‹ Alle Einträge

BKA ignorierte Gemeinsamkeiten bei NSU-Taten – Das Medienlog vom Freitag, 19. September 2014

 

Der Sprengstoffanschlag von Köln 2004, der Mord an Ismail Yasar in Nürnberg 2005 – zwei Taten, die dem NSU zugerechnet werden und Parallelen zueinander aufweisen. Kurz nach dem Mord brachte der Nürnberger Ermittler Albert Vögeler beide Fälle in Zusammenhang. Doch mit dieser These konnte er die Kollegen beim Bundeskriminalamt (BKA) nicht überzeugen, wie er gestern vor Gericht schilderte. Das Ergebnis mache „deutlich, wie die Täter von Pannen und Versäumnissen der Ermittler profitierten“, kommentiert Björn Hengst auf Spiegel Online.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

In beiden Fällen waren die mutmaßlichen Täter auf Mountainbikes geflüchtet. Vögeler sagte aus, er habe beim BKA eine sogenannte Operative Fallanalyse beantragt, in der die Taten verglichen werden sollten. Davon erwartete er sich Hinweise auf die Täter. Doch sein Wunsch wurde abgelehnt: Aufgrund des unterschiedlichen Tathergangs sei eine Analyse nicht sinnvoll, hieß es. Vögeler bestätigte, die Kollegen hätten deshalb von einem Vergleich zwischen „Äpfeln und Birnen“ gesprochen.

Andere Fallanalysen, von sogenannten Profilern erstellt, vermuteten Rache als Motiv für die NSU-Taten und schlossen einen politischen Hintergrund aus. „Weil die Profiler völlig daneben lagen, wurde in die falsche Richtung ermittelt“, heißt es beim Bayerischen Rundfunk.

Der vergleichsweise kurze Sitzungstag wurde weiterhin von Anträgen mehrerer Nebenklageanwälte geprägt. In einem davon forderten sie die Ladung des Neonazis Ralph H. aus Chemnitz, der dem NSU-Trio seine Identität zur Verfügung gestellt haben soll, damit dieses mehrfach einen Versandhausbetrug begehen konnte. 1998 oder 1999 soll H. den dreien seinen Personalausweis zur Verfügung gestellt haben. Damit soll eine Wohnung gemietet worden sein, ohne Miete gezahlt zu haben. Bei einem Versandhändler wurden an diese Adresse Abwehrsprays und ein Nachtsichtgerät bestellt, wie Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung berichtet.

Am Vormittag hörte das Gericht zum dritten Mal einen Schweizer Polizisten, der zwei mutmaßliche Waffenschmuggler vernommen hatte. So soll der genaue Weg der NSU-Waffe Ceska 83 nachgezeichnet werden. „Das aber ist schwer“, resümiert Kai Mudra von der Thüringer Allgemeinen. Laut Anklage erhielt als letztes Glied der Schmuggelkette der Mitangeklagte Carsten S. die Pistole und übergab sie dem Trio. Ob diese Version stimmt, „konnte das Gericht auch in den vergangenen drei Tagen nicht klären“.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 22. September 2014.

7 Kommentare

  1.   Antonia

    Das braucht einen nicht zu verwundern. Nach Rostock, Mölln, Solingen in den 90ern, sollte Deutschland wieder besser dastehen, was auch der Grund dafür ist, dass rechtsextremistische Gewalttaten oder Morde nicht als solche in die Statistiken einflossen. Handel, Tourismus, Rolle Deutschlands in der Welt… – all das wäre in Gefahr gewesen, besonders im Angesicht Amerikas und Israels.


  2. würde mich mal interessieren welche Positionen die Polizisten heute inne haben die solche eklatanten Fehlentscheidungen getroffen haben.

  3.   Barriga

    Die Täter mit Mountainbikes geflüchtet. Wenn das der einzige Zusammenhang ist, dann hätte die Polizei aber viel zu tun, wenn dieser ausreichen sollte, um eine operative Fallanalyse zu machen. Dann kann man alle Fälle der Republik miteinander in den Zusammenhang setzen. Find ich gut. Ich glaube nur nicht, dass der Steuerzahler bereit ist die Anzahl von Polizisten zu bezahlen, die diese Arbeit machen sollen. Danach sind immer alle schlauer.


  4. Was machen die verantwortlichen Beamten jetzt? Liebe Zeit, wäre echt mal interessant dass herauszufinden! Werden diese Beamten, die diese Hinweise ignorierten auch zur Rechenschaft gezogen? Würde mich brennend interessieren…


  5. Hier ist ein Fehler unterlaufen: dieses Blog erschien doch offensichtlich nicht am 19. August, sondern 19. September, und auch die Ankündigung des naechsten Logs für „Montag den 22. August“ verwundert – war doch der 22. August ein Freitag.

    Ob diese Inhalte sich auf Freitag den 19. September beziehen lassen? Ging es am 19. nicht immer noch um Aussagen über die Herkunft der Schusswafffe?
    ___________________________
    So ist es. Vielen Dank für den Hinweis.


  6. Es scheint schon sehr fraglich, ob das Verwerfen von „Thesen“ überhaupt zur Rubrik „Pannen und Versäumnisse“ passt. Das BKA kann und muss ja nicht jeder Überlegung nachgehen, die von Landespolizeien dort vorgetragen wird.
    Rein sprachlich steckt im Wort „These“ mehr „plausible Deutung“ als „dringender Verdacht“ – und ganz bestimmt keine „alternativlose Beweisführung“.

    Bei den „zwei Taten, die dem NSU zugerechnet werden“ fehlen auch heute noch die wirklich triftigen Beweise für Anwesenheit und Tatbeitrag der beiden Uwes. Die wasserdichte Klärung dieses immer noch unbewiesenen Verdachts wäre somit wichtiger als die Frage wer warum etwas früher welchen Verdacht hätte schöpfen können oder müssen.

    Und statt endlos „Pannen“ aufzulisten, wäre es endlich an der Zeit, den Phänomenen nachzugehen, die sich dem Thüringer Untersuchungsausschuss gemäß seinem Schlussbericht als mögliche behördliche „Sabotage“ aufdrängten. Ebenso müsste, statt übergangenen Thesen nachzutrauern, die noch „gültigen“ amtlichen Thesen mal hinterfragt werden.

    Diese Forderung stammt nicht von mir, sondern ergibt sich ebenfalls aus dem Schlussbericht der Thüringer Parlamentarier, die in Sachen tote Uwes die ausdrücklich so bezeichnete „Selbstmord-These“ mit zahlreichen Argumenten widerlegten.

    Der / die evtl. Uwe-Mörder würden die Täter-Frage auch hinsichtlich der Ceska-Serie völlig neu stellen. Wann beginnt der Apparat folglich mit den Ermittlungen in der Mordsache Uwe-Duo? Oder gilt dort der Thüringer Bericht nur als Laien-Meinung von Parlamentariern und sonstigen Bloggern?

  7.   paul

    Warum muss man völlig sinnfreie tweets, wie den über den Stromausfall, hier in den Text einbauen?
    Nur weil der hashtag passt?

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren