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Warum es in China läuft, aber nicht in Russland

 

Über die Feiertage habe ich endlich mal ein Buch gelesen, das schon lange auf meiner Liste stand: Joe Studwells „How Asia Works“ aus dem Jahr 2013. Es ist ein Plädoyer für Protektionismus in der Frühphase eines Entwicklungsprozesses.

Wenn ein armes Land rasch und nachhaltig wachsen will, sollte es sich an ein einfaches, aber in der Vergangenheit sehr erfolgreiches Rezept mit nur drei Zutaten halten: 1. Landreform – kleine Familienbetriebe statt Großgrundbesitz, weil dies in der Landwirtschaft ein Produktivitätsschub auslöst, wodurch der Output kräftig zunimmt und Arbeitskräfte für einen Einsatz in anderen Sektoren freigesetzt werden, gefolgt von 2. einer exportgetriebenen Industrialisierung mit massiven und gezielten staatlichen Eingriffen sowie 3. einer länger anhaltenden Finanzrepression, gekennzeichnet durch niedrige Zinsen für Schuldner aus der Industrie sowie Kapitalverkehrskontrollen, damit die Sparer nicht ihr Geld ins Ausland bringen – was darauf hinausläuft, dass sie durch niedrige und real oft negative Zinsen von den Banken zugunsten der Exportwirtschaft „enteignet“ werden, jedenfalls in der Frühphase, solange der Aufholprozess noch im Gange ist.

China hat sich an dieses Rezept gehalten, Russland dagegen nicht. Seit 1978, den Reformen Deng Xiaopings, hat das reale Bruttosozialprodukt Chinas im Durchschnitt jährlich um fast 10 Prozent zugenommen. In Russland begannen die Reformen erst nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1991 – in den 24 Jahren seit 1993 hat sich der Output unter starken Schwankungen preisbereinigt um jährlich nur rund 1,5 Prozent erhöht.

Grafik: Wirtschaftswachstum in China und Russland

Die Moskauer Führung hatte auf ein anderes Rezept als China gesetzt, nämlich den sogenannten Washington Consensus mit den Elementen „Inflationsbekämpfung, Privatisierung und Liberalisierung“, nach dem Motto „Wettbewerb um jeden Preis, möglichst wenig Staat!“ Die Folge war, dass die russische Industrie, ähnlich wie die der ex-DDR, mit wenigen Ausnahmen fast über Nacht ausradiert wurde – sie war den ausländischen Konkurrenten nicht gewachsen als sich die Grenzen öffneten. Wie zu Zarenzeiten verlässt sich das Land immer noch auf den Export seiner Rohstoffe und tauscht diese gegen ausländische Industrieerzeugnisse. Und bleibt arm! Vor allem die erste der beiden obigen Grafiken zeigt, wie unterschiedlich sich die beiden Volkswirtschaften entwickelt haben.

Anders als wir das vielleicht in unserem kollektiven Gedächtnis haben, hatten Länder wie das Vereinigte Königreich, die USA, Frankreich und Deutschland in den ersten Jahrzehnten ihrer Industrialisierung nichts mit Freihandel am Hut. Dass sie heute für weltweit offene Märkte sind (Frankreich zwar nur mit Abstrichen), hat nicht viel zu bedeuten – sie sind ja bereits wohlhabend und haben gut reden. Für sie wäre Protektionismus ein Verlustgeschäft.

Studwell zeigt im Detail, auf welche Art diese Länder früher ihre jungen Industrien (infant industries) vor unliebsamer Konkurrenz schützten. Die berühmtesten Verfechter des Protektionismus in der Frühphase des kapitalistischen Prozesses waren Alexander Hamilton (1755-1804), einer der Gründungsväter der USA und ihr erster Finanzminister, sowie Friedrich List (1789-1846), der nicht nur entscheidend das deutsche (und amerikanische!) Eisenbahnnetz mit aufgebaut, sondern sich auch sein Leben lang für „Erziehungszölle“ eingesetzt hatte. Beide waren für Freihandel, aber eben nicht schon zu Anfang. In der Lernphase sei es legitim, sagt Studwell, die Erfolgsrezepte der Länder zu kopieren, die weiter entwickelt sind, einschließlich dem Abwerben tüchtiger Ingenieure und dem Stehlen von Patenten. Nicht zuletzt Preußen hatte es seit dem Alten Fritz darin zur Meisterschaft gebracht. Ganz zu Anfang war England das große Vorbild.

