigiert um die kumulierten Bewertungsänderungen. Leider müssen immer wieder erhebliche Abschreibungen vorgenommen werden, nicht nur wegen der Aufwertung des Euro, sondern auch wegen Fehlinvestitionen. Die Amerikaner haben in dieser Hinsicht ein glücklicheres Händchen: Zwar sinkt ihr Auslandsvermögen als Reflex der ständigen Defizite in der Leistungsbilanz, aber das wird in erheblichem Umfang wettgemacht durch Bewertungsgewinne.

Grafik: Nettoauslandsvermögen Deutschland und USA, 1991-2013

Trotzdem ist der Saldo der laufenden Vermögenseinkommen mit dem Ausland im vergangenen Jahrzehnt rapide gestiegen und macht zurzeit etwa 2,2 Prozent des Sozialprodukts aus.

Es kann auch sein, dass Sachinvestitionen nicht mehr einen so großen Stellenwert haben wie einst. In der Elektroindustrie etwa sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung mehr als doppelt so hoch wie die für Investitionen. Deutschland ist nicht zuletzt deswegen hinsichtlich der Anzahl der Patente nach wie vor führend, insbesondere wenn man sie auf die Größe der Bevölkerung bezieht.

Keine größeren Sorgen bereitet die langjährige Schwäche der Investitionen im Wohnungsbau. Da sowohl die Mieten als auch die Immobilienpreise seit vielen Jahren nur moderat gestiegen sind, gibt es offenbar keine Engpässe. Deutschland unterscheidet sich in dieser Hinsicht stark von einigen der Krisenländer, wo die Knappheiten einen Immobilienboom ausgelöst hatten, mit dessen Spätfolgen sie noch heute kämpfen. Im Übrigen haben wir es mit einer stagnierenden und rasch alternden Bevölkerung zu tun – da ist kaum zu erwarten, dass der Bau ein Wachstumsmotor ist.

Die mickrigen Investitionen der öffentlichen Hand sind dagegen ein echtes Problem. Der Kapitalstock von Bund, Ländern und Gemeinden, der als Katalysator für die Investitionen des privaten Sektors gilt, ist dabei zu schrumpfen, wenn nicht zu verrotten. Es ist an der Zeit, dass da etwas geschieht: Die langfristig beste Art zu sparen besteht darin, im Inland Sachwerte zu schaffen, neben Investitionen in Humankapital. Es spricht angesichts der gesunden Haushaltslage des Gesamtstaates und der nach wie vor niedrigen Kapazitätsauslastung nichts dagegen, das teilweise mit zusätzlichen Krediten zu finanzieren. Warum soll die heutige Generation die Lasten allein tragen? Der Staat darf nicht immer nur gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange auf die Haushaltssalden schauen: Er sollte seine ausgezeichnete Bonität und die niedrigen Zinsen dafür nutzen, den Kapitalstock zu modernisieren, zu erweitern und dafür zu sorgen, dass die jetzigen und die künftigen Arbeitskräfte gut ausgebildet sind, die Wirtschaft also zukunftsfest zu machen.

Grafik: Brutto- u. Nettoanlageinvestitionen des Staat, 1991-2012

Insgesamt gibt es im privaten Sektor bei den Investitionen kaum Anlass zur Sorge. Die Nachfrage ist einfach nicht dynamisch genug im Vergleich zum bestehenden Kapitalstock. Wenn dieser besser ausgelastet wäre, kämen die Unternehmen bald an den Punkt, wo sie gezwungen wären, ihre Kapazitäten stärker zu erweitern. Danach sieht es immer noch nicht aus. Andererseits kann sich jedoch der Staat nicht länger aus der Verantwortung stehlen. Wenn ich mir den Koalitionsvertrag ansehe, hat er das allerdings vor. Da liegt der Hase begraben.

