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Der Kontaktmann ohne Kontakte – Das Medienlog vom Dienstag, 27. Mai 2014

 

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Gefangener aus einer Haftanstalt behauptet, etwas über etwaige NSU-Unterstützer zu wissen – obwohl dem nicht so ist. Der Grund ist meist simpel: die Hoffnung auf einen Vorteil. Am Montag war das Gericht möglicherweise mit einem solchen Fall konfrontiert.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Tanjev Schultz berichtet in der Süddeutschen Zeitung von einer „seltsamen Episode“ im NSU-Prozess: Erstmalig sei mit dem Heizungsmonteur Andreas Re. ein Zeuge mit Handschellen in den Prozess-Saal geführt worden. Die Nebenklage hatte beantragt, Re. zu laden, der mit der sogenannten Schlapphut-Bande rund 50 Banken überfallen hat und in der Justizvollzuganstalt Burg in Sachsen-Anhalt einsitzt. Re. ist ehemaliger Mittäter des in Polen inhaftierten Krzysztof S., der angibt, er habe im Jahr 2004 eine Waffe an den Angeklagten Ralf Wohlleben weitergegeben und im Gegenzug ein Werkzeug zum Autoknacken erhalten. Re. sollte nun eine Einschätzung erleichtern, ob die Behauptung seines früheren Komplizen stimmen könnte.

Doch die Aussage von Krzysztof S. ist offensichtlich skeptisch zu bewerten. Kai Mudra von der Thüringer Allgemeinen zufolge hat sich der 59-Jährige Re. gestern kaum an Einzelheiten eines möglichen Geschäfts zwischen Krysztof S. und Wohlleben erinnern können. Den Namen Wohlleben will er erst aus den Medien erfahren haben. Stuttgarter Zeitung zufolge hat Re. vor Gericht über Krzysztof S. gesagt: „Mir kommt es so vor, dass er einen Weg sucht, seine Strafe in Deutschland zu verbüßen.“

Der Zeuge Re. habe zwar angenommen, sein ehemaliger Mittäter suche irgendeinen Weg, nach Deutschland zu kommen, heißt es dazu im Blog NSU-Nebenklage. Aber er habe auch viele Punkte aus dessen Aussage bestätigt – etwa die Angabe, dass es einen enormen Waffenbestand gab, dass ständig Waffen dazugekauft und manchmal auch abgegeben wurden. Dennoch bleibt eines nach diesem früh beendeten Verhandlungstag weiter offen: Die Frage, ob die Schlapphüte jemals Kontakt zum NSU hatten.

In der Jungen Welt berichtet Claudia Wangerin, die Nebenklage wolle den wegen Mordversuchs verurteilten früheren V-Mann Carsten S. als Zeugen hören. „Zeugen aus Geheimdienstkreisen werden vom Generalbundesanwalt eher ungern benannt“, merkt Wangerin an. Im Prozess werde ihre Ladung zumeist von Anwälten der Nebenklage beantragt. Carsten S., der von Brandenburgs Verfassungsschutz 1994 während der Untersuchungshaft nach dem Mordversuch an einem Nigerianer verpflichtet worden war, wird vorgeworfen, in die Beschaffung von Waffen für das NSU-Trio eingebunden gewesen zu sein.

Das Blog NSU-Watch ruft die Öffentlichkeit dazu auf, am NSU-Prozess teilzunehmen. Es fehle eine breite kritische Öffentlichkeit, die sich als Zeichen an die Prozessbeteiligten und an die Presse ausdrücklich mit der Nebenklage und den Opfern solidarisiert, heißt es. Während immer wieder Neonazis auf der Besuchertribüne säßen, um ihre Solidarität oder ihre Geburtstagsgrüße an Angeklagte wie Ralf Wohlleben und André E. zur Schau zu tragen, setze sich ihnen keine sichtbare antirassistische Öffentlichkeit entgegen.

In der Frankfurter Rundschau erinnert Anetta Kahane an den Bombenanschlag auf die Kölner Keupstraße, der sich an Pfingsten zum zehnten Mal jährt. Die NSU-Terrorgruppe hatte dort mit einer Nagelbombe mehrere Menschen schwer verletzt. Ein rechtsextremer Tathintergrund wurde lange ausgeschlossen. „Die deutsche Gesellschaft fühlte sich nicht zuständig und überließ die Bewohner der Keupstraße sich selbst“, kritisiert die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung. An Pfingsten habe Deutschland nun bei einer Kundgebung in der Keupstraße die Chance, in Erinnerung an die Opfer der NSU-Morde zusammenzustehen.

