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Gewaltiger Überschuss in der Leistungsbilanz – nicht alle freuen sich darüber

 

Im zweiten Quartal ist das deutsche Sozialprodukt stärker gestiegen als von den meisten erwartet, wenn auch nicht so stark wie im ersten. Real und saisonbereinigt betrug das Plus 0,4 Prozent, nach 0,7 Prozent, und lag damit um 1,8 Prozent über dem Vorjahreswert. Nach der kleinen Wachstumsdelle von Ende 2011 bis Anfang 2013 befindet sich die deutsche Wirtschaft weiterhin im Aufschwung. Er ist nicht spektakulär, aber robust, und kann sich international sehen lassen. In den USA betrugen die vergleichbaren Quartalszahlen beispielsweise nur 0,3 und 0,2 Prozent.

Grafik: Deutschlamd: Reales Bruttoinlandsprodukt seit 1991

Bemerkenswert ist, dass die Anzahl der neuen Jobs bis zuletzt zügig mit Raten von etwas mehr als ein Prozent zugenommen hat und dass, man höre und staune, die Verbraucherpreise in den vergangenen sechs Monaten mit einer Verlaufsrate von 1,7 Prozent gestiegen sind. Es ist eine fast ideale Mischung. Zudem gibt es keine Anzeichen, dass die Auftriebskräfte demnächst nachlassen könnten. Im Bau lief es im zweiten Quartal schlecht, aber wenn ich mir die realen Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe ansehe, kann ich nur folgern, dass es dort in den kommenden Quartalen einen ausgewachsenen Boom geben wird – sie übertrafen im April und Mai ihre Vorjahreswerte um 17,1 Prozent. Der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts, ein wichtiger Frühindikator für die Industrie, den Handel und den Bau, bewegt sich nach wie vor auf sehr hohem Niveau.

Gibt es einen Haken in diesem goldilocks-Szenarium? Ja. Es ist die Tatsache, dass die Expansion des realen BIP wieder einmal fast allein vom Außenhandel getragen wurde. Da dessen Beitrag zur Gesamtwachstumsrate von 0,4 Prozent schätzungsweise 0,8 Prozentpunkte betrug, muss der Beitrag der Inlandsnachfrage im ersten Quartal negativ gewesen sein (-0,4 Punkte). Die Überschüsse in der Leistungsbilanz werden größer und größer, während die Inlandskonjunktur hinterherhinkt. Vor allem im Ausland wird beklagt, dass das deutsche Wachstum aus dem Lot ist: Die deutschen Überschüsse sind die Defizite der Anderen.

Grafik: Deutsche Leistungsbilanzsalden seit 1971

Das muss nicht so bleiben. Aber der Trend ist ziemlich eindeutig. Inzwischen bewegt sich der Überschuss in der Leistungsbilanz für das Gesamtjahr in Richtung 300 Mrd. Euro und entspricht damit fast 10 Prozent des Sozialprodukts. Nur wenige, durchweg gut aufgestellte Länder, kommen auf ähnliche Raten: die Skandinavier, die Niederlande, die Schweiz und in Asien Süd-Korea, Taiwan und Thailand. Bei dem heutigen Wechselkurs des Euro ist die deutsche Wirtschaft ganz offensichtlich super-wettbewerbsfähig.

Die Überschüsse bedeuten, dass unser Land ein gewaltiges Auslandsvermögen ansammelt. Nur in China geht es um ähnliche Größenordnungen. Das lässt sich auch anders ausdrücken: Weil sie so billig sind, ersetzen die deutschen Exporte in vielen Teilen der Welt die inländische Produktion. Das ist vor allem in den USA, in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien der Fall. In den USA und in Großbritannien, wo die Beschäftigung bislang kräftig zunimmt, ist das kein Problem, in den Euroländern mit hoher Arbeitslosigkeit aber schon.

Tabelle: Wo Deutschland seine Leistungsbilanzüberschüsse erzielt

Deutschland wird von seiner wirtschaftlichen Kraft her und als größter Gläubiger immer dominanter. Dass das Ressentiments hervorruft, ist kein Wunder. Populistische Parteien gehen damit auf Stimmenfang (vgl. Philippe Legrain: Three Paths to European Disintegration, Project Syndicate, Aug 9, 2016) und fordern, den Euro aufzugeben und sich so vom deutschen „Joch“ zu befreien. Der Erfolg der britischen Volksabstimmung hat ihnen gezeigt, dass das machbar ist.

Es wird jedenfalls von vielen Seiten verlangt, dass die riesigen Überschüsse abgebaut werden müssen. In einer Währungsunion geht das leider nicht durch eine Aufwertung des „deutschen“ Euro, denn den gibt es nicht. Es geht nur über ein Zurückdrängen der Nachfrage in den Defizitländern und eine Stimulierung der Nachfrage in Deutschland, und das nachhaltig.

Allerdings müsste man vorher anerkennen, dass die deutschen Überschüsse tatsächlich ein Problem darstellen. In einer Währungsunion sind sie das zunächst einmal nicht, so wie beispielsweise die Überschüsse Bayerns gegenüber Brandenburg weder bekannt noch relevant sind. Sie schlagen sich nieder in der Verschuldung brandenburgischer Haushalte und Unternehmen gegenüber Bayern sowie in der Übertragung von Vermögen aller Art an die Bayern. Wenn im Osten die Arbeitslosigkeit steigt, kommt es zu Wanderungen in den Westen, einem Rückgang der relativen Löhne und Immobilienpreise sowie über die gesamtdeutschen Sozialsysteme zu einem Finanztransfer von West nach Ost.

Im Euroraum ist die Sache nicht so einfach. Es muss schon viel passieren, dass Leute aus dem Languedoc in Stuttgart auf Arbeitssuche gehen – durch die Sprachbarrieren und diverse institutionelle Hürden fehlt es an Mobilität, die die Arbeitsmärkte wieder ins Gleichgewicht bringen könnte. Zudem haben die Euroländer kein gemeinsames Sozialsystem. Deutschland kann theoretisch immer mehr ausländisches Vermögen bilden, also Firmen, Immobilien und Staatsanleihen aufkaufen, bis der Arzt kommt, aber wie lange kann das gutgehen? Insofern sind unsere Leistungsbilanzüberschüsse trotz der Währungsunion ein Problem. Sie könnten das Ende des Euro bedeuten.

Denn eins ist klar: Ländern wie Frankreich, Italien oder Griechenland zu empfehlen, Rezessionen zu veranstalten, einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit hinzunehmen und die Löhne zu senken ist so, als würde man ihnen kollektiven Selbstmord empfehlen. Da ist politisch nicht mehr viel Spielraum, wenn überhaupt.

Wir müssen akzeptieren, dass vor allem hierzulande etwas geschehen muss, wenn uns etwas am Fortbestand des Euro gelegen ist. Da die Geldpolitik als Akteur ausfällt, ebenso wie das Instrument „Wechselkurs“, müssen zum Einen die Löhne viel kräftiger steigen. Fragt sich, ob die Gewerkschaften da mitmachen. Solidarität gegenüber den Arbeitnehmern im europäischen Ausland ist de facto nicht vorhanden, und bisher sind sie gut damit gefahren, ihre Forderungen in den Lohnverhandlungen nicht auszureizen. Sie dürften einigermaßen zufrieden sein mit dem Mix aus moderaten Lohnerhöhungen und dem kräftigen Anstieg der Beschäftigung – warum sollten sie dieses erfolgreiche Modell aufgeben?

Es läuft daher darauf hinaus, dass der Staat das Wachstum, die Binnennachfrage und die Importe stimulieren muss. Dazu gehören nicht nur eine Steuersenkung, die Bürger mit einer hohen Konsumquote entlastet (also die unteren Einkommensschichten) sowie eine Umschichtung von Ausgaben zugunsten von Erziehung, Forschung, Weiterbildung und Infrastruktur, sondern vor allem ein Abbau des Haushaltsüberschusses und zusätzliche kreditfinanzierte Ausgaben. Die Bonität des Schuldners Bundesrepublik kann nicht besser, und die langfristigen Zinsen können kaum niedriger sein als zurzeit. Kleine Schritte werden dabei allerdings nicht ausreichen. Ich wiederhole: Der Überschuss in der Leistungsbilanz bewegt sich in Richtung 10 Prozent des BIP.

Einen solchen Ansatz zu verkaufen, wird angesichts der verbreiteten Selbstzufriedenheit und des Stolzes auf die staatlichen Haushaltsüberschüsse nicht leicht sein. Der beginnende Wahlkampf kann vielleicht manche Blockade auflösen. Es darf außerdem von den Politikern verlangt werden, dass sie die europäische Seite ihrer Aktivitäten im Blick haben. Wenn sie bei ihrer jetzigen Kirchturmpolitik bleiben, wird der Euro nicht zu retten sein. Er ist nicht für alle Teilnehmerländer so attraktiv, wie wir uns das gerne vorstellen.

25 Kommentare

  1.   Tiefenwahn

    Solange unser Volksvermögen in Form von Krediten an die Pleitestaaten besteht, etwa in Form von Target2-Überschüssen, verschenken wir quasi unsere Produkte ans Ausland. Wir können niemals erwarten, dass etwa Griechenland und andere Problemstaaten diese Kredite jemals zurückzahlen. Solange unsere Arbeitnehmer nicht bereit sind, zu Gunsten von Lohnerhöhungen eines Teils der Arbeitnehmer auf ihre Arbeitsplätze zu verzichten, wird das auch nichts mit einer inneren Aufwertung. Und das mit zusätzlichen Krediten für „Investitionsprogramme“ ist genauso problematisch. Die schwarze Null ist ja nur scheinbar ein Überschuss des Staates, weil man davon ausgeht, dass die Kredite an die Pleitestaaten auch wieder zurückgezahlt werden. Wer glaubt denn sowas? Außerdem haben wir über mannigfaltige Ansprüche, etwa unserer Staatsdiener, eh schon einen höheren „Schuldenstand“ als etwa Italien. Jetzt noch erheblich mehr da draufzulegen, führt uns nur in die Pleite, zumal staatliche „Investitionen“ sich ja eh kaum jemals rentieren. Aber vielleicht ist die gemeinsame Pleite aller Eurostaaten ja beabsichtigt, aus Solidarität gewissermassen.
    Die einzige wirkliche Lösung ist die Auflösung des Euro, mit allen Konsequenzen, eben auch mit erheblich höherer Arbeitslosigkeit. Mit einer Aufwertung unserer neuen Währung würde sich unsere Leistungsbilanz ziemlich schnell ausgleichen. Eine Alternative wäre nur eine gesetzlich vorgeschriebene Erhöhung aller Löhne, etwa um 30%. Aber wer soll die damit verbundene Verdoppelung der Arbeitslosigkeit denn verantworten, unsere Bundeskanzlerin sicher nicht?
    Also warten wir gelassen auf das Ende des Euro.

  2.   Vorticon

    @Tiefenwahn:
    DAS hätte ich auch gerne so gesagt. Ich bin immer noch überzeugter Europäer, aber so wie es aussieht wird die EU aufgrund der ökonomischen Konstruktionsfehler auseinanderbrechen.
    Ich bin aber eher nicht so gelassen denn das wird solche Druckwellen auslösen, dass ich mir fast wünsche dann schon unter der Erde zu sein.

  3.   rjmaris

    Guter Beitrag von D. Wermuth, dafür danke.

    Es besteht, wie die ersten beiden Kommentare zum Ausdruck bringen, allen Anlass zur Sorge. Denn Politiker werden nichts veranlassen (kräftige Lohnerhöhungen zusammen mit steigender Arbeitslosigkeit), was Wahlsiege gefährden könnte. Und so wird es irgendwann zu einem Knall kommen, befürchte ich.

    So wie damals die USA nicht an Keynes‘ Bancor-Plan interessiert waren, wären/sind es heute die Deutschen. Klar doch, sind es nicht nur Defizit-Sünder, sondern auch Überschussländer, die gemäß dieses Planes zur Mitverantwortung für die Wiederherstellung der (Gleichgewichts)Ordnung gehalten wären.

  4.   Babendiek

    @ Wermuth

    Einmal mehr werden die hohen Handelsüberschüsse Deutschlands in diesem Forum skandalisiert. Warum aber sollten die überhaupt ein Problem sein?