*) berechnet auf der Basis der Dax-Kurs-Gewinnverhältnisse

69 Kommentare

  1.   Hermann Keske

    # 60 alterego

    Ökonomische Diskussionen sind vor allem dann Anlaß zum Haareraufen, wenn die Erkenntnisse der Ökonomik über das menschliche Verhalten ausgebreitet werden. Sie beruhen, wie wir alle wissen, auf den tiefschürfenden Studien der Ökonomen zu Anthropologie und Psychologie. In dieser Arbeit sind die Ökonomen immerhin soweit fortgeschritten, daß sie ein Strichmännchen namens homo oeconomicus als Ausgangspunkt für ihre Theorien und Modelle gefunden haben, einen Menschen, der nur ein einziges Handlungsmotiv kennt, nämlich die Mehrung seines materiellen Wohlstandes bis in alle Ewigkeit.

    Als wäre dies nicht schon bedenklich genug, kommen Sie jetzt mit einer anderen Theorie von menschlicher Motivation:

    „Die Ausgangsfrage des Artikels, den wir hier diskutieren, war: warum investieren die Unternehmen nicht. Meine Antwort war: weil sie nicht müssen.“

    Ausgesprochen erheiternd, gell? In der großen Freiheit der kapitalistischen Marktwirtschaft handeln die Unternehmer nur unter Zwang, nur wenn sie „müssen“. Das sonst alleinherrschende Handlungsmotiv der Mehrung des eigenen Wohlstandes ist dahingegangen und bedeutet nichts mehr. Die ökonomische Argumentation wechselt in die Volkspädagogik: Zwang muß her, sonst sind die Leute faul und nachlässig und desinteressiert. Auch diese fundierte Kenntnis vom menschlichen Verhalten beruht vermutlich auf den entsprechenden Forschungen der Wirtschaftsforschungsinstitute und hat denselben Wert, nämlich so gut wie gar keinen.

    Bleiben Sie doch einfach im Einfachstschema des homo oeconomicus: Jeder Unternehmer ist unentwegt damit beschäftigt, seinen Gewinn zu maximieren, auch ganz ohne Zwang. Deshalb wird er immer dann investieren (= Produktionsgüter erwerben, um seine Produktion ertragreicher zu gestalten), wenn er erwartet, künftig mehr Güter verkaufen zu können oder zu besseren Preisen (besser bezogen auf seine Herstellungskosten).

    Ich hege die starke Vermutung, daß die Unternehmer sich bei solchen Überlegungen an der Wirklichkeit orientieren, nicht an der ökonomischen Theorie. Bei der Betrachtung der Wirklichkeit kommt man relativ schnell zu der Erkenntnis, daß (wenigstens im Konsumgüterbereich) eine Ausdehnung der Produktion keinen Sinn macht, wenn die Kundschaft, wie in Deutschland, seit mehr als zwanzig Jahren keine reale Einkommenssteigerung erlebt hat, also heute real nicht mehr Geld ausgeben kann als vor zwanzig Jahren. Noch dazu liegt die durchschnittliche Kapazitätsauslastung der Unternehmen in Deutschland so ungefähr im Bereich von 85 %, wenn man den Statistiken glauben kann.

    Ein Unternehmer, der seine fünf Sinne beieinander hat, wird wohl kaum seine ohnehin schon nicht ausgelasteten Kapazitäten durch Investitionen noch stärker überdehnen – es sei denn, er wollte einen Verdrängungswettbewerb starten. Das allerdings ist ein risikoreiches Geschäft mit der Gefahr des Totalverlustes. An dieser Stelle stößt die permanente Absicht der Gewinnmaximierung an ihre Grenzen. Deshalb nimmt das Bestreben nach Gewinnerhöhung jetzt einen anderen Weg, nämlich den der Kostensenkung, und zwar dort, wo sie am leichtesten zu erreichen sind, nämlich bei den Lohnkosten. Das bedeutet aber zugleich, daß Investitionen eine sehr unangenehme Nebenwirkung haben können, nämlich die Steigerung der Arbeitslosigkeit. Da kann man dann gerne über eine erfreulich gestiegene „Produktivität“ schwadronieren, die aber durch steigende Arbeitslosigkeit konterkariert wird.

