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Die Frau hinter der Nebelwand

 

Seit fünf Jahren beobachtet unser Reporter den NSU-Prozess. Mit Beate Zschäpe hat er mehr Zeit verbracht als mit vielen Freunden. Er weiß, welche Macht sie hat.

Die Eintrittskarte in ein neues Leben ist gelb und lässt sich an die Brust heften. Oben steht in Großbuchstaben „Oberlandesgericht München“, darunter „Akkreditierung im Verfahren Beate Zschäpe u.a. (NSU)“. 50 Exemplare gibt es. Eines davon, Nummer 38, gehört mir. Mein Name steht gleich unter dem von Zschäpe.

In ihrer Gegenwart habe ich in den vergangenen fünf Jahren mehr Zeit verbracht als mit vielen Freunden. Natürlich ist sie mir fremd geblieben. Ich habe ja nie ein Wort mit ihr gewechselt. Doch es geht nicht ohne sie. Zschäpe ist nicht nur die Angeklagte in diesem Prozess, sie ist der Prozess.

Ich sitze im Gerichtssaal, weil der gelbe Anstecker eine Sitzplatzreservierung für Journalisten im NSU-Prozess ist. Das Gericht hatte sie verlost, eine Woche vor Beginn des Verfahrens im Mai 2013. Seitdem schaue ich für ZEIT ONLINE hin und habe von der erhöhten Tribüne immer auch Zschäpe vor Augen.

Zschäpe sitzt da unten, guckt, isst Bonbons. Und übt so große Macht aus. Das hat mir der Wiesbadener Psychologe und Kriminologe Martin Rettenberger während eines Recherchegesprächs bewusstgemacht. Nur Zschäpe weiß, wie das Leben des NSU im Untergrund wirklich war. Das ist ihr Wissensmonopol. Niemand kann gegen ihren Willen in ihr früheres Leben vordringen.

Wie ein Roboter, eiskalt

Was wusste sie von den Taten? Wie waren Mundlos und Böhnhardt daheim? Wer war der Chef bei den dreien? Zschäpe hat Antworten gegeben. Aber es sind Antworten, die allem entgegenstehen, was Beweise und Zeugenaussagen ergeben haben. Und Zschäpe hat sich keine Mühe gemacht, dafür eine Erklärung zu liefern.

So sitze ich wie alle anderen vor der Nebelwand, die Beate Zschäpe um sich selbst hat aufziehen lassen. Ahnungslosigkeit ist Ohnmacht. Ihr Schweigen ist Macht. Aber was der Prozess zutage gefördert hat, unter beeindruckender Mitarbeit der Opferanwälte, ist auch so höchst bemerkenswert. Und seit dem ersten Prozesstag hat sich das schemenhafte Bild von Zschäpe gewandelt.

An diesem ersten Prozesstag war der Gerichtssaal stickig wie eine Räucherkammer, Schweißgeruch, Enge. Unten trat eine roboterhafte Gestalt ein und ließ sich von ihrer Anwältin Anja Sturm mit der Robe vor den Kameras abschirmen. Später sprachen Zeugen, die Zschäpe in jungen Jahren kennengelernt hatten. Da kam eine Frau zum Vorschein, die lustig, aufgeschlossen und selbstbewusst war. Kurz darauf versuchte Zschäpe, ihre drei Pflichtverteidiger loszuwerden. Als das nicht klappte, erstattete sie Strafanzeige gegen sie. Die knallharte Beate Zschäpe.

Der Prozess ist fordernd, anstrengend, auch weil er immer wieder Gewissheiten infrage stellt. Was in einen Moment noch klar schien, können neue Beweise, die Prozessbeteiligte vorbringen, schon wieder unwahrscheinlich machen. Das Verfahren ist ein Labyrinth, in dem man ständig fürchten muss, den Überblick zu verlieren. Die Geduld dafür hat sicher nicht jeder Leser meiner Berichte.

