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Die erste Tat des NSU?

 

Mit dem Überfall auf einen Supermarkt soll sich der NSU erstmals Geld für sein Leben im Untergrund beschafft haben. Doch es gibt Hinweise, dass eine andere Tat vorausging.

Der Überfall geschieht in Windeseile. Die Täter müssen sich vorbereitet, den Edeka-Markt in Chemnitz ausgespäht haben. Sie wissen, dass die Hauptkassiererin gegen 18 Uhr das Geld aus den Kassen ihrer Kolleginnen einsammelt. Als Eva K. an der letzten Kasse angekommen ist, stürmen die Täter auf sie zu, einer von ihnen hält ihr eine Pistole vor. Mit dem Geld – rund 30.000 Mark – flüchten sie aus dem Supermarkt.

Sie werden nie gefasst. Die Tat vom 18. Dezember 1998 gilt als unaufgeklärt, bis knapp 13 Jahre später die Terrorzelle NSU auffliegt. Erst damit werden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die zehn Menschen ermordet haben sollen, auch als die mutmaßlichen Täter aus Chemnitz identifiziert. Diese Tat gilt als Beginn einer Serie von 15 Raubüberfällen, mit denen der NSU sein Leben im Untergrund finanzierte. 609.000 Euro sollen Mundlos und Böhnhardt dabei erbeutet haben, seit sie im Januar 1998 gemeinsam mit Beate Zschäpe nach einer Razzia der Polizei flüchteten. Zschäpe sitzt heute als Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess.

Hier beschäftigt sich das Gericht erstmals mit dem ersten Überfall. Geladen sind zwei der Mitarbeiterinnen, die an den Kassen saßen. Eine sah einen Mann an einer Säule im Markt stehen. Offenbar wartete er auf die Hauptkassiererin. Als klein und untersetzt hat sie ihn in Erinnerung. Kurz darauf hörte sie einen Tumult hinter sich, ein Mann im schwarzen Mantel mit Tuch vorm Gesicht bedrohte die Kollegin.

Als die Täter Sekunden später flüchten, rennt ihnen ein 16-Jähriger hinterher. Er begibt sich in größte Gefahr: Mundlos und Böhnhardt drehen sich um, schießen dreimal in Richtung Kopf und Brust ihres Verfolgers. Sie treffen nicht.

Drinnen hören Angestellte und Kunden die Schüsse. „Überfall!“, ruft eine der Kassiererinnen durch ihr Mikrofon. Die Täter sind da bereits entkommen. Wie die Polizei später mit Fährtenhunden herausfindet, sind sie wahrscheinlich zu einer Bushaltestelle gelaufen. Von dort fährt ein Bus bis zu der Wohnung, die ein Strohmann für den NSU gemietet hat. In dem Unterschlupf leben Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt seit August 1998, im April des darauffolgenden Jahres ziehen sie weiter.

Unklar ist allerdings, ob es sich bei der Tat tatsächlich um den ersten Raub handelt, mit dem Mundlos und Böhnhardt Geld beschafften. Zweifel gründen sich aus der Meldung eines V-Manns des Brandenburger Verfassungsschutzes, Carsten Sz. alias Piatto. Der Neonazi war Ende der neunziger Jahre einer der wertvollsten Informanten des Geheimdienstes, er lieferte Informationen, mit denen Fahnder das geflüchtete Trio wahrscheinlich hätten fassen können. Auch steckte er seinem Quellenführer, dass die drei sich mithilfe von Kameraden nach Südafrika absetzen wollten. Freunde aus der Szene sollten ihnen auch Waffen beschaffen.

Nach einem Gespräch mit Piatto im September 1998 notierte ein Geheimdienstler, vor der geplanten Flucht ins Ausland „soll das Trio einen weiteren Überfall nach dem Erhalt der Waffen planen, um mit dem Geld sofort Deutschland verlassen zu können“. Wie kann aber von einem „weiteren Überfall“ die Rede sein zu einem Zeitpunkt, da die Tat im Supermarkt noch nicht verübt war? Der Vermerk lässt die Vermutung zu, dass der NSU zwischen Januar und September 1998 schon einmal einen Raub begangen hat. Die erste Tat des NSU im Untergrund wäre demnach eine bislang unbekannte.

