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Das Problem Jugendarbeitslosigkeit lässt sich lösen

 

Im März lag die Arbeitslosenquote für 15- bis 24-Jährige nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in der EU bei 22,8 Prozent – das waren nicht weniger als 5,3 Millionen Personen. Die Quote ist mehr als doppelt so hoch wie die für 25- bis 64-jährigen Erwerbspersonen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass ein großer Teil derjenigen, die künftig das Sozialprodukt erwirtschaften und für die Rentner aufkommen müssen, dazu nicht in der Lage sein wird.

Im europäischen Wahlkampf ist dieser Tage das Thema Jugendarbeitslosigkeit ganz oben auf der Themenliste. Ursula Engelen-Kefer, die frühere Vize-Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB, gab ihrem neuen Buch sogar den Titel Eine verlorene Generation – setzte allerdings ein Fragezeichen dahinter, offenbar in der Hoffnung, dass doch noch nicht alles verloren sei. Erstaunlicherweise ist es in letzter Zeit kaum mehr zu großen Protestmärschen gekommen, weder in Spanien noch in Griechenland, wo die Arbeitslosenquoten der Jugendlichen jeweils bei über 50 Prozent liegen.

Grafik: Arbeitslosenquoten der Jugedlichen und Älteren in der EU

Quoten von mehr als 50 Prozent bedeuten allerdings nicht, dass in diesen Ländern über die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen zurzeit auf Jobsuche ist. Das wird manchmal so dargestellt. Nach den aktuellen Zahlen von Eurostat gibt es in der EU(28) 56,2 Millionen Menschen in dieser Altersspanne; davon stehen nur 23,6 Millionen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, die meisten der Übrigen befinden sich noch in der Schule oder an der Universität. Beschäftigt sind 18,2 Millionen Jugendliche, sodass rund 5,4 Millionen als arbeitslos gelten. Das ist eine erschreckend hohe Zahl, aber es handelt sich keineswegs um 22,8 Prozent der betreffenden Jahrgänge, sondern vielmehr um knapp 10 Prozent. Selbst in Griechenland und Spanien kommt man nach dieser Rechnung „nur“ auf 16 und 20 Prozent, keineswegs auf über 50 Prozent. Trotzdem ist klar, dass Handlungsbedarf besteht.

Grafik: Jugendarbeitslosenquoten in der EWU, 1995-201403

Wie immer in der Wirtschaftspolitik gibt es zwei Ansatzpunkte, einen mikroökonomischen/strukturellen, und einen makroökonomischen. Die Bundesbank hat in ihrem Monatsbericht vom August 2013 im Wesentlichen alles gesagt, was sich auf strukturellem Gebiet tun muss (S. 23 – 28). Wie kaum anders zu erwarten, sind Strukturschwächen für sie die vorrangige Ursache für die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Wenn es nicht so wäre, müsste sie sich ja für eine expansivere Finanz- und Geldpolitik einsetzen – das hat sie in ihrer langen Geschichte meines Wissens noch nie getan.

Die Liste der Bundesbank enthält die folgenden Empfehlungen:

  • Der Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer sollte gelockert werden, damit auch die Jugendlichen eine Chance auf unbefristete Arbeitsverträge haben.
  • Die gesetzlichen und tariflichen Mindest- und Einstiegslöhne für Berufsanfänger sind vielfach zu hoch; die Entgeltabstufung sollte differenzierter sein, so wie in Deutschland.
  • Schulische Berufsausbildung ist oft zu praxisfern, es sollte eine größere Passgenauigkeit mit dem Bedarf des Arbeitsmarkts angestrebt werden.
  • Für Arbeit suchende Jugendliche, vor allem solche mit guter Ausbildung, sollte die zeitweise Migration nach Deutschland und einige andere Länder mit aufnahmebereiten Arbeitsmärkten gefördert werden, beispielsweise durch Sprachkurse.

Wie die Bundesbank zu Recht betont, ist auf kurze Sicht mit Strukturpolitik nicht viel zu bewegen. Finde ich auch. Die Staats- und Regierungschefs der EU hatten im November in Paris beschlossen, 45 Mrd. Euro für Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zu mobilisieren, wobei ein größerer Teil über den Europäischen Sozialfonds (ESF) und die Europäische Investitionsbank (EIB) finanziert werden soll. Die Summe, die über zwei Jahre verteilt werden soll, reicht meiner Meinung nicht einmal für ein Strohfeuer – dafür aber für viele Gutachten, Konferenzen und anderen Aktionismus. Außerdem machen 22,5 Mrd. Euro pro Jahr noch nicht einmal 0,2 Prozent des Sozialprodukts der EU aus; das Geld wird dann außerdem an anderer Stelle fehlen. Strukturpolitik braucht einen langen Atem und erfordert sehr oft, dass liebgewonnene Ansprüche über Bord geworfen werden. Es geht um das Bohren dicker Bretter.

Wer raschere Erfolge sehen möchte, kommt daher um makroökonomische Maßnahmen nicht herum. Was ist falsch an einer expansiveren Finanzpolitik in den Ländern, die sie sich leisten könnten? Die Jugendarbeitslosigkeit steigt und fällt im Gleichschritt mit der normalen Arbeitslosigkeit, nur mit größeren Amplituden, und sie hängt von der Auslastung des Produktionspotenzials ab. Wenn es gelänge, die Beschäftigtenzahlen nennenswert zu steigern, verschwände die Jugendarbeitslosigkeit ziemlich rasch. In der Währungsunion geht es bislang noch darum, überhaupt mehr Jobs zu schaffen.

Ein Problem der europäischen und vor allem der deutschen Wirtschaftspolitik besteht darin, dass die Existenz von großen Outputlücken geleugnet wird. Nach dem neoliberalen Ansatz herrscht de facto immer nahezu Vollbeschäftigung, was dann im Umkehrschluss bedeutet, dass kein Platz ist für eine expansivere Finanzpolitik. Allerdings hat die Bundesbank selbst in ihrem Monatsbericht vom April bemerkenswerterweise dargestellt, wie sehr sich die Schätzungen der Produktionslücke im Zeitverlauf verändern und wie ungenau die Schätzungen der offiziellen Stellen vor allem am aktuellen Rand immer wieder waren. Ich fühle mich mit der Behauptung, dass wir auch in Deutschland über gewaltige ungenutzte Kapazitäten verfügen, seither weniger als Außenseiter. In der Währungsunion ist die Outputlücke sogar noch um einiges größer als hierzulande.

Finanzpolitik muss sich nicht darin erschöpfen, die Autoproduktion und den Straßenbau zu stimulieren oder die Renten stärker zu erhöhen. Es gibt eine Menge Projekte, mit denen sich gleichzeitig die Konjunktur stimulieren und die Wachstumsrate der Produktivität nachhaltig steigern lässt. Stichworte sind Forschung und Entwicklung, Energiewende oder Unternehmensgründungen. Für mich hat Deutschland im Staatshaushalt konjunkturbereinigt einen großen Überschuss. Gleiches gilt in geringerem Maße auch für den übrigen Euroraum. Das ist nicht situationsgerecht, denn es geht letztlich darum, die demografische Wende durch eine höhere Wachstumsrate des Produktionspotenzials abzufedern. Die Jugendarbeitslosigkeit würde gewissermaßen als Nebenprodukt einer expansiveren Finanzpolitik verschwinden.

140 Kommentare

  1.   Hermann Keske

    Wie könnte man denn den Webfehler der kapitalistischen Markt- und Wettbewerbswirtschaft, der sich nun, da wir in vielen Märkten Sättigung erreichen oder schon erreicht haben, unübersehbar zeigt, durch kleinere Stopfarbeiten an beliebigen Löchern wirksam beheben? Durch den festen Glauben an das ewige „Wachstum“ und das hartnäckige Ignorieren offenkundiger Fehler?

