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Mehr Geld drucken!

 

Monatlich 500 Euro für jeden in der Währungsunion, bis Konsum, Beschäftigung, BIP-Wachstum und Inflation wieder anspringen! Wie wäre es? Die Bilanz des Euro-Systems schrumpft seit zwei Jahren und die Leitzinsen von nunmehr nur noch 0,15 Prozent haben bislang nichts daran ändern können, dass die Haushalte keine neuen Schulden machen wollen. Der sogenannte Transmissionsmechanismus von der EZB zur Endnachfrage funktioniert nicht mehr. Vielleicht ist der Umweg über die Banken einfach zu lang: Sie geben die Impulse der Geldpolitik wegen ihrer Bilanzprobleme, sprich ihrer vielen faulen Kredite, nicht an ihre Kunden weiter.

Grafik: Zentralbankbilanzen seit 2007

Ich weiß, dass das, was ich hier vorschlage, politisch keine Aussicht auf Erfolg hat. Mir ist klar, dass die Europäischen Verträge eine Staatsfinanzierung durch die Notenbank nicht zulassen. Es lohnt dennoch, ein bisschen out-of-the-box zu denken und sich auf das Gedankenexperiment einzulassen. Was würde passieren, wenn die EZB für eine zunächst unbefristete Zeit jedem der 330 Millionen Bürger der Währungsunion über die Finanzämter der Mitgliedsstaaten monatlich 500 Euro überweisen würde? Das wären im Jahr rund zwei Billionen Euro oder rund 20 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts. Um so viel würde die Bilanzsumme des Euro-Systems (der EZB) zunehmen. Wenn das nicht reichen sollte, die Konjunktur in Schwung zu bringen und der Deflationsfalle zu entkommen, müsste einfach weitergemacht werden. Ben Bernanke hat so etwas einst helicopter money genannt.

Da die Kaufzurückhaltung – und damit die wirtschaftliche Stagnation – viel damit zu tun hat, dass vor allem im Süden der Währungsunion viele Verbraucher überschuldet sind, wäre zu überlegen, wie sich diese Schulden vermindern lassen. Die meisten dieser Verbraucher haben zudem Angst um ihre Arbeitsplätze – sehr viele, deutlich mehr als hierzulande, sind zudem arbeitslos. Finanzkrisen ziehen sich bekanntlich deswegen lange hin, weil der Prozess der Entschuldung pro-zyklisch wirkt, also die Nachfrage dämpft. Es darf nicht dazu kommen, dass der Prozess japanische Dimensionen annimmt und noch weitere 15 Jahre dauert. Irgendwann wüsste man dann gar nicht mehr was der Begriff „Wirtschaftswachstum“ bedeutet. Es träte ein, was Ökonomen als Hysteresis bezeichnen – wichtige Fähigkeiten gehen im Laufe der Zeit verloren, wenn Ressourcen ungenutzt bleiben. Der rasche Abbau von Schulden im privaten Sektor ist das Wichtigste, wenn es darum geht, eine tückische Finanzkrise wie die jetzige zu überwinden.

Zurück zu meinem Vorschlag: Wenn beispielsweise eine vierköpfige spanische Familie in den kommenden zwölf Monaten auf einmal 24.000 Euro „geschenkt“ bekäme – und Oma und Opa noch einmal ihre 12.000 Euro dazu täten – könnte sie damit einen großen Schritt in Richtung Schuldenabbau und Schuldentragfähigkeit tun. Die Welt sähe für sie schon viel freundlicher aus; man könnte vielleicht sogar wieder einmal einen Einkaufstrip unternehmen oder einen Kredit beantragen.

Für Menschen mit niedrigem Einkommen – Arbeitslose, Rentner, Sozialhilfeempfänger –, auch solche ohne Schulden, wäre das Geld von der EZB so etwas wie das Manna aus der Bibel. Sie würden sich endlich das kaufen oder leisten, was sie sich erträumt hatten. Sie würden das Geld umgehend und vermutlich komplett ausgeben. Auch alle anderen, selbst die Wohlsituierten, würden sich nicht zieren, das Geld anzunehmen und irgendwie unter die Leute zu bringen. Vielleicht befürchten sie, dass die Sache kein gutes Ende nehmen würde, also in eine galoppierende Inflation ausarten könnte. Wenn morgen alles teurer ist, sollten Anschaffungen eher vorgezogen als aufgeschoben werden. Die Angst vor Inflation war noch stets ein probates Mittel gegen Kaufzurückhaltung. Zudem dürften die Bessergestellten, wenn sie wirklich Angst vor Inflation haben, einen Teil ihres Vermögens ins Ausland bringen und so tendenziell den Euro schwächen – das erhöht die Einfuhrpreise und wäre daher zumindest kurzfristig ein wünschenswerter Effekt.

Das alles lässt erwarten, dass sich ein Konsumboom entwickeln wird, vor allem, wenn die EZB von Vornherein klarstellt, dass es mit den monatlichen Überweisungen so lange weitergehen wird, bis die Inflation zwei Prozent erreicht hat, vielleicht sogar drei oder vier Prozent. Eine Anhebung des Inflationsziels hatte Olivier Blanchard, der Chef-Volkswirt des Internationalen Währungsfonds, schon vor einigen Jahren angeregt (damit die gefährliche Deflationsmentalität ein für alle Mal ausgerottet wird). Gleichzeitig müssten angesichts des Nachfrageanstiegs neue Leute eingestellt werden, die dann ihrerseits mehr Geld ausgeben würden. Für die Unternehmen wiederum vergrößerte sich der Spielraum für Preiserhöhungen, auch die Löhne könnten stärker steigen – sie sind auf der Kostenseite die wichtigste Determinante der Inflation. Ob es zudem durch einen schwächeren Wechselkurs des Euro zusätzliche Inflationsimpulse geben wird, lässt sich dagegen nicht mit einiger Zuversicht vorhersagen: Durch den Rückgang des Handelsbilanzüberschusses geht an den Devisenmärkten die Nachfrage nach Euro zurück, durch die Aussicht auf rascheres Wirtschaftswachstum und höhere Zinsen steigt sie, Ergebnis ungewiss.

There is no free lunch – Geschenke gibt es nicht, oder nur sehr selten. An dieser Stelle muss ein bisschen Buchhaltung betrieben werden. Wer wären die Gewinner und Verlierer eines solchen Programms?

Die staatlichen Schulden Euro-Lands belaufen sich brutto in diesem Jahr auf voraussichtlich 96 Prozent des BIP; durch das Sonderprogramm „500 Euro monatlich für Alle“ kämen in einem Jahr 20 Prozentpunkte hinzu. Allerdings würden die bessere Konsumkonjunktur und die anziehende Inflation (über die „kalte“ Progression) mehr Steuern in die Kassen spülen, während die Sozialausgaben langsamer zunehmen würden als erwartet, sodass im Jahresdurchschnitt 2015 vielleicht Schulden von 110 Prozent des BIP zu Buche stehen.

Die zusätzlichen Schulden sind nicht marktwirksam. Es handelt sich um direkte Transaktionen zwischen der Zentralbank und den Mitgliedstaaten – die ihre Verschuldung gegenüber der EZB um zwei Billionen Euro erhöhen. Mario Draghi würde nicht auf eine rasche Rückzahlung drängen und auch keine nennenswerten Zinsen verlangen (angenommen, er dürfte sich überhaupt auf eine Staatsfinanzierung einlassen – er darf es nicht!).

In gesamtstaatlicher Sicht könnte man die Transaktion als „linke Tasche, rechte Tasche“ bezeichnen. In Japan, wo die Renditen für 10-jährige Staatsanleihen heute bei nur 0,53 Prozent liegen, ist das gängige Praxis. Auch das quantitative easing der Fed war letztlich ein Ankauf staatlicher Papiere. Mit anderen Worten, es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die langen Zinsen steigen werden, nur weil die Bruttoschulden des Staates zunehmen.

