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Warum die Produktivität stagniert – und was dagegen getan werden kann

 

Aus deutscher Sicht läuft es wirtschaftlich ziemlich gut, wenn wir mal von den vielen Millionen prekärer Jobs oder der ungleichen Verteilung von Vermögen und Einkommen absehen. Es gab 2016 so viele Jobs wie noch nie, 43,5 Millionen und damit ein Prozent mehr als im Vorjahr, es herrscht nicht nur nahezu Vollbeschäftigung, sondern auch Preisstabilität, der Staat erwirtschaftet seit Jahren Budgetüberschüsse, kaum ein anderes Land ist international so wettbewerbsfähig, und die Zuwachsrate des realen BIP von 1,9 Prozent, wie sie im abgelaufenen Jahr erreicht worden ist, kann sich sehen lassen.

Aber in einer Hinsicht läuft es gar nicht gut: Die Produktivität wächst seit fast zehn Jahren nur noch sehr langsamen. Der Sachverständigenrat für Wirtschaft schreibt in seinem letzten Jahresgutachten (S. 126f.), dass „die Potenzialwachstumsrate der Arbeitsproduktivität seit Beginn der 1990er-Jahre von über 2% auf 0,8% im Jahr 2009 gefallen [ist] und […] seitdem auf diesem Niveau [verharrt].“ Bei zwei Prozent im Jahr verdoppelt sich der Output pro Arbeitsstunde alle 35 Jahre, wenn es bei einer Zuwachsrate von 0,8 Prozent bleibt, dauert es 87 Jahre, also ein ganzes Menschenleben lang. Das war in der Vergangenheit viel besser. Sollte der Input an Stunden also um 0,8 Prozent jährlich zurückgehen, kann das reale BIP nicht mehr steigen. Manche halten das angesichts des demografischen Wandels für gar nicht so unwahrscheinlich. Wenn dann gleichzeitig Einkommen und Vermögen weiterhin immer ungleichmäßiger verteilt werden, ergibt sich eine politisch explosive Mixtur.

Wie die folgende Tabelle zeigt, hat die Arbeitsproduktivität im Verlauf der Zeit mit ständig niedrigeren Raten zugenommen; in den letzten zehn Jahren ist die Zuwachsrate bei 0,8 Prozent angekommen.

Tabelle: Zuwachsraten der Produktivität in Deutschland und den USA

Es wird mehr gearbeitet, gemessen an der Anzahl neuer Jobs und dem gesamtwirtschaftlichen Anstieg der Arbeitsstunden, aber pro Stunde nimmt der Output fast nicht mehr zu. Es fehlt an Effizienzgewinnen bei der Produktion der Güter und Dienstleistungen. Der größte Teil des BIP-Wachstum stammte zuletzt aus der Zunahme der Beschäftigung, nicht aus dem effizienteren Einsatz der Mittel.

Die Tabelle zeigt auch, dass es in den USA nicht viel anders war – dort hat sich die Zuwachsrate der Produktivität gegenüber der vorangegangenen Periode in etwa halbiert. Nun könnte man argumentieren, dass es so etwas immer mal wieder gegeben hatte, weil wir es bei Innovationsschüben und Investitionszyklen nicht mit stetig verlaufenden Prozessen zu tun haben, man sich also keine Sorgen zu machen braucht. Ob es sich um ein zyklisches oder ein strukturelles Phänomen handelt, lässt sich allerdings erst im Nachhinein sagen; jedenfalls wird zur Zeit wieder einmal lebhaft über die „säkulare Stagnation“ diskutiert, was bedeutet, dass viele Ökonomen den Rückgang des Produktivitätswachstums eben nicht für etwas Vorübergehendes halten. Wie kommen sie darauf und welche Therapie schlagen sie vor?

Vor Kurzem hat sich Bradford DeLong, Professor in Berkeley, in seinem Blog dazu geäußert (Three, Four… Many Secular Stagnations). Ausgangspunkt ist für ihn die Beobachtung, dass die Realzinsen sowohl am kurzen als auch am langen Ende seit Jahrzehnten rückläufig sind. Die folgende Grafik zeigt die „realen“ Renditen der zehnjährigen amerikanischen und deutschen Staatsanleihen. Bei Unternehmensanleihen ist der Trend nicht anders, nur das Niveau ist höher, soll heißen, dass Sachinvestitionen im Zeitverlauf unattraktiver geworden sind oder dass das Angebot an Ersparnissen viel stärker zugenommen hat als die Nachfrage.

