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Italiens Wirtschaft muss wieder wachsen

 

Was soll die Aufregung über Italien? Die EU-Kommission, fast alle Medien und fast alle institutionellen Volkswirte sind sich einig, dass das Land dabei ist, eine verantwortungslose Finanzpolitik zu betreiben, nämlich 2019 ein staatliches Haushaltsdefizit von 2,4 Prozent des BIP zuzulassen – statt es, wie versprochen, auf 0,8 Prozent zu reduzieren. Angesichts einer gewaltigen Outputlücke und einer Arbeitslosenquote von fast zehn Prozent ist ein Defizit von 2,4 Prozent immer noch äußerst gering, um das einmal klarzustellen. Im Grunde setzt die neue Regierung damit die restriktive Finanzpolitik der vergangenen Jahre fort. Ob das den Parteichefs di Maio und Salvini klar ist?

Auch bei einem Defizit von 2,4 Prozent dämpft der Staat nach wie vor die Endnachfrage und nimmt hin, dass die Wirtschaft weiter nur sehr langsam expandieren kann. Die Marktteilnehmer haben offenbar noch nie von diesem Argument gehört. Für sie gilt die in ihrer Einfalt nicht zu toppende Faustformel „sinkendes Defizit gut, steigendes Defizit schlecht“. Sie trauen den Italienern nicht und trennen sich, soweit sie das können, von den Aktien und Anleihen des Landes: Seit Jahresanfang sind die Aktienkurse um 14 Prozent gesunken; auch die Kurse zehnjähriger Staatsanleihen sind stark gefallen, was deren Renditen von 2,0 Prozent auf 3,6 Prozent in die Höhe getrieben hat. Von den Kapitalmärkten gehen daher inzwischen zunehmend restriktive Effekte aus.

Grafik: Rendite 10-jähriger Staatsanleihen - Deutschland und Italien

Weil sie die Tragfähigkeit der Staatsschulden (132 Prozent des BIP) bezweifeln, malen viele Analysten die nächste Eurokrise an die Wand und tragen damit dazu bei, dass der Euro gegenüber dem Dollar ständig an Wert verliert, obwohl gesunde Fundamentaldaten eher für das Gegenteil sprechen. Für die Konjunktur Italiens und des Euroraums insgesamt sind das allerdings gute Nachrichten: Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der ausländischen Konkurrenz verbessert sich.

Es steht völlig außer Zweifel, dass Italien immer seine Schulden bedienen wird, auch wenn das Land, anders als etwa die USA oder Japan, die ähnlich hohe Schulden und Defizite haben, über keine Zentralbank verfügt, die mit dem Drucken von Geld beauftragt werden kann. Die Staatsschulden werden überwiegend von den eigenen Bürgern gehalten, nur 31 Prozent von Ausländern. Es handelt sich, wenn überhaupt, um ein inneritalienisches Problem.

Seit 2013 weist Italiens Leistungsbilanz steigende Überschüsse auf; das Land baut also seine geringen Nettoverbindlichkeiten gegenüber dem Ausland ab. Italien ist nicht Griechenland. Die nationale Sparquote von 20,3 Prozent ist geringer als die von Deutschland, Spanien und Frankreich (28,0, 23,0 und 22,9 Prozent), aber höher als die der USA oder die von Großbritannien (18,9 und 13,6 Prozent); im OECD-Vergleich liegt sie im Mittelfeld. Übrigens machten die Zinszahlungen auf die Staatsschulden zuletzt nur rund 3,5 Prozent des BIP aus, nach etwa sechs Prozent zehn Jahre zuvor. Weil die mittlere Restlaufzeit der italienischen Schulden 7,5 Jahre beträgt, wird selbst ein kräftiger Anstieg der Marktzinsen auf Jahre hinaus nichts daran ändern, dass der Schuldendienst eine Aufgabe ist, die verhältnismäßig leicht zu bewältigen ist.

Wie die beiden nächsten Grafiken zeigen, ist Italien durch ein langes Tal der Tränen gegangen und folgte damit dem Brüsseler Diktat. Allerdings waren die Vorgängerregierungen auch selbst davon überzeugt, dass sich die Wirtschaft durch Sparen – statt durch Wachstum – sanieren ließe. Dieses Rezept hat noch nie funktioniert, wie inzwischen selbst dem verbohrtesten Neoliberalen klar geworden sein dürfte. Der Anteil der Staatsausgaben am BIP ist von 57,6 Prozent im Jahr 1993 auf 48,9 Prozent im vergangenen Jahr zurückgefahren worden; in Deutschland betrug der Rückgang in diesem Zeitraum nur vier Prozentpunkte.

Hart hatte die Sparpolitik auch die Investitionen und damit das Wachstum des italienischen Produktionspotenzials getroffen. Bei den Investitionen lassen sich die Staatsausgaben am leichtesten zurückfahren, weil es keine gesetzlichen Verpflichtungen gibt.

Von 2007 bis 2017 ist das nominale BIP Italiens im Jahresdurchschnitt nicht zuletzt wegen der andauernden Austeritätspolitik nur um 0,6 Prozent gestiegen; real und pro Kopf ist es sogar um 0,9 Prozent (p.a.) gesunken. Der Vergleich mit den deutschen Zahlen fällt krass aus.

Grafik: reale Stundenverdienste in Deutschland und Italien seit 2000
Grafik: reales BIP pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland und Italien seit 2000

Es hätte nicht so kommen müssen. Niemand kann sich aber darüber wundern, dass sich die italienischen Wähler am Ende für einen Politikwechsel entschieden haben. Kurzfristig sind höhere Staatsausgaben die Medizin, die ein Arzt verschreiben würde. Irgendjemand muss die Nachfrage wieder stimulieren. Wenn die Privaten das nicht wollen und streiken, ist der Staat gefordert. Vernünftig wäre für drei oder vier Jahre eine kräftige Ausweitung der Ausgaben unter Hinnahme höherer Defizite, am besten mit einem Fokus auf die Stimulierung des Potenzialwachstums. Im Augenblick wäre das in den Augen der europäischen Öffentlichkeit allerdings eine vollkommen verantwortungslose Politik. Lieber arm als noch mehr Schulden!

Die Defizite sind in der Währungsunion deshalb von Bedeutung, weil die potenziellen Gläubiger im Norden Angst vor ausgabefreudigen Trittbrettfahrern im Süden haben. Sie fürchten, für sie in der nächsten Zahlungskrise zulasten ihrer eigenen Steuerzahler zur Kasse gebeten zu werden. Ich frage mich allerdings, ob die Währungsunion nicht auch ohne – willkürlich festgelegte – fiskalische Regeln auskommen und sich stattdessen auf einige gemeinsame Steuern, Mindeststandards bei den übrigen (um einen Unterbietungswettbewerb zu verhindern), Eurobonds mit gegenseitiger Haftung, ein nicht zu kleines gemeinsames Budget und eine europäische Einlagensicherung einigen könnte.

Wie Marktbeobachtern aufgefallen sein dürfte, spielen staatliche Defizite und Schulden in der öffentlichen Diskussion der USA fast keine Rolle mehr, obwohl diese inzwischen auf etwa fünf Prozent des BIP gestiegen sind. Japan wiederum hat keine ernsten Probleme mit Staatsschulden in Höhe von 230 Prozent des BIP und jährlichen Defiziten von mehr als drei Prozent. Sowohl der US-Dollar als auch der Yen gelten heutzutage trotzdem als sichere Anlagehäfen.

Das größte Risiko Italiens sind die Banken. Deren Bilanzen sind nach wie vor überladen mit faulen Krediten und Staatspapieren. Wenn aus den faulen Krediten uneinbringbare Kredite werden und die Staatsanleihen durch den Renditeanstieg wertberichtigt werden müssen, kann sie das schnell in den Ruin treiben. Was dann? Ob sich die neuen Regeln, nach denen die Gläubiger der Banken die Verluste übernehmen müssen, durchsetzen lassen, darf nach den bisherigen Erfahrungen bezweifelt werden. Konkurse der Großbanken sind schwer vorstellbar. Am Ende wird es auf eine Umwandlung von Forderungen in Aktien sowie Teilverstaatlichungen hinauslaufen, vielleicht nach amerikanischem Modell.

Und Brüssel? Ich denke, es wird, was den Haushalt angeht, bei einer Ermahnung der italienischen Regierung bleiben, weil diese ihre Notlage plausibel erklären kann – und Besserung verspricht. Italien wird keine Bußgelder zahlen müssen. Gut so!

Und die EZB? Tendenziell strebt sie einen Kurswechsel an. Nur lässt sich das neuerdings nicht mehr so gut verkaufen, nachdem sich die konjunkturellen Frühindikatoren sichtbar abgeschwächt haben. Die Aktienmärkte könnten kollabieren, wenn tatsächlich im Verlauf des nächsten Jahres entschlossen auf die Bremse getreten wird. Und dann eben das Risikoland Italien. Mario Draghi wird bei der heutigen Pressekonferenz jedenfalls nicht verkünden, dass die Leitzinsen früher angehoben werden müssen als geplant.

Eins lässt sich sicher sagen: Die Rentenmärkte sind für mindestens ein Jahr durch die expansive Geldpolitik gut abgesichert. Die europäische Kerninflationsrate liegt übrigens im Vorjahresvergleich bei nur 0,9 Prozent. In diese Richtung wird sich die Inflationsrate auf der Basis des Harmonisierten Preisindex‘ bewegen, nicht in Richtung des Zielwerts von zwei Prozent. Es gibt für die EZB vorerst keinen Handlungszwang.

11 Kommentare

  1.   BMMMayr

    DW: „Weil sie die Tragfähigkeit der Staatsschulden (132 Prozent des BIP) bezweifeln, …
    Die Staatsschulden werden überwiegend von den eigenen Bürgern gehalten, nur 31 Prozent von Ausländern.“

    Die verbleibenden 101% des BIP dienen zu einem großen Teil als Altersvorsorge für italienische Bürger.

    DW:“machten die Zinszahlungen auf die Staatsschulden zuletzt nur rund 3,5 Prozent des BIP aus, nach etwa sechs Prozent zehn Jahre zuvor. “

    In Deutschland beträgt der Anteil der Rentenleistung am BIP etwa zwischen 9 und 10% des BIO.
    Wenn Länder wie Deutschland mit einem umlagefinanzierten Rentensystem auf ein kapitalgedecktes System umsteigen würden, wie es marktgläubige Experten schon lange fordern, dann hätte Deutschland ähnliche Staatsschuldenquoten.

    Die 60% staatliche Schuldenquote der Maastrichtkriterien, ist nur mit einem umlagefinanzierten System zu schaffen. Wenn sie die deutschen 9-10% des BIP Rentenleistung über Staatsanleihen darstellen, dann bedeutet das Zinszahlungen auf die Staatsschulden von 9-10% des BIP. Märkte würden das als nicht langfristig tragbar beurteilen und das System in den Abgrund schicken.

    Der Webfehler im System ist, die Rente auf Werten aufzubauen, die an der Börse gehandelt werden und die tödliche Umarmung zwischen italienischen Banken und Staat.

    Ob sich in Italien was ändert, selbst wenn die Stimulation der Nachfrage funktioniert wie von 5 Sterne und Lega erträumt?

    Im Grunde ist Italien als ganzes von außen betrachtet eine wirtschaftlich leidlich erfolgreiche Familie, die eigentlich gut für sich selbst sorgen kann, intern aber eine völlig dysfunktionale Familie, in der die lange herrschenden greisen Reichen einen Teil der Führung an extremistische heißspornige Amateure abgeben mussten. Diese Familie müsste sich solidarisch und gerecht zusammenraufen, dann wäre Italien eine Macht, kein Problemkind.

