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Wo ist die Beute der Raubüberfälle? – Das Medienlog vom Freitag, 23. Mai 2014

 

Nachdem Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 1998 abgetaucht waren, finanzierte sich das Trio sein Leben im Untergrund anfangs noch über Spenden aus der rechtsextremen Szene. Der Verkauf des menschenverachtenden Spiels Pogromly sollte zusätzliche Einnahmen bringen. Doch die vor Fremdenhass strotzende Nachbildung des Klassikers Monopoly verkaufte sich zu schlecht. Also begannen Böhnhardt und Mundlos, mit Raubüberfällen Geld zu beschaffen – 15-mal bis zu ihrem Tod in Eisenach 2011.

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In der taz befassen sich Konrad Litschko und Andreas Speit mit den Überfällen. Sie schreiben, laut Anklage habe die Szene-Unterstützung „auf Dauer keine ausreichende Einnahmequelle“ versprochen. Zudem sei der Mitwisserkreis zu groß gewesen. Deshalb habe die Gruppe bald auf die Überfälle gesetzt, über die wohl nur wenige informiert waren.

Insgesamt 609.000 Euro hätten die Terroristen so erbeutet. Den Ermittlern zufolge seien die Raubzüge, ebenso wie die NSU-Morde, gründlich geplant gewesen. Karten seien mit möglichen Filialen markiert, Skizzen von Innenräumen angelegt worden. Böhnhardt und Mundlos seien stets „gewaltbereit, hektisch und aggressiv“ vorgegangen – und stets willig gewesen, ihre geladenen Waffen zu nutzen. Die beiden Terroristen schossen schon bei ihrem ersten Überfall in Chemnitz auf einen 16-Jährigen, der ihnen nach dem Raub folgte. Die Anklage vermutet, dass Zschäpe von den Überfallplänen wusste und das erbeutete Geld später verwaltete. Sie soll davon Pässe und Führerscheine bezahlt haben, die Unterstützer dem Trio organisierten.

Spiegel Online zufolge geht das BKA davon aus, dass das Trio von 1998 bis 2011 über etwa 617.000 Euro verfügte. Die Ausgaben hätten die Ermittler auf 347.000 Euro geschätzt – für Mieten, Lebenshaltungskosten, Bahncards oder Mountainbikes. Die Polizei habe nach dem Ende des NSU 114.000 Euro sichergestellt. Wo die restlichen 155.000 Euro verblieben sind, sei bis heute nicht klar.

Die Politik beschäftigt sich derzeit wieder stärker mit dem Thema NSU. In der Frankfurter Rundschau berichtet Hanning Voigts, der Hessische Landtag habe einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Mordserie des NSU beschlossen. SPD und Linkspartei hätten am Donnerstag dafür gestimmt. CDU, Grüne und FDP hätten sich hingegen der Stimme enthalten, weil sie den Ausschuss als „nicht zielführend“ betrachten.

Die Terroristen sollen 2006 den Besitzer eines Kasseler Internetcafés, Halit Yozgat, erschossen haben. Besonders die Rolle des Geheimdienstlers Andreas T., der damals beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz arbeitete, ist bislang nicht geklärt. T. war damals Gast in dem Café – gab jedoch an, von dem Mord nichts bemerkt zu haben. In drei Vernehmungen ist es dem Oberlandesgericht München nicht gelungen, T. der Lüge zu überführen.

Auch die Kultur befasst sich nun mit dem Verfahren gegen den NSU: Laut Tagesspiegel schreibt die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ein Bühnenstück über den NSU-Prozess. Man hätte sich eigentlich schon in Sicherheit gewiegt und die Neonazis fast als Folklore betrachtet. Doch es habe sich gezeigt, dass „unglaubliche Lügen als wahr verkauft wurden“, habe Jelinek ihr Werk begründet. Die Münchner Kammerspiele eröffnen ihre kommende Spielzeit mit der Uraufführung des Stückes, das den Titel Das schweigende Mädchen trägt. Handlungsort ist der Gerichtssaal.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 26. Mai 2014.

1 Kommentar

  1.   Optimist

    Oft bekommt man von Banküberfällen Fotos aus Überwachungskameras zu sehen, bei denn jeder denkt: „Wenn ein nur entfernter Bekannter des Täters dieses Foto sieht, hat er verloren.“ Ich hätte erwartet, dass bei den vielen Banküberfällen des Duos auch solche Bilder entstanden sind, dass ich sagen würde: „Klar, das waren die beiden“. Aber dem ist wohl nicht so. BILD hat einen reißerischen Artikel mit Fotos aus Überwachungskameras veröffentlicht, in dem die meisten Fotos entweder gar keine Identifikation erlauben oder aber für mich wenig nach Mundlos oder Böhnhardt aussehen.
    Die weitgehende Unbrauchbarkeit von Spuren, wie sie in der normalen Polizeiarbeit so erfolgreich sind, ist ein wesentliches Merkmal des ganzen NSU-Komplexes. Beispielsweise finden sich keine DNA-Spuren des Trios an der Ceska oder den Waffen der Heilbronner Polizisten, die in ihrem Besitz gefunden wurden. Dem sehr sachlichen CDU-Obmann im NSU-Bundestagsausschuss und erfahrenen Polizisten Clemens Binninger ist das bei der Befragung von Polizei-Zeugen auch aufgefallen: Das ist erstaunlich.

 

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