    „Der Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer sollte gelockert werden, damit auch die Jugendlichen eine Chance auf unbefristete Arbeitsverträge haben.“

    Was für eine durchschlagende Idee: Wir tauschen jugendliche Arbeitslose gegen erwachsene Arbeitslose. Das wird wohl helfen, gell?

    „Die gesetzlichen und tariflichen Mindest- und Einstiegslöhne für Berufsanfänger sind vielfach zu hoch; die Entgeldabstufung sollte differenzierter sein, so wie in Deutschland.“

    Das habe ich, glaube ich, schon mal gehört – die Löhne müssen herunter, dann geht es der Wirtschaft besser. Ich bin wirklich gespannt, wie lange es wohl noch dauern wird, bis sich eine ziemlich einfache mathematische Erkenntnis bei den Ökonomen durchsetzt, daß nämlich mit sinkenden Löhnen keine wachsende Nachfrage verbunden sein kann. Allerdings ist die Forderung natürlich systemgerecht – im Wettbewerb kann man nur bestehen, wenn man seine Kosten niedrig hält – also vor allem geringe Löhne zahlt. Wir haben bereits viele Millionen Arbeitslose, da kann es einfach keine Lohnerhöhungen geben.

    „Schulische Berufsausbildung ist oft zu praxisfern, es sollte eine größere Passgenauigkeit mit dem Bedarf des Arbeitsmarkts angestrebt werden.“

    Das ist eine großartige Idee – die Leute werden nicht mehr so ausgebildet, daß sie zum Zeitpunkt des Schulabschlusses verschiedene Arbeitsplätze ansteuern können, sondern sie werden gleich nach den Bedürfnissen der Wirtschaft spezialisiert ausgebildet – und dann beten wir alle, daß diese Spezialisierungen auch noch aktuellen Bedarf decken, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist. Ansonsten freuen wir uns über viele Spezialisten, die man nicht mehr braucht.

    „Für Arbeit suchende Jugendliche, vor allem solche mit guter Ausbildung, sollte die zeitweise Migration nach Deutschland und einige andere Länder mit aufnahmebereiten Arbeitsmärkten gefördert werden, beispielsweise durch Sprachkurse.“

    Das ist gut – wie sonst könnte sich das Überangebot an Arbeitskräften in Europa auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt ungehindert preismindernd auswirken, wenn es da irgendwelche Zugangserschwernisse gäbe, wie etwa die Sprache.

    Ob sich im Zuge der emsigen ökonomischen Forschung über die Gesetze, denen wir doch alle unterworfen sind (H.W.Sinn), der Gedanke breit machen wird, daß womöglich die Verteilung der „Wertschöpfung“ eine Rolle spielen könnte? Daß es gar keinen Sinn machen kann, einige Millionäre oder gar Milliardäre bis zum Platzen anzumästen und dafür -zig Millionen Wertschöpfende gerade mal knapp auf dem Stand zu belassen, den sie schon vor 25 Jahren hatten?

    Viel Hoffnung besteht da wohl nicht, auch wenn Piketty offenbar sehr rege gelesen wird.

  2.   Dietmar Tischer

    @ Dieter Wermuth

    Alles schön und gut, Sie verkennen jedoch eines:

    Der Ansatz, kurzfristig mit Fiskalpolitik die/eine Outputlücke zu füllen, um so schnell zu Beschäftigung und Wachstum zu kommen UND mittel- bis langfristig über Strukturänderungen nachhaltige Beschäftigung und dauerhaftes Wachstum zu erzielen, funktioniert nicht.

    Sobald die fiskalische Entlastung greift, werden strukturelle Reformen vernachlässigt.

    Das ist so in Demokratien.

    Strukturelle Reformen werden nur dann konsequent durchgeführt, wenn es nur absolut verheerende Alternativen dazu gibt. In diesen Fällen wächst das Risiko politischer Instabilität. Wenn die Fiskalpolitik aber erkennbar greift und es reduziert, dann ist die gleichzeitige Verfolgung von Strukturreformen mit politischer Abwahl gleichzusetzen. Es gibt dafür keine Mehrheiten.

    Warum will Griechenland bzw. hat Portugal den Rettungsschirm verlassen und warum werden z. B. Italien und Frankreich ihn vermutlich nie akzeptieren?

    Ganz einfach:

    Sie wollen bei den Strukturreformen nicht weitergehen bzw. sich an ihnen vorbeimogeln, weil sich diese – konsequent zu Ende geführt oder konsequent angegangen – politisch nicht durchsetzen lassen.

    Wie wollen sie in einer „Gesellschaft der Alten“ eine extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit nachhaltig senken, ohne den Alten die Privilegien zu nehmen? Ich glaube nach Lage der Dinge in der Peripherie nicht an ein geordnetes, allseits akzeptiertes Verfahren, das ohne destruktive Verwerfungen auskommt – dann jedenfalls nicht, wenn damit marktbasierende Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden soll.

  3.   Frankie Bernankie

    @Hermann Keske

    „Das ist eine großartige Idee – die Leute werden nicht mehr so ausgebildet, daß sie zum Zeitpunkt des Schulabschlusses verschiedene Arbeitsplätze ansteuern können, sondern sie werden gleich nach den Bedürfnissen der Wirtschaft spezialisiert ausgebildet – und dann beten wir alle, daß diese Spezialisierungen auch noch aktuellen Bedarf decken, wenn die Ausbildung abgeschlossen ist.“

    Eine schöne Bemerkung, die mich an meine bayrische Schulzeit in den 70ern erinnert. Da war es mal Mode – wahrscheinlich aufgrund einer Initiative zur Praxisertüchtigung der Schüler – Stenographieunterricht anzubieten. Da haben sie uns dann reingescheucht. Naja. Und während der Praktika in der 80ern weiss ich noch gut die Ausbildungsbeauftragten in den Unternehmen, die sich fürchterlich beschwert haben, weil Schulabsolventen nicht mit der Telexmaschine umgehen können. – „Wie sollen die in einer moderen Arbeitswelt mal zurechtkommen!“ – war die Klage.

  4.   LikeABoss

    Natürlich lässt sich das lösen. Beispielsweise indem wir endlich aufhören, Gesellschafts- und Familienpolitik unter den Prämissen einer mittelalterlichen Agrargesellschaft zu führen, wo gesellschaftlicher Wohlstand proportional zur Bevölkerungs- und Kinderzahl ist. Das Gegenteil ist der Fall, was nützt den Franzosen ihre im Vergleich zu Deutschland höhere Geburtenquote, wenn diese „zusätzlichen Jugendlichen“ dann perspektivlos in der Arbeitslosigkeit versacken (und ökonomisch gesprochen sogar zusätzliche Kosten verursachen, zur Alimentierung, anstatt – wie in den Milchmädchenrechnungen vorgesehen – fleißige Steuer- und Beitragszahler sind, die den demografischen Wandel bezahlen sollen).

