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Geplante Kapitalmarktunion – Finanzsysteme ändern sich nur langsam

 

Logo: Wirtschaftsdienst - Zeitschrift für WirtschaftspolitikExklusiv aus dem Wirtschaftsdienst: Bereits 2015 hat die Europäische Kommission eine Kapitalmarktunion gefordert. Eine weitere Vertiefung der Europäischen Union soll einen europäischen Kapital-Binnenmarkt schaffen und damit das Wachstum beschleunigen und die Arbeitslosigkeit senken. In der Januar-Ausgabe des Wirtschaftsdienst analysiert der Bankenexperte Manuel Peter die Perspektiven des europäischen Finanzsystems vor dem Hintergrund einer möglichen Kapitalmarktunion.

Mit einer Kapitalmarktunion hofft die Kommission, die Finanzmärkte zu stärken und bei der Kreditvergabe den Wettbewerbsdruck zu erhöhen. Vor allem geht es darum, die Finanzierungsquellen der Unternehmen zu diversifizieren, die bisher zu einem großen Teil Finanzierungen bei Banken nachfragen und sich eher weniger direkt am Kapitalmarkt finanzieren. Hier stoßen zwei unterschiedliche Finanzierungsmethoden aufeinander: auf der einen Seite das angelsächsische kapitalmarktorientierte Prinzip, auf der anderen Seite die weitverbreitete und vor allem von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) genutzte bankenorientierte Finanzierung. Die EU-Kommission möchte insbesondere, dass KMU vermehrt Kapital auf den Finanzmärkten aufnehmen. Damit dieses Vorhaben gelingen kann, ist ein Strukturwandel nötig.

Die Europäische Kommission fürchtet, dass die einseitige Ausrichtung europäischer Unternehmen auf eine Finanzierung durch Bankkredite die Stabilität des Banken- und Finanzmarkts negativ beeinflusst. Zudem würden Banken in Krisenzeiten den Kreditbedarf möglicherweise nicht ausreichend decken. Ein stärker kapitalmarktorientiertes Finanzsystem könnte aus Sicht der Kommission in der Krise stabilisierend wirken. Ob dieses jedoch einem bankbasierten Finanzsystem grundsätzlich überlegen ist, wird in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung kontrovers diskutiert. Mit Blick auf langfristige Investitionen und Wachstum lässt sich nicht feststellen, dass das eine System bessere Ergebnisse erzielt als das andere. Manuel Peter bilanziert, dass sich die jeweiligen Vor- und Nachteile weitgehend aufzuheben scheinen. Bankzentrierte Systeme haben vor allem dann Vorteile, wenn „[…] die Informationsgewinnung schwierig ist und auf der Pflege der Kundenbeziehung aufbaut.“ Zudem hebt Peter hervor, dass die Mehrzahl der Studien bankzentrierten Systemen in Krisenzeiten eine höhere Stabilität zuweist.

Damit die angestrebte Kapitalmarktunion gelingen kann, müssen alle Akteure, also die Unternehmen, ebenso wie die institutionellen und privaten Anleger, ihr Verhalten ändern. Weil ihre Entscheidungen aber nicht nur durch gesetzliche Regelungen bestimmt sind, sondern auch subjektive Kosten und Nutzen eine Rolle spielen, wird der politische Eingriff schwieriger. Welche Präferenzen hat ein privater Anleger, der sein Geld lieber bei der Bank anspart als in Aktien zu investieren? Die Entscheidungsparameter des Anlegers sind dem Gesetzgeber nicht unmittelbar bekannt. Für Manuel Peter steht demnach fest: „Eine Transformation des Systems ist daher, wenn überhaupt wünschenswert, nur langsam möglich.“

Mithilfe einer Clusteranalyse belegt Manuel Peter, dass nationale Finanzsysteme sich nur langsam verändern. Diese Clusteranalyse vergleicht die Finanzsysteme einiger großer europäischer Volkswirtschaften, Japans und der USA zu zwei Zeitpunkten. Es zeigt sich, dass zwischen den Clusterungen im Jahr 1995 und 2015 kaum Unterschiede bestehen. Manuel Peter kommt zu dem Schluss: „Zu beiden Zeitpunkten lässt sich eine deutliche Separierung der Länder in eine angelsächsische sowie eine kontinentaleuropäische Gruppe einschließlich Japan erkennen. Trotz der umfangreichen Liberalisierung der internationalen Finanzmärkte hat eine Konvergenz zwischen den Systemen damit nicht stattgefunden. Es zeigt sich vielmehr die zuvor beschriebene Persistenz mit Blick auf die großen Volkswirtschaften.“

Aufgrund dieser Trägheit nationaler Finanzsysteme muss die Europäische Kommission damit rechnen, dass die gewünschte Kapitalmarktunion nur in einer langfristigen Transformation zu erreichen ist. Manuel Peter resümiert: „Dass die europäischen Volkswirtschaften bei der Nutzung der Finanzmärkte zügig zu den angelsächsischen Staaten aufschließen, ist aus den bisherigen Erfahrungen eher unwahrscheinlich. Jedoch zeigt sich, dass die Finanzmärkte in den vergangenen Dekaden – getrieben durch die Liberalisierung der Finanzmärkte seit den 1980er Jahren – auch in den kontinentaleuropäischen Volkswirtschaften an Bedeutung gewonnen haben. Dieser Trend könnte daher zu einer stärker hybriden Struktur europäischer Finanzsysteme führen.“

Lesen Sie hier exklusiv vorab ausführlich die Analyse von Manuel Peter zur geplanten Kapitalmarktunion aus der Januar-Ausgabe des Wirtschaftsdienst:

Kapitalmarktunion – bisher hohe Persistenz der Finanzsysteme, in: Wirtschaftdienst 1/2018, S. 35-42

3 Kommentare

  1.   mister-ede

    Während der Finanzkrise hatte ich vorgeschlagen, Unternehmenskredite von Mittelständlern zu bündeln und zu verbriefen. Der Hintergrund war die damals neue Basel III Regulierung, die für Banken gerade die Kreditvergabe an KMU ziemlich unattraktiv macht.

