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Zschäpe-Verteidiger ziehen Beweisstück in Zweifel – das Medienlog vom Mittwoch, 19. Februar 2014

 

Hass als Spielprinzip: So funktionierte das Brettspiel Pogromly, eine Perversion des Klassikers Monopoly, das laut Anklage Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hergestellt hatten. Mit der Zeugenaussage eines Polizeibeamten wurde das bereits 1997 produzierte Machwerk in die Beweisaufnahme eingeführt. Zudem beschäftigte sich das Gericht mit den Wohnungen, in denen die Gruppe während ihrer Zeit im Untergrund lebte. In dem Spiel gehe es „um Antisemitismus, und zwar schlimmster Art, auf eine abartig-humoristische Weise verpackt“, schreibt Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online. Zweifel hätten in der Sitzung allerdings Zschäpes Verteidiger angemeldet.

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Auf Nachfrage habe der Ermittler zugegeben, nicht sicher sagen zu können, dass die Gruppe das Spiel hergestellt habe. Exemplare davon stellten Ermittler in der Garage und der Wohnung von Beate Zschäpe sicher – nach acht Jahren wurden sie vernichtet. Das Spiel, das auf Bildern im Saal gezeigt wurde, hatte der Thüringer Verfassungsschutz dem Bundeskriminalamt zur Verfügung gestellt. Der Zeuge wusste nicht, ob es mit den damals gefundenen Beweisen identisch war.

In seiner Aussage habe der Kommissar allerdings „keinen Zweifel erkennen“ lassen, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt die Urheber waren, notiert Kai Mudra in der Thüringer Allgemeinen. Die Vernichtung der gefundenen Exemplare könnte nun jedoch den Beweiswert schmälern. Indem der Zeuge zugab, dass das gezeigte Spiel nicht zwangsläufig den früher sichergestellten entsprach, habe er seine Ausführungen „torpediert“. Der Verteidiger des Mitangeklagten Ralf Wohlleben habe den Beweiswert der Aussage daraufhin als „null“ gewertet.

Pogromly belege, „dass die drei spätestens Mitte bis Ende der neunziger Jahre Vernichtungsfantasien gegen Ausländer hegten“, schreibt ZEIT ONLINE. Das Spiel diene somit als Zeugnis für die Ideologie, der die Gruppe anhing – und zwar ausweislich der aufgedruckten Jahreszahl 1997 bereits vor dem Untertauchen im Januar 1998. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hätten sich auch nicht im Geheimen ihrem Machwerk gewidmet: Bei der „Charity auf Nazi-Art“ hätten mehrere Unterstützer mitgewirkt, die das Spiel an Gesinnungsgenossen verkauften.

Der Zeitvertreib aus dem Hause NSU habe sich an „Rechtsradikale, Judenhasser und Linkenfeinde“ gewandt, resümiert Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung. So wolle die Bundesanwaltschaft auf die Einstellung der drei Hersteller schließen – Credo: „Erst war es nur ein Spiel für sie, dann setzten sie ihre Geisteshaltung in die Tat um.“

Weiter beschäftigte sich das Gericht mit den konspirativen Wohnungen des Trios. Gehört wurde ein Ermittler des Bundeskriminalamts. In den ersten Wochen nach dem Januar 1998 wechselten die drei demnach mehrmals ihre Bleibe, Unterschlupf fanden sie jeweils bei Bekannten. Später schlossen sie unter Alias-Personalien selber Mietverträge ab. Die Mietverhältnisse hätten „die Verfestigung der Beziehung innerhalb der Gruppe“ dokumentiert, zitiert Friedrichsen den Zeugen auf Spiegel Online. Gegen die Interpretationen des Kommissars hätten Zschäpes Verteidiger „zwar spät, aber unmissverständlich“ reagiert: Demnach habe es kaum Anhaltspunkte dafür gegeben, dass durchgängig drei Personen in den Wohnungen gelebt hätten. Der Zeuge habe zugegeben, dies sei schwer zu bestätigen gewesen.

Dass alle drei zusammen gelebt hätten, sei nur für die erste Zeit nach dem Untertauchen und für die letzte Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße belegt gewesen, heißt es in einer dpa-Meldung. Zudem seien die Wohnungen für drei Personen nach Meinung der Anwälte teils viel zu klein gewesen.

Wie das Zusammenleben der NSU-Mitglieder aussah, dazu kann soll der Zeuge Max-Florian B. am Donnerstag Angaben machen. Er hatte den Dreien damals geholfen, ein Dach über dem Kopf zu finden. Zudem hatte Uwe Mundlos unter Vorlage von B.s Pass einen Mietvertrag auf seinen Namen abgeschlossen. Beate Zschäpe sei kein „Mäuschen“ gewesen und habe innerhalb der Gruppe „eine gleichberechtigte Stellung“ innegehabt, wie Jens Eumann von der Chemnitzer Freien Presse in einem Vorabbericht schreibt.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 20. Februar 2014.

6 Kommentare


  1. Was soll dieses Spiel beweisen?
    Taugt genauso wenig als „Beweismittel“ wie Filme, Musik oder Computerspiele im Hinblick auf Gewaltdelikte.

