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Die steilen Thesen der Nebenklage – Das Medienlog vom Donnerstag, 21. Dezember 2017

 

Mittwoch war der 400. Verhandlungstag im NSU-Prozess. Dies ist auch Anlass, ein Zwischenfazit zu ziehen – insbesondere zu den Plädoyers der Nebenklage, die seit nunmehr gut einem Monat laufen. Gisela Friedrichsen von der Welt nimmt sich die Anwälte vor, die entschieden Fehler bei Verfassungsschutz, Bundesanwaltschaft und insbesondere bei der Polizei anprangern, weil sie jahrelang in die falsche Richtung ermittelte: „Wer im Nachhinein anprangert, man hätte schneller auf Böhnhardt und Mundlos kommen und weitere Taten verhindern können, hätte man die Augen nicht in rassistischer Verblendung verschlossen, argumentiert unredlich.“

Weiterhin sei eine Mitwirkung des Verfassungsschutzes, etwa im Fall des Kasseler Mords von 2006, „doch eine zu steile These, die die Hinterbliebenen mehr irritiert als ihnen hilft“. In den Reihen der Opfervertreter herrsche Zwist, es gebe Angriffe gegeneinander. „Welchen Sinn hat eine solche Nebenklage?“ Das Instrument müsse reformiert werden.

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Der Tag selbst wurde getragen vom Plädoyer des Nebenklageanwalts Hardy Langer, der zwei Schwestern des 2004 in Rostock erschossenen Mehmet Turgut vertritt. Darin wandte er sich direkt an Beate Zschäpe und forderte sie zu einer umfassenden Aussage auf. Zudem spekulierte er, sie könne persönlich am Mord an dem Imbissverkäufer beteiligt gewesen sein und auf ihn geschossen haben. „Langer gelang es, Zschäpe zumindest für kurze Zeit aus ihrer Regungslosigkeit zu wecken“, beobachtet Ina Krauß vom Bayerischen Rundfunk. Sie habe aufmerksam zugehört und sich ausführlich mit ihrem Anwalt Mathias Grasel unterhalten. Langer, mit seiner akribischen Art, sei „einer der wichtigsten Vertreter der Nebenklage“. Auch dem normalerweise lethargisch wirkenden Mitangeklagten Holger G. habe er eine Reaktion entlockt.

„Zschäpe wirkt ungewohnt aufmerksam, verfolgt das Plädoyer auffallend interessiert“, notieren auch Julia Jüttner und Thomas Hauzenberger von Spiegel Online. Ähnlich sieht es Wiebke Ramm von der Süddeutschen Zeitung: „Die Worte des Anwalts scheinen zu wirken.“

Vor dem Plädoyer kam es wie nicht selten zuvor zu Scharmützeln zwischen Verteidigung, Nebenklage und Gericht. An diesem Tag sei „der Krebsgang der Hauptverhandlung nahezu exemplarisch zu besichtigen“ gewesen, kommentiert Frank Jansen vom Tagesspiegel. Er weist darauf hin, dass mit den Plädoyers der Verteidigung noch ein weiterer wichtiger Abschnitt ausstehe. „Ein Urteil vor Ostern wäre eine Überraschung.“

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 22. Dezember 2017.

17 Kommentare

  1.   Petersbächel

    „Gewagt ist gut“. Die ganze Räuberpistole ist m.E. ohne die Mitarbeit der Behörden nicht denkbar. Und so hat sie sich ja auch verhalten. Siehe Aktenschreddern.

    Ab einem gewissen Ausmaß reicht pure Dummheit als Erklärung doch nicht mehr aus.

  2.   Meister_Yupa

    Natuerlich darf man nicht, niemals daran denken, dass irgendwelche Beamte oder gar Minister irgendwie schuldig sein koennten. Nachher muesste jemand noch zuruecktreten oder entlassen werden. Absurder Gedanke.

  3.   schamaniker

    Es ist so viel schief gelaufen. So viele Zeugen sind gestorben. So viele V-Männer haben mitgewirkt. Da find ich die These das der Geheimdienst nichts damit zu tun eher steil.

  4.   jkochtr

    Die als „steile These“ bezeichnete Mitwirkung des Verfassungsschutzes hat allein schon durch den Verdacht einiges zum Positiven verändert. So hat mit dem Verfassungsschutzpräsidenten Cramer in Thüringen dieser Landesverfassungsschutz endlich die richtige Ausrichtung bekommen, man hat die Augen der „Schlapphüte“ nun nach rechts gerichtet. In den Zeiten der AfD eine notwendige Orientierung

  5.   Fortress of Agony

    Ich kann mich noch gut an dem Fall erinnern, als die Nebenanklage ein Opfer erfunden hat: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-wer-ist-fuer-das-erfundene-opfer-verantwortlich-a-1056664.html

  6.   Kartoffelfreund

    Nicht nur gewagt, schlicht ne Frechheit. Es wurde auch zwei Polizisten in den Kopf geschossen, der Staat ist hier auch Opfer.

    Dass sich dieser VS-Typ schnell verpisst, wenn er in dem Café grad seine schwangere Frau beschissen hat und kein Bock, in ne creepy Scheiße reingezogen zu werden… Das ist vielleicht verwerflich, aber beweist ungefähr: 0.

    Die geschredderten Akten konnten alle wiederhergestellt werden. War harmloses Zeug. Datenschutz halt abgelaufen, da wurds schnell entsorgt. Das wars.

    Wie lang hat man gebraucht, um die RAF zu einzusperren? 20 Jahre? Da laufen immer noch mindestens drei Killer rum. Und, ist der Staat jetzt auf dem linken Auge blind?

  7.   oetzmann2

    Weiterhin sei eine Mitwirkung des Verfassungsschutzes, etwa im Fall des Kasseler Mords von 2006, „doch eine zu steile These, die die Hinterbliebenen mehr irritiert als ihnen hilft“.

    Das wiederum halte ich für eine steile These.
    Nach allem, was ich darüber weiß sind Ermittlungen darüber, ziemlich behindert und sogar verhindert worden. In der Regel macht man das nur, wenn man etwas verbergen will.

    Die ganze NSU-Sachse stinkt zum Himmel.
    Es ist zu befürchten, dass unsere Sicherheitsbehörden und Geheimdienste da ganz tief mit drin stecken.

    Das allerdings zu beweisen (bei allem Gegenwind) dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein.

  8.   Dr. Who

    aber leider ausreichend begründet. und einer der größten skandala, dass das verschulden des „verfassungsschutzes“nie aufgeklärt wird. eine schande. aber schön dass es mal gesagt wird

  9.   Latif Prada

    „Wer im Nachhinein anprangert, man hätte schneller auf Böhnhardt und Mundlos kommen und weitere Taten verhindern können, hätte man die Augen nicht in rassistischer Verblendung verschlossen, argumentiert unredlich.“

    Einige Ermittler wie die in Nürnberg ermittelten durchaus auch nach rechts. Sie suchten aber die Täter unter den Rechten aus der Region und wurde deswegen nicht fündig. Andere ermittelten nicht nach rechts.

    Wieso der Vorwurf im Nachhinein unredlich sein soll, wo doch die Ermittlungen in andere Richtungen bis heute keine Ergebnisse erbracht haben, verrät uns der kurze Ausschnitt des Kommentars aus der WELT nicht.

  10.   Dr. Who

    wer den verfassungsschutz ausklammert, gerade beim fall in kassel, der verschließt beide augen. unglaublich was in diesem land möglich ist

 

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