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Die Notenbanken schaffen es nicht

 

Nullzinsen, aggressives Gelddrucken durch Verlängerung der Notenbankbilanzen (Quantitative Easing), Zusicherungen durch die Geldpolitiker, dass die Leitzinsen auf Jahre hinaus nicht angehoben werden (Forward Guidance), negative Zinsen auf die Überschussreserven der Banken bei der EZB, der Riksbank, der Schweizer Nationalbank und jetzt auch der Bank von Japan. Die „unkonventionellen“ Maßnahmen wollen kein Ende nehmen. Aber sie schlagen nicht an. Das Angebot an finanziellen Mitteln für die Banken ist reichlich und billig, nur es fehlt an der Nachfrage – die Wirtschaft steckt weiterhin in einer sogenannten Liquiditätsfalle, aus der sie sich mit geldpolitischen Maßnahmen allein offenbar nicht befreien kann.

Im Euroraum ist der Output, gemessen am realen Bruttoinlandsprodukt, im Zeitraum 2008 bis 2015 trotz der ultraexpansiven Geldpolitik im Jahresdurchschnitt nur um 0,16 Prozent gestiegen. Die Arbeitslosenquote hat sich seit ihrem Höchstwert von 12,0 Prozent im Jahr 2013 kaum vermindert und lag 2015 immer noch bei 11,0 Prozent. In den vergangenen beiden Jahren hat die Wirtschaft zwar etwas an Fahrt aufgenommen. Aber angesichts des starken Rückenwinds durch die Euroabwertung, den Einbruch der Rohstoffpreise und die niedrigen Zinsen waren Zuwachsraten von rund 1,5 Prozent dann doch enttäuschend. Zumal jetzt schon wieder die nächste globale Rezession droht und der Instrumentenkasten der EZB de facto leer ist.

Durch die langjährige Stagnation des Outputs sind inzwischen die meisten Analysten bei der EZB, der EU-Kommission und den Wirtschaftsforschungsinstituten der Meinung, dass das „normale“ Wachstumspotenzial mittelfristig auf etwas über ein Prozent jährlich zurückgegangen ist. Zu Beginn der Währungsunion hatte es noch bei 2,25 Prozent gelegen. Es wird zu wenig investiert, mit der Folge, dass der Kapitalstock nicht mehr wächst und die Produktivität auf der Stelle tritt. Von beiden aber hängt ab, wie es unseren Kindern und den künftigen Rentnern einmal gehen wird.

Das gesamte Wachstum der letzten Zeit beruht darauf, dass mehr Arbeitsplätze entstanden sind (zurzeit nimmt die Beschäftigung mit Raten von 1,1 Prozent zu). Es wird mehr gearbeitet, aber nicht effektiver. Nicht weniger ärgerlich ist neuerdings die These, dass sich die Wirtschaft Eurolands angeblich der Vollbeschäftigung nähert: Wenn die Wachstumsraten des realen BIP tatsächlich, wie es der Internationale Währungsfonds erwartet, in den drei Jahren 2015 bis 2017 jeweils etwa 1,6 Prozent betragen, schließt sich nämlich die Outputlücke bei dem unterstellten geringen Potenzialwachstum um etwa einen halben Prozentpunkt jährlich und verschwindet damit über kurz oder lang. Dann wäre es an der Zeit, fiskalpolitisch wieder die Zügel anzuziehen. Ich übertreibe nur wenig.

Die folgende Grafik zeigt, wie groß die Produktionslücke im Euroland ist, wenn man das Potenzialwachstum nicht auf der Basis der jüngsten Vergangenheit, sondern eines längeren Zeitraums berechnet. Dann ergibt sich ein Trendwert von 1,9 Prozent pro Jahr. Das reale BIP liegt bei diesem Ansatz um nicht weniger als 13,6 Prozent unter seinem Potenzialwert. Dass sich die europäische Arbeitslosenquote in einer ähnlichen Größenordnung befindet, zeigt, dass es sich nicht um eine irgendwie aus der Luft gegriffene Zahl handelt.