  2.   HMRothe

    Bin ich inzwischen der einzige, der sich über die Ähnlichkeit der begleitenden Polizistin mit Michelle Kiesewetter wundert?

  3.   Kilzon

    Sie schreiben sonst immer, ob es in der ausländischer Presse Artikel gegeben hat. Wie ist es in diesem Fall?

  4.   bekir_fr

    Bei der „Thüringer Allgemeinen“ lohnt sich das Nachlesen des verlinkten Originals:

    Ein saarländischer (?) Kriminalkommissar hatte 2012 anhand von Fotos des Progromly-Spiels für das BKA einen Bericht gefertigt. Also ein „Gutachter“?
    Nein, dafür fehlt vermutlich die wissenschaftliche Kompetenz. Aber passend zur Riege der schon bisher noch nie sonderlich hochkarätigen Zeugen, schickt die Anklage ihn unter dem Etikett „Zeuge“ ins Rennen.

    Bevor er aber überhaupt etwas „be-zeugt“, gibt er sich „über-zeugt“:
    „Er lässt keinen Zweifel erkennen, dass Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an der Entstehung und Verbreitung des Spiels beteiligt gewesen seien.“

    Bei so viel Gewissheit wird das Nachfragen dann peinlich für ihn: Die zwei Exemplare, die 1998 in Zschäpes Garage gefunden wurden, sind seit 2008 vernichtet. Das fotografierte Exemplar hatte das BKA von den Schlapphüten des vertrauenswürdigen Thüringer Verfassungsschutzes erhalten, die ihrerseits das Spiel von ihrem ganz besonders vertrauenswürdigen V-Mann Tino Brandt erhalten haben wollen. „Dazu konnte der Zeuge aber nichts weiter sagen.“ Tiefer schürende Fragen wie die nach DNA-Spuren erübrigen sich somit von vorneherein.

    Der gute Kriminalkommissar (der das Spiel nie selber in der Hand gehalten hat) weiß nicht, ob es mehrere Versionen des Spiels gab – kann also leider keinerlei Auskunft geben, ob die von ihm zuvor ausführlich und dramatisch geschilderten Ungeheuerlichkeiten des fotografierten Exemplars überhaupt gleichermaßen auf den Garagen-Exemplaren von 1998 zu finden waren.

    Dieser „Akten-Zeuge“, der eigentlich nur ein „Pogromly-Präsentator“ ist (und auch nur für die Spiel-Version „Tino Brandt“), hat merkwürdig wenig Interesse, über den Tellerrand seiner Objekt-Betrachtung hinauszuschauen, z.B. auf lebende „täternahe“ Zeugen:
    „Dass sich der Ermittler für seinen BKA-Vermerk nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die Aussagen des Mitangeklagten Holger G. und eines weiteren Zeugen zum Pogromly-Spiel genau durchzulesen, war am Dienstag eine weitere Steilvorlage für die Verteidigung.“

    Er kann letztlich nichts wirklich Relevantes bezeugen. Aber zumindest ein „Zeuge“, der nachvollziehbar nicht lügt, sondern erkennen lässt, dass er Gewissheiten hat, die ganz einfach nur unbewiesene Glaubenssätze sind.

  5.   bekir_fr

    Die Anklage will „Pogromly“ als Gesinnungsnachweis (aufgedruckte Jahreszahl 1997) gegen das dann im Januar 1998 untergetauchte Trio benutzen. Aber was beweist das schon? In den 90er Jahren demonstrierten die drei sowieso viel offener und häufiger ihre braune Gesinnung als im nächsten Jahrzehnt aus dem Untergrund. Dort fehlen nämlich nicht nur (zeitnahe) Bekennerbriefe zu den Morden, sondern auch sonstige braune Pamphlete, Aufrufe etc.

    Der schlechte Humor eines „Pogromly“ mag verwerflich sein – den Schritt zum (Serien-)Mörder kann er nicht erklären, sondern lenkt nur von wichtigerem ab. Vor allem macht er es nämlich nicht entbehrlich, die näheren Umstände für den Gang in den Untergrund zu untersuchen: Bisher spricht alles für eine panikartige Flucht aus Angst vor (erneuter) Verhaftung; insbesondere Böhnhardt als offenbar gebranntes Kind wollte um keinen Preis wieder hinter schwedische Gardinen.

    Das Trio schwankte zwischen verstecken oder weiter nach Südafrika flüchten. Hingegen gab es damals keinerlei Spur von Helden-Pathos, keine großmäulige Kampfansage – und schon gar nicht Pläne, mit Morden die eigene Knast-Phobie noch zu verstärken.

    Der Wandel vom Angsthasen zum eiskalten Serienkiller binnen weniger Monate Untergrund: Das wäre ein sinnvolles Beweisthema für den Prozess.
    Die immer wieder mal als dominant beschriebene Zschäpe scheidet allerdings als „Motivator“ aus: Während Böhnhardts „Angst-Phase“ neigte sie laut Trio-Eltern zu einem Reine-Tisch-machen, d.h. sich der Polizei zu stellen.


  6. „Beate Zschäpe sei kein “Mäuschen” gewesen und habe innerhalb der Gruppe “eine gleichberechtigte Stellung” innegehabt,“

    Das passt aber nicht ins Klischee über Rechtsextremisten.

 

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