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Einkommensverteilung hat nichts mit Demographie zu tun

 

Der wesentliche Faktor, der seit Jahren bei uns, genau wie in allen anderen Industrieländern, die Einkommensverteilung zugunsten der Kapitalbesitzer verschoben hat, wird in absehbarer Zeit keine Rolle mehr spielen – das weltweite Überangebot an Arbeit. Wir bekommen es von nun an aus demografischen Gründen mit einer neuen Knappheit an Arbeitskräften, stärker steigenden Reallöhnen, einer kräftigeren Zunahme der Geldentwertung und der Produktivität sowie höheren Realzinsen zu tun. Das ist zumindest die These von Charles Goodhart von der London School of Economics, der kürzlich zusammen mit zwei Mitarbeitern für die Investmentbank Morgan Stanley eine Studie zu diesem Thema vorgestellt hatte. Sie sorgt in der britischen Presse für Furore (Economist, Telegraph, Guardian, FT). Hätten die Autoren Recht, könnten Deflationspessimisten wie ich demnächst einpacken.

Ich will ihre These im Folgenden einmal aus deutscher Sicht unter die Lupe nehmen.

Laut Goodhart hat sich die Anzahl der Beschäftigten, die in die internationale Arbeitsteilung eingebunden sind, seit 1990, dem Ende des Kommunismus, etwa verdoppelt, auf rund anderthalb Milliarden, vor allem durch die Teilnahme der chinesischen und osteuropäischen Erwerbstätigen. Das hatte die Verhandlungsposition der Arbeitgeber in den OECD-Ländern entscheidend verbessert – wenn ihnen Lohnforderungen zu hoch vorkamen, konnten sie damit drohen, die Produktion nach Ostasien oder Polen zu verlagern. Allein schon diese neue Option hatte die Gewerkschaften handzahm gemacht. In der Folge stagnierten die Reallöhne. Wie die erste Grafik zeigt, gilt das nicht zuletzt für Deutschland – hier war der Effekt sogar besonders ausgeprägt, wie uns von ausländischen Volkswirten und Politikern immer wieder vorgehalten wird.

Grafik: Entwicklung der Reallöhne in Deutschland seit 1992

Da der gesamtwirtschaftliche Output der OECD-Länder im vergangenen Vierteljahrhundert aber weiterhin zunahm – nicht zuletzt wegen der starken Nachfrage aus den Schwellenländern – , schlug sich das zum Einen in einem steigenden Anteil der Gewinne am Volkseinkommen nieder, zum Anderen in einer Zunahme der Beschäftigung, also der Nachfrage nach Arbeit. Insgesamt war das Wirtschaftswachstum jedoch wegen der Investitionsschwäche und der nur langsam steigenden Haushaltseinkommen deutlich geringer als in der Zeit vor 1990.

Goodhart argumentiert, dass die Lohnzurückhaltung für die Unternehmen den Anreiz minderte, kapitalintensiver, also arbeitssparender zu produzieren. Investitionen waren nicht mehr so lohnend wie zuvor. Sie nahmen nur noch langsam zu, so dass auch der Output pro Stunde immer langsamer zunahm. In Deutschland ist das seit vielen Jahren zu beobachten.

Entwicklung der Produktivität der deutschen Wirtschaft seit 1992

Ohne Lohninflation gibt es normalerweise keine allgemeine Inflation. Löhne machen schließlich etwa zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Kosten aus. Hinzu kam, dass die Kapazitätsauslastung wegen des schwachen BIP-Wachstums abnahm, was es den Unternehmen praktisch unmöglich machte, ihre Preise zu erhöhen. In dem Maße, wie die Inflationsraten zurückgingen, schwand die Inflationsfurcht und wandelte sich zunehmend in eine Deflationsfurcht. Nach dem Beginn der globalen Finanzkrise vor inzwischen acht Jahren ging es für die EZB und die anderen Zentralbanken zunächst darum, durch niedrige Leitzinsen die Wirtschaft zu stimulieren; nachdem das weitgehend gelungen war, die Inflation aber nicht ansprang, sondern sich vielmehr in Richtung Null bewegte, verlagerte sich das geldpolitische Bemühen darauf, eine Deflation mit allen erdenklichen Mitteln zu verhindern. Bisher hat sich der Erfolg noch nicht eingestellt. In Deutschland waren die Verbraucherpreise im September nicht höher als vor einem Jahr; negative Inflationsraten bei den Einfuhren und den Produkten der inländischen Unternehmen bedeuten, dass zurzeit nicht Inflation, sondern Deflation in der Pipeline steckt.