Grafik: reale Renditen 10jähriger Staatsanleihen in Deutschland und den USA , 1981-Jan2017

DeLong präsentiert eine Liste mit sieben verschiedenen Erklärungsversuchen:

  1. Durch die ungleiche Einkommensverteilung wird zu viel gespart – die Reichen konsumieren nicht genug (These von Hobson).
  2. Da technischer Fortschritt und Bevölkerungswachstum stagnieren, sinkt die Ertragsrate der Investitionen, so dass zu wenig investiert wird (Hansen).
  3. Bedeutende Anleger, bei denen nicht das Gewinnmotiv sondern die politischen Risiken im Vordergrund stehen, haben eine starke Nachfrage nach sicheren Assets ausgelöst und deren reale Renditen gesenkt (Bernanke und seine saving glut).
  4. Der Finanzsektor ist dysfunktional: Es gelingt ihm nicht, die Risikobereitschaft der Gesellschaft zu mobilisieren. Dadurch ist eine gewaltige Lücke zwischen der Verzinsung riskanter und sicherer Anlagen entstanden (Rogoff).
  5. Wegen der sehr niedrigen aktuellen und erwarteten Inflation ist selbst ein „sicherer“ nominaler Zins von Null zu hoch für eine Balance zwischen Investitionsvorhaben und Sparplänen bei Vollbeschäftigung. Wir hätten es mit einer Rückkehr der depression economics zu tun (Krugman, Blanchard).
  6. Die schwache Nachfrage nach Kapitalgütern zusammen mit deren raschem Preisverfall haben die Gewinnaussichten von Firmen dieses Sektors stark verschlechtert.
  7. Das ist ein Punkt, den ich nicht richtig verstehe und den ich deswegen hier mal weglasse.

Harvards Larry Summers, der die jetzige Diskussion angestoßen hat, hat sich zu all diesen Aspekten geäußert, ohne aber ein konsistentes Gesamtmodell entwickelt zu haben.

Was die Therapie angeht, herrscht unter den Ökonomen, die sich mit dem Thema „säkulare Stagnation“ befassen, Einigkeit, dass es der private Sektor allein nicht schaffen kann und der Staat daher aktiv werden muss. Summers sieht hier zwei Ansatzpunkte: Zum Einen sollte die Verteilung von Vermögen und Einkommen durch ein progressives Steuersystem und gezielte Transfers nachhaltig korrigiert werden. Zum Anderen braucht es eine expansivere Finanzpolitik mit einem Focus auf Investitionen in Human- und Sachkapital, verbunden mit Anreizen für private Investitionen.

Das trifft sich gut mit dem Paradigmenwechsel, der in der Ökonomie begonnen hat, dass es den Märkten (einschließlich der Weltmärkte) und der Geldpolitik allein nicht gelingt, Wachstum und Wohlstand zu schaffen. Ohne den Staat geht es nicht.

48 Kommentare

  1.   BMMMayr

    Produktivität ist eigentlich ein sehr einfaches Konzept (preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigenstunde), trotzdem wird es z.T. schwierig, wenn man ins Detail geht.

    Wenn z.B. Bauern ihren Ertrag in kg Feldfrucht / Hektar oder Liter Milch / Kuh und Tag steigern, aber pro kg /Liter weniger Verkaufserlös erhalten, dann steigt die Produktivität in der VGR u.U. gar nicht.

    Da die Preise bzw das BIP ja inflationsbereinigt werden muß, und das z.B. bei moderner Elektronik hedonisch erfolgt, kostet z.B. ein Standard Computer inflationsbereinigt weniger als vor 10 Jahren, obwohl er drastisch leistungsfähiger ist. Eine Produktivitätssteigerung im Sinne BIP / Erwerbstätigenstunde stellt sich nur ein, wenn weniger Arbeitszeit nötig ist um ein Stück Endprodukt zu produzieren, nicht aber dadurch, dass das Endprodukt deutlich leistungsfähiger ist.

    Der umgekehrte Fall tritt ein, wenn ein Künstler plötzlich „in“ ist und die Preise für seinen Werke durch die Decke gehen.

    Wenn eine Friseurin oder ein Friseur eine Lohnsteigerung über der Inflation bekäme und ein Haarschnitt entsprechend teurer wird, aber nach wie vor 15 Minuten dauert, steigt da die Produktivität oder nicht?

    Gerade bei Dienstleistungen, die ja einen immer größeren Anteil am BIP haben, stellen ja einige die Sinnhaftigkeit von Produktivitätsberechnungen komplett in Abrede. Schwierig ist auf jeden Fall, dass man der realwirtschaftlichen (Dienstleistung) einen monetären Wert zuordnen muß, um überhaupt eine Produktivität berechnen zu können.

    Letztes Beispiel:
    Der Gesundheitssektor hat einen erstaunlich konstanten Anteil am BIP (ca 11%) u.a. durch gezielte Kostendämpfungsmaßnahmen. Wenn man jetzt die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden so weit reduzieren würde (Konjunktiv), dass die Behandlungsqualität sinken und die Sterblichkeit steigen würde, da würde doch die Produktivität tatsächlich rechnerisch steigen, oder?

    Mal schaun, was die Herdentrieb-Schwarmintelligenz so an klugen Gedanken zu Tage fördert!

    PS: Muß ich jetzt zur Berechnung der Produktivität dieses meines Blogbeitrags meine durchschnittliche Stundenentlohung ansetzen, den (auf 5, 10, 30 Jahre abgezinsten [Zinsfuß?]) potentiellen wirtschaftlichen Gewinn meiner Gedanken oder 0, weil ich es in einer Pause geschrieben habe?

  2.   Babendiek

    @ BMMMayr # 21 – Folge 1

    Sie haben zum Thema Produktivität in der Tat ein paar vernünftige Dinge gesagt. Ich darf das aber mal ein bisschen präzisieren.

    Wenn wir von Produktivität sprechen, meinen wir meist die Arbeitsproduktivität. Es gibt aber auch Kapitalproduktivität sowie die so genannte Totale Faktorproduktivität.

    Arbeitsproduktivität kann wiederum auf drei verschiedene Weisen definiert werden:

    1. Physischer Output (zum Beispiel Zahl der produzierten Autos oder Tonnen Stahl)
    dividiert durch physischen Input (Zahl der Arbeitsstunden)

    2. Output in monetären Größen (Umsatz oder BIP)
    dividiert durch physischen Input (Arbeitsstunden)

    3. Output in monetären Größen (siehe oben)
    dividiert durch Input in monetären Größen (Löhne und Gehälter)

    Definition 1 hat den Nachteil, dass die physische Messung des Outputs nur bei homogenen Gütern sinnvoll ist, die nach Maß, Zahl oder Gewicht gehandelt werden. Das ist im Wesentlichen nur bei Roh- und Grundstoffen der Fall.

    Hingegen ist beispielsweise Auto definitiv nicht gleich Auto. Ein Mercedes der E-Klasse hat eine andere Qualität und einen anderen Wert als ein VW Polo oder gar ein Trabant aus der ehemaligen DDR.

    Aus diesem Grund wird im Allgemeinen Definition 2 verwendet: Hierbei wird der Output nicht mehr in physischen Größen ermittelt, sondern in Geld bewertet.

    Doch auch Definition 2 ist nicht unumstritten, da hierbei der Input weiterhin physisch (Zahl der Arbeitsstunden) gemessen. Bei diesem Verfahren wird unterschlagen, dass auch Arbeit nicht gleich Arbeit ist.

    Hochqualifizierte Facharbeiter sind im Allgemeinen produktiver als Hilfsarbeiter oder angelernte Kräfte. Ein bisschen programmieren kann sich jeder beibringen. Doch nur wer systematisch gelernt hat, mit modernsten, hoch abstrakten Software-Tools zu arbeiten, kann wirklich effizient Programme schreiben.

    Die unterschiedliche Qualifikation und Berufserfahrung von Arbeitskräften spiegelt sich in der Regel in unterschiedlich hohen Löhnen und Gehältern wieder. Deswegen wird Produktivität von Volkswirten oft so definiert, dass auch der Input in monetären Größen bewertet wird (siehe Definition 3 oben).

    Bei diesem Verfahren erhalten wir für die Produktivität eine dimensionslose Maßzahl. Diese Definition ist hoch abstrakt und intuitiv nicht sonderlich eingängig.

    Und nun zur Kapitalproduktivität:

    Wenn ein Unternehmen neue Maschinen und Anlagen kauft, will es mit diesen Investitionen in vielen Fällen die Arbeitsproduktivität steigern. Doch leider sinkt mit zunehmender Fabrikautomation die Kapitalproduktivität, also der Output bezogen auf den Wert des installierten Maschinenparks.

    Im Idealfall soll im Zuge der Automation die Arbeitsproduktivität stärker steigen als die Kapitalproduktivität sinkt. Sonst macht die Anschaffung der Maschinen wirtschaftlich keinen Sinn. Um diese Entwicklungen erfassen zu können, benötigen wir also eine weitere Produktivitäts-Definition, die so genannte Totale Faktorproduktivität (TFP).