    Hierzu sieben Bemerkungen:

    1. Ein Blick auf die Tabelle in Ihrem Beitrag zeigt: Die deutschen Überschüsse verteilen sich auf sehr viele einzelne Länder. Sie haben für die meisten dieser Staaten alles andere als dramatische Auswirkungen. Dies zeigen besonders deutlich Italien und Spanien. Die Defizite im Handel mit Deutschland betragen in diesen beiden Ländern lediglich einige wenige Promille des jeweiligen Sozialprodukts. Die in diesem Forum immer wieder beschworene „deutsche Exportaggression“ ist also keineswegs für die ökonomischen Probleme von Italien, Spanien und anderen europäischen Peripheriestaaten verantwortlich.

    2. Viele Länder, die mit Deutschland ein Handelsdefizit haben, weisen insgesamt jedoch eine ausgeglichene Handelsbilanz auf oder erzielen sogar Überschüsse. Hierzu gehören Dänemark, Schweden und Italien. Die Defizite gegenüber Deutschland werden durch Überschüsse mit anderen Handelspartnern wettgemacht.

    3. Die deutschen Handelsüberschüsse haben wenig oder gar nichts mit dem Euro zu tun. Der Surplus wird, wie die Tabelle zeigt, zu weniger als einem Drittel mit Ländern der Währungsunion erzielt. Die höchsten Überschüsse erzielt die Bundesrepublik gegenüber den USA und Großbritannien, also Staaten, die nicht zur Eurozone gehören.

    4. Es ist keineswegs so, dass Deutschland die Überschüsse vor allem im Handel mit ökonomisch schwächeren Ländern erzielt. In absoluten Zahlen ist das Plus am größten gegenüber den USA, Großbritannien und Frankreich, also drei der größten und am stärksten entwickelten Wirtschaftsnationen auf diesem Planeten. Relativ (im Verhältnis zum jeweiligen Sozialprodukt) sind die Handelsdefizite gegenüber Deutschland besonders groß in Luxemburg, Österreich, Schweden und der Schweiz. Auch dies sind keine wirtschaftlich schwachen Länder.

    5. Handelsdefizite sind nicht per se schlecht. Es kommt sehr darauf an, wie sie entstehen. Kauft ein Land im Ausland vor allem Konsumgüter, die mit Krediten finanziert werden, ist es rasch am Ende – siehe Griechenland. Viele Schwellenländer beziehen aus Deutschland hingegen vor allem Maschinen und Anlagen, mit denen sie eine global wettbewerbsfähige Industrie aufbauen. Diese Staaten sind – wie insbesondere China zeigt – in absehbarer Zeit imstande, ihre Defizite durch Exporte abzubauen.

    6. In diesem Forum herrscht die ziemlich blauäugige Vorstellung vor, dass alles „irgendwie im Gleichgewicht“ sein müsse – also auch der internationale Handel. Dies ist purer Nonsense. In der Wirklichkeit ist äußerst selten irgendetwas im Gleichgewicht, schon gar nicht der Außenhandel. Die USA erzielen seit mehr als drei Jahrzehnten im Handel mit dem Rest der Welt exorbitante Defizite, die derzeit ungefähr dreimal so hoch sind wie die deutschen Handelsüberschüsse. Dies hat die ökonomische Supermacht allerdings kaum beeinträchtigt.

    7. Schließlich ist die vorgeschlagene Lösung zum angeblich notwendigen Abbau der deutschen Handelsüberschüsse völlig verfehlt. Mal wieder (wie denn auch anders) soll der Bund die Staatsausgaben steigern. Dies ist, mit Verlaub, völliger Unsinn. Jede nur einigermaßen realistische Erhöhung des Bundeshaushaltes hätte bestenfalls marginale Auswirkungen auf den deutschen Außenhandel. Ich habe dies in diesem Forum mehrfach im Detail vorgerechnet – es kam jedoch nie eine Antwort. Das ist ja auch bezeichnend.

  5.   Tiefenwahn

    @Babendiek

    in den allermeisten Punkten gebe ich Ihnen ja recht. Es ist nicht Deutschland, das hier eine verfehlte Politik betreibt, es ist der Euro, der hier die Probleme macht. Hätten wir unsere eigene Währung, wie etwa die Schweiz, dann würde diese relativ zu heute erheblich aufwerten, und unsere Leistungsbilanz wäre im Großen und Ganzen wieder in Ordnung (es wird immer Abweichungen oder sogar kleinere Überschüsse geben, aber das wäre ok, es geht hier um die Größenordnung). Nach einer solchen Aufwertung wären unsere Überschüsse, gerade mit den USA, mit Großbritannien oder Frankreich, erheblich dezimiert. Genauso würden Italien und Frankreich erheblich abwerten, was deren Exporte gewaltig verbessern würde. Die Arbeitslosigkeit bei uns würde auf Grund der schlechteren Wettbewerbsbedingungen natürlich steigen, und die der Problemstaaten fallen, weil diese billiger wären. Die meisten unserer Arbeitnehmer (die welche ihre Stellen behielten) hätten aber erheblich mehr Kaufkraft, und wir hätten wieder eine Entwicklung real steigender Löhne und Renten, wie wir sie seit der Einführung des Euro nicht mehr gesehen haben. Die augenblickliche Situation ist problematisch für uns alle. Die Angestellten sehen kaum noch reale Lohnerhöhungen, und wir verkaufen zwar unsere Sachen, bekommen aber dafür letztlich nur wertlose Forderungen, die wir niemals eintreiben können. Dass die Arbeitnehmer (Gewerkschaften) gegen eine solche Lösung sind, weil sie vielleicht bei uns 3 Millionen Arbeitsplätze gefährdet, verstehe ich sehr gut.
    Das ist eben auch das Dilemma unserer Regierung, die wohl hauptsächlich auf die nächste Wahl schaut. Das eigene Hemd ist unseren Politikern ja doch näher als das ferne Europa, da bleibt es eben dann bei den verklärten Festreden.

  6.   Rainer Land

    Wermuth liegt einigermaßen richtig, Babendiek liegt einigermaßen daneben.

    Man muss bei der Betrachtung von Handels- und Leistungsbilanzen jedes Land (Deutschland, China, USA) als Ganzes betrachten kann dies nicht in einzelne Länderbeziehungen (Deutschland – USA, Deutschland – Spanien, Deutschland – Frankreich) auflösen, wie Babendiek das tut.
    Das kann man mit einem einfachen Gedankenexperiment verdeutlichen: Angenommen ein Land A exportiert für 100 Mrd. Güter in ein Land B und importiert aus C für 100 Mrd. Aus B importiert es nicht, nach C exportiert es nicht. Scheinbar hat es ein riesiges Defizit gegenüber C. Tatsächlich sind die Handelsbilanzen alle drei ausgeglichen, wenn wir unterstellen, dass B an C (oder irgendwo an die Welt) für 100 exportiert und C entsprechend importiert. A bezahlt seine Importe aus C mit den Einnahmen aus B. A hat zwar gegen B einen Überschuss und gegen C ein Defizit, aber die Bilanz ist ausgeglichen. Die 100 Mrd. Defizit gegen C sind überhaupt kein Problem, der Überschuss ist es auch nicht. Nur wenn A per Saldo mehr exportiert als es importiert gäbe es ein Problem. Man muss also immer die Salden der Länder vergleichen.

    Das aber das tatsächliche Problem: es geht um Länder, die per Saldo Überschüsse oder Defizite haben.
    Deutschland exportiert für 250 € mehr als es importiert, egal wohin und woher. Frankreich importiert für 60 Mrd. mehr als es exportiert.
    Wer jeweils die Handelspartner sind ist in diesem Zusammenhang egal, es zählt nur der Saldo.
    Der wird allerdings wird zum Problem, wenn ein Land dauerhaft per Saldo Überschüsse oder Defizite hat.
    Betrachten wir das Defizitland: es muss sich zunehmend verschulden, ohne dass es die Schulden zurückzahlen könnte – es sei denn, die jeweilige Volkswirtschaft würde wieder in eine Überschussposition kommen (also mittel- oder langfristig die Handelsbilanz ausgleichen). Nur dann hätte es Einnahmen, um Schulden zu tilgen. Mit den Defiziten steigt die Arbeitslosigkeit und die Tendenz zur Deindustrialisierung. Damit wird es immer schwerer, das Defizit abzubauen und wieder Überschüsse zu bekommen, um Schulden tilgen zu können. Es ist ja ein Irrtum, dass Defizite vor allem entstehen, weil zuviel ausgegeben wird, es wird zu wenig und tendenziell immer weniger eingenommen!
    Deutschland nach dem 1. Weltkrieg ist der bekannteste Fall. Nur der Schuldenerlass (und die Inflation) halfen dann. Und auch jetzt wird alles darauf hinauslaufen, dass die Überschussländer die Defizitländer „retten“, d.h. Schulden erlassen müssen, weil sie sonst selbst an wertlosen Schuldverschreibungen ersticken.