Das nächste Medienlog erscheint am Mittwoch, 28. Mai 2014.

5 Kommentare

  1.   hh59

    Was ist denn „Re.“ für eine Abkürzung? Hätte es da nicht auch „R.“ getan? Ich verstehe eh‘ nicht, warum häufig Ch., Sch. etc. als Abkürzungen verwedent werden. In diesem Kontext geht es ja um Anonymisierung, die durch solche Verwendungen dann wieder abgeschwächt wird.

  2.   Fritz T.

    Parlamentarisches Kontrollgremium fordert Akten zu den V-Leuten „Corelli“ und „Tarif“ an

    Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Clemens Binninger, teilt im Namen des Gremiums mit:

    Das Parlamentarische Kontrollgremium hat einstimmig beschlossen, nachfolgende öffentliche Erklärung gemäß § 10 Abs. 2 Kontrollgremiumgesetz abzugeben:

    Das Parlamentarische Kontrollgremium hat sich in seiner Sitzung am 21. Mai 2014 im Zusammenhang mit dem Tod des V-Manns „Corelli“ ausführlich durch den Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz Dr. Maaßen und Generalbundesanwalt Range über weitere Fragen zum Sachverhalt und mögliche Zusammenhänge zur Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ berichten lassen.

    Zur Fortsetzung seiner Beratungen hat das Gremium einstimmig beschlossen, umfangreiche Aktenbestände des Bundesamtes für Verfassungsschutz zu den V-Leuten „Corelli“ und „Tarif“ anzufordern. Die Akten werden zeitnah gesichtet, damit sich die Mitglieder des Gremiums ein eigenes Bild über den Sachverhalt machen können.

    https://www.bundestag.de/presse/pressemitteilungen/2014/-/280800

  3.   nsagener

    Lieber hh59,
    die Abkürzung Re. ist in diesem Fall nötig und gängig als Unterscheidung, weil ein weiterer Zeuge mit dem Namen Andreas Ra. im Prozess auftritt.
    Beste Grüße
    Nicole Sagener

  4.   hh59

    Frau Segner,
    ja danke! Ist mir gerade aufgefallen, als ich den neuen Beitrag zu Andreas Ra. gesehen hab. Vielen Dank für den Blog, sehr informativ.

  5.   bekir_fr

    A propos Namenskürzel:

    Der Name des im Beitrag genannten Ex-V-Mannes und demnächst wohl auftretenden Zeugen wird abgekürzt mit „Carsten S.“ und verführt daher zu Verwechslungen mit dem (Mit-)Angeklagten „Carsten S.“

    Laut dem verlinkten „Junge Welt“-Artikel gehen die Anwälte mehrerer Opferfamilien davon aus, dass er (d.h. der Zeuge) „in die Beschaffung von Waffen für das mutmaßliche Kerntrio der Gruppe eingebunden war“.
    Das ist eine weitere Gemeinsamkeit, die Verwechslungen erleichtert, denn eine solche Funktion (konkret: die Überbringung der Tat-Ceska) wird auch dem (angeklagten) Namensvetter vorgeworfen.

    Und nicht zuletzt wird im Terrorismus-Blog des SWR die Frage aufgeworfen, ob der (angeklagte) Carsten S. unter dem Decknamen „Delhi“ nicht ebenfalls eine V-Mann-Vergangenheit hatte oder zumindest dahingehende Anwerbe-Versuche des Thüringer LfV stattfanden: http://www.swr.de/blog/terrorismus/2013/07/10/nsu-wurde-aus-carsten-s-der-v-mann-delhi/

    Das wären dann schon drei Gemeinsamkeiten! (oder eigentlich vier: der angeklagte Carsten S. wurde bei seinen Aussagen zur Ceska ja bereits ebenfalls als „Zeuge“ – nämlich gegen Beate Z. – befragt!)

    Wäre es daher nicht sinnvoll, beim (neuen) „Zeugen Carsten S.“ seinen V-Mann-Decknamen – „Piatto“ – hinzuzufügen?
    (Anders als beim angeklagten Namensvetter alias – vermutlich – „Delhi“ sind bei „Piatto“ sowohl seine V-Mann-Vergangenheit als auch sein Deckname ja inzwischen unstrittig und allgemein bekannt. Seine Persönlichkeitsrechte bzw. Anonymität im Alltag werden dadurch also nicht beeinträchtigt.)

 

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