Werden Zwangsheiraten in England verboten?

Gute Argument von links für dieses Gesetzesvorhaben – von dem immer wieder interessanten Kommentator Sunny Hundal:

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Auszug:

It is frustrating to find that while racism and terrorism is so high on the political agenda, violence against women is almost forgotten. Excused, as if it were a necessary evil.

While British Asians were huffing and puffing over the treatment meted out to Shilpa Shetty, getting worked up in self-righteous indignation, they can’t seem to find similar conviction over the fact that thousands of young British Asian girls get forced into marriages that lead to domestic violence, depression and suicide.

Suicide rates for British Asian women are three times higher than the national average and an average of one woman a month is killed in the name of honour. No, let’s not talk about that because, as Sadiq Khan MP says, it only reinforces both stereotyping and „ghetto“ legislation. Apparently that is a more heinous crime than helping these women….

So let me state this clearly and unequivocally: this is an issue about violence against women – an attempt to control their lives and force them into doing other people’s biddings, based on narrow-minded ideas of honour and culture. Thus is should be treated and dealt with as gender-based violence. The religion and race of the victim is irrelevant – it affects Hindu, Sikh and Muslim women despite what the „community leaders“ may pretend.

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Der Burkini

Nach einem Bericht von Islamonline.net macht der Burkini (von „Burka“ und „Bikini“) weiter in Australien Furore. Über das Kleidungsstück, das ausser Händen, Füssen und Gesicht den ganzen Körper bedeckt, ist bereits mehrfach berichtet worden. Australiens erste muslimsche Rettungsschwimmerin, Mecca Laalaa, trägt ihn.
Laut Islamonline spricht sich nun auch der notorische Scheich Taj Al-Din al-Hillali für den Burkini aus.

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Der Imam einer Moschee in Sydney, der sich gerne als Großmufti Australiens bezeichnet (was andere Muslime ihm allerdings streitig machen), war kürzlich durch den Kommentar bekannt geworden, vergewaltigte Frauen dürften sich nicht beklagen, wenn sie ihren Körper nicht bedeckt gehalten haben, weil „unbedecktes Fleisch“ nun mal die Katzen anziehe.

 

Tony Blair bestimmt Integration und Multikulturalismus neu

Die Debatte über den Gesichtsschleier (Nikab) in England war nur der Anfang einer grundlegenden Revision des britischen Multikulturalismus:

In einer ungewöhnlich scharf formulierten Rede hat Tony Blair letzte Woche gesagt, Immigranten hätten „die Pflicht sich zu integrieren“ und sollten „lieber wegbleiben“, wenn sie nicht bereit seien, die traditionelle britische Toleranz gegenüber anderen Religionen zu akzeptieren.

Blair verteidigte das Verbot des Gesichtsschleiers als „puren Commonsense“  in Jobs, die auf Kommunikation beruhen (wie etwa Lehrerin, Verkäuferin etc.). Er erteilte allen Vorschlägen, die Scharia-Gesetze in Grossbrittanien anzuwenden, eine Absage und appellierte an Moscheen, die keine Frauen zum Gebet zulassen, ihre Position zu überdenken.

Minderheitenorganisationen, die nicht für die Integration ethnischer oder religiöser Minderheiten arbeiten, sollen künftig von öffentlicher Förderung ausgeschlossen werden. Staatliche Förderung sei viel zu freigiebig an Organisation verteilt worden, „die eng um religiöse, rassische oder ehtnische Identitäten gruppiert sind“.
Blair vergleicht in der Rede die weissen Rassisten der Britisch National Party mit der radikalen Minderheit unter den Muslimen, die sich der Integration verweigert.

Blair sieht seine Intervention nicht als  Abschied vom Multikulturalismus, sonder als dessen Neubestimmung. Er feiert ausdrücklich  das buntere, ethnisch und religiös diversifizierte England  von heute – „not the stuffy old Britain that used to be sent up in the comedy sketches of the 1970s.

Aber dieses England braucht eine neue Vergewisserung seines Zusammenhalts. Und hier ist Blair wieder einmal unerreicht in seiner politisch-moralischen Klarheit. Was dieses multikulturelle England zusammenhält, sind gemeinsame Werte, die neu bekräftigt werden müssen.

The 7/7 bombers were integrated at one level in terms of lifestyle and work. Others in many communities live lives very much separate and set in their own community and own culture, but are no threat to anyone.But this is, in truth, not what I mean when I talk of integration. Integration, in this context, is not about culture or lifestyle. It is about values. It is about integrating at the point of shared, common unifying British values. It isn’t about what defines us as people, but as citizens, the rights and duties that go with being a member of our society.

Christians, Jews, Muslims, Hindus, Sikhs and other faiths have a perfect right to their own identity and religion, to practice their faith and to conform to their culture. This is what multicultural, multi-faith Britain is about. That is what is legitimately distinctive.

But when it comes to our essential values – belief in democracy, the rule of law, tolerance, equal treatment for all, respect for this country and its shared heritage – then that is where we come together, it is what we hold in common; it is what gives us the right to call ourselves British. At that point no distinctive culture or religion supercedes our duty to be part of an integrated United Kingdom.

Zu Recht weist Blair darauf hin, dass dies keine rein britische Debatte sei. In Deutschland würden ähnliche Themen im Rahmen der „Islam Konferenz“ behandelt, in Italien im neu gegründeten Consulta Islamica.

Wenn unsere Kanzlerin es irgendwannn über sich bringt, sich zu dieser Schicksalsfrage des Landes zu äussern und neu zu bestimmen, was Integration in Deutschland eigenlich heissen soll, dann liegt die Latte jetzt ziemlich hoch.

 

Höchste islamische Autorität Ägyptens nennt Genitalbeschneidung eine „strafbare Aggression“ gegen das Menschengeschlecht

Vorige Woche fand in Kairo ein Treffen theologischer und medizinischer Experten zur Frage der Genitalverstümmelung von Frauen statt. Die Al-Azhar Universität, die höchste theologische Autorität des sunnitischen Islam, gibt daraufhin folgendes Rechtsgutachten heraus, das uns der Mit-Initiator der Konferenz, Rüdiger Nehberg, vorab in deutscher Übersetzung zur Verfügung stellte:

1. Gott hat den Menschen mit Würde ausgestattet. Im Koran sagt Gott: „Wir haben die Söhne Adams gewürdigt.“ Daher wird jeglicher Schaden verboten, der Menschen zugefügt wird, unabhängig von gesellschaftlichem Status und Geschlecht.

2. Genital-Beschneidung ist eine ererbte Unsitte, die in einigen Gesellschaften praktiziert wird und von einigen Moslems in mehreren Ländern in Nachahmung übernommen wurde. Dies ohne textliche Grundlage im Koran respektive einer authentischen Überlieferung des Propheten.

3. Die heute praktizierte weibliche Genitalbeschneidung fügt der Frau psychologische und physische Schäden zu. Daher müssen diese Praktiken unterbunden werden, in Anlehnung an einen der höchsten Werte des Islams, nämlich dem Menschen keinen Schaden zuzufügen – gemäss des Ausspruchs des Propheten Mohammed „Keinen Schaden nehmen und keinen Schaden zufügen“. Vielmehr wird dies als strafbare Aggression gegenüber dem Menschengeschlecht erachtet.

es folgen

4. der Appell an die Muslime, die Unsitte zu unterbinden

5. der Appell an die internationalen und regionalen institiutionen, die Aufklärung der Bevölkerung voranzutreiben

6. der Appell an die Medien, das Gleiche zu tun

7. die Forderung nach einem Gesetz, das die Genitalverstümmelung zum Verbrechen erklärt

8. die Forderung nach internationaler Unterstützung beim Kampf gegen die Genitalverstümmelung

Das ist ein großer Fortschritt. Wenn nun noch der einflussreiche TV-Scheich Jussuf Al-Karadawi mitzieht, bedeute dies Hoffnung für die 8.000 Opfer dieser Praxis pro Tag.

 

Ägyptischer Grossmufti: Genitalverstümmelung bringt „unsägliches Leid“ für Mädchen und Frauen

Der berühmte Abenteurer Rüdiger Nehberg ist kurz davor, einen sensationellen Durchbruch im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung zu erzielten. Nehberg, bekannt durch seine vielen waghalsigen Reisen („Im Tretboot über den Atlantik“), ist seit vielen Jahren hauptsächlich als Menschenrechtler aktiv. Seine Organisation „Target“ widmet sich vor allem der Abschaffung der Praxis der so genannten Klitorisbeschneidung.