Grafik: Realzinsen in Deutschland seit 1973

Bis zu diesem Punkt habe ich mit Goodhards Story keine Probleme. Kritisch wird es für mich, wenn er aus der weltweit rückläufigen Geburtenraten, der Stagnation und dann dem Rückgang der Weltbevölkerung ab etwa 2040, auf ein zunehmendes Missverhältnis zwischen der aktiven und nicht-aktiven Bevölkerung schließt und daraus ableitet, dass das Arbeitsangebot knapper und relativ teuer wird. Noch nie seit Menschengedenken war die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer so ungünstig wie heute, wir seien aber inzwischen an einem Wendepunkt, von dem an sich ihre Lage bessern wird, insbesondere ihr Anteil am Volkseinkommen.

Meiner Ansicht nach gibt es diesen Automatismus nicht. Hierzulande haben wir schon seit Längerem mit einem Schrumpfen der Anzahl Menschen im arbeitsfähigen Alter zu tun. Das hat sich bisher kaum auf die Löhne ausgewirkt. Vielmehr ist der Anteil der Erwerbspersonen an der Gesamtbevölkerung kontinuierlich, man kann sogar sagen dramatisch gestiegen. Durch neue Gesetze zur Lebensarbeitszeit, Absprachen zwischen den Tarifpartnern, eine steigende Erwerbsquote der Frauen (die ja im Schnitt weniger Kinder und damit mehr Zeit für einen Job haben), die bessere Gesundheit der Älteren und die zunehmend weniger auskömmliche Sozialrente haben zusammen verhindert, dass es zu einem Mangel an Arbeitskräften gekommen ist. Das Gegenteil war der Fall.

Durch die Flut von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika wird es einen weiteren Schub beim Angebot von Arbeitskräften geben, nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Währungsunion. Vor allem wandern ja junge Männer zu, die in der Regel ihre Frauen und Kinder nachholen werden. Alle demographischen Probleme (so es wirklich welche gibt) lassen sich lösen, indem man pro Jahr etwas mehr als eine Million Ausländer hereinlässt. Ein Teil davon ersetzt im Übrigen lediglich die deutschen Auswanderer.

Grafik: Erwerbsquote in Deutschland seit 1992

Mit anderen Worten, es gibt eine Menge Stellschrauben, an denen sich drehen lässt. Probleme werden dann angegangen, wenn sie auftreten und als solche erkannt werden. Jedenfalls sollten sich die Arbeitnehmer in einem reichen Land wie Deutschland nicht darauf verlassen, dass die Demographie im Kampf um die Anteile am Volkseinkommen ihr Verbündeter ist. Demographische Trends mögen helfen, aber für’s Erste müssen sie sich vor allem dafür einsetzen, dass das Sozialprodukt und mit ihm die Produktivität rascher zunehmen als in den vergangenen Jahrzehnten. Wachstum hilft ihnen, nicht das Altern der Gesellschaft.

29 Kommentare

  1.   Guido Lingnau

    Die Logik spricht auf den ersten Blick Goodhart. Die Praxis zeigt jedoch, dass es in alternden Gesellschaften bisher nicht zu einem Anstieg bei Inflation, Produktivität oder Realzinsen gekommen ist. Japan hatte sein Geburtenhoch zwischen 1947 und 1949. Japan ist damit mit Finnland das Land mit den ältesten Babyboomern. Japans geburtenstarke Jahrgänge sind bereits im Rentenalter. Besonders die gutverdienenden Mitarbeiter der großen Konzerne wurden recht früh verrentet. Die knapper werdenden Arbeitskräfte schaffen es aber bisher nicht, höhere Löhne durchzusetzen. Von Inflation oder einem Anstieg der Produktivität ist auch nichts zu sehen. Meiner Meinung nach fehlt in alternden Gesellschaften die gesellschaftliche Anerkennung für hohe Lohnzuwächse, die erst durch Streiks durchzusetzen wären. Die Alten bestimmen die allgemeine Stimmung. Für sie wären Preissteigerungen eine Bedrohung. Sie wollen in Ruhe ihren Ruhestand erleben und keinen Aufruhr. Auch bei Reformen, die Grundlage für ein Mehr an Produktivität, treten die Alten eher auf die Bremse. Die Alten bestimmen mit ihrer Mehrheit den gesellschaftlichen Mainstream. Das machen sie, seit sie ins Erwachsenenalter eingetreten sind. Erst haben sie alles auf den Kopf gestellt und mit ihrem Wunsch nach Erneuerung den Fortschritt vorangetrieben. Dann haben sie mit Anfang 40 einen Gang zurück geschaltet, angefangen ihre Kredite abzubezahlen, für das Alter vorzusorgen und die nächste (kleinere) Generation davon abgehalten, ihr Erreichtes anzugreifen. Jetzt sind sie in Rente und wollen ihre Ersparnisse möglichst lang behalten. Sie sind scheinbar dazu bereit, auch ihren Konsum einzuschränken. Bin gespannt, wie es in Japan (und Finnland) jetzt weitergehen wird.

