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Mehr Geld drucken!

 

Monatlich 500 Euro für jeden in der Währungsunion, bis Konsum, Beschäftigung, BIP-Wachstum und Inflation wieder anspringen! Wie wäre es? Die Bilanz des Euro-Systems schrumpft seit zwei Jahren und die Leitzinsen von nunmehr nur noch 0,15 Prozent haben bislang nichts daran ändern können, dass die Haushalte keine neuen Schulden machen wollen. Der sogenannte Transmissionsmechanismus von der EZB zur Endnachfrage funktioniert nicht mehr. Vielleicht ist der Umweg über die Banken einfach zu lang: Sie geben die Impulse der Geldpolitik wegen ihrer Bilanzprobleme, sprich ihrer vielen faulen Kredite, nicht an ihre Kunden weiter.

Grafik: Zentralbankbilanzen seit 2007

Ich weiß, dass das, was ich hier vorschlage, politisch keine Aussicht auf Erfolg hat. Mir ist klar, dass die Europäischen Verträge eine Staatsfinanzierung durch die Notenbank nicht zulassen. Es lohnt dennoch, ein bisschen out-of-the-box zu denken und sich auf das Gedankenexperiment einzulassen. Was würde passieren, wenn die EZB für eine zunächst unbefristete Zeit jedem der 330 Millionen Bürger der Währungsunion über die Finanzämter der Mitgliedsstaaten monatlich 500 Euro überweisen würde? Das wären im Jahr rund zwei Billionen Euro oder rund 20 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts. Um so viel würde die Bilanzsumme des Euro-Systems (der EZB) zunehmen. Wenn das nicht reichen sollte, die Konjunktur in Schwung zu bringen und der Deflationsfalle zu entkommen, müsste einfach weitergemacht werden. Ben Bernanke hat so etwas einst helicopter money genannt.

Da die Kaufzurückhaltung – und damit die wirtschaftliche Stagnation – viel damit zu tun hat, dass vor allem im Süden der Währungsunion viele Verbraucher überschuldet sind, wäre zu überlegen, wie sich diese Schulden vermindern lassen. Die meisten dieser Verbraucher haben zudem Angst um ihre Arbeitsplätze – sehr viele, deutlich mehr als hierzulande, sind zudem arbeitslos. Finanzkrisen ziehen sich bekanntlich deswegen lange hin, weil der Prozess der Entschuldung pro-zyklisch wirkt, also die Nachfrage dämpft. Es darf nicht dazu kommen, dass der Prozess japanische Dimensionen annimmt und noch weitere 15 Jahre dauert. Irgendwann wüsste man dann gar nicht mehr was der Begriff „Wirtschaftswachstum“ bedeutet. Es träte ein, was Ökonomen als Hysteresis bezeichnen – wichtige Fähigkeiten gehen im Laufe der Zeit verloren, wenn Ressourcen ungenutzt bleiben. Der rasche Abbau von Schulden im privaten Sektor ist das Wichtigste, wenn es darum geht, eine tückische Finanzkrise wie die jetzige zu überwinden.

Zurück zu meinem Vorschlag: Wenn beispielsweise eine vierköpfige spanische Familie in den kommenden zwölf Monaten auf einmal 24.000 Euro „geschenkt“ bekäme – und Oma und Opa noch einmal ihre 12.000 Euro dazu täten – könnte sie damit einen großen Schritt in Richtung Schuldenabbau und Schuldentragfähigkeit tun. Die Welt sähe für sie schon viel freundlicher aus; man könnte vielleicht sogar wieder einmal einen Einkaufstrip unternehmen oder einen Kredit beantragen.

Für Menschen mit niedrigem Einkommen – Arbeitslose, Rentner, Sozialhilfeempfänger –, auch solche ohne Schulden, wäre das Geld von der EZB so etwas wie das Manna aus der Bibel. Sie würden sich endlich das kaufen oder leisten, was sie sich erträumt hatten. Sie würden das Geld umgehend und vermutlich komplett ausgeben. Auch alle anderen, selbst die Wohlsituierten, würden sich nicht zieren, das Geld anzunehmen und irgendwie unter die Leute zu bringen. Vielleicht befürchten sie, dass die Sache kein gutes Ende nehmen würde, also in eine galoppierende Inflation ausarten könnte. Wenn morgen alles teurer ist, sollten Anschaffungen eher vorgezogen als aufgeschoben werden. Die Angst vor Inflation war noch stets ein probates Mittel gegen Kaufzurückhaltung. Zudem dürften die Bessergestellten, wenn sie wirklich Angst vor Inflation haben, einen Teil ihres Vermögens ins Ausland bringen und so tendenziell den Euro schwächen – das erhöht die Einfuhrpreise und wäre daher zumindest kurzfristig ein wünschenswerter Effekt.

Das alles lässt erwarten, dass sich ein Konsumboom entwickeln wird, vor allem, wenn die EZB von Vornherein klarstellt, dass es mit den monatlichen Überweisungen so lange weitergehen wird, bis die Inflation zwei Prozent erreicht hat, vielleicht sogar drei oder vier Prozent. Eine Anhebung des Inflationsziels hatte Olivier Blanchard, der Chef-Volkswirt des Internationalen Währungsfonds, schon vor einigen Jahren angeregt (damit die gefährliche Deflationsmentalität ein für alle Mal ausgerottet wird). Gleichzeitig müssten angesichts des Nachfrageanstiegs neue Leute eingestellt werden, die dann ihrerseits mehr Geld ausgeben würden. Für die Unternehmen wiederum vergrößerte sich der Spielraum für Preiserhöhungen, auch die Löhne könnten stärker steigen – sie sind auf der Kostenseite die wichtigste Determinante der Inflation. Ob es zudem durch einen schwächeren Wechselkurs des Euro zusätzliche Inflationsimpulse geben wird, lässt sich dagegen nicht mit einiger Zuversicht vorhersagen: Durch den Rückgang des Handelsbilanzüberschusses geht an den Devisenmärkten die Nachfrage nach Euro zurück, durch die Aussicht auf rascheres Wirtschaftswachstum und höhere Zinsen steigt sie, Ergebnis ungewiss.

There is no free lunch – Geschenke gibt es nicht, oder nur sehr selten. An dieser Stelle muss ein bisschen Buchhaltung betrieben werden. Wer wären die Gewinner und Verlierer eines solchen Programms?

Die staatlichen Schulden Euro-Lands belaufen sich brutto in diesem Jahr auf voraussichtlich 96 Prozent des BIP; durch das Sonderprogramm „500 Euro monatlich für Alle“ kämen in einem Jahr 20 Prozentpunkte hinzu. Allerdings würden die bessere Konsumkonjunktur und die anziehende Inflation (über die „kalte“ Progression) mehr Steuern in die Kassen spülen, während die Sozialausgaben langsamer zunehmen würden als erwartet, sodass im Jahresdurchschnitt 2015 vielleicht Schulden von 110 Prozent des BIP zu Buche stehen.

Die zusätzlichen Schulden sind nicht marktwirksam. Es handelt sich um direkte Transaktionen zwischen der Zentralbank und den Mitgliedstaaten – die ihre Verschuldung gegenüber der EZB um zwei Billionen Euro erhöhen. Mario Draghi würde nicht auf eine rasche Rückzahlung drängen und auch keine nennenswerten Zinsen verlangen (angenommen, er dürfte sich überhaupt auf eine Staatsfinanzierung einlassen – er darf es nicht!).

In gesamtstaatlicher Sicht könnte man die Transaktion als „linke Tasche, rechte Tasche“ bezeichnen. In Japan, wo die Renditen für 10-jährige Staatsanleihen heute bei nur 0,53 Prozent liegen, ist das gängige Praxis. Auch das quantitative easing der Fed war letztlich ein Ankauf staatlicher Papiere. Mit anderen Worten, es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die langen Zinsen steigen werden, nur weil die Bruttoschulden des Staates zunehmen.

Claudio Borio, einer der Vordenker bei der Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, hat kürzlich eine Grafik gezeigt, in der eine klare negative Korrelation zwischen stark zunehmenden globalen Schulden und realen Leitzinsen sowie realen Bondrenditen zu erkennen ist. In bestimmten, wenn nicht den meisten Situationen gehen steigende Schulden mit sinkenden Zinsen einher – weil Schulden in der Regel dann zunehmen, wenn die Kapazitäten schlecht ausgelastet sind und die Arbeitslosigkeit hoch ist, wenn das Umfeld also sinkende Inflationsraten und sinkende reale Zinsen begünstigt.

Grafik: Borio - Global debt and interest rates
Quelle: Borio (2014)
 

Durch das anhaltende Verteilen von Geld an die Bevölkerung Euro-Lands springt die Konjunktur an, die Outputlücke wird kleiner, die Inflation wird wiederbelebt. Die reale Schuldenlast vermindert sich rascher als bei der aktuellen Inflationsrate von lediglich 0,4 Prozent (Vorjahresvergleich). Das geht zulasten der Gläubiger, also vor allem der Sparer – ihre Forderungen entwerten sich schneller. Das wäre gewollt.

Die Strategie bewirkt eine temporäre Umverteilung der Einkommen zugunsten der ärmeren Bevölkerungsschichten. Für den Sozialhilfeempfänger, der mit weniger als 1.000 Euro im Monat auskommen muss, sind 500 Euro zusätzlich etwas ganz Anderes als für jemanden, der 5.000 Euro verdient. Anders ausgedrückt, die Maßnahme begünstigt die Armen relativ mehr als die Reichen – das ist ein zusätzlicher Stimulans für die Konsumnachfrage und die Konjunktur.

Die Qualität der EZB-Bilanz bleibt im großen Ganzen erhalten – auf der Aktivseite sind ja Forderungen gegen die 18 Mitgliedsländer hinzugekommen, proportional zur Größe ihrer Bevölkerung. Damit geht der Anteil der Forderungen gegenüber Banken zurück. Selbst schlechte staatliche Schuldner wie Griechenland oder Portugal haben immerhin das Privileg, ihre Verbindlichkeiten durch höhere Steuern zu begleichen; Banken haben das nicht.

Wenn die Inflation eines Tages aus dem Ruder zu laufen droht, muss sich die EZB daran machen, Liquidität durch geringere Zuteilungen bei den Refinanzierungsgeschäften, Verkäufe von Bonds und höhere Mindestreserven abzuschöpfen. Zentralbanken wissen genau, was im Kampf gegen die Inflation zu tun ist.

Sie wissen dagegen nicht so recht, was die angemessene Strategie ist, wenn Deflation droht – Gelddrucken ist vermutlich neben niedrigen Leitzinsen die wichtigste Option. Zuletzt ist es bei der EZB leider in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Ihre Bilanz ist stark geschrumpft.

158 Kommentare

  1.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 133

    >Damit würde eine Parallelwährung etabliert werden, die einem erheblichen Willkür-Kursrisiko seitens der ZB ausgesetzt wäre.>

    Parallelwährung, Kursrisiko?

    Das versteh ich nicht.

    Es geht hier um eine ZUSÄTZLICHE sich im Umlauf befindende Bargeldmenge einer Währung. Wo ist für wen hier ein Risiko? Welcher Kurs ändert sich?

    Totale Verwirrung bei den Bürgern?

    Welche Vewirrung entsteht, wenn ich mir Bargeld bei der Bank abhole und damit bezahle?

    Welches Vertrauen wird unterminiert, wenn ich mit dem Geld bezahlen kann?

    Geld verfallen zu lassen – Enteignungscharakter?

    Was verfällt, wenn ich altes Geld der Bank einreiche und DAFÜR in gleicher Menge neues bekomme?

    Reines Spekulationsobjekt?

    Wie spekuliere ich, wenn ich damit bezahle.

    Was die Faktoren >1 und < 1 angeht, ist das in der Tat nicht ganz unproblematisch. Das kann die Zentralbank verstetigen und sie muss klar kommunizieren. Dann ist das m. A. n. schon handhabbar.

    Mit Verlaub:

    Ich finde, dass Ihre Argumentation schwach ist.

    Dies insbesondere auch deshalb, weil Sie meine Darlegungen, dass klar denkende Menschen das Verfallsgeld akzeptieren – Sie hatten das bestritten – mit keinem Wort zu entkräften suchen:

    Keine Rede von „klar denkenden Menschen“ statt dessen der Wechsel zu „klar denkenden Zentralbankern“.