Auf Initiative von „Target“ treffen sich nächste Woche Mittwoch in Kairo hohe muslimische Theologen, um die Praxis zu ächten. Es werden Teilnehmer aus Ägypten, Somalia, dem Tschad, Mali, Mauretanien, Äthiopien, Eritrea, Qatar, Nigeria, Dschibuti, Marokko, der Türkei und Russland erwartet.

Die Sensation besteht darin, dass der ägyptische Grossmufti Dr. Ali Gomaa als Schirmherr gewonnen werden konnte. Rüdiger Nehberg sagte der ZEIT, er habe eigentlich vorgehabt, die Konferenz in Berlin abzuhalten:

„Doch der Grossmufti schlug vor, dass wir ins theologische Zentrum des sunnitischen Islams gehen, an die Al-Azhar-Universität. Der Grossscheich der Universität, Dr. Mohammed Sayed Tantawi, unterstützt die Konferenz ebenfalls. Auch der ägyptische Religionsminister steht dahnter. Und Jussuf Al-Karadawi, der populärste Prediger der sunnitischen welt, will auch kommen.“

Der Grossmufti findet in seiner Einladung deutliche Worte:

„Es geht um die düstere Wirklichkeit der Genitalverstümmelung an Frauen und die Haltung des Islam zur Unantastbarkeit des weiblichen Körpers. Und es geht um die Achtung der Würde und Ehre des Menschen sowie das Verbot von Aggressionen in jeglicher Form.“

Der letzte Satz lässt ahnen, dass der Mufti diese Initiative in einem weiteren Kontext islamischer Reform sieht. Geniatlverstümmelung ist zwar keine rein islamische Praxis. Auch unter Christen und Juden war und ist sie verbreitet. Doch heute ist die überwältigende Mehrzahl der Täter und Opfer islamisch. und der Koran wird fälschlicher Weise immer wieder als Legitimation hernagezogen.

Das Ziel des Grossmufti besteht offfenbar darin, im Gelehrtenkonsens die Frauenverstümmelung zur „Sünde“ zu erklären. Ein Bann der koranischen Legitimation einer menschenrechtsverletzenden Praxis wäre ein Druchbruch für Millionen Frauen. Und er wäre zugeich ein wichtiger Schritt der islamischen Selbstbesinnung. Die Stellung der Frau im Islam würde ganz neu zum Thema werden, wenn der Islam aus sich heraus die Kraft fände, den schlimmsten Exzess der Frauenfeindlichkeit als unislamisch zu brandmarken.

Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt der deutsche „Zentralrat der Muslime“, der schon vor fünf Jahren mit Nehberg zusammen die Aussage erarbeitete:

„Weibliche Genitalverstümmelung ist mit dem Koran und der Ethik des Islam unvereinbar. Sie ist Gottesanmaßung und eine Diskriminierung des Islam.“

Täglich werden geschätzte 8000 Mädchen zum Opfer der archaischen Praxis. Weltweit leiden an die 150 Millionen Frauen unter den Folgen. Vor allem in den Ländern der Sahelzone ist der Brauch verbreitet. Klitorisbeschneidung ist eigentlich eine verharmlosende Bezeichnung für diese Praxis. Ohne Betäubung und oft von medizinischen Laien wird zumeist die Klitoris samt Schammlippen mit Rasiermessern entfernt.

Nicht nur der traumatische Raub der sexuellen Empfindungsfähigkeit ist die Folge, die Frauen leiden oft lebenslang unter Krankheiten und schmerzhaften Beschwerden.

 

Muslimische Selbstkritik: Wir hätten Zwangsheiraten längst schon selber anprangern müssen

Zaghaft, vorsichtig, aber immerhin beginnt eine Debatte unter deutschen Muslimen über die Mißstände, die ihnen seit langem von aussen vorgehalten werden.

Einen mutigen Ansatz zur Selbstkritik und zur Öffnung der innerislamischen Streitkultur macht Mohamed Laabdalloui, der Redakteur des Internet-Auftritts des Zentralrats der Muslime, www.islam.de. „Wovor fürchten wir uns?“ fragt er, „um das Kopftuch geht es längst nicht mehr“:

„Wir müssen einräumen, dass es Zwangsverheiratung, Entmündigung, Benachteiligung gibt. Auch wir beobachten die Frauen, die im Abstand von fünf Metern ihren Männern folgen, manchmal dabei auch noch die schwere Einkaufstüte tragend, während der Mann außer einem Rosenkranz oder einer Zigarette nichts trägt. Auch wir müssen zugeben, dass die Zustände im Afghanistan der Taliban voller Entwürdigung und Demütigung der Frauen war. Es stimmt, dass wir sagen, dass diese Verhältnisse uns Muslime zutiefst schmerzen, dass wir sie ablehnen, gerade weil wir Muslime sind. Und es stimmt, dass wir uns in einem ungleichen Kampf gegen die Macht der Medien und Vorurteile dagegen wehren, dass der Islam, den wir so lieben und verehren, oft gegen besseres Wissen mit diesen Zuständen gleichgesetzt wird. Es stimmt, dass die Berichterstattung oft sensationsfixiert übertreibt, aus Einzelfällen algemeingültige Bilder produziert, die Dinge einseitig darstellt und verzerrt. Aber der Islam ist zu anspruchsvoll, als dass wir alles damit abtun könnten. Wir machen es uns zu einfach, viel zu einfach, wenn wir behaupten, das eigentliche Problem bestehe in den Medien, nicht in unserer Wirklichkeit.“

Und weiter:

„Zum Beispiel die unselige Zeit der Taliban in Afghanistan: Wir Muslime waren nicht diejenigen, die sich die Widerherstellung der Menschenwürde der Frau – und auch des Mannes – auf die Fahnen geschrieben hätten. Hatten wir Angst, unseren Brüdern am Hindukusch in den Rücken zu fallen, wo sie sich noch wenige Jahre zuvor so vorbildlich gegen den russischen Imperialismus gestellt hatten? Oder hatten wir gar Angst, uns und der Welt einzugestehen, dass ein Volk, dass sich für den Islam entschieden hat, nicht gleich auch eine ‚beste Umma‘ ist?

Zum Beispiel die Zwangsverheiratung türkischer Mädchen mit Männern, die sie nicht kennen und nicht wollen. Wir, ich meine damit die praktizierenden Muslime und seine Apologeten, die Moscheen, Prediger und islamischen Organisationen, wir waren es nicht, die das Problem aufgegriffen hätten, zum Beispiel in Freitagspredigten, wo wir es wahrscheinlich effektiver als Andere hätten bekämpfen können. Wir haben darauf gewartet, dass darüber von anderen Romane und Studien verfasst und Reportagen ausgestrahlt wurden. Erst dann riefen wir, der Islam kenne die Zwangsheirat nicht. Zu spät. Pfiffigere Leute waren da längst sogar mit erlogenen Autobiografien zu Helden im Kampf gegen den ‚archaischen Islam‘ geworden.

Schließlich noch das Beispiel des Siebenmeterabstands: Wir haben zu diesem Thema keine Satiren verfasst, keine Theatersketche aufgeführt und keine statistischen Erhebungen gemacht. Wir warten darauf, dass das Thema im Kabarett des deutschen Fernsehens aufgegriffen wird, vielleicht so unsensibel, dass es uns verletzt und wir auch dazu aufgeregt Stellung beziehen und sogar demonstrieren. Diese Beispiele haben zwar nicht alle etwas mit dem Kopftuch zu tun, sind aber das, was andere in die Welt des Kopftuchs projizieren und was wir uns anrechnen lassen müssen, weil wir es so gern verdrängen.“

Ich finde zwar, man hätte den kleinen Tritt gegen die „pfiffigen Leute“ lassen sollen, die mit ihren Zwangsverheiratungsbüchern Geld verdienen, aber davon abgesehen sind das bemerkenswerte neue Töne. Vor allem lässt die Tatsache hoffen, dass Satire hier ausdrücklich erwünscht wird.

 

Die neue Kopftuchdebatte – Anfang vom Ende des muslimischen Machismo?

Seit die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz vor etwas mehr als zwei Wochen an die muslimischen Frauen in Deutschland appelliert hat, das Koptuch abzulegen und im Hier und Jetzt anzukommen, ist ihr Leben auf den Kopf gestellt. Die 1971 in der Türkei geborene Deligöz, die sich selbst als Lobbyistin für Migranten sieht, ist zur Hassfigur für Fundamentalisten und Nationalisten geworden, die sich in ihrem Macho-Gehabe nicht nachstehen. Sie wurde als „Nazi“ beschimpft, mal auch als neue Ayan Hirsi Ali, es gab Morddrohungen. Nun lebt sie unter Personenschutz.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, schrieb einen Brief an den türkischen Botschafter in Deutschland, Irtemcelik. Der ließ die Bitte um Hilfe kalt abtropfen: Es sei nicht Sache des türkischen Staates, sich in diesen Streit einzumischen. Künast solle sich lieber an die türkische Presse wenden. Wenn es darum geht, sich über vermeintliche Türkenfeindlichkeit beschweren, ist die Botschaft nicht so zurückhaltend. Der Botschafter sollte seine Haltung überdenken: Der größte islamische Verband in Deutschland, Ditib, wird de facto vom Religionsministerium in Ankara und von der Botschaft in Berlin aus gesteuert. Und da sollte der Botschafter nichts zu einem Thema zu sagen haben, dass säkulare und religiöse Türken in Deutschland spaltet?

