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„Es wird ein Hauen und Stechen einsetzen“ – Das Medienlog vom Freitag, 18. Dezember 2015

 

Zweiter Teil der Aussage von Ralf Wohlleben: Der Angeklagte beantwortete am letzten Verhandlungstag des Jahres Fragen von Richter Manfred Götzl zu seinen persönlichen Verhältnissen. Es war eine kurze Befragung, zu den Anklagevorwürfen und seiner Zeit in der rechten Szene wird Wohlleben erst im neuen Jahr Rede und Antwort stehen. Die Erkenntnisse so weit: „Mit ihren Erklärungen haben die Hauptangeklagten Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben dafür gesorgt, dass noch einmal tief in die Beweisaufnahme eingestiegen werden muss“, kommentiert Oliver Bendixen vom Bayerischen Rundfunk.

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So hatten sich sowohl Zschäpe als auch Wohlleben in ihren Erklärungen auf den Neonazi und V-Mann Tino Brandt bezogen. Um die Glaubwürdigkeit der Angeklagten beurteilen zu können, müsse Brandt erneut als Zeuge geladen werden, meint Bendixen. Über das wahre Wissen von Zschäpe werde man im NSU-Verfahren genauso wenig erfahren wie über ihre verstorbenen Komplizen: „Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind tot – als Phantome werden sie aber auch im vierten Jahr mit auf der Anklagebank sitzen.“

In Wohllebens Aussage ging es unter anderem um dessen teils schwierige Kindheit und den glücklosen beruflichen Werdegang sowie um die Krankheitsgeschichte („mal hier, mal dort, mal ’nen Kieferbruch“). Die Einlassung schildert Wiebke Ramm auf Spiegel Online.

Wir bei ZEIT ONLINE beleuchten die Parallelen zwischen Zschäpes und Wohllebens Aussage, die zeitlich auffällig zusammenfallen: „Deshalb darf man davon ausgehen, dass die Angaben beider Angeklagten fein aufeinander abgestimmt sind.“ Auch weitere der fünf Angeklagten, von denen sich zwei nicht oder nur bruchstückhaft geäußert haben, könnten erkannt haben, dass nach sorgfältiger Beweisaufnahme ein hartes Urteil droht. „Diese Erkenntnis kam freilich spät. Womöglich zu spät. Könnte sie im Laufe der Zeit noch die anderen Angeklagten ereilen?“

Mit diesem Szenario rechnet auch Annette Ravensburger von der Süddeutschen Zeitung: „Es wird ein Hauen und Stechen einsetzen, ein Kampf um die eigene Glaubwürdigkeit, vor den Augen des Gerichts.“ Selbiges, verkörpert durch den Richter Götzl, lobt die Autorin für seine Standhaftigkeit in den vergangenen zweieinhalb Jahren Prozess: „Der Mann, der früher für seine emotionalen Ausbrüche berühmt war, hat sich in einer Weise im Griff, die kaum Raum für prozessuale Provokationen bietet.“

Das nächste Medienlog erscheint am Montag, 21. Dezember 2015.

2 Kommentare

  1.   bx16v

    „Als Phantome werden Mundlos und Böhnhardt mit auf der Anklagebank sitzen“?
    Eben nicht!
    Und das ist der eklatante Mangel dieses ganzen Procederes!
    Vor einer Anklage gegen Mitwisser- und Täter ist es absolut erforderlich die Haupttäter zu überführen.
    Völlig unverständlich das die diversen Verteidiger der Nebenangeklagten diesen Umstand nicht dezidiert monieren?
    Vielleicht passt hier „Phantomprozess“ besser?
    Verstorbene „Hauptangeklagte“ denen bisher NICHTS nachgewiesen wurde.
    Anwesende „Nebenangeklagte“ die auf Grundlage dieses „NICHTS nachgewiesenem“ mehrjährigen insistierenden Verhandlungen unterzogen werden.
    In der Hoffnung das sich irgendwann etwas sachdienliches ergibt?
    Es entsteht der Eindruck das die Ermittlungen nun im Prozess solange fortgesetzt werden müssen bis ein „gewünschtes“ Ergebnis anfällt?
    Man kann die plötzliche „Aussagewilligkeit“ auch so deuten das die Beschuldigten nach hunderten von Prozesstagen und jahrelanger U-Haft die „Nerven verloren haben“ weil kein Ende absehbar ist.
    Irgendwelche Schulfreunde werden sich schon noch zur „eingehenden“ Befragung finden lassen?
    Beweis für meine Vermutungen:
    Gäbe es stringente Beweise für die Täterschaft der beiden Verstorbenen Hauptangeklagten und daraus resultierend für die Mittäter- Wisserschaft der Nebenangeklagten wären diese bereits am Anfang des Procederes von der Anklagebehörde dem Gericht vorgelegt worden!
    So wie es allgemein vor Gericht Usus ist!

  2.   HubertLamberti

    Gegen Tote wird üblicherweise kein Prozess geführt.
    Nun geht es gegen mutmaßliche MittäterInnen.

    Alle Schuld Toten anzulasten ist wohlfeil, aber üblich.

    Entscheidend sind gerichtsfeste Beweise. Die wurden bisher offenbar nicht erbracht.

    Sogar die dem Vernehmen nach unsachgerechte Beweissicherung „Wohnmobil“ (Abransport auf Tieflader) hilft da nicht weiter.

    Entscheidend ist doch wohl, was Beate Zschäpe getan und gewusst hat, der Wohlleben auch.

    Die „Terroristische Vereinigung“ wo jede/r wer Mitglied ist, automatisch für alle Morde mitverantwortlich und zu verurteilen ist, die ist wohl auch noch nicht bewiesen.

    Stellvertretende Verurteilung für Tote gibt es jedenfalls nicht.

    Von wirklicher Hintergrundaufklärung habe ich bisher auch nicht viel gelesen, nur von VT, den plötzlichen Tod von ZeugInnen kurz vor der Aussage betreffend .

 

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