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„Naives und dreistes Plädoyer“ – Das Medienlog vom Donnerstag, 26. April 2018

 

Im NSU-Prozess haben die Plädoyers der Verteidigung begonnen. Am Mittwoch schloss Beate Zschäpes Verteidiger Hermann Borchert seine Bewertung der Beweise ab. Dabei kritisierte er erneut heftig die Bundesanwaltschaft, die seiner Ansicht nach die Indizien gegen seine Mandantin einseitig ausgewertet habe.

„Sein Frontalangriff auf die Bundesanwaltschaft dürfte allerdings ins Leere zielen“, meint Marcel Fürstenau von der Deutschen Welle. Borchert versuchte, Zschäpe als unbeteiligt an den Verbrechen des NSU darzustellen – dies sei „eine letzte Nebelkerze“, die „verpuffen“ werde. Er habe ein „reichlich naives und zuweilen dreistes Plädoyer“ gehalten, in dem Zschäpe aufgrund ihrer Aussage von 2015 als Opfer dargestellt wurde.

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Immer wieder wies Borchert darauf hin, dass Zschäpe in ihrer Aussage bestritten hatte, in die Morde des NSU eingeweiht gewesen und somit mitschuldig zu sein. „Also müssen die Staatsanwälte manipulieren und alles zurechtbiegen“, fasst Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung seinen Standpunkt zusammen. „Immer wenn es schwierig wird, wischt Borchert das weg.“

„Anwalt Borchert hat sich in Sachen Plädoyer gründlich verschätzt“, heißt es auch bei uns auf ZEIT ONLINE. Bei Beteiligten des Prozesses herrscht demnach nicht der „Eindruck, dass die Anklage gegen Zschäpe ernsthaft ins Wackeln geraten ist, ja auch nur einen leichten Stoß erhalten hat“. Der Anwalt genieße seinen Auftritt und die deftigen Breitseiten, die er gegen die Bundesanwaltschaft austeilte – die davon alles andere als beeindruckt war.

„Es fällt schwer, seinen kleinteiligen, sich immer wiederholenden Ausführungen zu folgen“, resümiert Julia Jüttner von Spiegel Online. Kompliziert werde auch die Aufgabe für Zschäpes Altverteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm, im Anschluss ein Plädoyer zu halten.

Der Vertrauensanwalt habe die Thesen der Anklage weggewischt, „ohne eine glaubhafte Alternative zu bieten“, analysiert Ina Krauß vom Bayerischen Rundfunk. Die „markigen Worte“ würden wohl nichts daran ändern, dass Zschäpe mit ihrer eigentümlichen Version von dem, was in den 13 Jahren im Untergrund des NSU passierte, nicht durchkommen werde.

Das nächste Medienlog erscheint am Freitag, 27. April 2018.

8 Kommentare

  1.   Hades51

    In einem Rechtsstaat muss der Verteidiger keine Alternative anbieten, sondern die Staatsanwaltschaft Beweise und Zeugen.

    Damit fängt die Krux an, wenn man das Verfahren verfolgt hat die Staatsanwaltschaft viele Hinweise also Indizien aber keine stichhaltigenBeweise oder sogar Augenzeugen.

    Ich bin auf das Urteil gespannt und wie lange es Bestand haben wird.

  2.   15Hefti

    Achtung, es wird nicht mehr lange dauern. Dann werden die gleichen Typen wieder hier schreiben.

    Beginnend mit der Aussage sie seine keine rechte Gesellen und dann werden sie mit aller Kraft diese braune Dame verteidigen. Da werden dann ein paar übliche Verschwörungen kommen.

    Besonders „erheiternd“ war in den letzten Tagen folgende Verschwörung: Die Jungs waren gar nicht die Mörder.
    Dieser Verschwörung habe ich die simple Überlegung gegenübergesellt, dass es mit Abstand die „dümm.te“ Entscheidung eines Verteidigers wäre, unschuldigen Mitbewohnern schwere Straftaten zu Unrecht zu unterstellen und sich damit selber dem Risiko einer z.b. Mittäterschaft auszusetzen.

    Man wird es nicht glauben. Die Verschwörungsjungs haben auch hier eine riesige Verschwörung präsentiert….

    Also, warten wir mal ab, bis der erst hingeht und die Prozessbeobachter in Frage stellt.

  3.   herbertsommer

    Es ist eine Unverfrorenheit, welche Kosten derartige Anwälte dem Staat verursachen, indem sie alle Tricks nutzen, um Tatsachen und Indizien au den Kopf zu stellen. Manchmal wünscht man sich für solche Verbrecher, incl. ihrer gegenüber den Opfern und deren Familien komplett empathiefreien „Anwälten“, mal vorübergehend türkische Rechtssprechungsverhältnisse

  4.   Chilly

    Eine besonders kraftvolle Wortwahl, die man RA Borchert attestieren muss, ist nicht zwingend mit kraftvollen Argumenten verbunden. Hier scheint doch die recht emotionslose kleinteilige Mosaikarbeit der Bundesanwaltschaft mehr Überzeugungskraft zu entwickeln.

    Ich warte schon recht gespannt auf die Ausführungen der Altverteidiger. Diese hatten eine klare und sinnvolle Strategie und haben sich – anders als zum Teil die Verteidiger von Wohlleben oder jüngst von E. – keiner prozessualen Obstruktion bedient und auch den Prozess nicht zum Ausleben der rechten Ideologie genutzt. Sie schlicht grundsolide ordentliche Verteidigerarbeit gezeigt. Sie haben – anders als die RA’e Borchert und Grasel – auch die gesamte Beweisaufnahme miterlebt. Ich vermute sehr, dass diese Ausführungen weit mehr juristischen und prozessuale bedeutsamen Gehalt haben werden.

    CHILLY

  5.   Fabeva

    Man kann es nicht oft genug sagen. Danke der Zeit für diese Jahre der Prozessberichterstattung. Da bin ich gerne Abonnement.

  6.   Tom Sundermann

    Machen wir gern!

  7.   bx16v

    Nach aktueller Rechtsauffassung des Bundesgerichtshofes besteht kein Anlass Frauen von Terroristen in Haft zu nehmen.
    Trifft das auch auf Beate Zschäpe zu?
    Wäre interessant den Bundesgerichtshof mit dieser Frage zu befassen.

  8.   bx16v

    herbertsommer#
    In einem Rechtstaat steht jedem Beschuldigten die bestmögliche Verteidigung zu!
    Deshalb gibt es auch die Rechtsinstitution der „Pflichtverteidigung“!
    In einer Diktatur ist derartiges natürlich unnötig.
    Niemand wünscht sich einen „Volksgerichtshof“ mit Schauprozessen ohne Verteidiger zurück!
    Allerdings gebe ich Ihnen recht was die überlange Verfahrensdauer betrifft.

 

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