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Ein unerklärliches Motiv? – Das Medienlog vom Mittwoch, 4. Juni 2014

 

Das Gericht in München hat mit der Untersuchung des Bombenanschlags von 2001 begonnen, bei dem die 19-jährige Deutsch-Iranerin Mashia M. in einem Geschäft in der Kölner Probsteigasse schwer verletzt wurde. Sie hatte eine Christstollendose geöffnet, die laut Anklage Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt dort platziert hatte. Die Einführung des Falls in den Prozess ruft ein entsprechend großes Medienecho hervor. „Der Anschlag in der Probsteigasse ist gekennzeichnet von mehreren Merkwürdigkeiten“, kommentiert Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online. Gemeint ist, dass die Täter das unscheinbare Geschäft in einer normalen Kölner Gegend als Anschlagsziel fanden – und die Polizei später kaum in Richtung einer rechtsextremen Tat ermittelte.

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Friedrichsen fragt sich auch, was der NSU sich bei der Tat dachte: „Rechnete der Unbekannte (der die Bombe im Geschäft hinterließ, d. Red.) damit, dass ein Familienmitglied die Dose öffnen würde? (…) Oder kam es nicht auf die Nationalität der Opfer an?“ Die Autorin spekuliert, es könne sich bei dem Anschlag auch um einen Test gehandelt haben, „wie das Töten besser, leichter und sicherer funktioniert“. Unter Umständen wäre das Geschäft, das Familie M. betrieb, damit nur Opfer einer spontanen Auswahl und nicht von langwieriger Planung gewesen.

„Der Laden war von außen nicht als Firma eines Migranten zu erkennen“, hebt auch Frank Jansen im Tagesspiegel hervor. War das der Grund, weswegen die Ermittler das Motiv Rechtsextremismus nicht ernst nahmen? „Die Kölner Polizei ermittelte in alle denkbaren Richtungen. Und selbst in solche, die seltsam erscheinen“, schreibt Jansen – zum Beispiel im Bereich Linksextremismus. Dem Beamten, der das aussagte, hielt die Opfervertreterin Edith Lunnebach entgegen: „Links gegen Ausländer, das kommt mir komisch vor.“

Der Ermittler sagte, man habe sich das Motiv nicht erklären können. „Seine Aussage erweckt allerdings den Anschein, dass die Kölner durchaus Theorien hatten – aber keine große Lust, sie mit Nachdruck zu verfolgen“, heißt es auf ZEIT ONLINE. Demnach verließen sich die Mitglieder der Ermittlungsgruppe bei der Klärung eines politischen Hintergrunds auf den Staatsschutz – und fragte auch nicht nach, als von dort keine Informationen kamen.

„Stattdessen krempelten sie das völlig unauffällige Familienleben der M.s um“, schreibt Per Hinrichs in der Welt, sie hätten „kläglich bei der Ursachenforschung“ versagt. Nahmen sie den Anschlag nicht ernst? Die Bombe „war kein Silvesterkracher“, sondern hätte problemlos Menschen töten können.

Auch bei der Öffentlichkeitsfahndung schöpften die Beamten nicht alle Möglichkeiten aus: So waren nach den Angaben des Vaters von Mashia M. zwei Phantombilder erstellt worden. „Auf die sonst übliche Verteilung von Flugblättern hat die Polizei jedoch offenbar verzichtet“, resümiert Stefan Geiger im Kölner Stadtanzeiger. Außerhalb von Köln wurde gar nicht mit den Bildern ermittelt.

„Doch es kann auch der Polizei zum Teil zugute gehalten werden: Dass hier jemand offenkundig wahllos Ausländer treffen wollte, drängt sich nicht sofort auf“, merkt Karin Truscheit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an. Schließlich lag der Laden in einem Stadtteil, in dem nicht außerordentlich viele Ausländer leben. Das werfe wiederum die Frage auf: „Muss es nicht in Köln ortskundige Unterstützer gegeben haben, um gerade auf dieses Geschäft zu kommen?“

„Der Tatkomplex ‚Probsteigasse‘ ist symptomatisch für viele Fragen, die während des NSU-Prozesses zwar immer wieder gestellt, aber bislang unbeantwortet blieben“, schreibt auch Mira Barthelmann vom Bayerischen Rundfunk. Dazu gehöre auch die Auffälligkeit, dass der Fall nicht mit anderen Sprengstoffanschlägen in Deutschland verglichen wurde.

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 5. Juni 2014.

3 Kommentare

  1.   Peter

    Die einen wundern sich dass ein unscheinbares Geschäft Ziel des Anschlags war, die anderen dass nicht sogleich gegen „Rechts“ ermittelt wurde.
    Wenn das Ziel unscheinbar war, wie hätte denn sogleich auf rechten/rassistischen/ausländerfeindlichen Tathintergrund schließen sollen, gerade wenn das Geschäft „von außen nicht als Firma eines Migranten zu erkennen“ war?
    Die Unterstellerei im Nachhinein nimmt langsam groteske Züge an.
    Da ich vermute, dass der Anschlag damals zumindest in der Presse erwähnt wurde, mal die konkrete Frage: Wo war damals das aufklärerische Interesse der heute so nachklugen Berichterstatter?
    War wohl auch denen nicht spektakulär genug der Anschlag damals.

  2.   Karl Müller

    Die „Ergüsse“ zur Einordnung der USBV sind auch „symptomatisch“, nämlich inhaltlich schon vorbewerter und von keiner Sachkenntnis getrübt!

    Ausweslich es Wirkungsbildes darf davon ausgegangen werden dass es sich um eine starke Deflagration gehandelt hat. Schwarzpulver ist extra durch die Herstellung so konditioniert das es deflagriert und eben nicht detoniert; wäre für ein Treibmittel auch nicht gerande zweckmäßig.
    Die Geschädigte wurde ja auch primär durch heiße gespannte Gase verbrannt, die mechanischen Defekte durch Splitterwirkung waren da sekundär, zumal dünnes Blech nur mit Hochleistungssprengstoff wirksame Splitter bilden kann.

    So eine USBV ist nur unter unglücklichen Umständen im Nächstbereicht tödlich, und wirkt erstmal ähnlich wie die delitantischen „Gaseki“ die vorwiegend von Linksextremisten benutzt werden…

    Jeder große „Polenböller“ ist da weit „Tödlicher“, weil die schon Handgranatenwirkung haben, und es genügend Geschädigte mit abgerissenen Extremitäten gibt!

    Und dazu nochmal meine Frage:

    Wenn die Spuren ander USBV weder für DNA noch sonstwie verwertbar sind, wie erkennt der Sprengstoffermittler dass es sich um eine Konstruktion von Rechtsextremisten handelt?

    Karl Müller


  3. Nicht wirklich.

    „…Da ich vermute, dass der Anschlag damals zumindest in der Presse erwähnt wurde, mal die konkrete Frage: Wo war damals das aufklärerische Interesse der heute so nachklugen Berichterstatter?…“

    Ich habe damals nur wenige hundert Meter Luftlinie von der Probsteigasse gewohnt – und erst nach dem Auffliegen des NSU ein Jahrzehnt später erfahren, dass es seinerzeit überhaupt einen Anschlag dort gegeben hat.

    Dass man mit Blick auf die Probsteigasse nicht gleich nach rechts geschaut hat, ist allerdings tatsächlich entschuldbar. Köln war damals eine der wenigen deutschen Großstädte, in der es tatsächlich so gut wie keine sichtbaren Neonazis gab. Neonazis gab es in Dortmund oder im Osten, in Berlin oder in anderen Großstädten, aber nicht in Köln. Terrorismus aus dem rechtsradikalen Spektrum in Köln hätte damals schlicht die Vorstellungskraft der Menschen in der Rheinmetropole gesprengt.

    Davon unabhängig gilt: beide Kölner Anschläge sprechen dafür, dass der NSU ortskundige Unterstützer vor Ort hatte. Auch der Nagelbombenanschlag auf die Keupstraße. Die rechtsrheinische Keupstraße als türkisch geprägter Straßenzug war damals eigentlich nur den Kölnern ein Begriff. Das ist auch keine Straße, in die man sich als Außenstehender zufällig verirrt, anders als bspw. die direkt hinter dem Dom gelegene und weitaus berühmtere Weidengasse am Eigelstein (übrigens auch nicht weit weg von der Probsteigasse). Wollte man als Ortsunkundiger ein typisch türkisches Anschlagsziel in Köln suchen, würde man wahrscheinlich weitaus eher auf die auch außerhalb Kölns bekannte Weidengasse stoßen, als auf die Keupstraße.

    Würde man ernsthaft nach Unterstützern des NSU im Großraum Köln suchen, müsste man den Blick wahrscheinlich auf den Erftkreis richten oder aber auf die Bergisch Gladbacher Ecke.

 

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