    Dazu kommt eine absehbare zweite Rationalisierungswelle, vor der man auch nicht durch Höherqualifizierung, zB ein Studium „flüchten“ kann, wie das eben früher noch war, als viele körperliche Jobs durch relativ simple Maschinen ersetzt werden konnten (zB Fahrkartenautomat statt Fahrkartenverkäufers in jeder Straßenbahn usw.). Die Computer sind zunehmend so „intelligent“, dass zahlreiche „Schreibtischjobs“ in Gefahr sind, auch sehr qualifizierte Tätigkeiten wie zB Rechtsanwaltsgehilfe oder Unternehmenseinkäufer werden in entsprechenden Studien als „gefährdet“ genannt. Geht man von einem „worst case“ Szenario aus, in dem die Gesellschaft durch Gesetze, Tarifverträge usw. nichts unternimmt, um diese Automatisierung zu unterbinden, dann steht grob die Hälfte aller heutigen Jobs zur Disposition (soweit wird es aber nicht kommen, die genannten Mechanismen werden hier natürlich „Wände“ einziehen). Auch Politik und Industrie sind blind dafür, weil diese immer nur auf die kommenden 4 Jahre schielen, aber beispielsweise nicht bedenken, dass auch viele „MINT“-Arbeitsplätze in Zukunft wegrationalisiert werden können (zB Computersysteme immer mehr „Schöpfungstiefe“ beherrschen und zB immer weniger Ingenieure in Entwicklung, Konstruktion, usw. gefragt sind – und wenn, dann v.a. hochqualifizierte und spezialisierte, da hat die Bildungspolitik mit dem Sparbachelor IMHO genau die falsche Weichenstellung gesetzt).
    Das heißt, die Rationalisierung könnte in Zukunft schneller fortschreiten, als die Alterung (d.h. der Arbeitskräftebedarf dürfte schneller sinken, als die „Kinderzahl“). Und dann eskaliert das Problem der Jugendarbeitslosigkeit sogar, denn in diesen Szenarien reagiert die Gesellschaft ja v.a. mit restriktiver Einstellung von Berufseinsteigern und versucht erstmal, Personalabbau bei der Bestandsbelegschaft zu verhindern – ein typisches Szenario läuft ja so ab, dass Bestandsbeschäftigte auch weiter beschäftigt werden, nach deren altersbedingtem Ausscheiden dann aber geschaut wird, ob man diese Stelle nicht wegrationalisieren kann. Das ist in Zukunft auch bei sehr qualifizierten Stellen der Fall. Wenn man nicht auf die nächsten 4 sondern die nächsten 40 Jahre schielt, dann müsste die Politik zu ganz anderen Weichenstellungen finden, meine ich. Denn das ist der für Jugendliche, die noch am Anfang ihres Lebens stehen, weitaus relevantere Zeitraum, auch wenn viele der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft aufgrund ehm ihrer Lebenserwartung davon dann gar nicht mehr tangiert sein werden und darum – von ihrer individuellen Perspektive aus gesehen – daran schlicht gar nicht denken. Das merke ich auch zB an den Klagen darüber, dass sich immer weniger Kids für eine Lehre entscheiden. Dabei wird aber nicht bedacht, dass viele Lehrberufe bereits mittelfristig große Probleme haben werden – keine Nachwuchsprobleme, sondern sie werden ebenso durch den technischen Fortschritt verdrängt wie der Wagner oder der Schuster. Beispielsweise seien Zahntechniker laut entsprechenden Studien langfristig ganz besonders gefährdet (man denke nur an die 3D Drucker Technologie), im Hier und Jetzt wird aber noch der zunehmende Fachkräftemangel in diesem Bereich beklagt. Nur, ein Teenie will doch keinen Beruf erlernen, in dem er in absehbarer Zeit in eine Sackgasse gerät. Auch das ist ein schwieriges Problem, im Bezug auf nachhaltiger Bekämpfung von Arbeitslosigkeit.

    Anstatt Unsummen in, ohnehin sichtlich ziemlich erfolglose, Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenquote im Nachkommastellenbereich, zu stecken (Elterngeld, Herdprämie, was weiss ich noch alles…) sollte man schauen die Jugend, die es gibt, mit diesem Geld bestmöglich zu fördern. Ich denke das ist gleichermaßen demografisch wie bildungstechnisch die beste Strategie Jugendarbeitslosigkeit nachhaltig zu bekämpfen, in ganz Europa. Das ist letztlich auch die bessere Strategie für das Rentensystem (welches ja UMLAGEfinanziert ist; d.h. je höher die Einkommen der Erwerbstätigen, je höher die Umlage und je höher die Qualifikation der Erwerbstätigen, je höher deren Einkommen, keine schwierige Rechnung…).

  5.   Peter Ledwon

    [Gelöscht. Verzichten Sie bitte auf Unterstellungen. Danke. (UR)]

  6.   LikeABoss

    @3
    Sie sprechen das weit verbreitete Problem an, zwischen Bildung und Ausbildung nicht zu differenzieren. Bildung ist beispielsweise Charakterbildung, umfasst soziale Kompetenzen und v.a. Selbstkompetenzen – d.h. anstatt im Grunde Dinge „anzulernen“ (sei es auch „Paukwissen“), sollen Kompetenzen vermittelt werden, die den Schulabhänger befähigen sich im Grunde in jedes Sach- und Fachgebiet gleichermaßen systematisch einarbeiten zu können. Das ist ja auch der Unterschied zwischen zB bloßem „Rechnen“ und „mathematischem Denken“, das ist es auch was man mit Studierfähigkeit meint (bzw. bis zur Massenabiturisierung über G8 und Bulimielernen meinte).

    Werden beispielsweise technische Selbstkompetenzen vermittelt, wie sie sich viele „Computerfreaks“ ganz eigenständig und autodidaktisch im Kindes- und Jugendalter aneignen, dann werden sie mit jeder neuen Technologie, die in Zukunft Einzug in das Alltagsleben halten wird, auch letztlich gut zurecht kommen. Bei einer bloßen „Bedienungsanleitung“ stößt man an Grenzen, wie die Generation zB meiner Mutter erfahren muss (ich kann ihr einfach nicht nahebringen, dass man „das mit dem Computer“ nicht „erklären“ kann, das ist ein kontextbasiertes Bediensystem über eine grafische Benutzeroberfläche, die sozusagen mit dem Nutzer vor dem Bildschirm interagiert und kommuniziert, diese Unzahl an möglichen Dialogen, Buttons usw. kann man nicht „erklären“ und kann sich auch kein Mensch „merken“ und spätestens nach dem nächsten Update sieht eh wieder alles komplett anders aus – aber das kann ich ihr einfach nicht mehr nahebringen, ich selbst bin mit dem eigenen PC aufgewachsen, hab es mir selbst beigebracht und fuchse mich dementsprechend in jedes mir unbekannte Betriebssystem bzw. Software in kürzester Zeit rein, habe noch nie eine Bedienungsanleitung einer neuen Digicam usw. lesen müssen..ich habe die Selbstkompetenz mit den Interfaces umzugehen und das bleibt mir, egal ob der Trend nun vom Desktopgerät zum Tablet geht, von der setup.exe zur App, was auch immer…).

    Aber dafür kann man kaum Verständnis einwerben, Sie sehen ja schon wie die – in meinen Augen noch kurzgehaltene – Erläuterung an dieser Stelle in „Mitdenk-Arbeit“ und „Lesearbeit“ ausufert. Da ist eine knappe Parole „Kinder müssen heute XY können, wie sollen die denn in der zukünftigen Arbeitswelt ohne XY klarkommen“ halt eingängiger, erscheint erst einmal logisch, daraufhin wird dann eine „XY Klasse“ an Schulen angeboten und bis das alles durch die Bürokratie, Lehrplangenehmigungsprozesse usw. durch ist, ist diese spezielle Anlernkompetenz schon wieder obsolet und veraltet, man kann nur hoffen dass sie sich teilweise „retten“ lässt (zB Maschinenschreiben, zumindest das 10 Finger System kann man nach wie vor gut gebrauchen, auch wenn das ganze drumherum der Bedienung einer Schreibmaschine als technisches Gerät und auch die Verhaltensweisen obsolet ist, zB hat man früher ja viele Dinge abgekürzt, um teures Schreibmaschinenband zu sparen und natürlich die Quelle für Tippfehler, die eine komplette Neuabfassung nötig machten sollte das Schreiben „sauber“ aussehen, zu minimieren; dieses „Fa.“ für „Firma“ hat sich bis heute in den Büros der Republik gehalten, obwohl bei „Fa.“ statt „Firma“ nur ganze zwei Zeichen eingespart werden, jedem „Outsider“ muss man hingegen erst einmal erklären, was mit diesem Kürzel gemeint ist, damit ist diese früher sinnvolle Abkürzung sogar zur „Altlast“ geworden, das zeigt auch an einem kleinen Beispiel ganz gut, dass reine Anlernkompetenzen viele Probleme mit sich bringen).