Claudio Borio, einer der Vordenker bei der Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, hat kürzlich eine Grafik gezeigt, in der eine klare negative Korrelation zwischen stark zunehmenden globalen Schulden und realen Leitzinsen sowie realen Bondrenditen zu erkennen ist. In bestimmten, wenn nicht den meisten Situationen gehen steigende Schulden mit sinkenden Zinsen einher – weil Schulden in der Regel dann zunehmen, wenn die Kapazitäten schlecht ausgelastet sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist, wenn das Umfeld also sinkende Inflationsraten und sinkende reale Zinsen begünstigt.

Grafik: Borio - Global debt and interest rates
Quelle: Borio (2014)
 

Durch das anhaltende Verteilen von Geld an die Bevölkerung Euro-Lands springt die Konjunktur an, die Outputlücke wird kleiner, die Inflation wird wiederbelebt. Die reale Schuldenlast vermindert sich rascher als bei der aktuellen Inflationsrate von lediglich 0,4 Prozent (Vorjahresvergleich). Das geht zulasten der Gläubiger, also vor allem der Sparer – ihre Forderungen entwerten sich schneller. Das wäre gewollt.

Die Strategie bewirkt eine temporäre Umverteilung der Einkommen zugunsten der ärmeren Bevölkerungsschichten. Für den Sozialhilfeempfänger, der mit weniger als 1.000 Euro im Monat auskommen muss, sind 500 Euro zusätzlich etwas ganz Anderes als für jemanden, der 5.000 Euro verdient. Anders ausgedrückt, die Maßnahme begünstigt die Armen relativ mehr als die Reichen – das ist ein zusätzlicher Stimulans für die Konsumnachfrage und die Konjunktur.

Die Qualität der EZB-Bilanz bleibt im großen Ganzen erhalten – auf der Aktivseite sind ja Forderungen gegen die 18 Mitgliedsländer hinzugekommen, proportional zur Größe ihrer Bevölkerung. Damit geht der Anteil der Forderungen gegenüber Banken zurück. Selbst schlechte staatliche Schuldner wie Griechenland oder Portugal haben immerhin das Privileg, ihre Verbindlichkeiten durch höhere Steuern zu begleichen; Banken haben das nicht.

Wenn die Inflation eines Tages aus dem Ruder zu laufen droht, muss sich die EZB daran machen, Liquidität durch geringere Zuteilungen bei den Refinanzierungsgeschäften, Verkäufe von Bonds und höhere Mindestreserven abzuschöpfen. Zentralbanken wissen genau, was im Kampf gegen die Inflation zu tun ist.

Sie wissen dagegen nicht so recht, was die angemessene Strategie ist, wenn Deflation droht – Gelddrucken ist vermutlich neben niedrigen Leitzinsen die wichtigste Option. Zuletzt ist es bei der EZB leider in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Ihre Bilanz ist stark geschrumpft.

158 Kommentare


  1. Daniel Stelter macht den richtigen Vorschlag, übertreibt dabei aber maßlos und gefährdet damit eine offene und seriöse Diskussion: manager-magazin.de/politik/artikel/ezb-sollte-lieber-buerger-als-banken-retten-a-989183.html

    In der Summe können natürlich 10.000 EUR bei herauskommen; aber bitte nicht auf einmal, sondern über einen längeren Zeitraum. So etwas muss behutsam in die Diskussion gebracht werden und auch behutsam eingeführt werden. So aber besteht die große Gefahr, dass einer an sich guten Idee durch maßlose Übertreibung der Todesstoß versetzt wird, bevor eine breitere Debatte hierzu überhaupt begonnen hat.

    LG Michael Stöcker

  2.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 156

    Danke fürs letzte Wort, das ich gleich mal für eine Richtigstellung nutze:

    # 74 habe ich nicht geschrieben.

    Ich habe des Weiteren nirgends geschrieben „dass ein Verfallsgeld MEHR Nachfrage erzeugt als kein Verfallsgeld.“ oder „wie man SICHERSTELLEN kann, dass dieses zusätzliche Geld auf tatsächlich zu zusätzlichem Konsum und damit zu zusätzlicher Nachfrage und Beschäftigung führt. Ein Verfallsgeld kann dies nicht GARANTIEREN“

    Ich habe in # 76 geschrieben:

    >Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie lange die Phantastereien hier weitergehen, bis diese längst bekannte und auch ANERKANNTE, weil auf erfahrungsbezogenem Verhalten beruhende Bedingung für einen Wirkmechanismus von „mehr Geld“ zu „mehr Nachfrage“ auf den Tisch kommt.>

    Mein Thema ist von Anfang an, nachdem mehr oder weniger plausibel insistiert wurde, dass mehr Geld zu mehr Nachfrage führen würde:

    Eine auf erfahrungsbezogenem Verhalten beruhende Bedingung für einen WIRKMECHANISMUS von „mehr Geld“ zu „mehr Nachfrage“.

    Was auch immer Verfallsgeld ist oder nicht ist – das erfahrungsbezogene Verhalten, sich keinen Nutzen entgehen zu lassen, BEWIRKT, dass es mit „mehr (diesen) Gelds“ zu „mehr Nachfrage“ kommt.

    Das ist die These.

    Wenn z. B. alle mit den Vollgeldscheinen an der Seuche sterben bevor sie damit zahlen können, wird natürlich nichts bewirkt und ist auch nichts sicherzustellen oder zu garantieren.

    Das hat nichts mit der These zu tun und es bringt daher überhaupt nichts, derartiges in die Diskussion einzuführen.

    Sie haben unzählige Bemerkungen dazu abgegeben, was Verfallsgeld nicht ist, aber nichts, was Sie diesem Wirkmechanismus entgegensetzen könnten.

    Das ist so, weil es nichts gibt, was ihm entgegengesetzt werden könnte – es sei denn Sie wollen rationales Verhalten opfern.

    Soweit, vermute ich, wollen Sie dann doch nicht gehen.

    Wenn Sie mir schon freundlicherweise das letzte Wort überlassen, würde ich es gern mit diesen Schlussbemerkungen wahrgenommen haben.


  3. @ Dietmar Tischer # 155

    Sie sind kreativ, wenn Sie argumentieren – aber es hilft Ihnen nicht.

    Das kann ich von Ihnen in diesem speziellen Fall nicht sagen. Ich erinnere Sie an Ihre ursprüngliche Aussage, die Ausgangspunkt unserer – inzwischen sehr fruchtlosen – Diskussion war.

    Ihre Aussage in # 74 war, dass ein Verfallsgeld mehr Nachfrage erzeugt als kein Verfallsgeld. Jetzt ist bei Ihnen nur noch die Rede von Kaufen und nicht mehr von mehr Kaufen. Unsere Ausgangsüberlegung war aber doch, wie man sicherstellen kann, dass dieses zusätzliche Geld auf tatsächlich zu zusätzlichem Konsum und damit zu zusätzlicher Nachfrage und Beschäftigung führt. Ein Verfallsgeld kann dies nicht garantieren. Ebenso kein Verfallsgeld, dass auf Ewig 1:1 revolviert wird. Mal davon abgesehen, dass es dann de facto kein Verfallsgeld ist.

    Ich lasse Ihnen aber gerne hierzu das letzte Wort.

    LG Michael Stöcker

  4.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 154

    Sie sind kreativ, wenn Sie argumentieren – aber es hilft Ihnen nicht.

    Ich gebe ja zu, dass ich NICHT überprüfen kann, ob jemand für das Verfallsgeld gekauft hat.

    Nur:

    Ob meine Behauptung, dass die Leute kaufen, als richtig zu bewerten ist – und NUR darum geht es seit Beginn der Diskussion -, hängt nicht von der Überprüfung ab, ob sie gekauft haben, d. h. sie hängt nicht von einem faktischen SACHVERHALT ab.

    Sie hängt davon ab, ob die BEGRÜNDUNG hinreichend dafür ist, ob sie kaufen.

    Wenn man rationales Verhalten annimmt – und etwas anderes anzunehmen, ist Unsinn – dann kaufen Sie bis zum Verfallstag (Verfallstag als Zahlungsmittel), wenn sie sich damit besser stellen als nicht zu kaufen.

    Für diese hinreichende Begründung muss ich mir nicht und muss sich auch sonst niemand einen einzigen Geldschein ansehen.


  5. @ Dietmar Tischer # 153

    Schön, dass wir unser Verständnisproblem nun auf einen Fall reduzieren können.

    Es geht doch nicht um die Frage, ob eine Zahlung von 500 EUR die Geldmenge M1 erhöht. Da besteht selbstverständlich kein Zweifel, dass dem so ist. Es geht doch um die Frage, wie dieses Geld wieder aus dem Markt herauskommt und somit die Geldmenge M1 wieder sinkt. In unserem Fall 1 passiert das nicht. Die Geldmenge bleibt konstant.

    Wie wollen Sie aber nun sicher stellen, dass die Konsumverweigerer ihre 500 EUR auch zusätzlich (nicht substitutiv) ausgeben? Wie wollen Sie dies überprüfen???? Wollen Sie jedem Bürger einen Kontrolleur an die Seite stellen, der überprüft, ob er sich auch etwas für die 500 EUR ZUSÄTZLICH gekauft hat??? Was ist die relevante Vergleichsgröße? Nein, Herr Tischer, Sie können einem Geldschein nicht ansehen, ob er nur zum Schein gegen einen anderen Schein getauscht wurde, ob er an die (selbständigen) Kinder verschenkt wurde, ob ich damit den Kredit bei meinem Bekannten getilgt habe, ob ich beim Frisör war oder im Supermarkt den normalen Wocheneinkauf getätigt habe. Dieses Geld ist und bleibt anonym.

    Die Idee eines Verfallsgeldes zur Konsumankurbelung ist nicht umsetzbar. Da müssen Sie schon Bezugsgutscheine für bestimmte Waren ausgeben. Ich glaube aber nicht, dass dies das ist, was wir beide unter Marktwirtschaft verstehen.

    LG Michael Stöcker

  6.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 151

    Es muss nicht Fall 2 oder Fall 3 sein – EINE EINZIGE Fallkonstellation genügt, um darzulegen, dass zusätzliches Verfallsgeld NACHFRAGEWIRKSAM wird.

    Es ist Fall 1).

    Sie

    Fall 1: Ein Verfallsgeld, das am Verfallstag 1 :1 getauscht wird, ist kein Verfallsgeld (M 1 bleibt konstant). Damit gibt es keinerlei Unterschied zu dem normalen Geld. Konjunkturwirkung nicht anders als bei normalem Geld.

    Das ist dreifach falsch:

    a) Es ist ZUSÄTZLICHES Bargeld zu dem, was ist M 1 zu einem bestimmten Zeitpunkt ist.

    M1 (Sichteinlagen der Nichtbanken und der gesamte Bargeldumlauf) bleibt nicht konstant, sondern erhöht sich einmalig um das Verfallsgeld.

    b) Es gibt einen Unterschied zu normalem Geld. Er liegt darin, dass normales Geld kein Verfallsdatum hat – als ZAHLUNGSMITTEL.

    c) Die Konjunkturwirkung liegt darin, dass es einen ANREIZ zur Nutzung des Verfallsgelds gibt, den normales Geld nicht hat.

    Ich glaube, dass Ihr Fehler darin liegt, dass Sie den entscheidenden Unterschied zu normalem Geld nicht erkennen, wenn Sie schreiben @ 148:

    >…gilt aber nicht mehr der Grundsatz des gesetzlichen Zahlungsmittels der da lautet: 1 Euro ist immer 1 Euro.>

    Er gilt auch beim Verfallsgeld, denn auch bei ihm ist 1 Euro immer 1 Euro.

    ABER:

    „immer“ gilt NUR bis zum Verfallstag – soweit es eben die ZAHLUNGSFUNKTION dieses Euro betrifft.

    Danach wird 1 Euro zu 0 Euro. Was die Zahlungsfunktion betrifft, ist ein „immer“ ab dem Verfall nicht bedeutsam.

    Unabhängig von der Zahlungsfunktion ist er als WERTAUFBEWAHRUNGSMITTEL IMMER 1 Euro, weil er 1:1 getauscht werden kann – allerdings ist er nach dem Tausch 1 Euro als anderer Schein mit anderem Verfallsdatum. Das beeinträchtigt aber nicht die Zahlungsfunktion.

    Geld muss nicht in jeder Beziehung „normales Geld“ sein.

    „Abwerten“ hatte ich als „abwarten“ schon richtig verstanden.