Emotionen hinter der Glaswand

Manchmal aber wird es sehr emotional. Selbst Anwälte haben angesichts des Schreckens, den der NSU verbreitet hat, im Gericht geweint. Ich muss mich nicht abschirmen vor dem, was da unten geschieht. Vor der Tribüne ist eine schulterhohe Glaswand. Es ist, als prallten die Emotionen aus der Verhandlung daran ab. Ich denke in solchen Momenten an den Text.

Viele Erkenntnisse kommen jedoch nicht im Sitzungssaal, sondern abseits. Ich habe noch nie so viele Türken und Deutschtürken kennengelernt wie in dieser Zeit. Ich lebe, wie wohl die meisten Deutschen, in einer Blase, in der türkisches Leben abseits vom Dönerimbiss schlicht nicht stattfindet. Das macht einen nicht zum Ignoranten, es ist gelebter Durchschnitt. Es ist aber eben auch: Nebeneinander, Wegsehen, Unter-sich-sein.

Zumindest in meiner Berufssphäre aber spreche ich mit türkischen Opfern, Anwälten, Journalisten, Prozessbesuchern. Ein Umgang, vor dem es dem NSU mit seinen germanischen Herrschaftsfantasien graute. Was angelegt war, Deutschland und seine Gesellschaft zu teilen, lässt andere jetzt zusammenrücken.

Jetzt steht das Verfahren ganz kurz vor dem Ende. Ich finde nicht, dass die fünf Jahre schnell vergangen sind. Aber auch nicht quälend langsam, wie sich viele Journalistenkollegen auf der Tribüne beklagen, und zwar seit vielen Jahren. Ein großes Finale gibt es noch, dann wird es wieder voll und chaotisch und stickig. Out with a bang.

83 Kommentare

  1.   willlmawasssagen

    Das Behördenversagen hat sie in den Vordergrund gerückt und wenn das letzte Opfer nicht die Polizistin Michèle Kiesewetter gewesen wäre, dann wäre der NSU nie aufgeflogen.
    Man konnte das wegschauen einfach nicht mehr erklären.
    Wenn ich dabei an die Behörden denke, fallen mir nur die 3 Affen ein.

    Ich denke an ein Zitat nach dem Attentat in der Keupstrasse von dem damaligen Innenminister Schily ein: „Ein rechter Hintergrund kann ausgeschlossen werden, da kein Bekennerschreiben vorliegt.“ Der Mann ist Jurist.

    Bouffier schweigt, der Thüringer Verfassungsschutz schreddert, V-Mann sieht nix.

    Und nun soll Richter Götzl ein rechtsstaatliches Urteil sprechen.

    Schwierig.

  2.   Dietmar R.

    @Regnitztal

    Es wird aber eine Revision gegen das Urteil geben- so oder so, weil in diesem Mammut-Prozess auch vom Vorsitzenden nicht das notwendige Maß an Geduld und Fairness an den Tag gelegt wurde, um Revisionsgründen keinen Raum zu lassen.
    Es wird eine Fülle von Gründen geben, mit denen sich der BGH beschäftigen werden wird. Ein rechtskräftiges Urteil steht m.E. noch in weiter Ferne.

  3.   alba63

    @ wolf le gang: Steht doch schwarz auf weiß im Text: „Ich habe ja nie ein Wort mit ihr gewechselt. „

  4.   HHSued

    Wo Sie so lange vor Ort waren…..wurde eigentlich irgendeins dieser Verbrechen wirklich aufgeklärt?

    Oder ging es nur um die Psyche und die Kochkünste von Frau Z.?

  5.   green-L11

    Auf das Prozeßende bin ich gespannt. Und kann mir schwer ein Urteil vorstellen, das es rechtfertigt, Zschäpe über die 6,5 Jahre hinaus, die sie sich bereits in Untersuchungshaft befindet, festzuhalten.

    Hier wird individuelle Schuld verhandelt, auch wenn mancher den Wunsch zu hegen scheint, mit der Person Zschäpe, den Rechtsextremismus als Phänomen, für alle Zeiten hinter Gitter zu schicken.

  6.   alba63

    Naja, der Artikel ist dünn, das muss man schon feststellen: Da wird von Eiseskälte auf der einen, von Emotionen (weinende Anwälte) auf der anderen Seite gesprochen, dann verurteilt der Autor (wenn auch etwas verkappt) das Neben- Einander- Herleben von Deutschen und Türken als Leben (der Deutschen) in einer Blase, in der türkisches Leben abseits vom Dönerimbiss nicht stattfindet. Ich esse keinen Döner, habe auch keine türkischen Freunde, lebe ich deswegen unter einer Blase? Am Ende bleibt als Fazit des Artikels das Fehlen jedweder Erkenntnisse, ein paar moralische Verurteilungen, und ganz viel Ratlosigkeit nach 5J. Man könnte auch sagen: Ziel recht weit verfehlt.

  7.   esgehtvoran

    Und wie mag das die in Deutschland lebenden Türken treffen, die vielleicht wieder das Gefühl beschleicht, nur eine zweite Klasse Mensch in Deutschland zu sein. Und dann kommt das Erdogan-Bashing, die relative Freiheit der PKK dazu – muss man sich da wundern, wenn viele Türken sich schlecht von den Deutschen behandeln fühlen? Von den Prozessergebnissen usw. mal ganz abgesehen.

  8.   dandyesker nichtstuer

    „Ahnungslosigkeit ist Ohnmacht. Ihr Schweigen ist Macht“

    ein sehr mächtiges Främing

  9.   Tatütata - Die Feuerwehr ist da

    Da Frau Zschäpe keine direkte Beteiligung nachgewiesen werden konnte, sollte eine Verurteilung wegen Brandstiftung erfolgen die mit der Untersuchungshaft abgegolten ist!

    Ich vertrete damit die Auffassung der Verteidigung!

  10.   Alles OK

    Diese Nebelwand hat Frau Zschäpe alleine nicht hochgezogen auch wenn uns das eingeredet werden soll wie taff u.intelekkt sie sei ,das würde ihr zuviel Be/Achtung zu kommen lassen!
    Und den IQ hat sie nicht.
    Scheinen viele insgeheim diese Helferin der Morde zu verehren ?!
    Und darauf spekulieren viele rechte Anhänger das sie in diese Position gehoben wird.
    Die Frau ist kein Wunder was Bösartigkeit ist ,sie ist so groß geworden, durch was auch immer.
    Was Sie so geformt hat ob durch freien Willen oder Beeinflussung zweiter oder dritter Personen das ist ihr Geheimnis.
    Und dieser Frage scheint sie sich auch nicht stellen zu wollen u.so spielt sie die arogante Ahnungslose aus ganz normalen Schutz sich selber zu belügen.
    Eine Traum u.Lügenwelt die nicht mehr funktioniert an Ende mit dem Hohn u.Frechheit an das Gericht auf Sie doch Rücksicht und mit Milde zu antworten.
    Ich nehme an das sie bald ein Fall für die Klapse wird bei ihrer Gedankenwelt.
    Und diesem ihrem eigenen Lebenslauf wird sie sich in ihrer letzten Stunde ihres Lebens stellen müssen.
    Mit dem Wissen Menschenleben mit Vorsatz und langer Planung/Hinterhalt ausgelöscht zu haben.
    Hoffentlich bei vollem Bewußtsein.
    Und das dürfte für sie hart werden wenn noch ein Funken Verstand im Oberstübchen hat selbst wenn der dahindümpelt.
    Wenigstens kann sie dieser entgültigen Gerechtigkeit nicht mehr entwischen.
    Das ist Todsicher das der Sensenmann sie nicht vergessen wird !
    Ich hoffe nur das die Medien ihr nicht wieder dann eine Bühne bereiten sondern dies mit einer kleinen Meldung bringen.

 

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