    Hier zeigt sich auch, daß Ihre Überzeugung von der allgemeinen Nützlichkeit ausschließlich egoistischer Interessenverfolgung in der Marktwirtschaft ein eigentlich ziemlich evidenter Fehler ist. Das habe ich hier schon öfter gesagt: Natürlich möchte jeder Unternehmer in seinem Betrieb möglichst geringe Löhne zahlen, erst recht, wenn er sich starkem Preiswettbewerb ausgesetzt sieht. Ebenso natürlich muß er sich wünschen, daß alle anderen Unternehmen möglichst hohe Löhne zahlen, und zwar nicht nur wegen des Wettbewerbs, sondern weil sonst womöglich die Kundschaft für für die produzierten Güter fehlt. Dieses Dilemma ist durch die Verfolgung ausschließlich egoistischer Interessen nicht auflösbar – das ist nun ganz offensichtlich. Entgegen Ihrer Überzeugung kann Marktwirtschaft so nicht funktionieren, jedenfalls nicht langfristig.

    „Ich bin davon überzeugt, dass die Investitionen anziehen werden, sobald sich die Wachstumsaussichten spürbar verbessern.“

    Die Wachstumsaussichten werden sich spürbar verbessern, wenn die Konsumenten spürbar mehr Geld wenigstens in Aussicht haben, also wenn die Löhne steigen. Die Löhne allerdings werden nicht steigen, jedenfalls nicht real und nicht auf breiter Front – das Märchen von der möglichen Vollbeschäftigung ist ausgeträumt. Hohe Arbeitslosenzahlen in der ganzen Welt geben an, wohin die Reise geht. Selbst wenn einzelne Unternehmer längst begriffen haben, daß die „Lohnzurückhaltung“ allmählich zum Schuß in den Ofen wird, so sind sie doch gehindert, sich anders zu verhalten – dem Wettbewerb sei Dank.

  2.   alterego

    @61
    Ich möchte zwei Punkte aus Ihrem Kommentar aufgreifen. Alle sonstigen Differenzen zwischen unseren Positionen lassen sich im Prinzip daraus ableiten:

    „[Ein Unternehmer] wird er immer dann investieren (= Produktionsgüter erwerben, um seine Produktion ertragreicher zu gestalten), wenn er erwartet, künftig mehr Güter verkaufen zu können oder zu besseren Preisen (besser bezogen auf seine Herstellungskosten).“

    Ich würde nicht behaupten wollen, dass dies für jeden einzelnen Unternehmer, insbesondere unter Berücksichtigung der „kleinen und Kleinstunternehmer“, immer so zutrifft. Aber volkswirtschaftlich gesehen, bezogen auf den gesamten Produktionssektor, halte ich diese Aussage für richtig.

    In einer Wettbewerbswirtschaft zwingen sich die Produzenten (homo oeconomicus hin oder her) erfahrungsgemäß gegenseitig zu Veränderung und Wachstum. Stillstand bedeutet Rückschritt. Und wer zurückfällt, scheidet irgendwann aus. Das gilt auch für die oben erwähnten Selbstzufriedenen, es sei denn, sie verfügen über ein Monopol, das es in einer Wettbwerbswirtschaft jedoch nicht geben darf.

    „Die Wachstumsaussichten werden sich spürbar verbessern, wenn die Konsumenten spürbar mehr Geld wenigstens in Aussicht haben, also wenn die Löhne steigen.“

    Alle wünschen sich reales Wachstum, Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wenn es also Ihrer Meinung nach so einfach ist, reales Wachstum zu erzeugen: Warum passiert es dann nicht? Von realem Wachstum profitierte schließlich auch das Kapital. Meine Antwort sollten Sie ahnen können: Es geht, wie immer in der Wirtschaft, um Relationen. Hier um das Verhältnis der Arbeitskosten zur Arbeitsproduktivität.

    Wie hoch die Arbeitskosten im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität sein können, ohne dass die Wachstumschancen der Produzenten (einzelner Produzenten oder des Produktionssektors einer Volkswirtschaft) und damit die Arbeitsplätze in Gefahr geraten, ist individuell (von Unternehmen zu Unternehmen und Volkswirtschaft zu Volkswirtschaft) verschieden. Aber daran, dass es in jedem Fall, nicht zuletzt in Abhängigkeit vom jeweiligen Wettbewerb, eine kritische Lohnhöhe gibt, deren Überschreiten sich einzel- oder volkswirtschaftlich kontraproduktiv auswirkt, kommen Sie nicht vorbei.

    Diese wird im Lohnfindungsprozess der Tarifpartner mehr oder weniger genau ausgelotet. Dabei handelt es sich naturgemäß um einen Prozess von Versuch und Irrtum, weil sich der Punkt ex ante nicht exakt bestimmen lässt. Er ist daher zwangsläufig auch immer mit dem Risiko des Überziehens verbunden. Dieses möchte in der Regel auch die Arbeitnehmerseite in Grenzen halten, da sie sie sonst den Ast absägte, auf dem sie sitzt. Pragmatischerweise wird man sich nicht zuletzt an der Ertragssituation der Unternehmen orientieren, wobei hier für die Arbeitgeber-/Kapitalseite die Unternehmensrentabilität ((Gewinn plus Fremdkapitalzinsen) durch Gesamtkapital) relevant ist und nicht der Gewinn.

  3.   Hermann Keske

    # 62 alterego

    „Alle wünschen sich reales Wachstum, Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wenn es also Ihrer Meinung nach so einfach ist, reales Wachstum zu erzeugen: Warum passiert es dann nicht? Von realem Wachstum profitierte schließlich auch das Kapital. Meine Antwort sollten Sie ahnen können: Es geht, wie immer in der Wirtschaft, um Relationen. Hier um das Verhältnis der Arbeitskosten zur Arbeitsproduktivität.“

    Nicht doch, kommen Sie doch nicht wieder mit der Propagandalüge von den Löhnen, die nach der Produktivität ausgerichtet seien. Die Lohnhöhe wird bestimmt durch Angebot und Nachfrage, oder wollen Sie hier im Ernst behaupten, ein Unternehmer zahlt einen höheren Lohn als nach den Arbeitsmarktbedingungen erforderlich? Vielleicht, weil er nun plötzlich doch eine übergeordnete Interessenlage im Blick hat?

    Vielleicht würde das mancher tun – aber alle stecken in dem von Ihnen doch so hochgelobten Wettbewerb, der sie zwingt, ihre Kosten so niedrig wie möglich zu halten, korrespondierend zu ihrer Absicht, ihren Gewinn zu maximieren, und zwar jetzt und hier in nicht auf lange Sicht („Auf lange Sicht sind wir alle tot“, das kennen Sie doch).

    Die Entscheidungen, auch die über die Arbeitsverhältnisse, werden in der freien Marktwirtschaft von den einzelnen Wirtschaftsubjekten, hier also von den einzelnen Unternehmern getroffen. Die haben, das postulieren Sie doch gerade, nur ihr eigenes Interesse im Auge, kein höherrangiges. Deshalb ist es nicht nur nicht einfach, sondern – bei den jetzt gegebenen Verhältnissen – praktisch unmöglich, höhere Löhne zu zahlen, für jeden einzelnen Unternehmer. Wer damit anfängt – ich bleibe in Ihrer Theorie – bringt sich selbst in eine schlechtere Wettbewerbssituation und am Ende womöglich um seine wirtschaftliche Existenz. Das ist die Antwort auf Ihre Frage, warum nichts passiert, und sie ist die logische Konsequenz aus dem, was Sie an Prämissen aufstellen.