    Da muss man schon einmal eine Lösung finden, denn der technische Fortschritt wird nun einmal immer schneller und diese enormen „Reibungsverluste“, die durch dieses „Pauken, statt Selbstkompetenzerwerb“ entstehen dürften zunehmend zum Wachstumshindernis werden. So war das mit dem „lebenslangen Lernen“ sicher nicht gemeint.


  7. Interessant wäre noch die Gegenüberstellung von Studierenden der einzelnen EU-Länder.

    Gibt es da eine Möglichkeit, das nachträglich einzufügen ?


  8. Die Jugendarbeitslosigkeit lässt sich nur im Rahmen einer völlig anderen allgemeinen Beschäftigungspolitik lösen – und zwar durch grosse Projekte in den Bereichen Verkehr, Energie, Gesundheit, Bildung.

    Das müsste im Rahmen eines „Grünen New Deals“ in ganz Europa geschehen.
    Dazu gehören Güter wieder mehr auf die Schiene, Energiewende forcieren, Solarprojekte anschieben, doppelte bis dreifache Ausgaben für die Bereiche Pflege, Kliniken, Ganztagsschulen, Unis.

    Leider sehe ich keine politische Kraft, die das auf ihre Fahnen geschrieben hat, und die stark genug wäre das durchzusetzen.


  9. Der unbändige Glaube des Autors an ein ewiges Wachstum und daran, dass im Kapitalismus alle gewinnen können, ist schon irritierend. Dabei ist empirisch und logisch doch so offensichtlich, dass im Kapitalismus, also einem Wirtschaftssystem, in dem in einem Abhängigkeitsverhältnis gewirtschaftet wird, die abhängigsten automatisch hinten runterfallen!


  10. @4
    Sie thematisieren im Prinzip die ökonomische Seite des langen Wegs in Paradies, ins Land wo Milch und Honig fliessen und niemand mehr arbeiten muß.

    So wie unsere Wirtschaft aktuell gestrickt ist, führt höhere allgemeine Produktivität und Fortschritt praktisch automatisch zu mehr Verlierern obwohl der Kuchen den es zu verteilen gibt immer größer wird. Weil immer mehr Menschen (so die Begründung) eine zu niedriere Produktivität haben.

    Zu Ende gedacht bedeutet das, dass wir das gelobte Land nie erreichen werden. Weil (spätestens) kurz vor Erreichen des Paradieses, wenn die letzte verbliebene notwendige Tätigkeit z.B. darin besteht morgens die Gartentor zum Garten Eden aufzusperren, der Gartentorwächter mit dem Schlüssel eine gigantische Produktivität haben wird aber alle anderen eine von Null, weil sie nicht dazubeitragen müssen und können um die vorhandenen Güter nutzbar zu machen.

    Im Geiste der heutigen Wirtschaftsordnung würde der Türwächter allein in den Garten Eden gehen und hinter sich zusperren, damit alle die nichts geleistet haben nicht von den Früchten seiner Tätigkeit profitieren.

    Deshalb sind wir auch aktuell auf dem besten Weg in einen pekuniären Neo-Feudalismus, den Piketty sehr schön diagnostiziert, dessen Therapie aber noch völlig in den Sternen steht.

    Für die Protagonisten und Propagandisten dieser Wirtschaftsordnung ist ein immer größer werdendes Prekariat kein bug, sondern ein praktisches feature, die logische Konsequenz aus der natürlichen Ordnung der Dinge mit einer fast gott-gewollten Aura.

 

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