  2.   Babendiek

    @ Wermuth ‚# 7

    Im tertiären Sektor sind Produktivitätssteigerungen m. E. noch schwieriger als in der Industrie. Die meisten Dienstleistungen lassen sich nicht oder nur mit gravierenden Einbußen bei der Qualität rationalisieren.Hierfür einige Beispiele:

    Banken: Theoretisch ist es seit langem möglich, den größten Teil aller Finanzdienstleistungen vollständig auf Computer zu übertragen. In der Praxis scheitert dies an der mangelnden Akzeptanz. Menschen wollen mit Menschen reden, wenn es um so etwas Wichtiges wie die Anlage der Ersparnisse, die Finanzierung eines neuen Hauses, die Zukunft der Kinder oder die eigene Altersvorsorge geht.

    Gastronomie: Wenn Sie Restaurants rationalisieren, kommt dabei McDonald’s heraus. Die amerikanischen Imbissketten aber werden zunehmend unbeliebt. Was ein gutes Restaurant auszeichnet, ist gerade ein gewisser Überschuss an Service – also letztlich das Gegenteil von Produktivität.

    Einzelhandel: Nach Amazon, Versandhäusern und Textilketten bieten hierzulande jetzt vereinzelt auch Supermärkte wie Rewe den Online-Einkauf an. Das mag für die Kunden ganz komfortabel ein. Die Produktivität aber steigt dadurch nicht. sondern sie sinkt! Rewe-Mitarbeiter müssen die bestellten Waren aus den Regalen klauben, verpacken, verladen und zum Kunden chauffieren. Dafür werden zahlreiche weitere Leute benötigt.

    Fahrerloses Auto: Ob das autonome f´Fahren jemals kommt, steht heute noch völlig in den Sternen. Zahlreiche technische Probleme sind noch ungelöst. Überdies begrüßt nur ein Viertel der deutschen Autofahrer diese Entwicklung. Selbst die Hersteller – namentlich Daimler und Toyota – wollen den Fahrer nicht vom Lenkrad verbannen. Der Computer soll die Autofahrer unterstützen – nicht ersetzen. Ganz ähnlich nimmt der Autopilot im Flugzeug den Piloten Routine-Aufgaben ab.

    Medizin und Altenpflege. Ich halte es für völlig ausgeschlossen, dass Ärzte, Altenpfleger und Krankenpfleger jemals durch Maschinen ersetzt werden. Gerade in schwierigen Lebenslagen wollen und brauchen Menschen die persönliche Betreuung und die Zuwendung durch andere Menschen. Roboter im Krankenhaus und im Seniorenheim – dies halte ich für barbarisch.

    Mit anderen Worten: Wir müssen uns damit abfinden, dass Produktivitätssteigerungen in Zukunft nur noch sehr begrenzt möglich sind. Dies hat unvermeidlich zur Folge, dass auch das volkswirtschaftliche Wachstum sich immer mehr abflachen wird.

    Wie höhere Löhne und Staatsausgaben irgend etwas an diesem Sachverhalt ändern könnten, ist mir vollkommen schleierhaft.

  3.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 12

    Sie haben mit vielem recht, D. Wermuth allerdings auch, wenn er auf Produktivitätsfortschritten im tertiären Sektor verweist.

    Wie können Sie beide recht haben, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind?

    Man muss unterscheiden:

    Wenn wir von PRODUKTIVITÄTSTEIGERUNGEN sprechen, dann gibt es die auch im Dienstleistungssektor.

    Es sind Algorithmen und Standardisierung, die den Produktivitätsfortschritt ermöglichen. Denken Sie nur einmal an die Reiseauskunft der Bahn. Da wird nicht mehr in einem dicken Wälzer geblättert, der Kursbuch heißt. Auch im Verkauf gibt es Produktivitätssteigerungen (Auto-Portale) und selbst in der Kreditwirtschaft, wo die Finanzierungskosten am Internet abgefragt werden, kann zumindest ein Teil der Beratungsleistung entfallen kann.
    In den Flugzeugen unterstützt der Autopilot zwar (nur) die Piloten. Dies aber so umfassend, dass der 3. Mann im Cockpit entfallen konnte.

    Wenn wir über ARBEITSPRODUKTIVITÄT reden, heißt dies:

    Jobs entfallen und für Funktionen, bei denen sie entfallen sind, gibt es vielfach keine Steigerung der Arbeitsproduktivität.

    In anderen Bereichen, z. B. in der Kranken- und vor allem der Altenpflege ist das anders. Hier sind die Menschen nicht zu ersetzen und die Arbeitsproduktivität kann unserem heutigen Verständnis nach, wenn überhaupt, nur sehr begrenzt steigen.

    Ich wäre aber vorsichtiger als Sie:

    Was heute noch als barbarisch angesehen wird, muss es morgen nicht mehr sein.

    Wenn es ums Geld geht, sind Menschen zu vielem bereit.

  4.   Babendiek

    @ Tischler # 13

    Ich bestreite nicht, dass es in den Dienstleistungen vereinzelt durchaus beachtliche Produktivitätsfortschritte gibt. Alles in allem aber steigt die Arbeitsproduktivität in den Service-Industrie wie in der Wirtschaft insgesamt nur noch sehr langsam. Im Trend nahm die Produktivität – gemessen als Output pro Erwerbstätigen – in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren lediglich um ungefähr ein Prozent pro Jahr zu.

    Für die Beschäftigung ist dies übrigens ein Segen. Von 2005 bis 2014 ist das Inlandsprodukt in Deutschland pro Jahr im Schnitt nur um etwa 1,3 Prozent gestiegen. Dennoch hat die Beschäftigung stetig zugenommen. 2005 hatten wir in Deutschland 39,3 Millionen Erwerbstätige. Ende 2014 waren es 42,7 Millionen.

    In den achtziger und neunziger Jahre wurde gesagt: Die Wirtschaft muss pro Jahr um 2,5 bis drei Prozent wachsen, damit die Beschäftigung überhaupt stabil bleiben kann. Nur bei einem solchen, aus heutiger Sicht relativ hohen Wachstum glichen sich seinerzeit die Rationalisierungseffekte und die Wachstumseffekte in Bezug auf die Beschäftigung aus.

    Fiel das Wachstum jedoch deutlich unter die Schwelle von 2,5 Prozent, nahm die Zahl der Arbeitslosen in den achtziger und neunziger Jahren sprunghaft zu. Dies ist heute zum Glück nicht mehr der Fall. Langsame Produktivitätsfortschritte sind offenbar ein guter Schutz gegen Arbeitslosigkeit.

  5.   rjmaris

    Der wesentliche Faktor, der seit Jahren bei uns, genau wie in allen anderen Industrieländern, die Einkommensverteilung zugunsten der Kapitalbesitzer verschoben hat, wird in absehbarer Zeit keine Rolle mehr spielen – das weltweite Überangebot an Arbeit.

    Bei nähere Betrachtung frage ich mich, ob das angebliche Zurückgehen des Überangebotes an Arbeitskraft tatächlich zum Umkehr der Einkommensverteilung führen wird. Mir ist nämlich Keynes‘ Rede vom „sanften Tod des Rentiers“ eingefallen. Und zwar in Zusammenhang mit seiner Zukunftserwartung wonach die Zinsen nach Null tendieren werden, aufgrund einer stetig sinkenden (von Keynes erwartete) Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals. Und dessen Rendite muss ja immer höher als die Geldrendite sein. Wenn Unternehmen nicht investieren, sagt das schon genug.

    Wenn es also zu einer Änderung der Einkommensverteilung kommen sollte, dann nicht, weil die Arbeitnehmer demnächst besser dran sind, sondern weil der Nullzins die Geldvermögenszuwächse aus Finanzgeschäften stoppt. Wenn es dann zu einem krampfhaften halten der Errungenschaften (=Ersparnisse) kommt, wird es nur schlimmer. Es werden dann wieder mehr Menschen arbeitslos, und eine negative Spirale setzt sich im Gang.

    Sollte es aber dazu kommen, dass Goodharts prognose einigermaßen zum Tragen kommen wird, dann würde die Entwicklung tatsächliche eine Wende zum Guten werden. Steigende Reallöhne, inder Folge vermehrte Investitionen und steigende Zinsen werden möglich. Ich erwarte aber nicht viel davon, eben weil der damit einhergehende Zinsanstieg die Umverteilung nach oben wieder begünstigen würde. Insofern: mir scheint, dass die derzeit wirksamen Kräfte stärker sind als etwaigen Entwicklungen, die die Arbeitnehmerposition beünstigen würde.

  6.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 14

    Ihr Verweis auf die Korrelation von Wachstum und Beschäftigung und den Sachverhalt, dass heute nicht mehr so viel Wachstum generiert werden muss, um Vollbeschäftigung zu haben, ist bedeutsam.

    Ja, dies kann man als Segen für die Beschäftigung ansehen und es ist auch signifikant – ISOLIERT betrachtet.