Die Aktennotiz legt zudem nahe, dass sich Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nach ihrem Untertauchen in kürzester Zeit ein Netzwerk aus Helfern aufbauen konnten – Helfer, die bereit waren, Waffen zu liefern. Denkbar ist daher auch, dass schon früh Pläne für andere Gewalttaten gereift waren. Auch für die rassistischen Morde, die der NSU-Zelle zugeschrieben werden.

Der Fall des Edeka-Raubs selber kann dazu keine weiteren Anhaltspunkte liefern. Überhaupt war er bei den Ermittlungsbehörden in Vergessenheit geraten. 2011 nahm die Soko „Trio“ des Bundeskriminalamts (BKA) nach dem Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt in Eisenach ihre Arbeit auf. Alles, was mit dem frisch aufgeflogenen NSU zu tun hatte, wurde durchleuchtet. In der mutmaßlich von Zschäpe angezündeten Wohnung des Trios in Zwickau fanden Polizisten auch abgefeuerte Patronenhülsen. Spuren darauf ließen auf die Waffe schließen, aus der das Geschoss abgefeuert wurde. Ein Vergleich zweier Hülsen mit der sogenannten Tatmunitionssammlung des BKA enthüllte, dass offenbar auch die Tat vom Dezember 1998 auf das Konto des NSU ging.

Doch als die Beamten im Frühjahr 2012 den Chemnitzer Fall untersuchen wollten, gingen sie leer aus: Die Akten dazu waren bereits vernichtet worden. In kleinteiliger Arbeit musste der Raub schließlich ein zweites Mal ermittelt werden. Den jungen Mann, der Mundlos und Böhnhardt aus dem Markt gefolgt war, konnten die Beamten dabei nicht mehr ausfindig machen.

6 Kommentare


  1. Man wundert sich: duerfen Akten eines unaufgeklaerten Raubueberfalls ueberhaupt vernichtet werden, und das nach 14 Jahren ?

  2.   tacheles

    Wie günstig das die mutm. Täter auch Patronenhülsen von 14 Jahre zurückliegenden Straftaten aufbewahrten!
    Wollten sie die neu laden?
    Oder gehörten diese Assessoires zu der Fetischsammlung der sog. „NSU“?
    Ist derartiges Verhalten bei abgefeimten und kaltblütigen Profikillern so üblich?

  3.   Peter

    Ein Vergleich zweier Hülsen mit der sogenannten Tatmunitionssammlung des BKA enthüllte, dass offenbar auch die Tat vom Dezember 1998 auf das Konto des NSU ging.

    Offenbar auf das Konto des NSU ging vs. unklar ist
    – was wenn die Waffe durch das Milieu wanderte und noch wandert?
    Wo ist das Teil denn überhaupt, in Zwickau hat man ja wohl nur passende abgefeuerte Hülsen gefunden … wer hebt übrigens sowas auf??

  4.   Karl Müller

    @ 2,
    hab noch nie erlebt das ein Täter solch belastendes Material bewußt zurückbehalten hat. Und zum Wiederladen gibts unbenutzte .32 ACP Hülsen wie Sand am Meer, obwohl für Verschleierungszwecke hier maherfach aus verschiedenn Waffen abgefeuerte Hülsen zweckmäßiger wären…

  5.   Karl Müller

    @ 3,

    es ist, solange nur beschossene Hülsen sichergestellt werden, garnicht einfach zu belege wo diese beschossen wurden. Diese könne auch zum vermeintlichen TO verbracht worden und dort abgelegt worden sein, solange keine Projektile sichergestellt sind.

  6.   Paul

    „Oder gehörten diese Assessoires zu der Fetischsammlung der sog. “NSU”?“

    Kaum, denn es können ja selbst im besten Fall nicht die Hülsen sein, die bei der Tat entstanden, die muss ja wohl die Polizei haben in der Tatmunitionssammlung, sonst wäre ja nix mit Vergleich.
    Und der Fetischcharakter separat verschhossener Munition hält sich doch in Grenzen.
    Auf mich wirkt die Geschichte von den Hülsen, die da in der Zwickauer Wohnung aufs Entdecktwerden warteten, reichlich ……..

 

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