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„Kritische Stimmen wurden ruhiggestellt“

 

Er warnte schon vor den Gefahren des Rechtsextremismus, als in Jena gerade der NSU entstand: Der Jugendpfarrer Lothar König erinnert sich, wie wenig die Stadt den Radikalen damals entgegenzusetzen hatte.

Pfarrer Lothar König: "Kritische Stimmen wurden ruhig gestellt"
Der Jenaer Jugendpfarrer Lothar König (Bild von 2013)

Seine Markenzeichen sind Rauschebart, Sandalen und Aufsässigkeit: Lothar König, 63, ist evangelischer Pfarrer in Jena und Leiter der Jugendgemeinde. Er war immer schon ein Mahner gegen Rechtsextremismus – in der Stadt, in der auch Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihre Jugend verbrachten und aus der sie 1998 nach Sachsen in den Untergrund flohen. Die Neunzigerjahre, in denen Nazisprüche unter vielen Jugendlichen salonfähig wurden, hat König noch gut in Erinnerung.

ZEIT ONLINE: Pfarrer König, Sie betreuen Jugendliche in Ihrer Gemeinde. Sind sich junge Leute dieser Tage der Schrecken des NSU-Terrors bewusst?

Lothar König: Diejenigen in der Gemeinde schon. Die wissen, was gelaufen ist. Für andere gilt das, was auch auf einen großen Teil der Bevölkerung zutrifft: Die Geschichte hat wenig mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun. Die sehen höchstens den Mammutprozess in München, der langwierig und teuer erscheint. Es fehlt Verständnis.

ZEIT ONLINE: Jena ist gewissermaßen die Keimzelle des NSU. Man könnte erwarten, dass es dort ein geschärftes Bewusstsein für Rechtsextremismus gibt.

König: Das gibt es auch. Hier haben rechte Gruppierungen, wozu ich auch die AfD zähle, bei Demos zehnmal so viele Gegendemonstranten. Anderswo in der Gegend ist das nicht so. Jena ist in der Hinsicht so etwas wie die letzte Bastion in Thüringen.

ZEIT ONLINE: War das in den Neunzigerjahren, der Jugendzeit von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, auch schon so?

König: Nein, damals herrschte ein anderes Klima. Mit meiner Jungen Gemeinde habe ich damals schon mit Berichten und Gedächtnisprotokollen versucht, auf den Rechtsextremismus in Jena aufmerksam zu machen. Woraufhin wir in der Stadt als Nestbeschmutzer galten. Der Stadtrat hat uns Fördergelder gestrichen. Man hat versucht, kritische Stimmen ruhigzustellen. Wenn wir in Schulen gegangen sind, hat man uns nur müde lächelnd empfangen und gesagt: „Wir haben hier kein Problem.“ Es hat höchstens mal geheißen: Das ist ein soziales Problem, da sollen sich die Sozialarbeiter drum kümmern.

ZEIT ONLINE: Davon gab es ja welche im Winzerclub – der Jugendeinrichtung, in der die späteren NSU-Mitglieder damals verkehrten.

König: Die waren völlig überfordert. Da gab es viel zu wenig Unterstützung. Mitte der Neunzigerjahre haben sich die Rechten professionalisiert: Aus der Jugendbewegung wurde eine politische Bewegung. Da war es zu spät. Aber das wollte keiner wahrhaben.

ZEIT ONLINE: Hat sich der Umgang mit dem Thema grundlegend gewandelt?

König: Ja. Etwa ab der Jahrtausendwende ist in der breiten Fläche ein Bewusstsein dafür aufgekommen. Trotzdem herrschen vielfach noch falsche Bilder vor. Manche denken, Neonazis seien nur glatzköpfige Skinheads. Vielerorts fehlt auch einfach die Initiative gegen Rechts. In diesen Zeiten ist bei vielen Jugendlichen die Kraft, etwas zu bewegen, ziemlich angekratzt.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass heute wieder ein NSU entstehen könnte?

König: Versuche, aus dem Untergrund gegen den Staat zu kämpfen, hat es immer gegeben und wird es auch immer geben. Trotzdem würde ich den NSU als Jahrhundertereignis bezeichnen. Da ist ja vieles zusammengekommen – die Fehler der Behörden bei der Suche nach den Untergetauchten: Das sind mir zu viele Zufälle. Das ist ein Fehler im System. So lange wir den nicht erkennen, kann es immer wieder zu so etwas kommen.

42 Kommentare

  1.   Nymphe Undine

    >> Nebenbei bemerkt, seine Tochter , im thür. Parlament , forderte eine spezielle Luftlandetruppe der Bereitschaftspolizei zur Bekämpfung von Andersdenkenden. … Offenbar eine Auswirkung der Erziehungsmethoden des Herrn König! <<

    Daß es bei diesen "Vorschlägen" von Katharina König um eine absurde, ironisch-humoristische Äußerung handelt, sollte jedem klar sein.

  2.   M. Lewin

    Herr Krause hat sich halt nach dem vom immer brutaleren kapitalistischen Weltmarkt herbeigeführten Zusammenbruch des austeritären Kasernenhofsozialismus die vom Pfälzer Großmaul volltönend versprochenen „blühenden Landschaften“ eines angeblich menschlichen Kapitalismus innig erhofft. Statt dessen gibt-s für Millionen Kohl-Dupierte wie ihn neoliberal verwüstete Industrieruinen, marktwirtschaftsbrutal verheerte Infrastruktur, Kollaps der Gesundheitsverorgung usw
    Einen „blühenden“ menschlichen Kapitalismus haben sich die 89-er ersehnt, sie w o l l t e n und w o l l e n ihn , malefiz,!:Jetzt werden ihnen, wie immer listig , von der „Regierung“ sogar noch arme Schlucker – Flüchtlinge vor die Nase gesetzt Die kriegen- teils sicher real – vom „blühenden“ K. gar noch mehr Stütze von einer volksverräterisch auf-s „Ausland“ schielenden Regierung zugeteilt.

    Krauses w o l l e n nicht einsehen, daß die Flüchtlingstrecks,wie schon die verwüsteten Ex-DDR- Regionen selbst sch Zeichen irreversibler Kapitalismuskrise sind..-Diese Ensicht gewinnen nur politökonomisch kritische L i n k e. Sie können im Gegensatz zu den Krauses neomarxistisch
    bewehrt erkennen, daß der Neoliberalismus unrettbar und längst auf der schiefen Ebene der „Abstiegsgesellschaft“ Richtung globaler Megakrise , Kriegen bis hin zum Atomkrieg rutscht. Daß man den gar nicht mehr w o l l e n k a n n und d a r f. Geläuteter moderner Realsozialismus oder neoliberal-faschistische entsetzliche Barbarei sind angesagt.
    Der wunderbare Pfarrer König hat immerhin eine Ahnung davon. Ihm folge Krause nach!

  3.   Ashurnasirapli

    Einige Mitforisten greifen einen Mann an, der eine Szene angreift, die dann als Resultat (nicht nur) 10 Morde und 3 Bombenanschläge verübt hat. Ich frage mal vorsichtig nach dem moralischen Kompass von manchen Leuten hier im Forum.

  4.   AnsgarRagentor

    „, seine Tochter , im thür. Parlament , forderte eine spezielle Luftlandetruppe der Bereitschaftspolizei zur Bekämpfung von Andersdenkenden. (http://www.die-linke-thl.de/index.php?id=28481&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=

    Danke für den Link, ich habe herzlich gelacht.

    Ihnen empfehle ich, einen Blick auf das Veröffentlichungsdatum zu werfen und anschließend den Wikipedia-Artikel zum Thema „confirmation bias“ durchzulesen.

  5.   auchkreativ

    @Tom Sundermann#14
    „Das ist eine Meinung, die müssen Sie aushalten – auch, wenn sie bewusst irreführend geäußert wird.“
    Falsch: das ist keine Meinung sondern das sind falsche Fakten aka Lügen. Sie sollten als Journalist diese Trennung schon vornehmen können. Auch der Kommentarbereich erlaubt nicht, offensichtliche Falschaussagen als „eigene Meinung“ zu verbreiten. Im übrigen würde ich https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon empfehlen.
    Unerträglich solche Lügen stehen zu lassen.

  6.   U. Hermes

    Ich freue mich, dass König sich hier ohne Sanktionen so offen äußern kann. Als der Prozess gegen ihn lief – mit wirklich zweifelhaften Argumenten – musste man den Eindruck haben, das er manche Leute sehr gestört hat und man ihm unbedingt was anhängen wollte. Dagegen hatten die Rechtsextremen, auch der NSU, den Eindruck wird man ja weiterhin einfach nicht los, sehr viel Unterstützung auch bei den Ordnungskräften. Es ist ja fraglich, ob der NSU ohne ordnungsrechtliche Unterstützung sich so hätte entwickeln können. Und man muss sich nach wie vor fragen, wieweit rechtsextreme Strukturen von zweifelhaften geheimdienstlichen Strategien profitieren. Inzwischen entsteht ja auch der Verdacht, dass sich gerade Ähnliches beim Salafismus entwickelt.

  7.   tante_frida222

    Sehr geehrter Herr Hans Krause:
    „Hinterher kann man immer behaupten richtig gelegen zu haben. Nur sollte man auch bedenken dass so mancher radikal werden könnte, wenn man ihm hunderte Wirtschaftsmigranten vor die Tür setzt.“
    Mit diesem Satz rechtfertigen Sie die Taten, die geschehen sind. Auch Millionen von Migranten sind keine Rechtfertigung dafür, wahllos Menschen hinzurichten. Der NSU hat seine Opfer nicht getötet, sondern hingerichtet.

  8.   Frau von und zu

    Die gab es 1990 in Thüringen, danach haben sie sich leider in die neuen Verhältnisse integriert…

  9.   Unbeugsam

    @30
    Ja, klar.
    Die Jugendlichen werden beim bloßen Anblick von König schon dazu gezwungen, ihren Verstand auszuschalten, das Denken einzustellen, sich der dümmsten, menschenverachtendsten und brutalsten Irrsinnsideologie anzuschließen, die dieses Land je ausgebrütet hat und in der Ork-Herde marschierend, WIDERSTAND! WIDERSTAND! zu brüllen, sich abends Mut anzusaufen und dann Hakenkreuze auf Dönerläden zu schmieren oder in der starken Rotte Mädchen mit Kopftüchern zu bespucken oder schlimmeres zu tun und sich dabei wie William Wallace persönlich fühlen.

  10.   Toni Lechfeld

    Mit der Bezeichnung „kritische Stimme“ wäre ich persönlich sehr vorsichtig. Dieser Person geht es meiner Meinung nach mehr um Krawall als um Moral. Nebenbei bemerkt, seine Tochter , im thür. Parlament , forderte eine spezielle Luftlandetruppe der Bereitschaftspolizei zur Bekämpfung von Andersdenkenden. (http://www.die-linke-thl.de/index.php?id=28481&no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=61507&tx_ttnews%5BbackPid%5D=28324) Offenbar eine Auswirkung der Erziehungsmethoden des Herrn König!

 

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