  2.   HeidiS

    500 Euro sind wahrlich nicht viel, weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Bei den steigenden Mieten, die einen immer größeren Teil des Nettoeinkommens einnehmen, bleibt immer weniger zum Konsumieren.

    […]

    [Gekürzt. Bleiben Sie bitte beim Thema. Danke. (UR)]


  3. Die Güter werden ja nicht mehr, wenn man mehr Geld druckt. Es entwertet das Geld derer die es haben. Aber nehmen wir es mal als Stimulus: Dafür werden gekauft: Flachbildfernseher, Alkohol, Ramschkleidung und Zigaretten. Soweit es hochwertige Konsumgüter betrifft, fließt das im Club Med verteilte Geld gleich wieder in die produzierenden Länder, wie Deutschland, Japan, Korea usw. Kleines Strohfeuer mit Kopfweh würde ich sagen. Und „einsammeln“ muss die EZB das Geld ja auch wieder. Oder soll es eine Umverteilung werden? Dann soll man es doch gleich sagen!


  4. Das Handelsblatt meldete: Einen weiteren Rückgang der Inflation will er aufhalten. handelsblatt.com/politik/konjunktur/nachrichten/rede-draghis-in-wyoming-weiter-sinkende-inflation-koennte-ezb-alarmieren/10372088.html

    Dann sollte er vielleicht die neueste Analyse von Willem Buiter über Milton Friedmans Helicopter Money lesen. Der hat diese alte Idee nun für die Liebhaber mathematischer Modelle ausformuliert, damit das Ganze auch einen wissenschaftlichen Anstrich bekommt: economics-ejournal.org/economics/journalarticles/2014-28

    LG Michael Stöcker

  5.   Dietmar Tischer

    @ Henrik Wittenberg # 130

    Klar, wenn sich eine bestimmte Art von Philosophen zu Wort meldet, kommt so etwas dabei raus.

    Was eine „Dividende“, die aus der MwSt. kommen soll – schon der Begriff ist in diesem Zusammenhang nichts als Geschwätz – mit Demokratie zu tun haben soll, erschließt sich nicht.

    Mehr Solidarität, Identifizierung Legitimität für die EU schafft man dadurch, dass jeder mit eigenem Leistungsvermögen im Austausch mit anderen Wohlstand schafft und dieser so einer möglichst großen Mehrheit zugutekommt.


  6. @ Dietmar Tischer # 131

    Ob in gleicher Höhe oder mit einem Faktor > 1 oder < 1, kann hier unberücksichtigt bleiben. Es macht die Sache nur unnötig komplex.

    Genau dieser Punkt kann und darf NICHT unberücksichtigt bleiben. Zudem bringen Sie hier eine Komponente ins Spiel, die bislang nicht zur Diskussion stand. Verfallstermin heißt für mich, dass nach dem Verfallstag dieses Geld keine Funktion mehr hat als gesetzliches Zahlungsmittel.

    Jetzt bringen Sie die Variante ins Spiel, dass die ZB dieses Verfallsgeld am Verfallstag wieder zu einem willkürlichen Kurs in neues Verfallsgeld transformiert. Damit würde eine Parallelwährung etabliert werden, die einem erheblichen Willkür-Kursrisiko seitens der ZB ausgesetzt wäre. Solche wirren Ideen werden von klar denkenden Zentralbankern niemals auch nur in Erwägung gezogen werden, da dies zur totalen Verwirrung bei den Bürgern führen würde und damit zugleich das Vertrauen in die eigene Währung unterminiert wird. Das ist genau das Gegenteil von dem, was wir brauchen.

    Gerade aber die intendierte Wirkung, dieses Geld in einem Willkürakt verfallen zu lassen, hat Enteignungscharakter und ist weder mit dem Grundgesetz vereinbar noch mit den Prinzipien einer stabilen und verlässlichen Währung. So wird dieses Verfallsgeld zu einem reinen Spekulationsobjekt, da der Geldempfänger nie weiß, zu welchem Kurs dieses Zufallsgeld ( <> 1 oder gar 0) prolongiert wird.

    Der Verfallsgedanke ist allerdings für die Grundüberlegung (Geld nicht horten, sondern ausgeben) sehr wichtig. Warum? Weil Geld nicht zu einem eigenständigen Asset werden darf, das wertstabiler ist als langfristig nutzbare Wirtschaftsgüter. Von daher ist eine kontinuierliche Entwertung (permanenter Verfallsprozess) das richtige Ziel, das ja auch von den Zentralbanken mit der Zielinflationsrate langfristig angestrebt wird.

    Die Inflation wird aber langfristig im bisherigen System ausschließlich über die Lohnhöhe determiniert. Weil die Lohnerhöhungen aber in den letzten Jahren zu gering waren, ist nun die Inflationsrate so niedrig, bzw. gibt es im Süden Europas echte deflationäre Destruktionsprozesse.

    […]

    LG Michael Stöcker

    PS: Aus zeitlichen Gründen werde ich mich in den kommenden Tagen aus der Diskussion weitgehend ausklinken.

    [Gekürzt. Bleiben Sie bitte beim Thema. Danke. (UR)]


  7. Geile Idee eigentlich, Herr Wermuth.

    Ist dann aber dummerweise Einkommen, das allen Hartz-IV-Empfängern eh sofort wieder abgezogen wird. Und alle anderen müssen Steuern drauf zahlen.

    Ein BGE wäre mal hilfreich. Aber natürlich ist das politisch nicht durchsetzbar. Weil sich keiner traut.

  8.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 124

    >Reservewährung wird man nicht über Nacht und muss man sich immer wieder erarbeiten.>

    Ist richtig:

    Die USA haben sich das IMMER wieder erarbeitet, so sehr, dass Sie selbst der DEM zu deren besten oder vermeintlich besten Zeiten bei den %-Anteilen der als Reserve gehaltenen Währungen haushoch überlegen waren.

    Aber gut, es hat natürlich auch sehr viel mit der Größe ein Volkswirtschaft zu tun.

    Müssen wir nicht weiterführen.

    >Verfallsgeld, so wie Sie sich das denken, wird von keinem klar denken Menschen/Bank akzeptiert werden, wenn es nach dem Verfallstag nicht mehr in Buchgeld transformiert werden kann.>

    Szenario:

    Verfallsgeld kann als Zahlungsmittel bis zum Verfallstag verwendet werden und wird, wenn es auf einem BARGELD-Zentralbankkonto (Inhaberkonto, kein Sammelkonto) „Geschenktes Geld mit Verfallsdatum“ – treuhänderisch von den Banken eingerichtet –, innerhalb der Umtauschfrist deponiert ist, nach dem Verfallstag innerhalb dieser Frist von der Zentralbank automatisch gegen Verfallsgeld mit der nächsten Gültigkeitsperiode getauscht. Ob in gleicher Höhe oder mit einem Faktor > 1 oder < 1, kann hier unberücksichtigt bleiben. Es macht die Sache nur unnötig komplex.

    Die Frage, die zu beantworten ist, lautet:

    a) stellt sich jemand, der mit dem Verfallsgeld in der Gültigkeitsperiode bezahlt, besser als wenn er nicht damit bezahlt

    und

    b) stellt sich jemand, der das Verfallsgeld in der Umtauschperiode auf dem Zentralbankkonto deponiert, schlechter als wenn er es nicht deponiert?

    Meine Antwort:

    a) Ja, denn er hat einen Nutzen von der Bezahlung mit dem Verfallsgeld, den er sonst nicht hätte; gilt auch für den, der damit bezahlt worden ist – auch der hat einen Nutzen, den er sonst nicht hätte, wobei angenommen wird, dass der Verkauf nur mit Verfallsgeld möglich war. Diese Annahme ist gerechtfertigt, wenn Nachfragemangel herrscht.

    b) Nein, denn er wird ja durch Tausch den gleichen Nominalbetrag erhalten, den er deponiert hat. Wer nicht deponiert, stellt sich dagegen schlechter. Es wird nichts getauscht, weil keine Einlage zum Tauschen auf dem Konto ist. Wenn das Verfallsgeld die ganze Zeit über auf dem Konto deponiert ist, hat der Inhaber lediglich seine damit möglichen Zahlungen freiwillig in eine zukünftige Periode verlagert.