Später, ab der Meiji-Reform von 1868, übernahm Japan die nordamerikanischen und deutschen Erfolgsrezepte und lehrte die Welt bis Ende der 1980er Jahre das Fürchten. Bis zum Aktiencrash von 1989 und dem einige Jahre später folgenden Immobiliencrash glaubten manche Ökonomen, dass das japanische Sozialprodukt über kurz oder lang größer sein würde als das der USA. Auch in Japan wird aber nur, wie sich herausstellte, mit Wasser gekocht. Wie die folgende Tabelle zeigt, ist das japanische pro-Kopf-BIP nach wie vor um Einiges kleiner als das amerikanische, und selbst niedriger als das deutsche. Vor allem gelang es nicht, die Rolle des Staates rechtzeitig zurückzudrängen und die Grenzen in beiden Richtungen zu öffnen.

Jüngeren Datums sind die rasanten Aufholprozesse Südkoreas und Taiwans. Für beide Länder war Japan das große Vorbild. Gemessen am BIP pro Kopf ist der Aufholprozess noch nicht abgeschlossen – es geht aber mit großen Schritten voran. Für Jahrzehnte dürften die Wachstumsraten hoch bleiben.

Tabelle: verschiedene Entwicklungsmodelle

Und schließlich China: Berechnet mit sogenannten Kaufkraftparitäten ist das Land laut Internationalem Währungsfonds bereits größer als die USA, aber auch auf der Basis tatsächlicher Wechselkurse wird es nur noch zehn Jahre dauern bis die Amerikaner eingeholt sind (Annahmen: das nominale BIP der USA nimmt um vier Prozent pro Jahr zu, das von China um neun Prozent). Dass die Dynamik danach stark nachlassen sollte, ist, wenn man sich die Wachstumsprozesse in Japan, Südkorea und Taiwan ansieht, nicht zu vermuten.

Zusammenfassend kommt Studwell (auf S. 64) zu dem Schluss, dass es kein Land mit Freihandel an die Spitze der Weltwirtschaft gebracht hat. „In reichen Ländern wachsen wir in dem Glauben auf, dass aller Wohlstand durch Wettbewerb zustande gekommen ist. Die schockierende Wahrheit ist jedoch, dass sich jede wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaft in ihrer formativen Phase des Protektionismus‘ schuldig gemacht hat.“

In der Kritik an dem Buch wird stets darauf verwiesen, dass manche Länder mit ganz anderen Strategien ebenfalls erfolgreich waren – und sind. Das sind allesamt Länder, die ich in der Tabelle der Kategorie „Steuerparadiese“ zugeordnet habe. Für Studwell handelt es sich bei diesen nicht um autonome Volkswirtschaften – sie führen auf dem Rücken der Industrieländer gewissermaßen ein parasitäres Leben. Sie können daher für unterentwickelte Länder, die rasch expandieren möchten, nur sehr begrenzt als Vorbilder dienen. Jeder möchte gern in einer Bank, in einer Unternehmensberatung oder einer internationalen Anwaltssozietät arbeiten – das Umfeld ist angenehm, die Gehälter sind erstaunlich hoch –, aber ohne ein dynamisches Verarbeitendes Gewerbe, auf das sie sich beziehen, werden diese Dienstleistungen nicht benötigt.

Ein beunruhigender Aspekt von Studwells Thesen betrifft die EU. Er thematisiert das nicht, aber wenn an seinen Thesen etwas dran sein sollte, war der EU-Beitritt von Ländern wie Polen, Griechenland, Ungarn, Rumänien und Bulgarien für diese ein Schock, weil er einherging mit der fast sofortigen Freizügigkeit, mit Freihandel und freiem Kapitalverkehr. Es gab bei ihnen keine oder fast keine Unternehmen, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten konnten. Sie wurden ins Wasser geworfen, bevor sie schwimmen gelernt hatten. Es fehlte die Phase des Protektionismus und der staatlichen Industriepolitik. Junge Firmen hatten keine Chance, groß und stark zu werden. Natürlich war es angenehm, auf einmal regelmäßig große Überweisungen aus Brüssel zu bekommen, aber das ändert nichts daran, dass sie vermutlich auf Jahrzehnte hinaus am schlecht bezahlten Ende der europäischen Wertschöpfungskette hängen bleiben werden. Das erklärt sicher auch die Ressentiments gegenüber den reichen Nachbarn im Westen. Ist unseren Politikern das eigentlich klar?

78 Kommentare

  1.   rjmaris

    Es ist ein Plädoyer für Protektionismus in der Frühphase eines Entwicklungsprozesses.

    Als ich das las, habe ich sofort angefangen, weiterzulesen. Wichtig, dass dies thematisiert wird. Übrigens glaube ich, dass es den meisten Leuten (die sich einigermaßen mit der Geschichte des Freihandels befasst haben) klar ist, dass die USA in der Anfangszeit protektionistisch waren.

    Was ich am Ende erwartet habe, als die EU angesprochen wurde, nämlich das Verhältnis zu Afrika, wird dann aber nicht beschrieben. Stattdessen eine nähere Erklärung im Bezug zum frühen Beitritt mehrerer osteuropäischer Staaten. Aber: Gut, dass dies angesprochen wird! Allzuleicht wird das übersehen. Ich glaube jetzt, dass das Thema „Brutkasten“ für osteuropäische Staaten unbedingt angesprochen werden muss, weil der Saat für Emtfremdung sehr wahrscheinlich schon früh gelegt wurde.
    Bei der Gelegenheit erinnere ich mich an einen verbalen Ausrutscher Henkels auf einer Tagung des IMK, wo er sagte, dass „die deutsche Exportindustrie […] die Wirtschaft in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland in den Boden rammt„. Also einige Länder in der Eurozone.

    Nun zu Afrika: was mich seit längerem stört, ist die Tatsache, dass die EU auch schwache afrikanische Staaten Freihandel auferzwingt. Die Folgen sind bekannt, bis hin zu Wirtschaftsflüchtlingen.

  2.   C_Haertl

    „Gemessen am BIP pro Kopf ist der Aufholprozess noch nicht abgeschlossen“ (zit., gemeint ist der von Südkorea und Taiwan gegenüber Japan). Mit Verlaub, die Zahlen sprechen doch eindeutig dagegen: Die nominalen BIP p. K. in der Tabelle sagen angesichts der heftigen Währungsspekulationen und damit einhergehenden Wechselkurschwankungen überhaupt nichts aus. Real, also in lokalen Preisen, ist das BIP der Taiwanesen haushoch über dem der Japaner, das der Südkoreaner gleichauf. Und in der Nettokaufkraft der Durchschnittshaushalte, also die wirklich aussagekräftige Größe, ist Südkorea meilenweit über den anderen beiden Staaten, ungefähr auf GB-Niveau. Deshalb wächst der südkoreanische Konsum seit Jahren kaum noch, BIP Zuwächse kommen nur durch Exporterfolge und wandern in Immobilien oder Ausgaben im Ausland.

  3.   Vorticon

    Moin,

    sehr schön, dass wieder daran erinnert wird, dass es sinnvoll sein kann, die eigene Industrie am Anfang zu schützen und das das alle Industristaaten gemacht haben.
    Aber das knann nur funktionieren, wenn ein ausreichend qualifiziertes Handwerkerpotential existiert und die Industriellen den staatlichen Schutz nicht für Windfall-Profits nutzen.

    LLAP

    PS: Agrarkleinbesitz ist gegenüber Großgrundbesitz dann von Nachteil, wenn die Kleinbauern auf Selbstversorgung umstellen. Das hat in Simbabwe zum Kollaps der Produktion geführt (das, und die Tatsache, dass die Cronies die die großen Besitzungen bekamen miserabel gewirtschaftet haben).

  4.   Frankie (f.k.a.B.)

    Ihren Anmerkungen zu den Ost-EU-Ländern kann ich aus eigener Erfahrung aus Gesprächen mit Kollegen aus Kroatien oder Ungarn nur zustimmen. Das ist immer ein Thema: ein Unbehagen über die Dominanz westlicher Konzern in der heimischen Wirtschaft, denen man überhaupt keine eigenen Player entgegenzusetzen hat, an denen sich eine Art ökonomischer „Identität“ kristalliseren kann. In Kroatien habe ich sogar den Eindruck, dass man sich dort als Nation in puncto ökonomischer Selbstbestimmung sogar schon aufgegeben hat, wissend , dass diese kleine Land mit seine 4 Mio Einwohnern einfach keine Rolle spielen kann; die Polen glauben noch dran.

    Studwells These findet übrigens eine Entsprechung in der Monumentalgeschichte des Konsums, die ich gerade das Vergnügen habe zu lesen ( „Herrschaft der Dinge“ von Frank Trentmann). Dort wird Studwells These in vielen Beispielen gestützt, z.B. englische Schutzzölle auf indisches Kattun im 17. Jhdt. (das „zu gut und zu preiswert“ war), um die heimsiche Textilindustre zu stützen und zu fördern.

  5.   Dieter Wermuth

    @ Vorticon (#3)

    Es gehört mit zur Strategie einer aufgeklärten Wirtschaftsregierung, dass man in der zweiten Stufe nicht nur auf Maschinen und Software setzt, sondern die Leute auch für die Produktion ausbildet (also nicht nur Rechtsanwälte und Banker). Das hat in Deutschland, Japan, Südkorea und Taiwan gut geklappt, und jetzt offenbar auch in China. DW

  6.   ReneMacon

    …und ewig lockt der Erziehungszoll des Herrn Friedrich List!

    Das Problem an dieser Art von Argumentation: Wenn man sich nur die Länder heraussucht, die mit Ansätzen dieser Art von Politik nicht in einer Entwicklungsfalle gelandet sind, blendet das die Probleme aus, die dabei entstehen können.

    Man darf eben nicht vergessen, dass nach der Weltwirtschaftkrise von 1929 bis in die Mitte der 1980ger Jahre, die List’sche Importsubstitutionspolitik das vorherrschende entwicklungspolitische Paradigma war.

    Danach setzte das ein, was wir heute die „Globalisierung“ nennen. Auch in China ging es erst so richtig vorran, nachdem sich das Land für den Handel geöffnet hat. Länder, die diese Öffnung schon vorher vollzogen hatten (Japan & die südostasiatischen Tigerstaaten), haben schon sehr viel eher mit einem erfolgreichen Aufholprozess begonnen.

    Trotz dieser offensichlichen Tatsachen wird noch immer so getan, als ob der Erziehungszoll das Non Plus Ultra der Entwicklungsökonomik sei. Hier scheint auch der eigentümlich deutsche Hang zum nichtsoganzrationalen Mythos eine ziemliche Rolle zu spielen ;-).

  7.   Hardy

    Dazu gab es 2014 (auch mit Hinweis auf Studwell) bereits etwas in der FuW:

    fuw.ch/article/nmtm-zu-unrecht-vergessen/

  8.   Dieter Wermuth

    @ ReneMacon (#6)

    Welche Länder sind denn in einer Entwicklungsfalle gelandet? DW

  9.   Die Freiheit liebender

    Dass Privatisierung und Liberalisierung zu Wohlstand führen, zeigt vor allem auch die Entwicklung der letzten 50 Jahre. Denn in den letzten 50 Jahre ist die absolute Armut von über 50 Prozent auf unter 10 Prozent gefallen. Das wäre ohne Freihandel und die damit verbundenen Innovationen nicht möglich gewesen.

    Dass Privatisierung und Liberalisierung in der Anfangsphase genauso wichtig sind, zeigt beispielsweise Hongkong, welches eine Politik der einseitigen Handelsliberalisierung betrieb und bereits zur Zeit als Kolonie von GB keine Importzölle erhob, egal ob andere Länder dies im Gegenzug auch taten oder nicht. Das ermöglichte Hongkong von 1950 – 2015 ein beeindruckendes Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens. Siehe dazu „Hongkong und China im Vergleich über die Jahre“ hier: misesde.org/?p=16158 Was dazu führte, dass Hongkong heute ein höheres Pro-Kopf-Einkommen hat als die USA. (Siehe Abbildung 1 im Link)

    Russland hat nach dem Zusammenbruch des Kommunismus auch keineswegs seine Wirtschaft für den Westen geöffnet, wie der Fall Michael Chodorkowski gezeigt hat. Er war der Reichste der Oligarchen in Russland, seinerzeit immerhin 8 Milliarden US$ schwer. Er konnte nichts ausrichten gegen die Macht des Staates, die Putin in der Hand hielt. Als Chodorkowski Putin die Stirn bot, kam er ins Gefängnis.

    Es hat nichts mit Privatisierung und Liberalisierung zu tun, wenn die russische Rohstoffindustrie an Oligarchen übertragen wird, über die Putin bestimmt. In sofern ist der Vergleich nicht stichhaltig für ein Plädoyer für Protektionismus in der Frühphase eines Entwicklungsprozesses.

  10.   Dieter Wermuth

    @ Die Freiheit liebender (#9)

    Russland hat natürlich ein paar große Unternehmen – aber bei denen geht es doch nur darum, Löcher in die Erde zu bohren, die Rohstoffe rauszuholen und (zum großen Teil) ins Ausland zu verkaufen, und der Bevölkerung gerade mal so viel von den natürlichen Ressourcen abzugeben, dass Putin wiedergewählt wird. Kaufen Sie jemals was aus Russland, außer Gas und Wodka? Für Diktatoren sind auch noch Waffen im Angebot.

    Und was Hongkong angeht, ist das kleine Land (so wie Luxemburg) ein offshore-Finanzzentrum, das für sich genommen keine wirtschaftliche Basis hat, und daher nicht zählt. So wie London durch seine Dienstleistungen nur deshalb so reich ist, weil es das europäische Hinterland gibt, ist HK der Vermittler zwischen China und dem Rest der Welt. Ich gebe aber zu, dass HK ein Grenzfall ist. DW

 

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