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Auch die Medien haben versagt – Das Medienlog vom Montag, 12. Januar 2015

 

Bis der NSU im November 2011 aufflog, wurde die Mordserie an Migranten in den Medien immer wieder als „Dönermorde“ betitelt – ein rassistischer Begriff, in dem sich Vorurteile und unkritische Berichterstattung widerspiegeln. Die Otto-Brenner-Stiftung hat die Geschichte des Worts in einer Studie untersucht. Das Fazit: Die Medien haben im NSU-Komplex versagt. „Beschämend ist zudem, wie willfährig Journalisten den Irrwegen der Ermittler folgten“ und Opfern einen kriminellen Hintergrund unterstellten, kommentiert Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung.

An jedem Werktag sichten wir für das NSU-Prozess-Blog die Medien und stellen wichtige Berichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Für die Studie wurden etwa 300 Zeitungsartikel ausgewertet. Empathie für die Opfer findet sich darin selten, stattdessen wurden in den Berichten Spekulationen zu Tatsachenbehauptungen aufgewertet. Auch türkischsprachige Zeitungen folgten offenbar dieser Strategie, fragten jedoch häufiger nach einem rechtsradikalen Hintergrund.

Ein Beispiel für die einseitigen Denkmuster der Medien: Der Nagelbombenanschlag von Köln aus dem Jahr 2004, der ab heute vor Gericht aufgearbeitet wird. „Schutzgelderpressung war ein Thema oder ein Denkzettel im Glücksspiel-Milieu, mehrfach wurde auch der damalige Pate im Rotlicht-Milieu als Drahtzieher des Anschlages genannt“, resümiert Daniel Taab im Bonner General-Anzeiger. Das habe Nachwirkungen, die noch immer nicht ausgestanden sind: „Die über Jahre nicht von Erfolg gekrönten Ermittlungen und die falschen Verdächtigungen ärgern die Bewohner der Keupstraße noch heute.“

„Keine wirklich neuen Erkenntnisse“ erwartet der Opferanwalt Alexander Hoffmann von der Aufklärung des Kölner Anschlags, wie er in einem Interview mit taz-Autorin Sabine am Orde sagt. Er erwarte insbesondere, dass die Opfer vor Gericht ihre Leidensgeschichte darstellen können. Zudem beklagt Hoffmann die Strategie der Bundesanwaltschaft, die in München die Anklage vertritt. Diese habe sehr früh für sich entschieden, dass der NSU aus drei Personen besteht – bei der Vielzahl von Helfern eine durchaus streitbare These. Die Behörde habe sich damit „sehr früh auf die bequemste Konstruktion festgelegt“.

22 Verletzte, Opfer, die bis heute leiden: Einen Überblick zu dem Anschlag in der Kölner Keupstraße liefert Kai Mudra in der Thüringer Allgemeinen.

Immer wieder berufen sich rechtsextreme Zeugen auf Erinnerungslücken oder bleiben in ihren Aussagen vage. Das hat lähmende Auswirkungen auf den Prozess, wie Stefan Kreitewolf im Deutsch-Türkischen Journal kommentiert: „Die Hauptverhandlung schien zur peinlichen Posse zu verkommen.“ Der Senat habe eine „lange Liste der Pannen bei der Aufklärung“ abarbeiten müssen, heißt es in dem Rückblick auf das vergangene Jahr vor Gericht.

Das nächste Medienlog erscheint am Dienstag, 13. Januar 2015.

12 Kommentare

  1.   Peter

    Das Versagen der Medien aka unkritische Wiedergabe des offiziell Verkündeten ist doch nun mal gar nichts Neues.
    Da muss man noch nicht einmal PEGIDA-affin sein, um in den letzten Jahren zunehmend ein schlechts Gefühl beim Medienkonsum zu haben.
    Wenn man die Fälle, in den man fehlerhafte Informationen und Darstellungen bis hin zur direkten von Fakten ungebremsten Parteinahme selbst erkennt, hochrechnet auf die Themen in denen man selbst nicht sattelfest genug ist, solche Fehler zu erkennen … dann gute Nacht.
    Bei 2 Zeitungen, bei denen mir das dann zu bunt wurde, war es mit dem mehrjährigen Abo vorbei und nach der Abgabe der vom Kundendienst pflichtgemäß abgefragten Begründung hatte ich auch Ruhe vor Verlängerungsangeboten.
    Also spare man sich hier und heute die Krokodilstränen, man will im bekannten Konsensrahmen agieren, man will erklären (natürlich auf Grundlage der eigenen Überzeugung) man will Auflage verkaufen und man will Geld verdienen, alles verständlich, aber dann bitte nicht wehklagen.
    Grundsätzliche Probleme anfassen, tiefgründig recherchieren, das Ergebnis ungefiltert verbreiten, sich unbeliebt machen, Auseinandersetzungen kontrovers begleiten usw. usf. das will man nicht.
    Irgendwie kommt es mit so vor, als wäre jetzt die Generation in den Redaktionen eingezogen, die zu ihrer Schulzeit oft genug nach den Motto lebte „Ich muss dies und das nicht wiessen, ich habe ja eine Meining“.
    Aktuellstes Beispiel http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-spiegel-erscheint-jetzt-am-samstag-a-1012015.html
    Spiegel Lesern soll jetzt nicht mehr das „Mehrwissen“ liefern (das ist ja ohnehin längst dem Boulevard geopfert worden), der Spiegel will ihnen die Welt erklären, „das Wichtige vom Unwichtigen(trennen), sie machen Kompliziertes überschaubar, und sie erklären und ordnen die relevanten Geschehnisse ein“
    Schöne neue Medienwelt.


  2. Etliche Jahre vor der Enttarnung wurde in „XY“ nach den Verbrechern gefahndet und ich kann mich noch erinnern, dass bereits damals in dieser Sendung eine Tat im „Milieu“ ausgeschlossen wurde, da die Opfer kleine Gewerbetreibende oder sogar nur Angestellte waren. Allerdings folgten die Ermittler auch durch kontaminierte DNA-Stäbchen einer falschen Spur, da sie wohl allzu lange nach nach einer Frau fahndeten, die nichts damit zu tun hatte. Über die Verwendung des Begriffs „Döner-Morde“ in den Medien war ich angesichts der Schwere der Verbrechen entsetzt, habe aber wieder einmal fassungslos feststellen müssen, dass es gar nicht auf die Verbrechen ankommt, sondern nur auf „richtigen “ Täter. Der Fall erinnert mich fatal an die 10 verbrannten Opfer im Lübecker Asylantenheim, als alle (auch unser damaliger Bundespräsident Herzog) sofort hysterisch ein „rechtes Verbrechen“ (das es ebenso wie linkes aus guten Gründen gar nicht geben kann) anprangerten, um dann, als ein Asylbewerber zweimal!!! gestand und auch von seinen Mitbewohnern belastet wurde, völlig umzuschwenken. Nach einer beispiellosen „Justiztragödie“ wurde der Angeklagte dann freigesprochen und die „FAZ“ titelte: „Landgericht des Lächelns“. Die 10 elendlich verbrannten Menschen spielten plötzlich keine Rolle mehr, das Gericht und alle anderen freuten sich. Nur ich habe mich in Grund und Boden geschämt.

  3.   Karl Müller

    @ 1.

    Die von Ihnen so glänzend zusammengefassten Probleme haben auch ihr Gutes.

    Die Masse der Pressestimmten zeigt, gegen jede einschlägige Erkenntnis aus Kriminologie und Kriminaltechnik, das es primär um Wunschdenken und Deutungshoheit eines an sich völlig unverstandenen Tatkomplexes geht.

    Allein die willenlose Hinnahme der amtlichen Sachverhaltsdarstellungen ohne den Versuch dazu unabhängige Wissenschaftler zu konsultieren, bei den angeblichen Suiziden oder eben diesen seltsamen USBV, ist durchaus bemerkenswert. Der Durchschnittsjournalist wird, ist er nicht in pathologischen Problemstellungen bewandert oder war in seiner Jugend „chemisch interessiert“ hat sicher nicht das nötige Spezialwissen, aber doch die Fähigkeit sich Fachleute für eine Stellugnnahme zu suchen……

    Was bei diesem Tatkomplex praktisch nicht passiert, da die „Täter“ ja schon verurteilt sind….


  4. Ein niedrigschwelligeres Angebot führt zu einem stark verbesserten Lesegefühl.


  5. Die Medien haben sicher nicht versagt. Viele Medien haben allerdings zu einer leichtfertigen Vereinfachung gegriffen, die auch die Wahrheit mitunter verzerrt hat. Nur leider neigen viele Menschen dazu, sich längere Headlines und noch längere Texte nicht zu Gemüte zu führen. Die wenigsten Menschen wollen in aller Ausführlichkeit mit allen Mutmaßungen Hintergründe erläutert haben. Statt dessen sehnen sie sich geradezu nach einfachen Texten – und eben auch einfachen Einordnungen im Sinne von schwarz oder weiß. Sonst hätte wohl kaum ein Lügenblatt wie die Bild, welches sehr stark vereinfacht und polarisiert, so viele Leser!

    Komplexe Sachverhältnisse komplex zu beschreiben, könnten viele Medienvertreter. Sie würden nur weniger Gehör mit ihren Beiträgen finden. Und seit der schnöde Mammon allein über den Erfolg/Misserfolg eines Blattes, einer Sendung etc. entscheidet, müssen die Medienvertreter wohl mitunter auch gegen ihre eigenen Wünsche entsprechend handeln. Leider!


  6. Nur die Medien versagen, die behaupten zu wissen, wer der Täter zweifelsfrei war. Bisher steht gar nichts fest, erst recht nicht, ob es die Angeklagte mit ihren Freunden war.

  7.   Karl Müller

    @ 5.,

    ausweislich der vielen Artikel und Kommentare zum „NSU“-Tatkomplex ist Ihre Tatsachenbehauptung hinsichtlich des Darstellungsvermögens komplexer Sachverhalte als widerlegt anzusehen.

    Als Beispiel mag die ziellose(oder beabsichtigte ?) Vermischung von Sachverhaltsbeschreibung und Spekulation sowie die unerträgliche Wortwahl (Wahrscheinlich, mit großer Sicherheit..) hinsichtlich der mutmaßlichen Täterschaft des B. bei der Nagel-USBV dienen.

    Seit wann sind Spekulationen gerichtsfeste Nachweise?

    Und was sind das für „Erkenntnisse“: „..wurde wohl ferngezündet..“, ist das nun nachgewiesen mit der Fernauslösung, oder nur eine Hypothese?

    Und der Kollege ist auch kein „Bombenexperte“ sondern Entschärfer…, aber das sind ja für den Leser schon zu komplizierte Sachverhalte?

    Kurz: Die „Wahrheit“, also zumindest die objektivierbaren Sachverhalte werden hier in der Regel völlig entstellend von Medienvertretern für die Öffentlichkeit aufbereitet. Und die aufbereiteten Inhalte werden auch nicht ansatzweise hinterfragt.


  8. Ein anderer sprachlicher Lapsus

    Im Kontext NSU:Warum schreiben Journalisten von Aktenpannen, wenn Akten vernichtet,verlegt oder verschwiegen werden?

    http://plakataktion-kontext-nsu.de/konzept.html

  9.   Optimist

    „Die Medien haben im NSU-Komplex versagt.“
    Auch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Das Versagen endete nämlich nicht mit dem Auftauchen des NSU, sondern es hat seit diesem Termin zuvor unerreichte Ausmaße angenommen.

  10.   Alöscha Popovic

    Warum ist „Dönermorde“ ein rassistisches Bergiff? Und warum ist das neu erfundene Begriff „NSU-Morde“ weniger rassistisch?

 

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