    Dahinter liegt der Substitutionsmechanismus, dass Arbeit durch Kapital und Kapital durch Arbeit ersetzt werden kann.

    Er ist noch gültig, aber technologisch bedingt nicht mehr allgemeingültig (siehe Halbleiterproduktion).

    Diese Faktorsubstitution wird überlagert von einer anderen, m. A. n. STRUKTURELL signifikanteren Entwicklung, nämlich der Migration von Kapital zu Standorten, die bei gleichen Kapitalkosten KOSTENGÜNSTIGERE Arbeit anbieten (internationale Arbeitsteilung, Globalisierung).

    Diese Entwicklung hat tendenziell enorme Auswirkungen auf die Beschäftigung, auch wenn sie verträglich abläuft.

    Dies ist übrigens auch dann der Fall, wenn Innovationen der Art, die HEUTE maßgebend ist, ins Spiel kommen:

    Diese Innovationen basieren weitgehend auf immer leistungsstärkerer Halbleitertechnik bei praktisch gleichbleibender physischer Baugröße, d. h. auf erweiterbarer Einsetzbarkeit (Handy als Rechner) UND sie setzen sich durch mit der Herstellung von möglichst billigen anwendungsgerechten Produkten (Hard- und Software) vor allem für den Massenmarkt, aber auch für den Fortschritt bei Investitionsgütern (Steuerung und Regelung von industriellen Prozessabläufen).

    Soweit die Wertschöpfung F&E und Produktdesign betrifft, findet sie für Hard- und Software (noch) weitgehend in den entwickelten Volkswirtschaften statt (Südkorea eingeschlossen).

    Die eine weit GRÖSSERE Anzahl von Menschen einschließende PRODUKTION findet fast ausschließlich in China und Taiwan statt.

    Das ist m. A. n. ein Megatrend, an dem auf absehbare Zeit nicht zu rütteln ist.

    Heißt für uns:

    Tendenzieller Abbau von Arbeitskräften in der hochproduktiven Industrie vor allem für Gebrauchsgüter mit großer Wertschöpfung hin zu einer Verlagerung in die Dienstleistungsbereiche mit geringerer Arbeitsproduktivität und Wertschöpfung.

    Das muss kein Drama sein, wenn wir uns klar darüber sind, dass dies BEDARFSGERECHT ist (Alterung der Gesellschaft etc.)

  7.   Dietmar Tischer

    Ergänzend zu meinem letzten Beitrag # 16 ein Bericht, wie aus der Produktion entlassene Menschen wieder Beschäftigung suchen und teilweise finden.

    Er ist vielleicht nicht repräsentativ, vermittelt aber ein realistisches Bild mit interessanten Aspekten. Lesenswert:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/geschlossenes-opel-werk-in-bochum-nicht-einmal-jeder-zehnte-hat-eine-neue-stelle-13836778.html

  8.   Recipient

    @Dietmar Tischer #3

    „Es mag ja sein, dass nach HEUTIGER Erkenntnis die Weltbevölkerung ab 2040 zurückgeht und der aktive Teil der Weltbevölkerung knapper wird gegenüber dem immer älter werdenden nicht aktiven Teil.

    Die heutige Erkenntnis wird aber nicht die von morgen sein und die Zahlen zu 2040 werden andere als die von Goodhard angenommenen sein, wenn (…)“

    Sie müssen hier allerdings einräumen, dass auch die vereinfachenden Modelle der Ökonomie, die für ihre Modellierungen geradezu methodisch darauf angewiesen sind die „reale Welt“ extrem zu simplifizieren, nicht darüber hinwegsehen können, dass wir in einer Welt, in der das zentrale Problem der globalen Überbevölkerung nicht zumindest mittelfristig stagnieren sollte, in ganz andere Probleme laufen werden. Der Mensch zehrt mit seiner westlichen Lebensweise diesen Planeten gerade in Rekordzeit auf, bezogen auf die Zeit, die es diesen Planeten gibt aber auch bezogen auf die Zeit, in der es den Homo Sapiens gibt. Und jene Weltregionen, die sich daran noch nicht beteiligen, arbeiten esmig darauf hin, unsere aufzehrende Lebensweise zu nachzuahmen.