    Umgekehrt das Überschussland (egal wem gegenüber man Überschüsse hat): die Löhne bleiben hinter der Produktivität zurück, es werden Guthaben gegenüber dem Ausland aufgebaut, die man nicht zurück bekommt und die Arbeitslosigkeit sinkt, aber nur, solange die Überschüsse wachsen. Deshalb führt kein Weg zurück: wir hätten wieder mehr Arbeitslose, wenn die Exportüberschüsse verschwänden. Das wäre nicht der Fall, wenn der Abbau über die Ausweitung des Binnenmarktes geschähe, also über mehr Investitionen und mehr Importe statt über eine Absenkung der Exporte.

    Arbeitslosigkeit wird aus den Überschussländern in die Defizitländer exportiert. Der Binnenmarkt ist schwach und die Investitionsquote ist in beiden Regionen, in den Überschuss wie in den Defizitländern, viel zu schwach, weil die Binnenmärkte stagnieren, und zwar in den Überschussländern wie in den Defizitländern. Weil alle versuchen, weniger zu verbrauchen, die Überschussländer, weil dies ihr Geschäftsmodell geworden ist, die Defizitländer, um die Defizite unter Kontrolle zu bekommen. Eine echte Abwärtsspirale für beide.

    Ein Überschuss-Wirtschaftsmodell kann einige Jahre oder Jahrzehnte erfolgreich funktionieren (USA von 1938 bis 1965 ca.) aber nur, wenn das Überschussland bereit ist, seine Überschüsse in den Defizit-Regionen zu investieren (siehe USA nach 2. WK: nach Deutschland, Japan, US-Kapital ging in die ganze westliche Welt), ohne unmittelbar wirtschaftliche Gegenleistungen oder aktivierbare Schuldverschreibungen zu fordern.
    Überschüsse kann man dauerhaft nur machen, wenn man sein Geld nicht zurück haben will!
    Die US-Überschüsse waren unproblematisch, solange die USA dieses Geld auch international wieder ausgegeben hat und nicht gehortet. Zudem spielte natürlich der US-Dollar als Kredit-Anker eine Rolle, ohne dies hier weiter ausführen zu können.
    Aber Deutschland ist keine solche „gute“ Hegemonialmacht. Es wird vielleicht irgendwann unfreiwillig gezwungen sein, auf „sein Geld“ zu verzichten, aber freiwillig nicht. Siehe Schäuble.
    Wer dauerhaft Überschüsse machen will muss auch freiwillig bereit sein, diese in die Welt zu verteilen, sonst geht es nicht. Ob China diese Wendung schafft werden wir sehen, ist aber es ist fraglich. Noch ist das Überschussland China nur bereit, seine Überschüsse gegen amerikanische Wertpapiere einzutauschen oder damit Rohstofflagerstätten in Brasilien und Afrika zu kaufen – auch eine Variante des Überschussrecycling.
    Mit dem kauf amerikanischer Wertpapiere verbindet sich die implizite Hoffnung, dass Amerika irgendwann wieder Überschüsse haben wird, nämlich dann, wenn die Chinesen „ihr Geld zurück“ haben wollen. Oder sie verzichten für immer darauf. Vielleicht aber übernehmen sie irgendwann die amerikanischen Unternehmen, wer weiß.
    Kurz: entscheidend ist der Saldo einer Volkswirtschaft und nicht zu welchen Ländern die Überschüsse oder Defizite hat.

    Deutschlands Überschüsse sind ein doppeltes Problem: a) für die anderen Länder (Deindustrialisierung, steigende Arbeitslosigkeit, Verschuldung der privaten Haushalte, Unternehmen und Staat). b) für Deutschland: (schwache Binnenmarkt, zu geringe Lohnentwicklung, illusionäre Geldvermögen in Fonds und Bankbilanzen, die nicht realisierbar sein werden).
    Auch für die USA ist das Defizit von über 600 Mrd. ein Problem, auch wenn die Verschuldung keine unmittelbaren Probleme bereitet, da sie in der Währung erfolgt, die die USA selbst emittieren können: US$. Denn auch in den USA ist die Dynamik der Industrieproduktion recht schwach. Wer mag sollte Stephen Roach zum Verhältnis USA und China lesen.