  7. @ Dieter Wermuth

    Im anderen Thread haben Sie geschrieben:

    So etwas Abstruses wie Helicopter Money ist bislang keine ernsthafte Option der Geldpolitik.

    Vielleicht wird es aber bald eine ernsthafte Option sein und damit auch nichts mehr Abstruses.

    Immerhin wurde die Idee auch hier offiziell thematisiert: foreignaffairs.com/articles/141847/mark-blyth-and-eric-lonergan/print-less-but-transfer-more

    LG Michael Stöcker


  8. @ Dietmar Tischer # 149

    Fall 1: Ein Verfallsgeld, das am Verfallstag 1 :1 getauscht wird, ist kein Verfallsgeld (M 1 bleibt konstant). Damit gibt es keinerlei Unterschied zu dem normalen Geld. Konjunkturwirkung nicht anders als bei normalem Geld.

    Fall 2: Ein Verfallsgeld, das am Verfallstag >1 getauscht wird, ist kein Verfallsgeld sondern ein Aufschlagsgeld (M 1 steigt). Man wird es also bis zum Verfallstag horten oder aber gegen einen Aufschlag für Käufe einsetzen können. Diese Aufschläge können bei den Liebhabern von Abzahlungsgeschäften auch schon mal gegen Null laufen. Führt dann natürlich zu einer verstärkten Vermögenskonzentration. Es gibt also eine marginale (kaum messbare) höhere Konjunkturwirkung in Höhe des Aufschlags der Nachfrage der Abzahlungsliebhaber gegenüber Fall 1, der durch die abwartende/belohnende Haltung der Liebhaber des Geldes konterkariert wird. Konjunkturwirkung ungewiss (in Griechenland wegen der Not vermutlich größere Wirkung als in Deutschland).

    Fall 3: Ein Verfallsgeld, das am Verfallstag <1 getauscht wird, ist ein Verfallsgeld, das schon heute auf den Zukunftswert abdiskontiert wird, da die ZB aus Ihrer Sicht heraus ja klar und offen kommunizieren sollte. Werden z. B. 100 EUR mit einem kommunizierten Abschlag von 10 % ausgegeben, dann haben diese 100 EUR schon heute einen Wert von 90 EUR. Da hätte die ZB ja auch gleich 90 EUR ausgeben können. Was bitte soll aber dann eine solche Übung?

    Ihre Ausgangsthese war, dass das geschenkte Geld auch tatsächlich ausgegeben werden muss, damit es die intendierte konjunkturelle Wirkung hat (was selbstredend richtig ist) und von daher mit einem Verfallsdatum versehen werden sollte. Letztlich geht es also ausschließlich um die Beurteilung von Fall 3, da Fall 1 und 2 keinen bzw. einen marginalen Unterschied zu normalem Nicht-Verfallsgeld haben.

    Damit es aber tatsächlich eine klare Kommunikation seitens der ZB gibt, müsste sie schon heute sagen, mit welchen Abschlägen sie dieses Verfallsgeld an den jeweiligen Verfallstagen umtauscht. Es ist mal wieder der Zeitfaktor, der alles andere dominiert. Der zukünftige Wert wird auf den heutigen Tag anhand der kommunizierten Abschläge abdiskontiert. Und dieser Wert läuft gegen Null. Was aber morgen keinen Wert mehr hat, wird schon heute nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Daher meine These: Mit denkenden Menschen funktioniert diese Idee nicht.

    Mit einer Aussage habe ich Sie (unbeabsichtigt) wohl in die Irre geleitet. Sie zitieren einen Satz von mir, der einen Schreibfehler enthält:

    >Gibt es dieses Verfallsrisiko nicht, dann muss ich mein Geld auch nicht ausgeben, sondern kann abwerten.>

    Es muss natürlich abwarten heißen. Damit ergibt sich natürlich eine völlig andere Aussage. Sorry.

    Vor diesem Hintergrund sollten Sie noch einmal in sich gehen und durchdenken, ob Ihre Überlegungen aufgehen können:

    Das Konzept ist:

    Verfall – aber ohne Verfallsrisiko, jedoch mit Ausgabeanreiz wegen des Verfalls.

    Ich halte Ihre Aussage für einen logischen Widerspruch (Contradictio in adiecto).

    LG Michael Stöcker

  9.   Dietmar Tischer

    @ 149

    Es muss natürlich unter Dilemma heißen:

    Oder kein Verfall – dann kein Ausgabezwang.

  10.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 148

    Überlegungen und Idee richtig erfasst, kleine Geschichte ist ein guter Ansatz, weil konkret.

    >Mit Einführung des geschenkten Verfallsgeldes bezahlen seine Kunden ausschließlich mit diesem Verfallsgeld>

    Müssen sie nicht, können sie aber.

    >Weil dieses Geld ja gesetzliches Zahlungsmittel ist, legt Herr Tischer die schönen Verfallsgeldscheine in seinen Tresor, um für die Renovierung seiner Pension zu sparen.>

    Kann ich tun, muss ich aber nicht tun; ich kann auch das Reinigungspersonal damit bezahlen.

    >Handelt Herr Tischer rational, wenn er damit rechnen muss, dass diese Verfallseuro eventuell nicht mehr oder nicht in voller Höhe von der EZB umgetauscht werden? Geht Herr Tischer dieses Risiko ein?>

    Ihre Frage UNTERSTELLT etwas, das es NICHT gibt für den Fall, dass die EZB das Geld in der Zeit vom 2.1.2015 bis zum 31.01.215 zurücknimmt und in gleicher Menge tauscht in Verfallsgeld mit der Gültigkeitsdauer 1.02.2015 bis 31.07.2015 – und dies BEKANNT ist bei den Inhabern des Verfallsgelds.

    Dies genügt für meine These, dass KEIN Risiko besteht für die Inhaber des Verfallsgelds. Für den Fall eines Tausch mit Faktoren >1 ist das anders, weil damit ein Anreiz gesetzt wird, soviel wie möglich umzutauschen, d. h. auf einen Aufbau von Verfallsgeldvermögen hinzuwirken. Auch da besteht kein Risiko, es wird aber gehortet, nicht ausgegeben.

    Selbstverständlich MUSS die Zentralbank kommunizieren, WIE der Aufdruck „Gültig als Zahlungsmittel bis 31.12.2014“ zu verstehen ist und WIE der Vorgang des Umtausches vonstattengeht. Würde sie das nicht tun, müsste man von einem Kursrisiko, wie Sie es beschreiben, ausgehen. Dann, aber nur dann hätten Sie Recht mit dem, was Sie sagen:

    >Ich behaupte: Kein klar denkender Mensch wird dieses Verfallgeld mit dem aufgedruckten nominellen Wert akzeptieren, da er sich nicht sicher sein kann, welchen Wert dieses Geld am Verfallstag hat. Es sei denn, mit einem entsprechenden Abschlag.>

    Es gibt allerdings ein Risiko:

    Jemand legt das Verfallsgeld bis nach dem 31.01.2015 unter die Matratze. Dann kann die Notenbank nichts tauschen. Dieses Risiko kann jeder selbst vollständig ausschließen und ist somit nur eines von Dummheit. In derartigen Fällen ist nur der Nutzen des Ausgebens und/oder Umtauschens entgangen.

    >Gibt es dieses Verfallsrisiko nicht, dann muss ich mein Geld auch nicht ausgeben, sondern kann abwerten.>

    Das ist richtig und deshalb gibt es den Verfall, aber ohne Risiko.

    Sie bauen ein Dilemma auf, das es nicht gibt:

    Entweder Verfall – dann Verfallsrisiko und folglich Abschlag auf das Verfallsgeld als Risikoausgleich. Oder Verfall – dann kein Ausgabezwang.

    Das Konzept ist:

    Verfall – aber ohne Verfallsrisiko, jedoch mit Ausgabeanreiz wegen des Verfalls.

    >Ich halte unser Schuldgeld prinzipiell für eine gute Sache und möchte auch nicht davon wegkommen…Damit werden keine Wunder vollbracht sondern lediglich Schlimmeres verhindert>

    Das klingt gut, mit dieser Auffassung kann ich mich anfreunden.

 

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