    Im übrigen hat Deutschland wenig Grund sich über Italien lustig zu machen. Wenn man sich ansieht, wie Deutschland verzweifelt versucht für fossilen Verkehr und Energie ein Schutzgebiet zu bauen und sich weigert die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen, dem müsste das Lachen über die sklerotischen Verhältnisse in Italien im Hals stecken bleiben.

  2.   Dieter Wermuth

    @ BMMMayr

    Im Grunde ist es im Hinblick auf die Staatsschulden egal, ob die nationale Rentenversicherung im Umlageverfahren oder über den Kapitalmarkt organisiert ist.

    Wenn die kapitalgedeckte Versicherung nicht genügend Einnahmen hat, etwa weil die Unternehmen im Portfolio die Dividenden kürzen, führt das entweder zu höheren Beiträgen der Versicherten oder zu höheren Staatsschulden, oder zu einer Kombination von Beidem.

    Wenn die „Umlageversicherung“ mehr für Renten ausgeben muss als geplant, führt das ebenfalls zu höheren Beiträgen – wenn das aber aus politischen Gründen nicht durchzusetzen bist, muss der Staat das Geld im normalen Haushalt locker machen, was tendenziell zu höheren Schulden führt.

    Im Endeffekt müssen diejenigen, die arbeiten und Beiträge leisten, immer für diejenigen einstehen, die keine eigenen Einkommen haben.

    DW

  3.   BMMMayr

    @2
    Ist mir alles klar was sie sagen. Die Kohle bzw. die Wirtschaftsleistung um die Alten zu versorgen muß irgendwo herkommen.
    Mackenroth rulez!

    ABER:
    Wenn es über die Kapitalmärkte organisiert ist, können die Rentenansprüche einerseits durch Kapitalmarktkrisen entwertet werden. Andererseits kann die Zinslast durch die Rentenansprüche den Kapitalmärkten zu hoch erscheinen und zu Kapitalmarktkrisen führen. Das passiert bei der Umlagefinanzierung nicht.

    Stellen Sie sich mal vor Italien würde durch eine Brutalreform über Nacht alle kapitalgedeckten Renten in ein Umlagesystem überführen (für das es in Italien aber leider keine vertrauenswürdige Institution gibt), dann hätte Italien plötzlich nur noch ein bisschen mehr als 35% des BIPs Schulden, dazu eine positive Leistungsbilanz und stünde plötzlich besser da als Frankreich.

  4.   Uwe Richter

    @ BMMMayr (#3)

    Sie schreiben an DW gerichtet:

    „Stellen Sie sich mal vor Italien würde durch eine Brutalreform über Nacht alle kapitalgedeckten Renten in ein Umlagesystem überführen (für das es in Italien aber leider keine vertrauenswürdige Institution gibt), dann hätte Italien plötzlich nur noch ein bisschen mehr als 35% des BIPs Schulden …“

    Welche kapitalgedeckten Renten in Italien meinen Sie? Wie soll man sich deren Überführung in ein Umlagesystem vorstellen? Und wie reduzieren sich dadurch die Schulden des italienischen Staats auf 35% des BIP?

  5.   BMMMayr

    @4 Uwe Richter

    „Welche kapitalgedeckten Renten in Italien meinen Sie?“

    Die italienischen Staatsanleihen die von italienischen Rentnern direkt oder mittelbar zum Zweck der Altersvorsorge gehalten werden.