Um so erfreulicher, dass sich eine breite, überparteiliche Front vor Ekin Deligöz aufbaut, um sie gegen das Klima der Einschüchterung zu beschützen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sagte im Deutschlandfunk, der Gesetzgeber müsse »mit aller Entschiedenheit durchsetzen«, dass man seine Meinung äußern darf. »Wenn man bedroht wird, dann ist was nicht in Ordnung.« Solange dies so sei, bekomme Deligöz Polizeischutz. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte: »Ein solches Klima des Hasses gegen eine Person, die lediglich ausspricht, was viele denken, ist nicht hinnehmbar.« Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) sagte dem Sender n-tv: »Wir müssen jetzt alle Rückgrat zeigen, und sie hat die uneingeschränkte Solidarität der ganzen zivilisierten Gesellschaft verdient.«

Das ist eine überraschende schwarz-grüne Koalition: Über den Umweg der Kopftuchfrage entdecken die Innenpolitiker der Union den Feministen in sich. Aber man sollte nicht spotten: Die Union spricht neuerdings mit grösserer Glaubwürdigkeit in diesen Dingen. Seit Wolfgang Schäuble den Muslimen durch die Islam-Konferenz eine ausgestreckte Hand geboten hat und seine Absicht erklärt hat, den Islam hier einzubürgern, können Äusserungen zum Kopftuch und zum Verhältnis von Religions- und Meinungsfreiheit nicht mehr als Islamophobie abgetan werden.

Es kommt noch ein Aspekt hinzu: Die Debatte wird zum Glück nicht mehr nur zwischen Deutschen und Türken, Christen und Muslimen, zwischen Mehrheit und Minderheit geführt. Der Kampf der Kulturen findet tatsächlich statt, aber zunehmend innerhalb der jeweiligen Lager. Es stehen auch im Islam immer häufiger selbstbewußte Reformer gegen Konservative. Heute sind es vor allem Frauen mit – schreckliches Wort – Migrationshintergrund, die sich den Mund nicht mehr verbieten lassen und ihre Rechte einfordern – so wie die Anwältin Seyran Ates, die Soziologin Necla Kelek, die Autorin Serap Cileli, die SPD-Abgeordente Lale Akgün und nun auch die Grüne Ekin Deligöz. Die deutschen Türken könnten eigentlich stolz sein, eine ganze Reihe solcher bemerkenswerter Frauen hervorgebracht zu haben.

Aber leider werden sie von Männern repräsentiert, die den weiblichen Freigeistern um Jahre hinterherhinken. Sie haben sich in der Pose des Opfers eingerichtet. Alles dreht sich um Ehre, Respekt und Anerkennung. Sie sind stets vorwurfsvoll und leicht kränkbar, egal ob es um den EU-Beitritt, das Kopftuch oder den Genozid an den Armeniern geht.

Diese Repräsentanten haben grosse Probleme, sich auf die neue Lage einzustellen, die durch Schäubles Integrationsinitiative entstanden ist: Sie müssen nun von Minderheitenlobbyisten, die ihre Hauptaufgabe darin sehen, sich (leider oft zu Recht) über Diskriminierung zu beschweren, zu Partnern werden, die auf Augenhöhe darüber verhandeln, welchen Beitrag sie zum Gedeihen des Landes leisten können.

Die Vertreter der islamischen Verbände haben nun zwar betont, sie teilten Deligöz‘ Meinung über das Kopftuch nicht, sie lehnten die Drohungen aber scharf ab. Das ist immerhin ein Anfang – auch wenn erst wochenlanger öffentlicher Druck sie dazu bewegt hat. Wenn sie als Teil der Zivilgesellschaft Respekt verlangen und anerkannt werden wollen, müssen sie in Zukunft endlich von sich aus die Menschenrechte verteidigen – und zwar nicht nur dann, wenn es um die Rechte der Kopftuchträgerinnen geht.

