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Uwe Böhnhardts verständnisvoller Bruder – Das Medienlog vom Donnerstag, 10. Juli 2014

 

Zwei wichtige Zeugen sind am Mittwoch vor dem Münchner Landgericht aufgetreten: Der mutmaßliche NSU-Unterstützer Matthias D., der unter seinem Namen Wohnungen für die untergetauchten Rechtsextremisten gemietet hatte, und Jan Böhnhardt, der Bruder des toten NSU-Mitglieds Uwe Böhnhardt.

Die meisten Medien stellen in ihren Berichten Böhnhardts anfangs schmallippige Aussage in den Vordergrund, in der er auch über die Ansichten seines Bruders sprach. Er habe das Leben von Uwe so geschildert, „wie es klischeehafter für ein Abdriften in die rechte Szene nicht sein könnte“, schreibt Karin Truscheit in der FAZ. Als „irregeleitet und perspektivlos“ habe er ihn beschrieben, wie zuvor schon die Mutter der beiden.

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Der 44-jährige Kraftfahrer, Vater einer Tochter, hatte mehrmals Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. „Und der, glaubt man ihm, einfach nichts wissen wollte von dem, was sein Bruder trieb“, wie Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung schreibt. Sein acht Jahre jüngerer Bruder kam ihn häufig besuchen – doch trotz des angeblich guten Verhältnisses gelang es Jan Böhnhardt offenbar nicht, auf den in den Rechtsextremismus abdriftenden Uwe einzuwirken. Auch als gewaltbereit habe er den Bruder nicht eingeschätzt, obwohl Uwe mehrmals aufgrund von Gewalttaten vor Gericht stand.

Befremdlich kommt mehreren Berichterstattern vor, dass Böhnhardt das Aufwachsen und die rechtsextremen Ansichten von Uwe als „normal“ bezeichnete. Ähnlich irritierend wirkte der Moment, als Richter Manfred Götzl den Zeugen fragte, welches Verhältnis Uwe Böhnhardt zu Waffen hatte. „Ein gutes“, antwortete Jan Böhnhardt, „und erntet Lacher für die unfreiwillig komische Antwort“, wie Per Hinrichs von der Welt die Szene beschreibt. Allerdings: Die teils verharmlosenden Antworten müssten im Licht der brüderlichen Bande gesehen werden. „Die Grenze zwischen verzweifelter Solidarität für einen Bruder oder Sohn und bedingungsloser Verteidigung oder Leugnung von Verbrechen, die das Leid der Opfer ausblendet, verwischt schnell.“

Nicht alle bringen so viel Verständnis für die Äußerungen über den angeblich lieben Bruder auf. Die Vernehmung reihe sich ein in eine „Serie befremdlicher Aussagen von Angehörigen“ der Verstorbenen, schreibt Frank Jansen im Tagesspiegel. Die Äußerungen hätten den Eindruck erweckt, „als sei bei seinem acht Jahre jüngeren Bruder nur etwas schief gegangen“.

Auffällig war auch, dass Böhnhardt angesichts der Flucht von Uwe und seinen Komplizen Uwe Mundlos und Beate Zschäpe davon sprach, er sei „ausgerissen“. „Richter Manfred Götzl ignoriert das zum Beginn seiner Befragung, hakt dann aber erwartungsgemäß nach“, schildert Kai Mudra die Vernehmung in der Thüringer Allgemeinen. Bei der Aussage habe Jan Böhnhardt nicht ein einziges Mal erkennen lassen, wie er zur Schuld des Bruders an den Verbrechen stehe. Er habe jedoch erkennen lassen, dass er mit Uwes Einstieg in die rechtsextreme Szene nicht einverstanden gewesen sei.

Matthias D., der möglicherweise ein Helfer des NSU war, verweigerte wie erwartet die Aussage. Stattdessen schilderte ein Polizist dessen Äußerungen von einer Vernehmung zwei Tage nach dem Auffliegen des NSU im November 2011. D. soll zwei Wohnungen in Zwickau gemietet haben, damit die NSU-Mitglieder darin wohnen konnten – nach eigenen Angaben jedoch in Unkenntnis ihrer Ziele. „Sollte die Version stimmen, wäre D. ein Zufallshelfer des NSU, ein Opfer der trickreichen Verschleierung“ der Terroristen, heißt es auf ZEIT ONLINE. Bei vielen klandestinen Maßnahmen seiner Untermieter will D. arglos geblieben sein. „Über so viel Geheimniskrämerei hätten sich normale Mieter gewundert.“

Das Mietverhältnis sei Teil einer „einer ausgefeilten Logistik“ der Geheimhaltung gewesen, schreibt Gisela Friedrichsen auf Spiegel Online. Von dem Zwickauer Polizisten wurde D., der mit einem Anwalt auf die Wache gekommen war, als ganz normaler Zeuge befragt. „Im Nachhinein habe er sich Vorwürfe gemacht, D. nicht intensiver vernommen zu haben“, notiert die Autorin zur Aussage des Beamten.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 11. Juli 2014.

6 Kommentare

  1.   Peter

    Es ist nun mal nicht jedem gegeben, sich der pc willen selbst von engsten Verwandten so distanzieren zu können/wollen, um den Erwartungen der Medien zu genügen.
    „nicht ein einziges Mal erkennen lassen, wie er zur Schuld des Bruders an den Verbrechen stehe“
    Die Zeiten des Anspruchs auf „Sag mir wo Du stehst“ a la DDR sind doch wohl vorbei. Der Bruder muss sich da zu nichts erklären, da hat niemand einen Anspruch darauf.

    PS: Die auffällig pure Wiederholung des „Über so viel Geheimniskrämerei hätten sich normale Mieter gewundert.“ aus einem vorherigen Blogeintrag macht „hätte“ auch nicht zu „hat“.

  2.   cwm

    Zitat: „Bei der Aussage habe Jan Böhnhardt nicht ein einziges Mal erkennen lassen, wie er zur Schuld des Bruders an den Verbrechen stehe.“ Zitatende.

    Das muss er auch nicht. Soweit mir bekannt ist das nicht Teil eines Strafprozesses in einem Rechtsstaat, dass Zeugen bzw. Familienangehörige sich in moralischer Hinsicht zu äußern, dem Bruder abzuschwören haben, und so ein Bedürfnis von Teilen der Öffentlichkeit bedienen, die passende Gesinnung zu zeigen.

    Böhnhardt hat nur an der Aufklärung des Sachverhalts mitzuwirken, keine Statements oder Distanzierungen über Taten abzugeben, mit denen er nichts zu tun hat. Es sei denn, man geht davon aus, allein das Verwandtschaftsverhältnis bedinge eine Art „Mitschuld“. Aber das will niemand ernsthaft.


  3. „Befremdlich kommt mehreren Berichterstattern vor, dass Böhnhardt das Aufwachsen und die rechtsextremen Ansichten von Uwe als “normal” bezeichnete.“

    Es kommt ihnen womöglich deswegen so befremdlich vor, weil sie einem anderen gesellschaftlichen Milieu entstammen, und auch an anderen Orten der Republik beheimatet sind.

    Normal im Sinne von Standard ist es vielleicht auch da nicht, wo Uwe Böhnhardt herkam, aber beileibe auch nicht so exotisch, wie man sich das in westdeutsch sozialisierten Bildungsbürger-Kreisen anscheinend immer noch vorstellt.

  4.   bénichousaraute

    Ich werde meine Schwestern ab jetzt immer genauen Verhören unterziehen, um sie bei leisesten Anzeichen falscher Gesinnung oder krimineller Energie sofort denunzieren, und mich selber distanzieren zu können.
    Ach, was, ich mach das jetzt mal einfach prophilaktisch.
    Dann kann mir später keiner vorwerfen, ich hätte nicht gehandelt oder wäre womöglich auf einem bestimmten Auge blind.
    Diskrete Nachbarn sind mir ja auch mittlerweile suspekt. Da sollte man regelmässig unter irgendeinem Vorwand die Polizei vorbeischicken und Kameras im Hausflur verstecken.
    Wäre ein solcher Umgang mit Familie und Mitmenschen den deutschen Medien genehm?

  5.   Robert

    “Befremdlich kommt mehreren Berichterstattern vor, dass Böhnhardt das Aufwachsen und die rechtsextremen Ansichten von Uwe als “normal” bezeichnete.”

    Ich stimme „ludwigderfromme“ zu.

    Wer bspw. nicht in einer Großstadt aufgewachsen ist, sondern in der ostdeutschen Provinz der Nachwendezeit, mit all den bekannten Problemen, und Bürger mit Migrationshintergrund nur von Klassenfahrten nach Berlin kannte, für den ist eine Schwankung in den politischen Extremen in der Pubertät/Jugend völlig „normal“ gewesen. Da konnten die Eltern sagen und machen, was sie wollten. Da kam man sehr früh (<12 Jahre) gewollt oder ungewollt mit sehr radikalen Ansichten & Musik in Kontakt.

    Die überwiegende Mehrheit sind heute ganz "normale" Bürger und in keiner Weise extrem, radikal oder menschenfeindlich. Wichtig ist, dass man beim Erwachsen werden, die Denkfehler der Jugend erkennt und zurück zur Mitte der Gesellschaft findet.

    Manchmal entscheiden nur einzelne Faktoren, ob Jemand endgültig ins Extreme abdriftet oder nicht. Bspw. ein fehlender Vater in wichtigen Entwicklungsjahren, die falschen Kollegen im Ausbildungsbetrieb oder in der Fußballmannschaft mit denen man schleichend immer mehr Zeit verbringt, bis der Kontakt zu anders Denkenden völlig abbricht, etc.

  6.   bekir_fr

    Zur Aussage von „Matthias D., der möglicherweise ein Helfer des NSU war“, sollte noch ergänzend erwähnt werden, dass er laut Aussage seines Verhör-Beamten die getarnten Mietzahlungen über acht lange Jahre hin nur mit Mundlos bzw. (SPON) „Max und Gerry“, d.h. den beiden Uwes, gemanagt haben will.

    Verteidiger Stahl fragte daher wohl zu Recht, „Wieso in der Anklage behauptet werde, Frau Zschäpe habe das Geld des Trios verwaltet“. Denn dass sie für die Haushaltsführung von den Uwes Haushaltsgeld erhalten haben musste, ist banal, macht sie aber noch lange nicht zur Verwalterin einer „Kriegskasse“.

    Die vorgeworfene Mitwisserschaft bzw. Mittäterschaft an den Morden leidet ja schon unter dem Manko, dass der Mitangeklagte Carsten S. laut eigener Aussage die von ihm gerade neu beschaffte Tat-Ceska nur hinter Zschäpes Rücken den Uwes übergeben durfte.

    Wenn die Uwes mit ihrer Beate also längst nicht alle Geheimnisse teilten, warum sollten sie dann ausgerechnet ihre dunkelsten der „Haushälterin“ offenbart haben?
    Kein guter Tag für die Anklage.

 

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