    Auch ökonomische Modellsysteme brauchen Ressourcen. Die Ressourcen dieses Planeten sind nicht endlich, auch wenn es aus der Perspektive es einzelnen, winzigen Menschleins manchmal so wirken mag. In dem Maße, wie demografiegetriebenes Wachstum weiter Konjunkturtreiber wäre, in dem Maße würden mindestens auch die Kosten für diesen Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen und endlichen Ressourcen (Erze, Brennstoffe, etc.) ansteigen. Das sehen Sie für jede einzelne Ressource, wie zB das Erdöl, dessen Reserven vielleicht noch für die Generation unserer Enkel ausreichen könnten, aber dann schon längst nicht mehr so simpel – und billig – zu fördern sein werden, wie mit den Ölpumpen in Texas, wie aus dem Bilderbuch, die jeder von uns vor dem geistigen Auge hat, wenn er an Ölförderung denkt. Es wird teuer (Tiefseebohrungen) und schmutzig (Teersand, Fracking). Analog können Sie dies auf wirklich jede Ressource ausdehnen, es gibt keine einzige aber auch keine Ressource, von der man sagen kann, dass deren Verfügbarkeit mittel- und langfristig auch nur stabil auf heutigem Niveau bliebe.

    Und, ohne melodramatisch zu werden, Gott bewahre, dass der Klimawandel auch nur ansatzweise so schlimm verläuft, wie es viele Forscher prognostizieren. Wie die Gleichung dann noch aufgehen soll, bei zunehmender Desertifikation, zunehmener Wasserknappheit in vielen Regionen (vgl. große Teile der USA derzeit), fortschreitender Bodenerosion bei gleichzeitig rapide zunehmender Weltbevölkerung. Immer mehr Menschen müssen mit immer weniger Ackerfläche satt gemacht werden, um es auf eine einfache Formel zu kriegen. Oder das Stichwort Klimaflüchtlinge, die Ereignisse des Jahres 2015 wären da nur ein kleiner Vorgeschmack, denn nach allem, was wir wissen, bleibt Nordeuropa vergleichsweise eine Insel der Seligen, während sich zahlreiche Weltregionen, die direkt an uns Grenzen, in aride Zonen, Halbwüsten, verwandeln werden und wo die natürlichen Lebensgrundlagen schwinden, da flüchten auch die Menschen. Kombinieren Sie das mit einer steigenden Weltbevölkerung, die gleichzeitig ausschließlich in solchen „Gefährdungszonen“ zunimmt, was den „Fluchtdruck“ noch weiter steigert.

    All das – und Dinge, für die uns allen wohl aktuell noch die Fantasie fehlt – wird die kommenden Jahrzehnte doch mindestens genauso bestimmen, wie das hier bereits genannte.

    Und nun beziehen Sie die heraufziehende Gefahr für zahlreiche „white collar jobs“ hinzu, durch die nächste technologische Entwicklungsstufe, auch zahlreiche administrative, organisierende und sonstige Routinetätigkeiten, von denen derzeit mio. bundesdeutsche Arbeitnehmer bequem mit ihren Bürojobs leben können, werden mittel- und langfristig von IT besser, billiger und schneller erledigt werden können. Und Sie kennen die Rufe der deutschen Industrie, nach Wettbewerbsfähigkeit, wie lange werden da wohl Gewerkschaften und Politik widerstehen können?

    Es wird an vielen „Fronten“ eng, was die ökonomischen Perspektiven für die klassische, nivellierte Mittelstandsgesellschaft mit Massenkaufkraft angeht, wie sie doch – hoffentlich – nach wie vor unser gesellschaftliches Ideal (Stichwort Teilhabe, Stichwort Aufstieg durch Bildung, Stichwort Leistungsgesellschaft,..) ist. Um das Wachstum des addierten BIP mache ich mir keine Sorgen, die jetzt schon „Habenden“ werden sicherlich tolle Wege finden für dessen weiteres Wachstum – zu deren Gunsten – zu sorgen. Was uns als Masse, außer Sie gehören persönlich schon zu den oberen 1 %, sorgen sollte, das ist die Entwicklung der Mittelschicht.

    Und man ist sicher auch kein ideologischer Spinner, wenn man darauf verweist, dass diese Mittelstandsgesellschaft mit all ihren praktischen Folgen, wie gewisser Bildungsstandard, sozialer Frieden, ehrenamtliches Engagement der Massen, usw. die eigentliche Basis unserer freiheitlichen Demokratie ist. Gesellschaften, in denen die Masse einen täglichen Überlebenskampf an der Armutsgrenze führt, sind Gesellschaften, in denen Extreme, Vetternwirtschaft und Korruption, Unrechtsstaatlichkeit bis hin zu polizeistaatlichem Alltagsterror und Gewalt grassieren. Die sog. „Lateinamerikanisierung“ eben.

    Betrachte ich nur diese wenigen Dinge – und es sind wenige Dinge, die ich hier herausgepickt habe – dann muss ich mich fragen: mit welcher Selbstsicherheit können Ökonomen hier tatsächlich Prognosen wagen, die über wenige Monate hinausgehen, die eine größere Eintrittswahrscheinlichkeit haben, als eine beliebige Zahl zu würfeln?

    Jeder Mensch mit Introspektion an verantwortlicher Stelle wird das auch wissen. Darum kann ich im Ergebnis nur stark vermuten, dass öffentliche Debatten, um nicht zu sagen Kampagnen („Sie sorgt in der britischen Presse für Furore [Economist, Telegraph, Guardian, FT]“), wie diese v. a. dazu geeignet und auch angedacht sein dürften um die politische Agenda in Richtung „special interests“ zu lenken.

    Es passt dabei wunderbar in’s Bild, dass die Bürger Europas sich mit der EU das Trojanische Pferd der Globalisierung direkt hinter den Zaun geholt haben; Arbeitnehmer Europas werden zur Manövriermasse gemacht, wie wir im Zuge der Eurokrise sahen. Die Politik beförderte dies enorm durch entsprechende Rahmengesetze und arbeitet weiter daran, auch die diversen Freihandelsabkommen dürften nur eine Vorstufe sein, eine Art transatlantischen Arbeitsmarkt zu schaffen (so lief es zB auch mit der Schweiz). Wenn die Prophezeiung unserer Propheten doch lautet, dass ein Fachkräftemangel droht – wir kennen diese Laier auch schon aus innerdeutschen Debatten seit Jahren – dann müsse doch alles für die ungehinderte „Allokation“ dieses „Humankapitals“ getan werden. Und so dreht sich das Rad, weitere Profite aus der Masse der Arbeitnehmer zu quetschen, nur immer weiter – „und wenn ihr es zu dem Lohn/Gehalt nicht macht, vor der Tür stehen 10 Spanier, die euren Job gerne übernehmen!“. Und die Sprachkurse, und vereinheitlichte Bildungsabschlüsse (Bachelor/Master sind da sicher nur der Anfang gewesen), alles auf genau dieses Ziel hin.

    Die Wirtschaft will möglichst wenig auf „zickige“ Stammbelegschaften oder lokale Arbeitsmärkte angewiesen sein, möglichst viele Arbeitnehmer auf einem entgrenzten Arbeitsmarkt zur Verfügung zu haben ist die perfekte Grundlage um Arbeitnehmer gegeneinander auszuspielen. Das ist sicher auch keine „sozialistische Verschwörungstheorie“ sondern seit Jahren gelebte Realität. Die Cassandrarufe, dass uns bald die Arbeitnehmer ausgehen würden, dürften dafür sorgen, dass erste Hoffnungsschimmer eines punktuell langsam etwas ausgeglicheneren Arbeitsmarktes, indem Arbeitgeber nicht nur Rosinen picken und Bedingungen diktieren können wie es ihnen gefällt, bald wieder verblassen. Das dürfte der Hintergrund dieser Agenda sein. Der Massenkaufkraft und damit dem Massenwohlstand hilft dies gewiss auch nicht weiter.

    Aber das soll es ja auch gar nicht, wir sollen möglichst billig produzieren, dass man in China, den USA und anderswo unsere Waren kauft, dort soll man möglichst billig produzieren, damit wir deren Waren kaufen – so sagt es uns das politische und ökomomische Establishment zumindest immer – und so ruinieren wir in einem rat race kollektiv als „Weltgesellschaft“ unseren Massenwohlstand.

    Einkommensverteilung und Entwicklung von BIP/Produktivität wurden seit Jahren entkoppelt und es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass sich dies wieder ändert. Eher scheint die Schere hier noch weiter aufzugehen.

  9.   Babendiek

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Ökonomen mit leichter Hand die großen Linien ziehen – zum Beispiel zwischen Demographie, Arbeitsangebot, Lohnhöhe, Produktivität, Wachstum und Zinsen.

    Mit Verlaub: Solche langfristigen Prognosen wie Goodhart sie macht, sind m. E. schlicht nicht möglich. Dazu sind die zugrunde liegenden Wirkungszusammenhänge viel zu komplex. Dies zeigen ein paar Fakten und Überlegungen zur demographischen Entwicklung.

    Für Deutschland hat das Statistische Bundesamt im April 2015 die so genannte 13. koodinierte Bevölkerungsvorausberechnung vorgelegt, die bis zum Jahre 2060 reicht.

    Die Statistiker haben aber nicht einfach eine Prognose veröffentlicht, sondern acht Varianten durchgespielt. In Variante 1 leben 2060 etwa 67,6 Millionen Menschen in Deutschland. Nach einer anderen Variante könnten es aber auch 73,1 Millionen sein. Den Unterschied machen vor allem divergierende Annahmen über das Ausmaß an Migration in den kommenden 45 Jahren.