    „Wie soll man sich deren Überführung in ein Umlagesystem vorstellen?“

    Mir ist schon klar, dass das praktisch völlig unrealistisch ist, nennen Sie es ein Gedankenexperiment. Dabei stellen wir uns vor, dass die tatsächlichen Geldflüsse, aktuell von den Steuerzahlern in den Staatshaushalt und von dort an die bondholder = Rentner völlig gleich bleiben. Nur das rechtliche Konstrukt, dass den Rentnern einen Anspruch auf diese Zahlungsströme gibt ändert sich: Von Bonds auf Ansprüche gegen eine neu zu schaffende italienische Rentenversicherung die umlagefinanziert agiert wie die die Deutsche Rentenversicherung.
    Stellen sie sich ein Rückkaufangebot des italienischen Staates vor, das Rentnern anbietet ihre bonds gegen Ansprüche an die staatliche italienische Rentenversicherung mit identischem Barwert bzw garantiert identischen Zahlungsströmen zu tauschen. Im Gegenzug tritt der italienische Staat die Einnahmen von neu zu schaffenden Rentenbeiträgen an die staatliche italienische Rentenversicherung ab und senkt die Steuern für die die nun rentenversicherungspflichtigen Bürger in gleicher Höhe.
    Der Rücktausch der bonds ist Schuldentilgung, die Staatsverschuldung sinkt. Vielleicht nicht auf 35%, das wäre nur der Fall, wenn fast alle Italiener ihre bonds eintauschen würden, dann blieben nur die 31% plus ein bisschen Schulden ans Ausland.

    Natürlich bräuchten dann die italienischen Banken auch andere „safe“ assets …

    Oder wenn das zu kompliziert ist, stellen sie sich das Gegenteil vor:
    Der Deutsche Staat überführt die sogenannte implizite Staatsverschuldung durch die zukünftigen Rentenansprüche in eine kapitalgedeckte Rentenversicherung bei der die Rentenansprüche mit Staatsanleihen als Kapital unterlegt sind. Der Schuldenstand Deutschlands stiege auf einen Schlag auf das mehrfache des BIP und die Kapitalmärkte bekämen einen Kabelbrand im Herzschrittmacher.

  6.   Uwe Richter

    @ BMMMayr (#5)

    Vielen Dank für ihre Antwort. Leider ist mir der Sinn der Übung nicht klar. Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es um einen Zusammenhang zwischen dem System der Alterssicherung und den Schulden des Staates, wobei es anscheinend einen wesentlichen Unterschied zwischen Italien und Deutschland geben soll. Dieser Unterschied ist mir nicht klar. Es gibt in beiden Ländern eine umlagefinanzierte staatliche Alterssicherung und (private) kapitalgedeckte Alterssicherungen.

    Meine Frage an Sie zielte darauf, ob Sie Angaben machen können, um welche Größenordnung es sich bei der kapitalgedeckten Sicherung in Italien handelt. Sie scheinen davon auszugehen, dass mehr oder weniger die gesamten von Inländern gehaltenen Schulden der öffentlichen Hand als Vermögenswerte der kapitalgedeckten Alterssicherung in Italien zu betrachten sind. Das halte ich für unplausibel. 1) Nicht die gesamten öffentl. Schulden bestehen aus Anleihen. 2) Alleine die Banca d’Italia und die italienischen Banken halten rund 45% der italienischen Staatsschulden. 3) Sie meinen eine Schuldenquote von 35% erreichen zu können. 35% des italienischen BIP sind etwa 600 Mrd Euro. Alleine die von Ausländern gehaltenen Schulden des italienischen Staats belaufen sich auf über 700 Mrd. Euro. (rund 31% der gesamten Staatsschulden).

  7.   NIKYTOELE

    ich bezweifle, daß es bei einer Ermahnung von Seiten Brüssels (im Hintergrund Deutschland) bleibt – es geht nicht primär um ein paar Stellen hinter dem Komma, sondern wer hat das Sagen: die gewählte ital. Regierung oder die Finanzmärkte mit der EU Kommision, die mit einem Spread, den Geldhahn für ital. Banken zuzudrehen Italien an den Abgrund drängen kann – Italien könnte mit einer Volksmobilisierung ,Einführung einer Prallelwährung und Bankenverstaatlichung antworten……Ausgang offen …. alles nicht neu:

    die EU schickte damals den Präsidenten der Europäischen Zentralbank Jean Claude Trichet vor. In einem geheimen Brief vom 5. August 2011 (der erst Monate später ruchbar wurde), diktierte dieser dem italienischen Regierungschef jene „Strukturreformen“, die nach Meinung der EZB nötig seien, um „das Vertrauen der Investoren wieder herzustellen“ ……………… und Berlusconi knickte ein !!
    Demokratie sieht für mich anders aus.
    Anders als Portugal, das die Austerität klammheimlich und erfolgreich (!) verließ steht Italien viel zu sehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit und die übliche Hetzte, auch hier in vielen „Zeit“kommentaren hat begonnen: Korrupt, faul, unorganisiert, Mafia – Rotwein schlürfend, Nord-Südgefälle…. so wie der „ewige Grieche“ schon mit der Hängematte auf die Welt kommt – da macht man halt nichts daran…

    in der derzeitigen Lage bleibt Italien nur eine höhere Staatsverschuldung übrig, um Wachstum zu erzeugen: private Haushalte, Unternehmen sparen, der „deutsche“ Weg einer Exportoffensive ist durch Deutschland versperrt_ nicht zufällig ging genau die ital Automilindustrie nach 2001 nieder, die Zeit deutscher „Lohnzurückhaltung“, da man auch auf dem Weltmakt konkurriert….. Wettkampf der Nationen heisst das doch und die nicht wettbewerbsfähige „Firma“ Italien muß ja dann vom Markt verschwinden….. also im Mittelmeer untertauchen – Griechenland wurde ja bereits zu 25% in der Ägäis versenkt
    letztendlich zerstört man dadurch seine Kunden

    noch ein Wort zu Renten: das Umlageverfahren hat in Deutschland zwei Weltkriege überstanden, die Höhe eine politische Frage – kann also schwanken kapitalgedeckte Renten(versicherer) können völlig pleite gehen – Bsp USA
    Für eine Volkswirtschaft ist aber nicht die Zahl der Rentner entscheidend sondern das Verhältnis Beitragzahler zu – empfängern: also auch zu Arbeitslosen und Kindern und letztere sind viel kostspieliger. Außerdem sind Renten nicht nur Kostenfaktor sondern haben eine Stabilitätsfunktion, besonders als sichere Nachfrage in Rezessionszeiten

  8.   HansWurst22

    „Für eine Volkswirtschaft ist aber nicht die Zahl der Rentner entscheidend sondern das Verhältnis Beitragzahler zu – empfängern: also auch zu Arbeitslosen und Kindern und letztere sind viel kostspieliger. “

    Können Sie belegen, dass Kinder „viel“ kostspieliger sind als Rentner? Ein Beispiel: Kosten für die Schulen sind ca. 6900 EUR/Jahr und Schüler (2015, Quelle: Stat Jahrbuch 2018, Abschn 3.9), Kindergeld ist ca. 200 EUR/Monat, was die größten Posten für Kinder zwischen 6 und 15 darstellen sollte. Ich rechne jetzt absichtlich die unentgeldlichen Leistungen der Familien, wie Reduzierung der Arbeitszeit, Eigenaufwand, etc. nicht dazu, weil das für die Staatsfinanzen keine direkte Rolle spielt. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die durchschnittlichen Kosten für Ältere unter 770 EUR/Monat liegen sollten. Allein die gesetzliche Rentenversicherung kostet ca. 287 Milliarden Euro im Jahr (2016, Stat. Jahrbuch 2018, Abschnitt 8.2) und das stat. Jahrbuch 2018 gibt pro Versicherten einen Betrag von ca 810 EUR/Monat aus (2015, Stat Jahrbuch 2018, 8.2.2, West und Ost verrechnet). Es gibt desweiteren ca. 1,6 Mio Pensionen von im Schnitt 2800 EUR/Monat (Abschn 8.3). Zudem stellen Ältere in der Kranken- und Pflegeversicherung einen überproportionalen Teil der Ausgaben – ist nicht direkt beziffert, liegt aber sicher jenseits von 300 EUR/Monat. Zusammengefasst: Ich kann mir schwer vorstellen, wie man unter ca. 1100-1300 EUR/Monat und Person über 65 rauskommt. Auch hier habe ich private und berufliche Vorsorge weggelassen, weil für den Staatshaushalt nicht relevant. Meine Interpretation dieser Zahlen: Wenn schon, kostet ein älterer Mensch eher mehr – ohne das jetzt in irgendeiner Weise zu bewerten. Nichtsdestotrotz: Wenn Sie andere Zahlen haben bzw. ich etwas vergessen habe, würde ich gerne um Erläuterung bitten.

  9.   NIKYTOELE

    hansWurst22
    bei solchen Vergleichskosten kann man mit Zahlen beliebig spielen, je nachdem was man ansetzt:
    es sind nicht nur die Kosten für Kindergarten, Schule, Hort, Elterngeld, Kindergeld, die kostenlose Krankenversicherung … also unmittelbare reine staatliche Zuwendungen
    Allein ein Schulplatz kostet (Süddeutsche) jährlich ca 6300 Euro den Staat…
    ein Universitätsplatz koste tnoch erheblich mehr
    Es sind auch die familiären Transferleistungen, wenn meist die Mutter nicht mehr arbeiten kann – auch die Aufwendungen, die eine Familie für die Kinder erheblich über dem Kindergeld tätigt – Impfungen, Arztbesuche sind überdurchschnittlich, aber weniger als bei Älteren – auch die vielen Kinder , die fremduntergebracht sind – ein Heimplatz kostet 6000 – 7000Euro monatlich , Beratungsstellen mit vielfältigen Therapien: Sozial- Logopädie, Orthopädie – Freizeitangebote : Spielplätze – Ferienmassnahmen
    die letztgenannten Kosten gibt es bei Älteren kaum; Ältere von 60 – 75 haben mehr Aufwendungen bei Arztbesuchen und Operationen etc. – über 80 sinkt das wieder, da Operationen weniger angezeigt sind – die gezahlte Rente ist erstmals höher- Ältere werden von ihren Familienanjehörigen nur selten unterstützt-trotz Pflegekosten und Heimunterbringung bei Älteren erscheint mir das weniger als die Aufwendungen für ein Kind
    Zustimmen kann ich Ihrer Aussage: damit ist keinerlei moralische Bewertung enthalten

  10.   HansWurst22

    @NIKYTOELE

    Ja, da ist ein großer Batzen an Geld bei Kindern anhängig, der von den Familien direkt geleistet wird und nicht über den Staatshaushalt geht. Richtig ist auch, dass von den Investitionen des Staates mehr in Kinder als in alte Menschen kommt. Die kostenlose Krankenversicherung von Kindern kostet wohl unter 100 EUR/Monat – zumindest wenn ich von Tarifen der privaten Krankenversicherung für Kinder ausgehe. Ich habe selbst sowohl Kinder als auch Angehörige im Rentenalter und kann so weit zustimmen und festhalten, dass wir als Staat einen großen Teil der Kosten für Ältere über den Staat organisieren, bei Kindern maximal die Hälfte der Kosten (wie auch immer definiert, s.o.).

    Ich wollte jetzt keineswegs gegen das Umlageverfahren argumentieren. Nur glaube ich, dass wir einerseits die großen Einsparungen wegen weniger Kindern schon hinter uns haben – die Relation zwischen Kindern und Erwachsenen wird sich nicht groß ändern, es sei denn, die Geburtenrate fällt langfristig unter 1,4 Kinder/Frau. Andererseits wären etwas mehr Kinder, oder, wie Sie schön sagen, mehr gut ausgebildete junge Leute, durchaus hilfreich für das Umlageverfahren. Aber bei privater Altersvorsorge wäre das aber noch stärker der Fall, Mackenroth und so – nicht zuletzt für eine Armee, wenn das Geld im Ausland eingetrieben werden sollte…

 

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