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Eine Fassade, die bis heute hält – Das Medienlog vom Freitag, 20. März 2015

 

Fast sieben Jahre lang lebten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Polenzstraße 2 in Zwickau. Vor den Nachbarn erhielt Zschäpe die Fassade einer harmlosen Wohngemeinschaft aufrecht, während die Männer mordend durchs Land zogen – so der Vorwurf der Bundesanwaltschaft. Wie Zschäpe und ihre Komplizen vor den nichts ahnenden Anwohnern wirkten, fand das Gericht durch die Zeugenaussagen zweier ehemaliger Nachbarn heraus. Auffällig war die Einlassung von Sindy H.: Trotz schwerer Vorwürfe gegen Zschäpe „scheint sich an ihrem Blick auf das damalige Leben in der Polenzstraße nichts Wesentliches geändert zu haben“, beobachtet Björn Hengst auf Spiegel Online. Sprich: Die Fassade wirkt bis heute.

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Zschäpe war den Nachbarn unter ihrem Tarnnamen Lisa Dienelt bekannt. Mundlos stellte sie als ihren Freund vor, der angeblich so viel verdiente, dass sie selbst nicht arbeiten musste. Tatsächlich, das ist heute bekannt, finanzierte sich das Trio mit Banküberfällen. Die Legende, die Sindy H. vor Gericht wiedergab, passte damit in die Darstellung der Anklageschrift – auch wenn die Zeugin beteuerte, sie könne sich Zschäpe nicht als Täterin vorstellen. „Vielmehr bestätigen ihre Schilderungen teilweise die Anklage“, schreibt Hengst.

Auch kuriose Details kamen zur Sprache: So verbot Mundlos Zschäpe offenbar, Döner zu essen – eine Regel, die die Hauptangeklagte in dessen Abwesenheit regelmäßig brach. Auch über ihr Sexleben offenbarte sich Zschäpe der Nachbarin, berichtet Eckhart Querner vom Bayerischen Rundfunk.

Der Mitangeklagte Ralf Wohlleben muss nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs in Untersuchungshaft bleiben. So entschieden die Karlsruher Richter bereits im Februar, nun griffen auch Medien das Thema auf. Seine Verteidiger scheiterten mit einer Beschwerde gegen eine vorige Entscheidung des Strafsenats am Münchner Oberlandesgericht. „Damit müssen der Angeklagte und seine Anwälte eine weitere Niederlage hinnehmen“, kommentiert Frank Jansen im Tagesspiegel. Auch für eine mögliche Revision nach dem Urteil stünden die Chancen schlecht. Eine Entlassung verwarfen die Richter, weil sie fürchten, dass Wohlleben flüchtet.

Neue Details zum Fall des toten Neonazis Florian H.: Er hatte den Ermittlern von einer Gruppe berichtet, die mit dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter von 2007 in Heilbronn zu tun haben soll. Er beging nach offiziellen Angaben 2013 Selbstmord durch Verbrennen in seinem Auto. Nun wurden im Stuttgarter Untersuchungsausschuss weitere „erstaunliche Mängel in der Polizeiarbeit“ aufgedeckt, wie Jan Friedmann auf Spiegel Online berichtet.

Wie sich herausstellte, lagen im Auto des Toten etliche Gegenstände, die die Polizei anscheinend ignoriert hatte – dazu gehören eine Pistole und eine Machete. Der Gremiumsvorsitzende Wolfgang Drexler kam angesichts dieser Fakten zu einem klaren Schluss: Offenbar sei die Polizei nur den Belegen für einen Suizid von H. nachgegangen.

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 23. März 2015.

14 Kommentare

  1.   Paul

    „scheint sich an ihrem Blick auf das damalige Leben in der Polenzstraße nichts Wesentliches geändert zu haben“

    Ja wie denn auch? Ändert sich das damalige Leben nur weil sich heraustellt, dass die Nachbarn nicht die waren, die sie vorgaben zu sein?
    Noch stellt sich irgendeine Schuld- oder Verantwortungsfrage für die Nachbarn.

    „Vielmehr bestätigen ihre Schilderungen teilweise die Anklage“
    Das wäre eine präzisere Darstellung wert, so klingt es eher nach Wunschdenken.