  7.   Michael Stöcker

    @ Rainer Land # 6

    Danke, für diese Stimme der Vernunft.

    Babendiek hat zwar recht mit seiner Einschätzung: „In der Wirklichkeit ist äußerst selten irgendetwas im Gleichgewicht, schon gar nicht der Außenhandel.“

    Man darf sich aber nicht zu weit vom Gleichgewicht entfernen. Je weiter die Entfernung vom Gleichgewicht, desto stärker werden die Spannungen. Ob und wie sich diese Spannungen entladen werden ist allerdings mehr als ungewiss. Einen interessanten Blick auf die „current account surpluses“ gab es vor einem Jahr von Mark Blyth: international.sueddeutsche.de/post/126677392150/the-euros-future-is-secure-but-it-may-not-be-the.

    LG Michael Stöcker

  8.   rjmaris

    @ Babendiek

    Zu 1: Spanien & Italien. Klar ist das Defizit mit Deutschland heute klein. Es WAR aber ein Riesenproblem, welches kumuliert „hängen“ bleibt, solange man mit D keinen Überschuss realisiert.

    Zu 3: z.T. richtig, aber auch hier: akkumuliert sehr gestört.

    Zu 6: Warten Sie mal ab. Es geht um das langfristige Gleichgewicht. Stichwort: „wertlose Forderungen, die wir niemals eintreiben können“ (Tiefenwahn)

  9.   Tomah4wk

    D.W:: „.. ein Abbau des Haushaltsüberschusses und zusätzliche kreditfinanzierte Ausgaben. “

    Es gibt aber das Maastricht-Kriterium: der öffentliche Schuldenstand darf insgesamt nicht mehr als 60 % des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Da ist D immer noch drüber, neue Kredite dürfen wir also nicht aufnehmen.

    Die bessere Lösung wäre doch, wenn D einen einvernehmlichen Austritt aus der EURO-Zone ausverhandelt. Dann würde sich wieder alles über den Wechselkurs EUR/DEM regeln.

  10.   Babendiek

    @ Rainer Land et alii

    Wer die Beiträge in diesem Thread liest, muss den Eindruck bekommen, dass die Eurozone wegen der Exportüberschüsse Deutschlands unmittelbar vor dem ökonomischen Kollaps steht.

    Genau das Gegenteil ist richtig. Die allermeisten Länder in der Eurozone haben ihre Handelsdefizite in den vergangenen Jahren drastisch reduziert. (Alle Angaben im Folgenden nach Statista und in Dollar).

    Die erstaunlichsten Erfolge gelangen Italien. 2010 wies das Land ein Handelsdefizit von rund 40 Milliarden auf. Seit 2012 erwirtschaftet Italien anhaltende Überschüsse. Voriges Jahr betrug das Plus rund 50 Milliarden.

    Auch die anderen Krisenstaaten sind auf gutem Wege. Portugal erzielte 2008 ein Defizit von 37 Milliarden. Heute beträgt dies nur mehr 11 Milliarden – das Minus in der Handelsbilanz ist also um mehr als zwei Drittel geschrumpft.

    Ähnlich schaut es in Griechenland aus: Dort sanken die Handelsdefizite von 66 Milliarden (2008) auf 20 Milliarden (2015). In Spanien verringerte sich das Manko von 139 Milliarden (2008) auf 27 Milliarden (2015). Das ist ein Rückgang von 80 Prozent.

    Frankreich konnte seine Handelsdefizite zumindest halbieren. Der Tiefpunkt wurde 2010 mit 123 Milliarden erreicht. Heute beträgt das Minus nur mehr 67 Milliarden.

    Bei allen Ländern zeigen die Kurven steil nach oben. Wo, bitte sehr, ist da ein Problem?

    Die deutschen Handelsströme fließen zunehmend in Regionen außerhalb der Eurozone. Überdies verteilen sich die Überschüsse auf sehr viele einzelne Länder. Die Bundesrepublik hat mit mehr als 150 Staaten Handelsüberschüsse. In den allermeisten Fällen sind diese Überschüsse bzw. Defizite so klein, dass sie für die Partnerländer absolut kein Problem darstellen.

 

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