    Um die TFP eines Industriebetriebs zu ermitteln, müssen im Nenner der Produktivitätsformel sowohl der Produktionsfaktor Arbeit (in Form von Löhnen und Gehältern) als auch der Faktor Kapital (Abschreibungen, Zinsen etc.) auftauchen.

    Hieraus ergibt sich dann die Totale Faktorproduktivität, die nach Möglichkeit im Zeitablauf steigen soll. Wissenschaftler rätseln oft ein bisschen, was sich hinter einer wachsenden TFP eigentlich verbirgt. Vereinfacht gesagt, ist dies letztlich der technische Fortschritt, aber auch eine bessere Organisation in der Produktion und andere nichttechnische Innovationen (Kanban-Logistik, Qualitätszirkel etc.).

    Alle diese verschiedenen Produktivitätskonzepte können jedoch überhaupt nicht, wie Sie richtig bemerken, den hedonischen Fortschritt erfassen: Computer und andere Produkte haben heute bei gleichem oder sogar sinkendem Preis eine höhere Leistung und einen höheren Kundennutzen als noch vor wenigen Jahren.

    Schließlich kann Produktivität auch über physische Bezugsgrößen definiert werden, zum Beispiel geerntete Weizen-Menge in Doppelzentner pro Hektar Ackerfläche in der Landwirtschaft, Kilowattstunden Strom pro Tonne eingesetzter Kohle in einem Kraftwerk oder Umsatz pro Quadratmeter Ladenfläche im Einzelhandel.

  3.   Babendiek

    @ BMMMayr # 21 – Folge 2

    Die Ermittlung von Produktivitätskennziffern ist m. E. vor allem da sinnvoll, wo wirklich etwas produziert wird – also in der Landwirtschaft, im Bergbau und vor allem in der Industrie.

    Den größten Nutzen stiftet das Produktivitätskonzept sicherlich in der einzelwirtschaftlichen Betrachtung. Dazu ein paar Beispiele.

    1. Ein Bauer stellt beispielsweise fest, dass eine bestimmte Rasse von Kühen mehr Milch pro Jahr erzeugt als eine andere. Und beschließt deshalb, fortan nur noch die produktiveren Milchkühe in seinen Ställen zu halten.

    2. Ein Hersteller von Kraftwerken hat eine neue Technologie entwickelt, mit der sich der Wirkungsgrad in der Stromerzeugung erhöhen lässt. Es wird also weniger Primärenergie (Kohle, Erdöl, Gas) benötigt, um die gleiche Menge an Strom zu erzeugen.

    3. Ein Autokonzern stellt fest, dass im Werk A bei gleicher Größe und gleicher Beschäftigtenzahl 20 Prozent weniger PKW des gleichen Modells vom Band rollen als im Werk B. Da läuft dann offensichtlich etwas schief im Werk A.

    In Dienstleistungsbranchen ist die Anwendbarkeit von Produktivitätskonzepten hingegen sehr umstritten. Dort wird ja nichts physisch Messbares produziert, sondern es werden Dienstleistungen erbracht, mit denen die Kunden am Ende zufrieden sind oder eben auch nicht.

    Im Einzelhandel, in der Gastronomie und ähnlichen Branchen zählt, neben den Preisen, aus Kundensicht vor allem die Qualität des Service: Werde ich kompetent beraten? Ist das Personal freundlich und hilfsbereit? Sind die Läden geöffnet, wenn ich einkaufen möchte? Es ist nahezu unmöglich, solche Faktoren quantitativ zu erfassen und in eine Produktivitätsformel einfließen zu lassen.

    Überdies sind Versuche, die Arbeitsproduktivität zu steigern, oft kontraproduktiv. Manch ein Gastwirt hat sich schon dazu verleiten lassen, einen Teil der Kellner und Barkeeper zu entlassen, um die Kosten zu senken. Dann aber musste der Kneipier häufig feststellen, dass die Gäste ausbleiben – weil sie zu lange auf ihr Essen und ihr Bier warten mussten.

    Wie dieses Beispiel zeigt, sind Produktivitätssteigerungen in den meisten Service-Branchen kaum möglich. Ein Friseur kann pro Tag, Woche oder Jahr nur einer bestimmten Anzahl von Kunden die Haare schneiden. Eine Taxifahrerin darf nicht schneller fahren als das Gesetz erlaubt. Ein Bankberater kann, sofern er seinen Job ernst nimmt, maximal etwa 200 Kunden betreuen.

    Seit nun 20 Jahren wird behauptet und befürchtet, dass die Digitalisierung in den Finanzdienstleistungen Hunderttausende von Menschen arbeitslos machen könnte. Bisher ist davon, trotz allem Hypes um die Fintechs, wenig zu sehen. Die meisten Menschen möchten sich lieber von einem Experten aus Fleisch und Blut beraten lassen als von einem Robo-Advisor.

    Überdies sind im Zuge der Finanzkrise zahlreiche Vorschriften erlassen worden, die Banken und Versicherungen zu einer besseren Beratung ihrer Kunden zwingen sollen. Ob solche Regelungen nun immer sinnvoll sind oder nicht – die schärferen regulatorischen Anforderungen zum Schutz der Verbraucher senken in nicht unbeträchtlichem Maße die Produktivität in den Finanzdienstleistungen und anderen Service-Industrien.

    Schließlich gibt es in Branchen, wo es um Sicherheit und Gesundheit geht, Gesetze, die ganz klar vorschreiben, wieviel Personal einzusetzen ist. In der Luftfahrt müssen in jedem Verkehrsflugzeug mindestens zwei Piloten im Cockpit sitzen. Auch für die Kabine ist eine Mindestzahl von Flugbegleitern vorgeschrieben.

    Ähnliches gilt für die personelle Ausstattung der Flugaufsicht sowie von Kraftwerken, Wasserwerken und den Schaltzentralen in der Telekommunikation. Es muss gewährleistet sein, dass jederzeit genügend Experten vor Ort sind, um Notfälle zu bewältigen. Denken wir nur an die Reaktorkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl!

    Wie ich neulich aus einer Titelgeschichte des „Spiegel“ gelernt habe, gibt es solche Vorschriften ausgerechnet im Gesundheitswesen offenbar nicht. Es steht mehr oder weniger im Belieben der (oft kommerziellen) Krankenhausbetreiber, wieviel Pfleger auf einer Station Dienst tun. Da besteht offensichtlich Handlungsbedarf des Gesetzgebers: Wo es um Leben und Tod geht, müssen jederzeit genügend qualifizierte und erfahrene Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, um den Patienten bei Notfällen sofort die erforderliche Hilfe geben zu können.

    Dieses Beispiel macht hoffentlich deutlich, wie begrenzt die Anwendbarkeit des Produktivitätsbegriffs ist.

  4.   Dieter Wermuth

    @ BMMMayr (#21)

    Was lerne ich daraus? Dass die offiziell ausgewiesene Produktivität zu niedrig ist und es keine „secular stagnation“ gibt? Und dass durch den steigenden Anteil der Dienstleistungen an der Wertschöpfung ein Rückgang der Wachstumsrate der gesamtwirtschaftlichen Produktivität vorprogrammiert ist? Alles richtig, aber trotzdem wäre es gut, wenn die Zuwachsrate nicht weiter zurückgehen würde. Wir wissen nicht, ob die Zahlen stimmen, der Trend gefällt uns aber nicht. Es ist ja nicht so, als ob es keine Möglichkeiten gäbe, effizienter zu produzieren. DW

  5.   Dieter Wermuth

    @ Babendiek (#22/23)

    Wenn die Art und Weise, wie Produktivität gemessen wird, heute genauso fehlerhaft ist wie in der Vergangenheit, ist es nicht so falsch, sich mal die Trends anzusehen. Es ist dann nicht so wichtig, ob die wahre Zuwachsrate in den vergangenen zehn Jahren nun 0,9 oder 0,5 oder 1,5% ist. Die Veränderung zählt. Vermutlich ist die wahre Zuwachsrate höher als die ausgewiesene, was das Secular stagnation-Problem sowieso relativiert. DW

  6.   BMMMayr

    @Babendiek

    „Sie haben zum Thema Produktivität in der Tat ein paar vernünftige Dinge gesagt.“

    Es freut mich, dass ich auch Ihnen dieses Kompliment uneingeschränkt machen kann!

    Nur ein paar zusätzliche Gedanken:

    Im Spiegel war zu lesen, dass die Zahl der Beschäftigten im Gesundheitssektor seit Jahren steigt. Der Anteil am BIP (wie oben geschrieben ca 10-11%) steigt nicht. Ich weiß nicht, ob in beiden Datenquellen die Bezugsgröße „Gesundheitssektor“ gleich definiert ist und ob die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden ebenfalls steigt, aber es wäre mal spannend zu sehen, wie die Arbeitsproduktivität in einzelnen Sektoren der Volkswirtschaft aussieht. Vielleicht löst sich so ein Teil des Rätsels.