    Zwar halte ich die Substanz eines solchen Finanzproduktes für deutlich besser als bei jenen Subprime-Produkten, die die Finanzkrise auslösten. Gleichwohl ist diese Form der Bündelung und Verbriefung im Rahmen der Finanzkrise so dermaßen in Verruf geraten, dass die Einführung solcher Finanzprodukte die gewaltige Hürde des Anlegervertrauens nehmen muss.

    mister-ede.de/wirtschaft/fehlanreize-basel-regulierung/2947

  2.   Die Freiheit liebender

    Werden von der EU-Kommission flankierende Maßnahmen für Unternehmen mit Initiativen zur Förderung institutioneller Anleger und einen breiten Zugangs zum Finanzmarkt für Kleinanleger ergriffen, so sollte das nicht über Subventionen, also zusätzliche Steuermittel erfolgen, sondern durch Abbau von Regulierungen, die ohnehin lediglich die Freiheit der Marktteilnehmer beschränken und daher zu schlechteren wirtschaftlichen Ergebnissen führen, als ohne solche Beeinträchtigung. Denn wirtschaftliche Freiheit führt zu mehr Wohlstand und Lebensqualität, wie aus dem „Economic Freedom of the World – Annual Report“ hervor geht. Denn demnach ist im wirtschaftlich freiheitlichsten Viertel der Länder das Pro-Kopf-Einkommen siebenmal höher, als in dem Viertel mit der geringsten wirtschaftlichen Freiheit. Auch ist im freiesten Viertel die Lebenserwartung ca. zwei Jahrzehnte höher als im unfreisten Viertel. Man zahlt also für die Einschränkung der Freiheit einen hohen Preis.

    Damit ist die Frage aus dem Bericht von Manuel Peter im „Wirtschaftsdienst“, ob die Politik überhaupt strukturpolitisch eingreifen sollte, klar mit Nein zu beantworten. Vielmehr sollen die Eingriffe abgeschafft werden. Denn, dass in den USA der umfangreichen Finanzierung über die Finanzmärkte eine große Zahl an institutionellen Anlegern gegenüber steht, deren Anlagen die der US-Banken vom Umfang her deutlich übersteigen, liegt vor allem an der Regulierung beispielsweise der Lebensversicherungen in Deutschland (in der EU?). „Für Versicherer sind Aktien sehr teuer wegen der Regeln für die Unterlegung mit Eigenkapital, in einigen Ländern auch wegen der Regeln für ihre Verbuchung.“ (Karl Happe, er berät für die Allianz-Fondsgesellschaft Versicherer in ihrer Anlagestrategie)

    Die Risiken von Banken haben ihre Hauptursache im staatlichen Fiat-Geld System, in welchem Banken die Teilreservehaltung erlaubt ist.

    Die Ergebnisse der Clusteranalyse von Finanzsysteme aus der Analyse im Bericht von Manuel Peter unterscheiden sich zum einen aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen in den verschiedenen Volkswirtschaften, zu anderen aber auch vor allem aufgrund dessen, dass beispielsweise in den USA die Altersvorsorge stärker auf Aktienbasis erfolgt und diese vom Staat gefördert wird (401k-Pläne sind in USA verbreitet. Dabei geht es um die Investition von Teilen des Gehaltes in Indexfonds, ETFs, Anleihen, Aktien- und Mischfonds von beliebigen Unternehmen.), wären in Europa das Umlagesystem dominiert.

    Dabei ist auch von Bedeutung, dass die Risikoabwägung der Marktteilnehmer stark durch die Volatilität an den Finanz- und Kapitalmärkten beeinflusst ist, die ganz wesentlich eine Folge der geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken ist, die zu starken Boom-und-Bust-Zyklen führt. Weniger Volatilität würde mehr Anreiz für Investitionen, vor allem bei Kleinanleger, schaffen.

    Um das Gesamtsystem zu ändern, wäre daher keine politisch erzwungene Verhaltensänderung der einzelnen Teilgruppen über Regulierung erforderlich, das wäre Anmaßung von Wissen, sondern eine schrittweise Abschaffung der Teilreservehaltung und eine Alternative zum Fiat-Geld System. Meine persönliche Präferenz hätte die Entnationalisierung des Geldes mit freien Wettbewerb beim Geld, gemäß Friedrich von Hayek. Das würde zwar Konjunkturschwankungen und Risiken nicht verschwinden lassen, jedoch wesentlich dämpfen.

  3.   rjmaris

    [Gelöscht. Verzichten Sie bitte auf off-topic Kommentare. Danke. (UR)]

 

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