    Auch bei der Erwerbsbevölkerung gibt es unterschiedliche Vorhersagen. Derzeit leben in Deutschland 49 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 könnten dies – je nach Ausmaß der Einwanderung – zwischen 34 bis 38 Millionen sein.

    Wird zudem berücksichtigt, dass das Rentenalter von 65 auf 67 steigt, umfasst die erwerbsfähige Bevölkerung in 2060 zwischen 36 bis 40 Millionen Menschen.

    Viele Experten fordern, dass das Renteneintrittsalter sogar auf 70 heraufgesetzt wird. Dann dürfte (meine Schätzung) die erwerbsfähige Bevölkerung in 45 Jahren zwischen 39 und 43 Millionen liegen.

    Hierzu drei Bemerkungen:

    1. Die Prognose-Varianten schwanken sehr stark. Je nach den getroffenen Annahmen könnte die Erwerbsbevölkerung 2060 zwischen 34 und 43 Millionen betragen. Mit anderen Worten: Nichts Genaues weiß man nicht.

    2. Im günstigsten Fall wäre der Rückgang alles andere als dramatisch. Ein Rückgang von 49 auf 43 Millionen innerhalb von fast einem halben Jahrhundert bedeutet: Pro Jahr schrumpft die Erwerbsbevölkerung im Schnitt um 133 000 Menschen. Dies hätte sehr, sehr begrenzte wirtschaftliche Folgen (die vermutlich auch mit den allerfeinsten ökonometrischen Methoden nicht aufzuspüren wären).

    3. Bevölkerungsprognosen sind notorisch unzuverlässig. Seit Mitte der siebziger Jahre haben hierzulande zahllose seriöse Wissenschaftler und Institute vorausgesagt, dass die Bevölkerung Deutschlands mehr oder weniger drastisch schrumpfen werde.

    Tatsächlich aber sind die Einwohnerzahlen in den vergangenen vier Jahrzehnten leicht gestiegen. 1975 lebten auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik 79 Millionen Menschen, heute sind es 82 Millionen.

    Ich fürchte, die jüngste Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes und die Prognosen des guten Herrn Goodhart werden sich als ebenso unzuverlässig erweisen.

  10.   Dietmar Tischer

    @ Babendiek # 19

    >Solche langfristigen Prognosen wie Goodhart sie macht, sind m. E. schlicht nicht möglich. Dazu sind die zugrunde liegenden Wirkungszusammenhänge viel zu komplex.>

    Es ist richtig, dass Prognosen nicht zuverlässig sein (können), wenn die Wirkzusammenhänge zu komplex sind und insbesondere deren Interdependenz nicht verstanden wird.

    Aber:

    Sind Sie sicher, dass Goodhart eine PROGNOSE abgegeben hat?

    Wenn ich die Darstellung von D. Wermuth richtig lese, hat er sich mit Bezug auf empirische Befunde (Zunahme der Beschäftigten ab 1990) und eine Entwicklungskonstante (weltweit rückläufige Geburtenrate) einen Wirkmechanismus herangezogen, um zu einer Tendenz-Aussage hinsichtlich der zukünftigen Lohnentwicklung zu kommen.

    Eine solche Aussage ist dem strengen Sinn nach keine Prognose, d. h. keine Aussage, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmter Sachverhalt vorliegt.

    Abgesehen von dieser Abgrenzung:

    Das methodische Problem, das ich bei Goodhart sehe, liegt darin, dass die Entwicklungskonstante keine sein muss – wie Sie anhand der Varianten der Bevölkerungsberechnung für Deutschland darlegen – und dass er nur einen Wirkmechanismus herangezogen hat, obwohl es auch andere gibt, z. B. die ein höheres Angebot von Arbeit durch Verlängerung der Lebensarbeitszeit mit entgegenlaufendem Effekt bezüglich der Lohnentwicklung.

    Warum begeben sich Wissenschaftler auf derart dünnes Eis?

    Ich glaube sie tun es, weil sie eine SIGNIFIKANTE Erklärung für bestimmte Entwicklungen abgeben wollen. Signifikant sind Erklärungen dann, wenn sie nicht nur empirische Relevanz aufweisen, also nachvollziehbar sind, sondern sich auch als zwingend darstellen („so muss es sein, anders kann es nicht sein“).

    Das sind sie in der Regel nur, wenn sie einfach sind – und im Extremfall eben nur einen einzigen Wirkmechanismus aufweisen.

    Werden mehrere Wirkmechanismen einbezogen, ist man schnell bei der Feststellung:

    Was Genaues weiß man nicht.

    Das macht wissenschaftliche Abhandlungen nicht interessant.

 

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