    Nein, es geht in der Wirtschaft nicht um Relationen, sondern um effektiven Gewinn – die Relation ist ein Nebenaspekt, nicht selbst der Zweck unternehmerischen Handelns. Oder glauben Sie, ein Unternehmer würde auf eine Steigerung seines Gewinnes verzichten, weil die Steigerung womöglich mit einer Verschlechterung der Relationen verbunden wäre? Wohl kaum. Vor die Wahl gestellt, 100 € bei einer Rendite von 7,5 % auf den Einsatz zu verdienen oder 200 € bei einer Rendite von 5.5 % wegen des höheren Einsatzes, werden wir wohl annehmen dürfen, daß der Unternehmer die 200 € vorzieht. Oder wir müßten die Grundannahme aufgeben, daß jeder Mensch immer mehr haben will als er schon hat. Irgendwie sollten diese Annahmen denn schon konsistent sein – sonst könnten wir uns auch durch das pausenlose Aufstellen verschiedener Behauptungen unterhalten.

    Im Lohnfindungsprozeß nichts von dem ausgelotet, was Sie behaupten, im Lohnfindungsprozeß wird ausgelotet, was der Unternehmer mindestens bezahlen muß, um eine bestimmte Arbeitsleistung einkaufen zu können. Oder Sie müßten darlegen, warum ein Unternehmer, der doch immer nur seine eigenen Gewinninteressen verfolgt, mehr bezahlen will als nötig ist.

    Natürlich ist der Gewinn die maßgebliche Größe, ich wiederhole mich. Das muß nicht erneut ausgeführt werden. Gewinne zu erzielen ist der Hauptzweck unternehmerischer Tätigkeit, behauptet man sonst – die Relation ist nur eine Rechengröße.

  4.   alterego

    @63
    „Nicht doch, kommen Sie doch nicht wieder mit der Propagandalüge von den Löhnen, die nach der Produktivität ausgerichtet seien.“
    Ich habe versucht, Ihnen zu vermitteln, dass das Verhältnis der Arbeitskosten zur Arbeitsproduktivität (und dies im Verhältnis zum Wettbewerb) ausschlaggebend dafür ist, ob Wachstum (auch der Beschäftigung) möglich ist oder nicht. Das halte ich für die Wahrheit.

    „Die Lohnhöhe wird bestimmt durch Angebot und Nachfrage“
    Im Prinzip ja. Das Lohnniveau wird mit Wirkung auf die gesamte Volkswirtschaft durch branchenbezogene Tarifverträge vorgegeben. Jenseits dessen geht’s nach Angebot und Nachfrage. Aber auch die Lohnfindung im Rahmen der Tarifverhandlungen wird i.d.R. von der Beschäftigungssituation der betreffenden Brachen beeinflusst sein.

    „… oder wollen Sie hier im Ernst behaupten, ein Unternehmer zahlt einen höheren Lohn als nach den Arbeitsmarktbedingungen erforderlich?“
    Nein, obwohl ich das für den Einzelfall nicht ausschließen würde.

    Ihre weiteren Ausführungen sind Schlussfolgerungen aus Ihren meines Erachtens unzutreffenden Auffassungen zu den Punkten, zu denen ich hier und in vorhergehenden Kommentaren Stellung genommen habe. Die möchte ich daher nicht weiter kommentieren.

  5.   alterego

    Nchtrag @63
    Hierauf wollte ich, weil es so schön, doch nochmals eingehen, obwohl ich meine Position dazu auch schon desöfteren dargelegt habe:

    „Oder glauben Sie, ein Unternehmer würde auf eine Steigerung seines Gewinnes verzichten, weil die Steigerung womöglich mit einer Verschlechterung der Relationen verbunden wäre?“
    Weiß ich nicht. Auf jeden Fall kommt es sowohl für die Entlohnung der Arbeit wie des Kapials auf Relationen an. Und zwar, allgemein formuliert, auf die Relation von Ertrag und Aufwand. Die für die Arbeit relevante Relation ist der Stundenlohn, die für das Kapital die Kapitalproduktivität. Würden Sie auf eine Erhöhung des Lohns verzichten, wenn sie dafür soviel mehr arbeiten müssten, dass Ihr Stundenlohn sinkt?