Irgendwer muss dringend wieder Schulden machen

Die Wirtschaftspolitik ist, gemessen an ihren „Erfolgen“, ein einziges Desaster und es verwundert nicht, dass überall national-populistische Parteien an Boden gewinnen. Oder dass Länder wie Großbritannien, Polen, die Tschechische Republik oder Schweden nichts mit dem Euro zu tun haben wollen. Oder dass der Zustrom der Flüchtlinge uns finanziell angeblich überfordert, obwohl davon überhaupt keine Rede sein kann.

Woran liegt’s, dass die Nachfrage nach Krediten und damit die Konjunktur nicht in Gang kommen? Die einfache Antwort lautet: an den Schulden. Sie werden als zu hoch empfunden, wenn nicht sogar als existenzbedrohend. Richard Koo vom Brokerhaus Nomura hat, das Beispiel Japans vor Augen, vor vielen Jahren dafür den Begriff balance sheet recession geprägt. Die Bilanzen der privaten Haushalte und Unternehmen sind durch Überschuldung in der vorangegangenen Boomphase aus dem Lot geraten. Sie versuchen daher, durch sparsames Wirtschaften ihre Kreditwürdigkeit wiederherzustellen und geben so wenig aus, wie sie nur können. Neue Kredite nehmen sie erst recht nicht auf. Eine Rezession lässt sich geldpolitisch nicht beenden, wenn die Wirtschaftsakteure eine solche Strategie verfolgen. Diese Verkürzung des Schuldenhebels nennt sich deleveraging.

Tabelle: Verschuldung ausgew. Länder, 2015Q2

Der Prozess ist in weiten Teilen Eurolands noch im Gange, wobei Deutschland die wichtigste Ausnahme ist: Anders als in den meisten übrigen Ländern der Währungsunion war es in der Frühphase des Euro nicht zu einer Immobilienblase gekommen, weil die Realzinsen hierzulande schon immer ziemlich niedrig waren. In Spanien, Irland, Portugal, Italien und Griechenland aber waren sie von einem sehr hohen Niveau auf das deutsche und darunter gefallen und hatten so eine Verschuldungsorgie ausgelöst. Der Kater hält bis heute an.

Hinzu kam der Zwang zur Haushaltskonsolidierung durch den Maastricht-Vertrag. Weil die Mitgliedsländer der Währungsunion gehalten waren, die staatlichen Haushaltsdefizite auf drei Prozent des BIP oder weniger zu vermindern, und die Staatsschulden auf 60 Prozent des BIP, verfolgten sie im Nachgang zu den teuren Rettungsaktionen für ihre Finanzsektoren eine ausgesprochen prozyklische Finanzpolitik. Das galt bislang selbst für Deutschland, wo die öffentlichen Finanzen so gesund sind wie sonst fast nirgendwo auf der Welt.

Mit anderen Worten: Es fehlte an einem Akteur, der mit den vielen Ersparnissen etwas Produktives anfangen konnte. In gewisser Weise waren das die Schwellenländer sowie die USA und Großbritannien, wo die Aversion gegen das staatliche Schuldenmachen nicht so ausgeprägt ist wie auf unserem Kontinent. Nun ist es im Gefolge des Strukturwandels und geringeren Wirtschaftswachstums in China global zu einem Einbruch der Rohstoffpreise gekommen, der viele Schwellenländer hart getroffen hat. Kapitalflucht, Abwertungen und eine deutliche Abschwächung des Wachstums, teilweise sogar tiefe Rezessionen (Russland, Brasilien) sind die Folge.

Normalerweise hätten die Nettoimporteure von Rohstoffen von dem Preisverfall profitieren müssen – schließlich hat sich dadurch ihre Kaufkraft stark verbessert – sodass per saldo für die Weltwirtschaft ein Nachfrageschub herausgekommen wäre. Es sieht allerdings danach aus, als würde dieses „Geschenk“ zu einem großen Teil nicht zu zusätzlichen Käufen, sondern für den Abbau von Schulden verwendet. Nichts ist mehr normal, wenn die Schulden als zu hoch empfunden werden.

Wenn die Haushalte und Unternehmen des privaten Sektors weder durch eine expansive Geldpolitik noch durch einen markanten Kaufkraftgewinn durch billige Importe aus der Reserve zu locken sind und eine lange Periode niedriger Wachstumsraten á la Japan nicht infrage kommt, bleibt nur ein Ausweg aus der Liquiditätsfalle: Der Staat muss die Nachfragelücke füllen. In Japan war und ist das der Fall. Richard Koo argumentiert, dass es sonst zu einer lang anhaltenden Rezession gekommen wäre. So konnte in den vergangenen 20 Jahren immerhin noch eine durchschnittliche Zuwachsrate des realen BIP von etwas unter ein Prozent erreicht werden (vor dem Platzen der Blasen zu Beginn der neunziger Jahre lag das Trendwachstum bei über vier Prozent). Die gewaltige Zunahme der staatlichen Schulden hat übrigens weder zu einem Anstieg der Inflation noch zu einem Anstieg der Zinsen auf die staatlichen Schulden geführt. Japan ist in diesen Tagen nach der Schweiz das zweite Land, wo die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen in den negativen Bereich abgerutscht sind. Trotz der hohen Schulden hat die Bonität nicht gelitten.

Nicht jedes Land ist in der Lage, auf eine expansive Finanzpolitik umzuschalten. Griechenland oder Portugal können sich das nicht erlauben, auch Russland und Brasilien nicht. Sie würden von den Kapitalmärkten sofort hart bestraft. Von den großen Ländern hat keines einen so großen Spielraum wie Deutschland. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen betragen im Augenblick gerade mal 0,20 Prozent und im gesamtstaatlichen Haushalt werden trotz der Belastungen durch die Flüchtlinge Überschüsse erzielt. In absoluten Zahlen exportiert kein Land (mit der Ausnahme von China) netto so viel Kapital.

Grafik: reales_BIP und Outputlücke in Deutschland, 1995Q1-20015Q4

Wie dieses Schaubild zeigt, herrscht hierzulande keineswegs Vollbeschäftigung – am Arbeitsmarkt läuft es, aber die Outputlücke liegt immer noch bei etwas über fünf Prozent. Inflationsgefahren gibt es nicht – leider, muss man aus heutiger Sicht sagen –, eher droht weiterhin Deflation. Es wäre völlig gefahrlos, die staatlichen Ausgaben um beispielsweise zwei Prozent zu steigern, also etwa um 60 Milliarden Euro, oder die Steuern entsprechend zu senken. Letzteres ist allerdings weniger wirksam, da nicht ausgemacht ist, dass das zusätzliche verfügbare Einkommen nicht für den Abbau von Schulden verwendet wird. Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, muss die Endnachfrage kräftig gesteigert werden, das ist das A und O. Die Geldpolitik braucht dringend eine finanzpolitische Flankierung.

Ähnlich großen Spielraum wie Deutschland haben die Schweiz, Österreich, Holland und die skandinavischen Länder. Selbst Frankreich, Italien und Spanien könnten angesichts ihrer niedrigen Inflationsraten und Kapitalmarktzinsen für eine Weile einen Dispens von kontraproduktiven Auflagen des Stabilitäts- und Wachstumspakts bekommen. Zusätzliche staatliche Schulden sind weniger gefährlich als eine dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit und eine stagnierende Wirtschaft. Irgendjemand muss Schulden machen – wenn es die Privaten nicht wollen, bleibt nur der Staat.

65 Kommentare

  1.   Nur.meine.Pflicht

    “ Es wird mehr gearbeitet, aber nicht effektiver “
    Das bringt der freie Welthandel mit sich, der ist sehr personalintensiv aber nicht efektiver. In China einkaufen geht eben nicht auf Zuruf.

    Die deutschen Schulden sind bei den niedrigen Zinsen kein Problem, aber wenn sie steigen gibt es ein gewaltiges.
    Man muß schließlcih auch die versteckten Schulden sehen, wie
    Beamtenpensionen, gringere Einnahmen dirch sog. Privatisierung.

  2.   Anopheles Muckenschnabel

    “ Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, muss die Endnachfrage kräftig gesteigert werden, das ist das A und O. “

    Den Verdacht hatte ich schon Anfang der 1990er Jahre, als alle Welt auf dem Trip war, eine Ökonomie ohne Nachfrage wäre erstrebenswert.
    Aber wie erreicht man das?
    Die einen treten mit stetig steigender Frequenz im immer rasender drehenden Hamsterrad auf der Stelle und haben keine Zeit, mehr zu konsumieren, die anderen haben nicht das nötige Geld dafür.

    Und der Staat hat sich von den 1970er bis in die 1990er Jahre so hemmungslos verschuldet, dass alle zu der Einsicht gekommen sind, dass Staatsschulden nur die horrenden Steuern von morgen sind.
    Deshalb die Nullverschuldung ab 2017mit Verfassungsrang.
    Deshalb die „schwarze Null“.

    Indes ist klar, dass ein System, das auf systematischer Überschuldung gründet (Geld entsteht durch Kreditvergabe, es ensteht aber stets nur die Kreditsumme, nie die zugehörigen Zinsen) mit dem Wirtschaften der „schwäbischen Hausfrau“ vor die Wand fährt.

    Es ist ein System auf Zeit.
    Und die Zeit ist um.

  3.   Hermes8

    Die Forderung nach neuen Schulden ist unsinnig und gefährlich, und die Aussagen über das Verschuldungspotential Deutschlands sind schlicht und ergreifend nicht wahr. Wenn z.B. behauptet wird, dass „im gesamtstaatlichen Haushalt […] trotz der Belastungen durch die Flüchtlinge Überschüsse erzielt“ würden, dann ist festzustellen, dass die Überschüsse im Zeitraum vor dem Eintreffen der Flüchtlinge angefallen sind, allen seriösen Schätzungen zufolge jedoch die jährlichen Belastungen ein Mehrfaches dessen betragen, was 2015 als Überschuss erwirtschaftet wurde. Und diese Zahlen stammen aus der Zeit vor der VW-Krise, vor der China-Krise und vor dem Verfall der Commodity-Preise, was die Kauflaune diverser Abnehmer deutscher Exportprodukte getrübt haben dürfte.

    Hinzu kommt, dass Verschuldung stets im Hinblick auf die Fähigkeit zur Rückzahlung der Schulden abgewogen werden sollte und nicht nur hinsichtlich der Fähigkeit, auf dem derzeitigen niedrigen Zinsniveau die reinen Zinskosten zu bezahlen, auch wenn das der Standard vieler bis zur Halskrause verschuldeten Staaten auf der Welt ist. Es sei dazu an die Belastung der öffentlichen Haushalte durch Zinsen noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt erinnert. Die Rückzahlung steht überdies in den Sternen, was vor allem daran liegt, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Europas in der Zukunft vor allem aus demographischen Gründen deutlich zurückgehen wird, was natürlich auch die Schuldentragfähigkeit einschränken wird.

    Das ist auch als Zukunftsszenario denkbar – entweder entschulden sich die heute hoch verschuldeten Staaten per Staatsbankrott oder – um dies zu vermeiden – sparen sie sich die Kreditzinsen vom Mund ab. Variante 1 wird wohl eher von den heute schon hoffnungslosen Fällen gewählt werden, wenn keine Rettungsmilliarden mehr fließen, während Variante 2 eher von den solide wirtschaftenden Staaten im nichtmediterranen Raum bevorzugt werden dürfte. Dann liefert der Staat bei hoher Abgabenlast seinen Bürgern nur noch eine Mindestversorgung, während der Großteil der Steuer-Euros an die Gläubiger fließt. Die potentiellen Gläubiger in diesem Szenario nähern sich derzeit dem Ruhestand und wollen gern im Alter ein festes Einkommen erzielen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Aber irgendjemand muss ihren Lebensstandard erarbeiten. Was läge da näher, als der zahlenmäßig und qualifikatorisch deutlich schwächer besetzten nachfolgenden Generation zur Rettung der Konjuktur langlaufende Kredite aufzuschwatzen, damit die dann in 10 oder 20 Jahren sehen kann, wie sie die Zinsen dafür zusammenkratzt, wenn die Geschäftslage sich aufgrund weiter sinkender globaler Nachfrage weiter verschlechtert hat.

    Das nämlich ist die Geschichte, die das niedrige Zinsniveau und die beobachtete Liquiditätsfalle erzählt: Die künftigen Einkommen werden so viel niedriger als die aktuellen erwartet, dass die Kreditnachfrage selbst zu 0% Zinsen ausgesprochen gering ausfällt. Die sinkenden Einkommen erwartet man, weil man um die riesigen Überkapazitäten weiß, die es auf der Welt aktuell gibt und um die fehlenden Konsummöglichkeiten auf der einen und Konsumwünsche auf der anderen Seite, die ihnen gegenüberstehen. Fehlende Konsummöglichkeiten, weil es zwar Milliarden junger Menschen gibt, die gern Autos, Smartphones und Markenkleidung hätten, was auch die aktuelle Einwanderungswelle nach Deutschland demonstriert, diese aber leider meilenweit davon entfernt sind, dafür – in marktfähigen Qualifikationen – zahlen zu können. Und fehlende Konsumwünsche, weil es auf der anderen Seite einige hundert Millionen wohlhabender Menschen gibt, die alle diese Dinge kaufen könnten, sie aber gar nicht haben wollen, weil sie sich bereits im sechsten oder siebten Lebensjahrzehnt befinden und ihre Konsumbedürfnisse entsprechend angepasst haben. Die jungen Menschen, die über marktfähige Qualifikationen verfügen, können wiederum nicht im entsprechenden Umfang konsumieren, weil sie entweder durch bereits erfolgte Kapazitätsreduzierung arbeitslos geworden sind oder weil sie für die Erwirtschaftung des eigenen Lebensunterhaltes und dessen der ihnen zahlenmäßig weit überlegenen Vorgängergeneration ständig an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit getrieben werden. Die Vorgängergeneration nimmt nämlich für sich eine Alimentierung aus den Steuergeldern der arbeitenden Generation in Anspruch oder ist – beispielsweise über Hedge- und Pensionsfonds – Besitzer der Unternehmen, in denen die Jungen arbeiten und stets an einer Leistungs- und Profitsteigerung interessiert, um ihre Kapitaleinkommen zu maximieren.

  4.   Zivilisationswächter

    Ach, Herr Wermuth…

    …ist das alles so schwierig zu verstehen?

    Damals(TM), vor vierzig Jahren, wurde eine Summe von XY investiert und es kamen Z Prozente an Wirtschaftswachstum raus. Dieser Wert ist im ständigen Sinkflug begriffen. Heute kriegt man für die äquivalente Summe Investition eben nichts mehr raus.
    Man nennt das „Grenzen des Wachstums“. Willkommen ibeim Konzept des abnehmenden Ertrags.

    Damals(TM) hat man die Zinsen mal auf 18% gehievt. Seitdem hat sich dieses Niveau kontinuierlich gesenkt, bis heute.
    Wir haben seit 40 Jahren die größte Kreditsuperblase aufgepumpt, die man sich vorstellen kann. Jetzt sind wird dabei, mit dem Gesicht voran in die Mauer zu knallen, von der alle wußten, daß sie da ist, und die von allen Ökonomen und Politikern fleißig ignoriert wurde.

    Wohin soll denn das ganze in den Markt gedrückte Geld fließen?
    Wenn es nicht ohnehin noch jede Menge staatliche Investition gäbe, was wäre denn dann mit den deutschen Zahlen?
    Japan ringt mit einer alternden Gesellschaft. China steht das noch bevor.
    Wo sind die Projekte mit 20% Eigenkapitalrendite a la Ackermann?

    Wohin wollen Sie da wachsen? Und wie lange?
    Das ist nichts weiter als illusorischer Wohlstand. So eine Art Massenpsychose.
    Mit immer mehr immer billigerem Geld konnte man sich der schönen Illusion hingeben, unsere Wirtschaftstheorie sei richtig und sie würde funktionieren. Ätsch-Bätsch – tut sie nicht.
    Jetzt sind alle Stellschrauben benutzt, nichts funktioniert – was mir schon länger klar ist und anderen auch – und es wird sehr bald Zeit, die seit Jahrzehnten aufgetürmte Rechnung zu bezahlen, die wir da ausgestellt kriegen.

    Ich fürchte, sie wird die globalisierte Superduperwirtschaft deutlich überfordern.

  5.   rjmaris

    > die Wirtschaft steckt weiterhin in einer sogenannten Liquiditätsfalle, aus der sie sich mit geldpolitischen Maßnahmen allein offenbar nicht befreien kann.

    Dazu fällt mir gerade ein, dass so etwas in Regelsystemen „latch-up“ heißt. Z.B. bei einem elektronischen Regelsystem fliegt eine Verstärkerstufe bei Übersteuerung gegen die Versorgungsspannung (Guthabenkrise), und die Signalphase dreht sich an dieser Stelle um 180°. Ergebnis im Gesamtsystem: positive (sich selbst verstärkende) Regelschleife, dessen Ausgang sich im Extrem festsetzt (Liquiditätsfalle).

    Hier hilft nur aus- und wieder einschalten (Jubeljahr, Reset). Japan wird es vielleicht noch lernen. Und wir irgendwann auch.

  6.   Hanseat52

    Es geht um ewiges Wachstum, weil sonst Verteilungskämpfe drohen. Aber bitte ohne Resourcenverbrauch. Weltklimagipfel lässt grüßen. Oder ist das sowieso alles nur Gewäsch?

  7.   rjmaris

    Zur Tabelle „Verschuldung in ausgewählten Ländern“ sollte sich eine zweite Tabelle gesellen, welche die Zahlen für die ersten neun Einkommensdezilen und auch der ersten neun Vermögensdezilen der Privaten darstellt. Dann wird es gerade in Deutschland mit Sicherheit erheblich anders aussehen. Denn die netto Geldvermögen der Profiteure des Exportmodells „D“ wurden dann im Gesamtergebnis der Schuldenprozente deutlich reinhauen.

    Ho, halt! Ich mache einen Denkfehler. In der Tabelle geht es gar nicht um Nettoverschuldung. Jedenfalls die Summe in der Spalte „zusammen“ aller genannten Länder müsste ganz gewiss netto ein positives Geldvermögen attestieren.

    Fazit: Warum werden hier nur die brutto Schulden dargestellt? Denn auf diese Weise wird der Blick auf die enormen brutto Guthaben vernebelt! Und dieser Blick ist doch entscheidend für die Bewusstwerdung, die es für eine zielführende Problemlösung bedarf?

  8.   Shismar

    Herr Wermuth unterliegt dem Trugschluss, dass unsere europäische Wirtschaft weiter wachsen wird. Aber nicht nur in Deutschland spricht die Demographie dagegen.

    Richtig beobachtet ist, dass die Produktivität ebenfalls nur sehr langsam wächst. Daran lässt sich aber nicht ohne weiteres etwas ändern. Unser Bildungsniveau ist schon sehr hoch und zusätzlicher Kapitaleinsatz hat derzeit nur geringen Effekt.

    Wir müssen uns also damit auseinandersetzen, dass immer weniger Einkommenswachstum vorhanden ist um mehr Schulden zu finanzieren. Ohne Inflation werden auch die bestehenden Schulden nicht weniger. Wenn man also will, dass auch in Zukunft der Schuldendienst nicht überhand nimmt in Deutschland, müssen die Schulden reduziert werden.

    Nicht auf 0, Schulden schaffen Spielräume für antizyklische Steuerung, aber doch soweit, dass eine schrumpfende Volkswirtschaft sie bedienen kann.

    P.S.: Wenn einige Länder die Maastricht Kriterien nicht nur auf dem Papier eingehalten hätten, würden die Korrekturen weniger schmerzhaft ausfallen. Anderseits haben auch diese Länder vom Euro profitiert. Leider aber nicht die Gelegenheit genutzt ihre Finanzen in Ordnung zu bringen.

  9.   Zivilisationswächter

    @12

    Die einen treten mit stetig steigender Frequenz im immer rasender drehenden Hamsterrad auf der Stelle und haben keine Zeit, mehr zu konsumieren, die anderen haben nicht das nötige Geld dafür.

    Das nennt sich „Red-Queen-Syndrom“ und ist inzwischen in der Weltwirtschaft durchaus normal.

    kassandra21.de/2015/10/25/rote-koeniginnen-und-nackte-kaiser/

    „Wachstum“ ist tot, würde ich sagen.

    Alleine schon dieser Vorschlag der Produktivitätssteigerung.
    Wie soll das funktionieren?

    Leute entlassen bei gleicher Produktionsmenge?
    Dann haben die aber alle kein Geld mehr zum Konsumieren.

    Mehr produzieren?
    Der Markt ist doch bis Oberkante Unterlippe mit Produkten gefüllt. Irgendwann kann keiner mehr kaufen und will es vielleicht auch nicht.
    Womit also auch die Erhöhung des Konsums flachfällt.

    Die alten G7 brauchen etwa 40% aller Rohstoffe weltweit. China auch. Wenn wir jetzt noch Indien industrialisieren wie die Chinesen, sind wir achon bei 120%. Und dann stehen noch 3,7 Milliarden Leute auf der Matte, die noch nicht abbekommen haben.

    Das Finanzgefuddel ist nichts weiter als das Symptom eines fundamentalen Problems: Eine Wirtschaft unserer Art braucht einen ständig steigenden Zustrom billiger Energie, um daraus das zu generieren, was man gemeinhin „Wachstum“ nennt.

    Sowohl der Preis als auch die Stetigkeit des Zustroms sind nicht mehr gegeben. Ebenso die Steigerung der Energiemenge.

    Wirtschaft hat noch niemals Geld erfordert. Wirtschaft erfordert Energie.

  10.   rjmaris

    > Es sieht allerdings danach aus, als würde dieses “Geschenk” zu einem großen Teil nicht zu zusätzlichen Käufen, sondern für den Abbau von Schulden verwendet.

    Mit dem Geschenk sind die enormen Preissenkungen für Öl gemeint. Das finde ich ein interessantes Beispiel. Schließlich meine ich ja, dass bei jeder Ausgabe eines Reichen zum Kauf einer realwirtschaftlichen Leistung bei einem Verschuldeten, dass letzterer seine Schuld tilgen kann. Also *kann* eine gesamtwirtschaftliche negative Nettokreditaufnahme (Tilgung) genauso förderlich sein für die Realwirtschaft wie eine positive Nettokreditaufnahme.

    Wenn die zugenommene Kaufkraft, die aus starker Ölpreissenkung resultiert, nur zu Schuldentilgung verwendet wird, ist das faktisch äquivalent wie: Ölstaaten schenken Geld zwecks Schuldentilgung. Das hat selbstverständlich eine andere Wirkung als das verstärkte Ausgeben der Öl-Überschüsse. Nichtsdestotrotz: ein so bewerkstelligter Schuldenabbau wird mit Verzögerung schon – je nach Umfang dieser Umverteilung nach unten – eine positive Wirkung entfalten.

 

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