Die frechen Frauen, die keine Lust haben, sich länger von ihnen vertreten zu lassen wollen, passen natürlich nicht in den Kram. So ist es zu erklären, dass der Islamrat Deligöz in rüder Sprache zurechtwies, sie solle „ihr Brett vom Kopf“ entfernen, bevor sie übers Kopftuch redet. So ist die Entgleisung des Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, zu verstehen, der gestern nach der Aussprache mit Deligöz sagte: „Was sie gesagt hat, ist für mich Unsinn.“ Wichtig für ihn sei aber auch, „dass sie diesen Unsinn verbreiten darf“.

Diese gönnerhaft-unverschämte Art – nie würde man über einen männlichen türkischen Politiker derart herziehen! – kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Macht der Machos in der türkisch-muslimschen Community schwindet. Wenn der Schmerz darüber nashlässt, werden die angehalfterten Patriarchen sehen, dass Ekin Deligöz und die anderen mutigen Frauen auch ihnen einen Dienst erweisen.

 

England debattiert den Schleier

p.p.p.s. (12. Oktober) Die Schleier-Debatte überspringt den Atlantik: ein exzellenter Essay der britischen Journalistin Yasmin Alibhai-Brown im Time Magazine unterstützt Jack Straws Kritik.

Die britische Integrationsministerin Ruth Kelly hat am Mittwoch, den 11. Oktober, eine Neuausrichtung der Förderpolitik angekündigt. In Zukunft werde man nur solche muslimischen Organisationen fördern, auf die man in Kampf gegen den Extremismus zählen könne. „Wir werden Sie nach Ihren Worten und Taten beurteilen“, sagte Kelly.
Dies zielt auf den Muslim Council of Britain, der sich denn auch prompt angesprochen fühlte. Kelly setzt damit um, was sie vor einigen Wochen ankündigte. Siehe meinen früheren Post.
Bill Rammell, der Bildungsminister, sagte unterdessen solchen Universitäten seine Unterstützung zu, die den Vollschleier verbieten. Kürzlich hatte das Imperial College den Nikab verboten.

p.p.s. Salman Rushdie hat sich nun in der BBC ebenfalls hinter Straw gestellt. Der Schleier „nervt“ („sucks“), sagte Rushdie: „Als jemand mit drei Schwestern, der aus einer stark weiblich dominierten muslimischen Familie stamm, muß ich sagen, daß es kein einzige Frau in meiner Familie gibt, die das Tragen eines Schleiers akzeptieren hätte. Der Kampf gegen den Schleier ist eine lange und andauernde Schlacht gegen die Beschränkung der Frauen, und in diesem Sinn bin ich voll auf seiner (Straws) Seite. Ich glaube der Schleier ist ein Mittel, um den Frauen Macht zu nehmen.“

Der Dramatiker David Edgar gibt hingegen im Guardian vom 11.10. zu bedenken: „Ja, der Schleier kann befremdlich sein für Menschen, die mit seiner Trägerin zu kommunizieren versuchen; er wird manchmal (wenn auch nicht immer) unfreiwillig getragen, und für mich ist er Ausdruck der Verehrung eines nicht-existierenden übernatürlichen Wesens, dessen Anbetung alle möglichen Barbareien entschuldigt. Aber wenn wir ein Standbein haben wollen, wenn wir uns für die Satanischen Verse (…) einsetzen, dann müssen wir das Recht es zu tragen bis zum Tode verteidigen.“

p.s. Heute, Dienstag, 10.10.2006, hat sich Tony Blair ausdrücklich hinter Jack Straw gestellt. Muslimische Frauen dürften selbstverständlich tragen, was sie wollen. Trotzdem sei es legitim und vernünftig, die Frage der Gesichtsverhüllung anzusprechen, „wenn wir die Barrieren zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen niederreissen wollen“.

Auch auf der Website islam-online.net, die dem sunnitischen Prediger Jussuf Al-Karadawi nahesteht, wird intensiv über die Debatte berichtet.

Das Kopftuch (Hidschab) sei religiöse Pflicht, heißt es dort, der Gesichtsschleier (Nikab) werde von den meisten Gelehrten ins Belieben der Frau gestellt.

Die Organisationen der britischen Muslime fürchten, dass die Debatte über den Nikab mit einem Verbot des Hidschab enden wird.