    „Wohl kaum. Vor die Wahl gestellt, 100 € bei einer Rendite von 7,5 % auf den Einsatz zu verdienen oder 200 € bei einer Rendite von 5.5 % wegen des höheren Einsatzes, werden wir wohl annehmen dürfen, daß der Unternehmer die 200 € vorzieht.“

    Eine Rendite von 7,5 Prozent bei einem Gewinn von 100 bedeutet, dass ein Kapital von 1333 vorhanden sein muss. Eine Rendite von 5,5 Prozent bei einem Gewinn von 200 bedeutet ein Kapital von 3636. Würden Sie die 100 Euro mitnehmen, wenn Sie dafür 2303 mehr ausgeben müssten?

  6.   rjmaris

    Das mit diesem Kapitalbedarf von 3636 ggü. 1333 ist eine ziemlich unfaire Darstellung. Zunächst geht es nur darum, wie es mit dem Kapitalbedarf aussieht bei gleicher Gewinn. Dann ist der Unterschied gar nicht dramatisch. So kann man bewusst oder unbewusst Leute eine Geschichte andrehen, die für bare Münze genommen wird.

    Ich kann aus der Geschichte auch eine Kapitalrendite von 11% zaubern.
    Denn der Unternehmer weiß: wenn er (in diesem Fall) 2,7 mal so viel absetzen kann, wenn die Gewinnspanne reduziert wird, bedeutet das, dass er z.B. zwei anstelle von einer Produktionscharge hintereinander in der gleichen Zeitspanne fertigt. Konkret bedeutet das: Mit dem Umsatz aus der ersten Charge wird die zweite finanziert. Kapitalbedarf somit max. 1818, bei 200 Gewinn.

  7.   moneymind

    „Ich bin davon überzeugt, dass die Investitionen anziehen werden, sobald sich die Wachstumsaussichten spürbar verbessern.“

    Nun – die seit 30 Jahren vorherrschende Wirtschaftspolitik hat bei gleichbleibend positiven Wachstumsaussichten zu permanent sinkendem Realwachstum bei steigenden Unternehmensgewinnen geführt. Fürs Verhindern von Investitionen bei steigenden Unternehmensgewinnen hat man also erprobte, erfolgreiche Strategien zur Verfügung, wer das bezahlt („Strukturreformen der Sozialsysteme“, „Lohnzurückhaltung“), ist auch klar.

    Dumm nur, daß die Wachstums- und Beschäftigungsprognosen langsam unglaubwürdig werden …

  8.   alterego

    @67
    Nun, ich denke, Sie wissen sehr gut, dass es in einer sich permanent veränderenden Welt „gleichleibend positive Wachstumsaussichten“ über 30 Jahre nicht geben kann. Verhinderung oder Behinderung von Investitionen durch die Politik gibt es aber tatsächlich. Nämlich durch die Art der Gestaltung des die Wirtschaft regulierenden Rechtsrahmens (Über-, Unter-, Fehlregulierung) bzw. dessen zu schwerfällige Anpassung an neue Herausforderungen. Das bereitet auch mir oft genug Sorgen.

    Meines Erachtens ist es auch keineswegs so, dass die Arbeit, wie Sie zu ermuten scheinen, weniger an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung partizipert hätte als das Kapital. So lag das Arbeitnehmerentgelt je geleistete Arbeitnehmerstunde in 2012 um 70 Prozent über dem Wert von 1991, während die Relation des Unternehmens- und Vermögenseinkommen zum Volksvermögen (inländische Sachanlagen plus dem Nettoauslandsvermögen) mit 5,6 Prozent um 0,3 Prozentpunkte unter dem Wert von 1991 lag, der zugleich dem Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2012 entspricht.

  9.   rjmaris

    “ die Relation des Unternehmens- und Vermögenseinkommen zum Volksvermögen (inländische Sachanlagen plus dem Nettoauslandsvermögen)“

    Kann mir jemand erklären, was damit gemeint ist, und welche Daten den Zahlen zugrunde liegen?

 

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