‹ Alle Einträge

Kindsmord von Jena: NSU-Zeuge unter Verdacht – Das Medienlog vom Mittwoch, 18. Juni 2014

 

Durch neue Erkenntnisse geriet das NSU-Mitglied Uwe Böhnhardt in Zusammenhang mit dem Mord an dem neunjährigen Bernd Beckmann aus Jena von 1993. Meldungen deuten allerdings darauf hin, dass vielmehr ein früherer Kumpel Böhnhardts etwas mit der Tat zu tun haben könnte: Enrico T., der am Schmuggel der Mordpistole Ceska 83 beteiligt sein soll. Verdächtig gemacht hatte sich T., als er in einer Vernehmung unaufgefordert von dem Fall erzählte und dabei Böhnhardt als Täter ins Spiel brachte. „Plötzlich drückte das alles auf seiner Seele“, kommentieren Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung. „Man kann das glauben, man muss es aber nicht glauben.“

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Die Vernehmung fand Ende April 2012 statt, ein knappes halbes Jahr nach dem Selbstmord Böhnhardts und seines Komplizen Uwe Mundlos. Die Polizei hatte Böhnhardt als Zeugen angesehen statt als Tatverdächtigen – im Gegensatz zu T. Wollte dieser nun den Verdacht gezielt auf den Toten lenken? Jetzt „könnte es eng für ihn werden“, schreiben Ramelsberger und Schultz.

Ein Bootsmotor, der T. gehörte, wurde nahe dem Fundort der Leiche an der Saale gefunden. Ein weiterer NSU-Zeuge beschuldigte T., er sei pädophil. Zudem fanden die Ermittler heraus, dass er sich häufig in der Nähe von Schulen aufhielt. Als er den Polizisten gegenübersaß, sagte T. hingegen, Böhnhardt habe ihm „etwas in die Schuhe schieben“ wollen.

Auch Per Hinrichs weist in der Welt darauf hin, dass ein Verdacht gegen Böhnhardt einzig auf der Einschätzung von Zeuge T. beruht. „Der lässt sich aber ohne neue Fakten oder Spuren kaum erhärten“, heißt es in dem Beitrag. Umso rätselhafter, dass T. das Thema überhaupt in der Befragung ansprach: „Da lebt also jemand mit seiner Unschuld und will sich unaufgefordert von der Last einer Tat befreien, die er doch nie begangen hat und die gar nicht Thema der Vernehmung werden sollte?“ Wie belastbar T.s Aussage ist, prüft derzeit die Staatsanwaltschaft Gera. Sie nutze „verbesserte Möglichkeiten, Spuren auszuwerten“, teilte ein Sprecher der Behörde mit.

Eine neue Panne der Ermittler deutet sich im Mordfall an dem Nürnberger Ismail Yasar an, der im Juni 2005 erschossen wurde: Die Polizei hatte dessen Vermögen offenbar seiner Ex-Frau statt der eigentlich berechtigten Tochter Dilek übergeben, wie Focus Online unter Berufung auf einen kostenpflichtigen Onlineartikel der Bild berichtet.

Dabei geht es unter anderem um einen Betrag von 23.000 Euro und ein Auto. Die Nürnberger Polizei räumte den Fehler demnach ein, wolle das Geld jedoch nicht erstatten. Der Anwalt der Tochter aus erster Ehe setzte der Behörde nun eine Frist. Die rechtmäßige Erbin sagte dem Bericht zufolge: „Jetzt wundert mich nicht mehr, dass diese Ermittler den Naziterroristen nicht auf die Spur kamen.“

Das nächste Medienlog erscheint am Donnerstag, 19. Juni 2014.

4 Kommentare

  1.   paul

    weil die erbin nicht erbte, ist ihr klar dass …. werden künftig solche logischen schlüsse generell zitiert als hätten sie etwas zu bedeuten oder nur wenn es in das bild passt, das gemalt werden soll?

  2.   Wetterfrosch im Sommerloch

    “ Auch einen weiteren mutmaßlichen NSU-Unterstützer, so dpa, halte die Ermittlungsbehörde „für einen möglichen Verdächtigen in dem Mordfall“: Enrico T. Das dementierte Staatsanwaltschaftssprecher Wörmann nun gegenüber SPIEGEL ONLINE…Es handle sich lediglich um eine „routinemäßige Überprüfung“ verschiedener Spuren. “
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kindsmord-in-jena-keine-ermittlungen-gegen-nsu-verdaechtige-a-975918.html

  3.   ice007

    Deshalb ist es wichtig, dass dieser Prozess in dieser Dimension geführt wird!
    Mancher könnte versucht sein zu sagen: „Was soll das? Mundlos und Böhnhard sind tot – und Beate Zschäpe ist sowieso schuldig. Also, sperrt die weg und das wars…“
    Wie man sieht kommen da noch ganz andere Dinge zu Tage, an die man bei Eröffnung des Verfahrens vielleicht nicht mal gedacht hat.
    Sehr gut! Weitermachen!

  4.   Corinna

    Liebes ZEIT-Team,
    es ist bewundernswert, dass Sie weiterhin regelmäßig über den Prozess berichten. Nach anfänglicher Flut von Informationen aus allen Medien sind Sie „dran geblieben“ und berichten weiterhin nüchtern vom Geschehen im Prozess. Denn mein Eindruck: die meisten Medien, die sich über das Platzvergabechaos damals beschwerten, berichten (so gut wie) gar nicht mehr…
    Mit besten Grüßen,
    Corinna.

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren