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Die Fragen nach dem Feuertod

 

Neue Beweise zum Tod des möglichen NSU-Zeugen Florian H. wirken wie wichtige Puzzleteile in der Aufklärung der Mordserie. Doch mit seinem Fall wird nun vor allem Politik gemacht.

In Untersuchungsausschüssen beugen sich normalerweise Parlamentarier über eng beschriebene Aktenblätter und befragen streng nach Protokoll Zeugen.  Anders vor einer Woche im Ausschuss „Rechtsterrorismus/NSU Baden-Württemberg“ im Stuttgarter Landtag. Dort streifte sich der Gremiumsvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) einen blauen Gummihandschuh über die rechte Hand und zog Beweismittel aus einer Plastiktüte mit dem Logo eines Modediscounters: einen verrußten Schlüsselbund, ein Handy, ein Feuerzeug, den Deckel eines Benzinkanisters.

Die Gegenstände sollen aus dem Auto des 21-jährigen Florian H. stammen, der im September 2013 in seinem Fahrzeug verbrannt war. Feuerwehrleute zogen eine verkohlte Leiche aus dem Wrack, das am Cannstatter Wasen nahe Stuttgart geparkt war. Der frühere Neonazi H. hatte zuvor behauptet, er kenne die Mörder der Polizistin Michèle Kiesewetter, die 2007 in Heilbronn ermordet wurde – mutmaßlich von den NSU-Mitgliedern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. H. sprach allerdings von einer bislang unbekannten Gruppe namens Neoschutzstaffel, die in die Tat verwickelt sein sollte, er benannte gar einen Zeugen. Am Tag nach seinem Tod hätte H. erneut vom Landeskriminalamt zu seinen Behauptungen befragt werden sollen.

Ermittlungspannen, Schlamperei, Vertuschung?

In einem sogenannten Todesermittlungsverfahren stufte die Staatsanwaltschaft Stuttgart den Feuertod als Selbstmord ein. Damit war die Sache aus juristischer Sicht erledigt – doch nur bis Anfang dieser Woche.

Jetzt wirft die Untersuchung der Gegenstände aus dem Auto ein neues Licht auf den Fall Florian H. Es handelt sich nicht nur um die Beweismittel aus der Plastiktüte. Dazu kommen eine Pistole, eine Machete und die Verpackung eines Schmerzmittels. All das fand die Kriminalpolizei angeblich nicht in dem Wagen. H.s Schwester übergab die Asservate in der vergangenen Woche dem Ausschuss. Die Staatsanwaltschaft nahm das Verfahren wieder auf.

Danach standen die üblichen Vorwürfe im Raum: Ermittlungspannen, Schlamperei, Vertuschung. Wurde H. ermordet, um ihn an einer Aussage zu hindern, die eine große Verschwörung enthüllt hätte? Hatte die Polizei absichtlich nicht genau hingesehen?

Keine dieser Fragen geht bislang über den Status einer Spekulation hinaus. Was auf den ersten Blick wie ein großes Mysterium des NSU-Komplexes wirkt, entpuppt sich als Machtspiel der baden-württembergischen Innenpolitik. Darin geht es vor allem um die Folgen des wiedereröffneten Todesermittlungsverfahrens.

„Keine neuen Hinweise auf Fremdverschulden“

Nichts spricht bislang dafür, dass die Untersuchung diesmal mit einem anderen Ergebnis als Suizid abschließt. Die gefundenen Gegenstände werden brandtechnisch untersucht, um zu klären, ob sie überhaupt aus dem ausgebrannten Auto stammen. Wenn ja, wäre die Selbstmordthese wohl eher bestätigt denn widerlegt. Die aufgefundenen Schlüssel ließen den Schluss zu, dass H. den Brand selbst herbeiführte. „Aktuell liefert die neue Situation keine Hinweise auf ein Fremdverschulden“, sagte der stellvertretende Ausschussvorsitzende Thomas Blenke (CDU) ZEIT ONLINE.

Identifiziert wurde zwischenzeitlich der Zeuge, den H. gegenüber den Ermittlern „Matze“ genannt hatte: Ein Soldat, der die Abkürzung NSS sowie ein Hakenkreuz auf den Körper tätowiert haben soll. Doch dass dieser nun auspackt, obwohl es keine konkreten Hinweise auf seine Beteiligung gibt, ist nicht zu erwarten.

Konkreter sind die politischen Folgen. Lassen sich die neuen Gegenstände H.s Auto zuordnen, „würde das erhebliche Nachfragen an die Polizei und die Justiz auslösen“, sagt Blenke. Bewerten will er den Fall noch nicht. Klar ist jedoch: Ans Licht käme eine riesige Schluderei mit bislang unbekanntem Motiv, bei der die Rücktrittsforderungen schon beinahe hörbar sind. Betroffen wären Innenminister Reinhold Gall und Justizminister Rainer Stickelberger (beide SPD), die Dienstherren von Polizei und Staatsanwaltschaft. Vorsorglich wurden beide in den Untersuchungsausschuss geladen.

Auf niedrigeren Ebenen wird es gleichfalls unangenehm. An bohrenden Fragen kommt auch der Stuttgarter Polizeipräsident Franz Lutz nicht vorbei, der einen Monat vor dem Feuertod sein Amt angetreten hatte. Das Innenministerium hat bereits eine interne Untersuchung angekündigt.

Die Polizei wirkt angesichts übersehener Gegenstände so, wie sie einst Hinweisgeber H. in den Ermittlungsakten tituliert hatte: „nicht glaubwürdig“. Eine vernünftige Aufklärung des Falls Florian H. würde nun dem Untersuchungsausschuss angerechnet. Dass sein Gremium den Anstoß dazu geben musste, sagt der stellvertretende Vorsitzende Blenke, ärgere ihn.

13 Kommentare

  1.   Optimist

    @10 the good kkkop
    „Falls sie die Seiten mit der obligatorischen Portion Extra-Schmonz ins Spiel bringen wollen…“
    Was soll das? Ich habe Ihnen die Quelle bereits oben verlinkt. Der Buchautor hat die Ermittlungen um das Phantom begleitet und den Fall Arthur C. im Buch ausführlich besprochen, obwohl bei ihm keine DNA des „Phantoms“ gefunden wurde. Man kann davon ausgehen, dass das deshalb geschehen ist, weil die Ermittler einen Zusammenhang vermutet haben. Und auch deshalb:

    „Und ein Vierteljahr vorher gab es noch einen anderen ungeklärten Todesfall..“
    Das ist der Todesfall Diana Pawlenko. Bei diesem wurde DNA des „Phantoms“ gefunden, und deshalb finden Sie den auch in meiner Quelle. Die örtliche Nähe zum Auffindeort des Arthur C. hat eine Rolle gespielt.

    Danke für den Hinweis im Haller Tagblatt auf die Phantombildähnlichkeit mit Arthur C., die ja in der Tat verblüffend ist. Es freut mich sehr, dass das langsam in die Öffentlichkeit durchsickert. Aber aus der Quelle ergibt sich keineswegs die Antwort auf meine Frage, ob Arthur C. (wie Florian H.) bereits zu Lebzeiten Polizeikontakt hatte. Das hatte ich aus ihrem Beitrag #2 herausgelesen, und es wäre aus meiner Sicht eine sensationalle Neuigkeit.

  2.   the good kkkop

    @11 :
    Da steht “ Befragt werden kann er nicht mehr. „. Also theoretisch hatte er noch keinen Kontakt, aber sie waren schon auf ihn aufmerksam geworden. Praktisch muss das nichts heissen, wenn man mal annimmt das es sich um einen Mord handelt. Ob Arthur C schon geladen wurde steht da nicht…
    Es gibt sowas wie “ möglich “ und “ mit hoher Wahrscheinlichkeit „, aber “ Verblüffende Ähnlichkeit “ hört sich doch eher nach einer persönlichen Bewertung an, vielleicht ein Hinweis darauf, das jemand das Dienstliche mit dem Privaten vermengt hat. Falls diese Formulierung tatsächlich von den Ermittlern verwendet wurde.


  3. Bei der Sachlage müsste man eigentlich von der Staatsanwalt verlangen,
    dass sie Beweise für den Selbstmord vorlegen und nicht umgekehrt!

    Bis dahin ist von Fremdeinwirkung auszugehen!

 

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