    Die Zahlung von Verfallsgeld bringt Nutzen und jeder, der sich daran beteiligt, stellt sich dabei besser, auch diejenigen, die nach Beteiligung das Geld in der Umtauschperiode auf dem Konto deponieren. Selbst die völlig Desinteressierten haben keinen Verlust, sie verzichten lediglich auf den Nutzen.

    Wenn das so ist, werden SELBSTVERSTÄNDLICH klar denkende Menschen das Verfallsgeld akzeptieren.

    Und – Sie werden es nicht glauben – dies alles passiert ohne Buchgeld.

    Mit dem Verweis auf Buchgeld haben Sie allerdings in einem Recht:

    Für eine derart arbeitsteilige, auch bei den Bezahlsystemen hocheffiziente Volkswirtschaft ist diese Art von Verfallsgeld in großem Ausmaß nicht PRAKTISCH, es sei denn man könnte es auf irgendeine Weise codieren und so wie Buchgeld behandeln.

    Nur:

    Praktikabilität ist ein anderes Thema.


  9. Eurodividende soll Euro stabilisieren

    Der belgische Philosoph und Ökonom Philippe van Parijs schlägt eine Eurodividende von 200 Euro für jede in der EU ansässige Person vor. Die Eurodividende soll über die Mehrwertsteuer finanziert werden.

    Van Parijs begründet die Einführung der Eurodividende damit, dass sie den Euro stabilisieren, mehr Demokratie und Solidarität zwischen Mitgliedstaaten bzw. größere Identifizierung der EU-BürgerInnen mit der EU schaffen würde. Sie würde auch der Europäischen Union mehr Legitimität verschaffen.

    youtu.be/c10zWSE7DwA

  10.   rjmaris

    #125 Huthmann – „Durch die künstlich hochgepuschte Nachfrage über die zunehmende Verschuldung wurde über die letzten Jahrzehnte ein dementsprechendes künstlich hohes angepaßtes Angebot erzeugt.“

    Ich bin mir nicht sicher, ob von „künstlich“ gesprochen werden kann. Denn wenn ich das Geld wegdenke, wird mit einem Pool an vorhandenen Arbeitskräften und Produktionsmitteln eine wirtschaftliche Leistung erzeugt, einfach mal als Tatsache hingenommen. Und dieses Produktionsergebnis heißen wir alle gut, oder?
    In der Regel ist übrigens davon auszugehen, dass die Güterverteilung in den Industriestaaten dem Motto Erhards in etwa entspricht: „Wohlstand für alle“. Eine materielle Wohlstandsungleichverteilung wird übrigens auch nicht als problematisch angesehen, auch von mir nicht. Schließlich sollten Leistungsträger mehr bekommen. Eigentlich ist also alles 100% okay.

    Die Rolle des Geldes ist natürlich die, zu ermöglichen, dass die gesamtwirtschaftliche Produktionskapazität über ein auf diese Weise mögliches multilaterales Tauschgeflecht namens Markt optimal ausgelastet ist. Und grundsätzlich ist es für die Produktionsoptimierung technisch egal, aus welcher Quelle das Schmiermittel Geld entsteht. Fest steht jedenfalls, dass nur ein Kreditgeldsystem in der Lage ist, die Produktion zu optimieren.

    Das Problem das ich identifiziere ist die, dass im Vergleich zu den Verkaufspreisen aller Güter (im Aggregat) zu wenig Kaufkraft aus Einkommen vorhanden ist und die Güterproduktion dadurch eine Outputlücke aufweist. Diese Outputlücke ist gar nicht notwendig, wenn in Anlehnung an Kalecki’s vereinfachte Gewinnformel P = Cp + I (en.wikipedia.org/wiki/Michał_Kalecki#The_profit_equation) der gesamtwirtschaftliche monetäre Gewinn P gleich Null ist, und der Gewinn also verkonsumiert wird. Das entspräche der oben beschriebene Zustand der Güterverteilung.
    Faktisch ist der einzige Grund, weshalb die Nachfrage über zunehmende Verschuldung erfolgt die, dass es wohl (aus nachvollziehbaren Gründen) gewollt ist, dass P ungleich Null ist und sogar akkumuliert.

 

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