    Zum Thema Kapitalproduktivität:

    Da hängt viel davon ab, welchen Wert man für den Faktor Kapital annimmt, eine bilanztechnisch zu 100% abgeschriebene Maschine dürfe rechnerisch eine relativ hohe Produktivität haben.

    Generell gilt: Bei numerischen Kennzahlen, muß man genau hinsehen und braucht z.T. erhebliches Fachwissen um die Kennzahl sinnvoll bewerten zu können und weiß wo sie sinnvolle Aussagen liefert und wo nicht. Das gilt weit über die Ökonomie hinaus.

  7.   mister-ede

    @Dietmar Tischer (#18)
    Ganz allgemein gilt, dass Arbeitskraft durch Technik substituiert wird, sobald Unternehmensprozesse hierdurch billiger werden. Das gilt für Unternehmen mit niedriger Rendite genauso wie für Unternehmen mit hoher Rendite und bei wachsender Nachfrage genauso wie bei sinkender Nachfrage. Und die Währung ist da auch egal. So simpel ist das.

    „wenn man als Großunternehmen mit hoher sozialer Relevanz nicht beliebig Arbeitskräfte entlassen kann.“

    Meine Güte, wir reden hier über Produktivitätssteigerung von wenigen Prozent pro Jahr. Da muss man als Großunternehmen niemanden entlassen, sondern stellt einfach weniger Leute ein.

    „technologisch sinnvolle Innovationen“

    Wenn ich sowas schon höre. Was ist denn die Definition von „technologisch sinnvoll“? Ganz einfach, die Innovation muss die Kosten von Unternehmensprozessen senken.
    Und was die Verlagerung ins Ausland anbelangt: Wann wird denn ins Ausland verlagert? Wenn die Unternehmensprozesse (z.B. Fertigung von Pullovern in Bangladesch) dort billiger sind. Und warum sind die dort billiger? Vor allem wegen niedrigerer Löhne und Gehälter! qed

  8.   mister-ede

    @NIKYTOELE (#17)
    Was Sie zum Lohndumping schreiben, ist völlig korrekt. Innerhalb des Euroraums konnte Deutschland die realen Lohnstückkosten in den letzten Jahren senken, ohne dass dies Auswirkungen auf den Wechselkurs hatte, anders als zu DM-Zeiten.

    Das Beispiel mit der Reinigungskraft ist schön. Würde ihr Lohn massiv steigen, würde das Unternehmen z.B. selbstreinigende Toiletten einbauen oder Putzroboter anschaffen, die Nachts die Böden säubern. Solange die Reinigungskraft aber billiger ist, bleibt sie.

    Natürlich gibt es auch noch andere Faktoren neben der Höhe von Löhnen und Gehältern. Aber wenn jemand 7 Punkte aufführt und genau dieser Punkt fehlt, wundere ich mich schon.

    @Dieter Wermuth (#20)
    Auch das ist nicht nur korrekt, sondern ebenfalls ein wichtiger Hinweis. Zu bedenken ist allerdings, dass Unternehmen unter Kostendruck auch ihrerseits versuchen, die Löhne zu senken, z.B. indem sie festangestellte Arbeitnehmer durch billigere Werkvertragsarbeiter ersetzen oder die Produktion an einen Standort mit niedrigeren Löhnen und Gehältern verlagern.

    Was es aus meiner Sicht bräuchte, wären also Rahmenbedingungen für den EU-Binnenmarkt und Handelsverträge, die auch die Produktionsbedingungen bei den jeweiligen Handelspartnern mitberücksichtigen. Das gilt für Löhne und Gehälter genauso wie für Umweltstandards. Anstelle von Protektionismus (Strafzölle) werbe ich hierbei aber für Entwicklungskorridore zur Verbesserung der dortigen Lage. Bsp.: Textilprodukte dürfen aus Bangladesch nur in die EU eingeführt werden, wenn die dortigen Produzenten z.B. einen Betriebsrat haben und gewisse Umweltstandards erfüllt werden.

  9.   Dietmar Tischer

    @ mister-ede # 27

    >Ganz allgemein gilt, dass Arbeitskraft durch Technik substituiert wird, sobald Unternehmensprozesse hierdurch billiger werden…>

    ALLGEMEIN – habe ich doch nicht bestritten, sondern mit „normalerweise“ unterstrichen.

    Die Frage ist, warum unter den BESTIMMTEN Bedingungen, die herrschen, die Produktivität nicht stärker steigt, also beispielsweise Arbeitskraft nicht vermehrt durch Technik subsituiert wird, OBWOHL die Unternehmensprozesse hierdurch billiger würden.

    Oder wollen Sie sagen, dass die Arbeitskraft inkl. Lohnnebenkosten in Deutschland so billig ist, dass es keine oder zuwenig Technik gibt, die Unternehmensprozesse noch billiger machen könnte?

    Außerdem:

    >„technologisch sinnvolle Innovationen“

    Wenn ich sowas schon höre. Was ist denn die Definition von „technologisch sinnvoll“? Ganz einfach, die Innovation muss die Kosten von Unternehmensprozessen senken.>

    Wenn ich sowas schon höre.

    Technisch sinnvoll können Innovationen auch sein, die bei GLEICHEN oder sogar HÖHEREN Prozesskosten einen größeren Output ermöglichen.

    Kann dieser mit soviel Gewinn verkauft werden, dass MEHR als die Kosten für die Innovationen eingespielt wird, sind diese auch wirtschaftlich sinnvoll.

    Ganz einfach.

    Legen Sie Ihre Lehrbuchweisheiten ab und beginnen Sie nachzudenken.

  10.   Babendiek

    Ein wesentliches Hemmnis für mehr Produktivität ist m. E. die Abkehr von der Massenproduktion. Die Kunden wünschen heute eine möglichst große Vielfalt an Produkten. Sie möchten exakt jenes Erzeugnis kaufen, das passgenau ihre jeweiligen Wünsche und Anforderungen erfüllt.

    Die zunehmende Individualisierung der Produktion hat jedoch zur Folge, dass die Hersteller kaum noch Skaleneffekte nutzen können. In der Fertigungsindustrie gilt die Faustregel: Mit jeder Verdoppelung der produzierten Stückzahlen sinken die Kosten je Einheit um fünf bis zehn Prozent. Bei sehr komplexen Produkten können es sogar 15 oder 20 Prozent sein.

    Zur Illustration ein paar Beispiele:

    1. Immer mehr Biertrinker verschmähen die Plörre, die ihnen die Großbrauereien vorsetzen. Stattdessen trinken sie lieber Crafts Beer, also Gerstensaft, der nach althergebrachten handwerklichen Regeln gebraut wird und der auerdem in Brauereien mit handwerklichen Dimensionen produziert wird. Diese Micro Breweries stehen oft im Hinterhof der Gaststätten, in denen das speziell für die Gäste des Hauses gebraute Crafts Beer verkauft wird.

    Ein Brauhaus, das pro Jahr nur einige Tausend oder Zehntausend Hektorliter Bier erzeugt, kann nie und nimmer so produktiv sein wie eine Groß-Brauerei, die pro Jahr Millionen an Hektolitern ausspuckt.

    2. Der Trend zur Vielfalt trifft auch die Discounter mit voller Wucht. Aldi, Lidl & Co. haben in ihren Läden traditionell nur einige wenige hundert Artikel vorrätig. Ein Supermarkt führt hingegen ungefähr zehn Mal so viele Artikel. Doch immer weniger Kunden wollen sich mit einfallsloser Massen-Ware abspeisen lassen.

    In der Folge stagnieren die Umsätze der Discounter. Die Umsatzrenditen, die bei Aldi Nord und Süd einst bei etwa drei Prozent lagen, sind dem Vernehmen nach auf jetzt nur mehr ein Prozent gesunken.

    Die Discounter sehen sich gezwungen, ihr Sortiment auszuweiten, mehr Service zu bieten und ihre recht karg ausgestatteten Läden anzuhübschen.

    3. Als Henry Ford das Fließband einführte, glichen sich die Autos, die in seinen Fabriken produziert wurden, wie ein Ei dem anderen. „Bei mir bekommt jeder seine Lieblingsfarbe, solange dies schwarz ist“, soll Ford getönt haben. Die Zeiten sind lange vorbei.

    Heute produziert ein Autokonzern wie Volkswagen (inklusive aller Tochterfirmen wie Audi, Porsche, Skoda etc.) weit mehr als hundert verschiedene Modelle. Die Hersteller wollen mit ihren Limousinen, Kleinwagen, Roadstern, SUVs und Minivans auch noch die kleinste Marktlücke abdecken.

    Dies führt zu Teil zu einigermaßen absurden Entwicklungen. So gibt es seit einigen Jahren eine Kreuzung von Kombis mit Coupés, für die eigens der Begriff „Shooting Break“ kreiert wurde, eine Anspielung auf die leichten Kutschen, mit denen einst britische Landedelmänner auf die Jagd gingen.

    Obendrein ist jedes Auto-Modell mit einer irrwitzigen Zahl an Ausstattungs-Varianten verfügbar. Ein Werksleiter von BMW sagte mir einmal: „In unserem Werk laufen pro Tag rund 1000 PKW vom Band. Es wäre reiner Zufall, wenn davon auch nur zwei Fahrzeuge vollkommen identisch wären.“

    In der Autoindustrie gilt die Daumenregel: In einer Autofabrik müssen pro Montageband jährlich 250.000 bis 300.00 Fahrzeuge gefertigt werden, damit die Fabrik eine optimale Produktivität erreicht. Hiervon sind die deutschen Autobauer heute großenteils meilenweit entfernt. Porsche produziert insgesamt nur 150.000 Fahrzeuge pro Jahr. Und die verteilen sich auf vier verschiedene Baureihen.

    4. Der 3-D-Druck könnte künftig die Konsumgüterindustrien erobern. Zum Beispiel den Markt für Spotartikel: Wer neue Jogging-Schuhe kaufen möchte, lässt im Laden zunächst seine Füße vermessen. Dann wählt er bis ins kleinste Detail Form, Farbe und Material aus. Der Verkäufer übermittelt die Daten an den Drucker, der im Hinterzimmer steht. Nach wenigen Viertelstunden oder sogar Minuten hat der Kunde die Jogging-Schuhe in Händen, die ganz nach seinen Wünschen passgenau angefertigt wurden.

    „Los-Größe eins“ heißt das Ziel der 3-Druck-Technologie. Es ist unstreitig, dass die je unterschiedlichen Kundenwünsche und –anforderungen damit besser erfüllt werden können als mit Massenfabrikation. Doch sonderlich produktiv wird das Verfahren niemals sein. Ein ganz einfacher Grund: Der 3-D-Drucker wird im Laufe eines Arbeitstages oft gar nicht benutzt werden. Berufstätige Kunden kommen vor allem am späten Nachmittag oder vielleicht noch in der Mittagspause.

    Wir können als allgemeine Einsicht festhalten: Je stärker Industrie und Handel auf individuelle Kundenwünsche eingehen, desto geringer ist die Produktivität in den Unternehmen bzw. Branchen. Man kann nicht beides haben: Maximale Produktivität und optimale Kundenzufriedenheit.

    5. Ebenso wie der 3-D-Druck ist „Industrie 4.0“ zu einem allseits beliebten Schlagwort geworden. Bei diesem Konzept geht es aber (wie mir Anbieter und Unternehmensberater gesagt haben), nicht in erster Linie darum, die Arbeitsproduktivität zu steigern. Das Konzept zielt ganz allgemein darauf, mit Hilfe modernster Informations- und Kommunikationstechnologien die Qualität auf allen Wertschöpfungsstufen zu verbessern – von der Produktentwicklung über die Fertigung und die Qualitätskontrolle bis zu den After-Sales-Services.

    Ein Beispiel hierfür ist „Predictive Maintenance“, also die vorausschauende Wartung von Maschinen und Anlagen. Die Grundidee: Ein Lieferant ist per Internet mit den Maschinen verbunden, die bei seinen Kunden stehen. So können fortlaufend Betriebsdaten ermittelt werden, anhand derer sich abschätzen lässt, ob die Anlagen auch weiterhin bestens funktionieren. Hierzu gehören Parameter wie Öldruck und Stromaufnahme von E-Motoren. Sobald diese Größen kritische Schwellenwerte überschreiten, meldet sich der Hersteller, um einen Termin für eine Reparatur zu vereinbaren.

    Mit diesem innovativen Service kann erreicht werden, dass die Ausfallzeiten beim Kunden minimiert werden. Wenn auch nur eine einzige Maschine in einem verketteten Produktionsprozess ausfällt, steht oft die ganze Produktion still. Unternehmensberater sagten mir, für die Käufer von Maschinen und Anlagen sei die Zuverlässigkeit des Funktionierens so ziemlich das wichtigste Kaufkriterium. Hierfür würden sie im Zweifel auch einen höheren Preis zahlen.

    In Summa: Arbeitsproduktivität und hieraus folgend Effizienz und niedrigere Priese spielen in einer hochentwickelten Volkswirtschaft wie jener der Bundesrepublik eine zunehmend weniger bedeutsame Rolle.

 

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