  2.   Mete

    Das Ganze riecht mehr nach Politik, denn nach Justiz…

  3.   Optimist

    „Fast sieben Jahre lang lebten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Polenzstraße 2 in Zwickau.“
    Sie meinen entsprechend der Anklageschrift von 2001 bis 2008, richtig? Wie kommt es dann, dass der Mietvertrag des offiziellen Mieters Matthias D. erst von 2003 datiert? Warum haben die im Prozess vernommenen Zeugen dann dort (und nicht vor 2003!) immer nur die Anwesenheit von Frau Zschäpe bezeugt? Das gemeinsame Wohnen eines Trios in der Polenzstraße von 2001 bis 2008 ist also höchst zweifelhaft, wie sie sehen können.
    Und auch ab 2008 in der Frühlingsstraße hat wohl kein Trio dauerhaft sein „Nest“ gehabt, wie seit 2012 bekannt ist und schon 2014 auch der Spiegel nach 2-jährigen Exklusiv-Recherchen herausgefunden hat
    Merken Sie eigentlich, dass sie permanent Dinge als gesicherte Tatsachen berichten und wiederkäuen, die sich bei nur ein wenig näherem Hinsehen als praktisch unhaltbar erweisen?
    ___________________________
    Editiert. Schreiben Sie bitte keine Namen aus, die im Artikel abgekürzt sind.


  4. Ach ja, der klassische Suizid: durch Verbrennen im Auto


  5. „Auch kuriose Details kamen zur Sprache: So verbot Mundlos Zschäpe offenbar, Döner zu essen – eine Regel, die die Hauptangeklagte in dessen Abwesenheit regelmäßig brach“

    Welch schlagender Beweis.


  6. „Fast sieben Jahre lang lebten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Polenzstraße 2 in Zwickau. Vor den Nachbarn erhielt Zschäpe die Fassade einer harmlosen Wohngemeinschaft aufrecht, während die Männer mordend durchs Land zogen – so der Vorwurf der Bundesanwaltschaft.“

    Ganz recht. Denn ein solcher Vorwurf der Bundesanwaltschaft und keine gerichtlich festgestelle Tatsache ist es bis heute, daß es einen „NSU“ gab und daß dieser für 9 Morde an türkisch/kurdischen und griechischen Kleingewerbetreibenden, einer Polizistin sowie 14 Bank- und Sparkassenüberfällen verantwortlich sei. Was es darüber hinaus gibt, sind vorvollziehende Behauptungen seitens Medien und Politik über die Existenz des „NSU“, bei letzterer über die Abhaltung öffentlicher Gedenkveranstaltungen für die Opfer einer (vermeintlichen) rechtsterroristischen Zelle und – wohl einmalig in der deutschen Rechtsgeschichte – die Zahlung millionenschwerer Entschädigungen an die Angehörigen der Mordopfer vor Abschluß der Ermittlungen, geschweige denn des Vorliegens eines rechtskräftigen Urteils.

  7.   the good kkkop

    Wenn die nicht aufeinander aufpassen geht zwischendurch jemand Döner mampfen. Das kann immer mal passieren, auch im Untergrund.
    Paulchen allein vermag über diese ariogermanische Tristesse hinwegzutrösten.


  8. @6 mal daran gedacht das die millionen schwere Entschädigung auch vorbeugen könnte?
    Was glauben Sie was da für ein hass aufkommen kann wenn herraus kommt wer das ganze getan hat?!
    Wieder gut machen kann man das nicht, das steht fest, aber alles versuchen und tun um diesen fall aufzuklären schon.

    Wer will denn wissen ob die Ermittlungsbehörden nicht einen verdacht hatten aber keinen ansatz?
    Und nur deswegen still gehalten haben weil sie sich tarnen wollten um evt. hintermänner auf zu decken?

  9.   jabra

    ..sich zu diesem Prozess zu äußern, bedarf schon eine gewisse Courage, genau deswegen hab ich lang mit mir gehadert . Wenn man allerdings so ein kritischer Prozessbeobachter ist, wie ich es dann bin,… kann man irgendwann nicht mehr einfach nur lesen! Ich weiß nicht genau weshalb ich ausgerechnet unter diesen Artikel meine Meinung schreiben möchte… Ich glaube aber es liegt daran, daß genau hier das Maß an Unglaubwürdigkeit erreicht ist… zumindest für mich. Ob die Wahrheit je ans Tageslicht kommt, wage ich bei dieser Prozessführung zu bezweifeln. Traurig für die Hinterbliebenen auf beiden Seiten…. auch Richter dürfen nicht aus Angst manipulierbar sein sollen!!!!

  10.   tacheles

    4 #
    Es ist gar nicht so selten das sich Menschen per Explosion im Auto umbringen und dann eventuell darin verbrennen.

 

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