In der letzten Woche hat der ehemalige britische Aussenminister Jack Straw in einem Zeitungsbeitrag die Meinung vertreten, dass die vollständige Verschleierung des weiblichen Gesichts (durch den „Nikab“) nicht hilfreich sei zur Verständigung in einer multiethnischen, multireligiösen Gesellschaft.

In seiner regelmässigen Kolumne im „Lancashire Telegraph“ hatte Straw geschrieben, er fühle sich nicht wohl dabei, mit jemandem zu sprechen, dessen Gesicht er nicht sehen könne. In der BBC sagte er später, er würde es bevorzugen, wenn die Frauen den Nikab ablegen, ohne jedoch das Recht der Frauen auf Verschleierung in Frage zu stellen. In Straws Wahlkreis leben viele Muslime. Straw kandidiert für einen stellvertretenden Leitungsposten in der Labour Party.
Der Muslim Council of Britain, die größte islamische Interessenvertretung, fiel über Straw her: Seine Kritik sei „rassistisch“.

Das ist unhaltbar. Straw hatte ausdrücklich das Recht zum Tragen eines Kopftuchs bekräftigt, das in England auch in Schulen und Ämtern unbestritten ist. Er hat auch erklärt, das Tragen des Vollschleiers sei nicht gegen das Gesetz.

Er beschreibt allerdings, dass er Frauen in seiner Sprechstunde bitte, den Schleier abzulegen, weil dann das Gespräch über Sorgen und Nöte besser vonstatten gehe. Die Frauen seien damit einverstanden, manche offensichtlich erleichtert.

Straw macht keinen Hehl daraus, dass er den Vollschleier als Integrationsverhinderungsinstrument sieht – als Hindernis für Frauen, ihre Rechte in der Gesellschaft gleichberechtigt wahrzunehmen.

Hat der Abgeordnete Straw nicht die Pflicht, seine Sorge zu Protokoll zu geben, daß Teile seiner Wählerschaft de facto nicht an der Gesellschaft partizipieren können? Er hat es auf eine ruhige und gerade nicht „rassistische“ Weise getan. Der Muslim Council of Britain – und nun auch konkurrierende Parteifreunde – wollen das nicht gelten lassen und blasen zur Jagd.
Viele britische Muslime, die auch den Vollschleier ablehnen, stimmen Straw zu. Der Muslim Council aber zeigt sich wieder einmal als eine Institution, die Debatten verhindern will, Muslime immer nur als Opfer darstellt und den Extremisten in den eigenen Reihen Schutz bietet.

 

England revidiert seine Integrationspolitik


Die britische Integrationsministerin Ruth Kelly („Community Secretary“) hat in einer Rede die Revision der Minderheitenpolitik angekündigt. Kelly fordert eine „neue und ehrliche Debatte über Integration und Zusammenhalt“.

Die Sprache ist noch sehr politisch korrekt, obwohl die Ministerin sagt, „wir dürfen uns nicht von politischer Korrektheit zensieren lassen, und wir dürfen auch nicht auf Zehenspitzen um wichtige Themen herumgehen“.

Sie glaube, heißt es in der Rede, „wir haben uns von einem gleichmäßigen Konsens über den Wert des Multikulturalismus hin bewegt zu einer Debatte, in der wir die Frage stellen dürfen, ob dieser (der Multikulturalismus) das Leben in getrennten Welten befördert.“

Und weiter: „Haben wir – indem wir unbedingt vermeiden wollten, eine einzige britische Identität und Kultur aufzuzwingen – am Ende voneinander isolierte Gemeinschaften befördert, zwischen denen es keine Bindungen gibt? Ich glaube, daß wir Diversität nicht mehr als ein Land erfahren, sondern als eine Ansammlung lokaler Gemeinschaften.“

Das ist alles noch sehr wolkig dahingesprochen, aber dennoch tut sich was: von „nicht verhandelbaren Regeln“ ist nun die Rede, und davon, daß man das Selbstvertrauen haben müsse „Nein zu sagen zu bestimmten Vorschlägen von partikularen ethnischen Gruppen“.

Das richtet sich eindeutig an die muslimische Community. Der Ärger über deren kaltschnäuzige Reaktion auf die vereitelten Anschläge – die schlichtweg auf die verfehlte Außenpolitik Blairs zurückgeführt wurden – sitzt tief.