Das neue Gesicht des Gymnasiums

Jetzt einmal Werbung in eigener Sache. Muss sein. In der heutigen Ausgabe der ZEIT (16.2.2012) findet sich viel Stoff für Bildungsinteressierte.

Die Titelgeschichte zeichnet das neue Bild des Gymnasiums, das von einer Eliteanstalt zum Massenbetrieb wurde – und trotzdem sein Leistungslevel gehalten hat. Mein Kollege Martin Spiewak stellt ein Gelsenkirchener Gymnasium mit 40 Prozent Migrantenkindern, Ganztagsbetrieb, Deutschförderkursen und Türkisch-Leistungskurs vor. Eine Gymnasiallehrerin und zwei Gymnasiallehrer beschreiben, wie sie den Wandel des Gymnasiums erleben und gestalten. Und ich habe den Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth nach dem Erfolgsgeheimnis des Gymnasiums gefragt.

Sehr lesenswert auch im Politik-Teil das Portrait einer Schülerin, die auf einer Stadtteilschule in Hamburg gelandet ist. Mein Kollege Frank Drieschner begleitet sie auf ihrem Weg durch den ZEIT-Lesern weniger bekannten Teil unseres Schulsystems.

 

Arbeitet ein Schulhausmeister überwiegend geistig oder körperlich?

Eine dpa-Meldung zum Nachdenken:

Es hört sich nach einer Provinzposse an: In Barsinghausen bei Hannover wird über die Frage gestritten, ob der Hausmeister einer städtischen Schule gleichzeitig Ratsherr sein darf. Frank Marks war bei den Kommunalwahlen im September als unabhängiger Kandidat in den Stadtrat gewählt worden, inzwischen ist er Mitglied der Grünen. Jedoch dürfen sich Bedienstete der Verwaltung laut Gesetz eigentlich nicht als Kommunalpolitiker engagieren.
Eine Ausnahme gilt für Beschäftigte, die überwiegend körperlich arbeiten. Aus Sicht der Stadtspitze ist die Hausmeistertätigkeit aber überwiegend geistiger Natur. Der mit Angehörigen aller Fraktionen besetzte Wahlausschuss sah das anders und gab grünes Licht für den Hausmeister. Die Stadt prüfe nun mit der Kommunalaufsicht und eventuell mit dem Landeswahlleiter, ob sie Einspruch einlegen werde, sagte der stellvertretende Wahlleiter Peter Jülke am Dienstag.

 

Hände weg vom Osterhasen!

Liebe Grundschullehrerinnen!

Ihre Aufgabe ist es, den Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, auch gern noch ein bisschen mehr. Es ist nicht Ihre Aufgabe, den Kindern zu erzählen, dass nicht der Osterhase, sondern die Eltern die Ostereier verstecken. Wer das tut, ist fies; zumindest gedankenlos – und sollte sich was schämen.

 

Tiger-Mutter, China-Drill, Disziplin … Interessantes Interview mit Bernhard Bueb

Bin gerade auf ein interessantes Interview mit Bernhard Bueb im „Südkurier“ gestoßen. Er hat den Klappentext für das Buch „Die Mutter des Erfolgs“ der chinesischstämmigen US-Professorin Amy Chua („Tigermutter“) geschrieben. Die Erziehungsmethoden, die sie beschreibt, lehnt er ab, rät aber dazu, auf die Botschaften zu achten, die uns doch etwas angehen. Ein paar Stichworte: Glück entspringt einer Anstrengung; wie machen wir Kinder fähig, sich anzustrengen, hartnäckig zu sein, Selbstdisziplin zu lernen? Wir loben zu schnell das Mittelmäßige, haben zuwenig Mut zu Kritik …

Bernhard Bueb hat lange Zeit das Internat Salem geleitet und ist Autor des Bestsellers „Lob der Disziplin“.

 

Die Schulinspektion naht

Bislang kannte ich die Schulinspektion nur aus dem Artikel meines Kollegen Martin Spiewak. Gestern nun hat sich die Inspektorin (eine ehemalige Grundschulrektorin), die demnächst mit einer Kollegin die Grundschule unseres Jüngsten inspiziert, auf einer Versammlung von Lehrern und Eltern vorgestellt.

Hört sich alles recht vernünftig an: Sie besuchen die (recht kleine) Schule drei Tage lang, besuchen stichprobenartig den Unterricht, werfen ein Blick auf Konzepte (zum Beispiel das Schulprogramm), sprechen mit Lehrkräften, Eltern und Schülern. Und sprechen danach ihr Urteil. Nicht über einzelne Lehrer, sondern über die Schule als Ganzes. Das bekommen wiederum die Eltern und Lehrer zu sehen, der Schulträger und die Schulaufsicht. Es wird nicht für ein vergleichendes Ranking verwandt, sondern soll vor allem der Schule den Spiegel vorhalten, um mögliche Verbesserungen einzuleiten.

Das Verfahren ist transparent. Alle Fragebögen und Checklisten dazu sind beim Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) einzusehen. Es lohnt sich, darin zu stöbern. Auch anregend für die Selbstevaluation von Schulen.

Klar, auf das Ergebnis der Inspektion bin ich gespannt (werde es aber natürlich nicht verraten).

 

Abschlussbericht Odenwaldschule

Hier die aktuelle dpa-Meldung (17.12.10, 18 Uhr):

Steigende Missbrauchs-Zahlen an Odenwaldschule Von Joachim Baier, dpa

Gedemütigt und gequält: Ein Abschlussbericht beschreibt die
sexuellen Übergriffe an der renommierten Odenwaldschule. Der
Missbrauch von Schülern an dem Elite-Internat hatte demnach System.
Richtig wahrhaben wollte den Skandal viele Jahre lang niemand.

Heppenheim (dpa) – Die von einem Missbrauchsskandal erschütterte
Odenwaldschule muss mit weiter steigenden Opfer-Zahlen rechnen. Ein
vorläufiger Abschlussbericht zweier Juristinnen nennt inzwischen 132
Betroffene. Ende November war noch von 125 Opfern die Rede gewesen.
«Schwerstbetroffene melden sich zum Teil erst jetzt», sagte die
Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller am Freitag bei der Vorstellung des
35 Seiten langen Berichts im südhessischen Heppenheim.

Die meist lange zurückliegenden sexuellen Übergriffe hätten System
gehabt, viele Schüler seien mit Repressalien erst noch
«weichgeklopft» worden, hieß es. Schulleitungen hätten versagt,
Eltern nicht richtig reagiert und das Wohl der für ihre
Reformpädagogik bekannten Schule im Auge gehabt. Manche Opfer könnten
erst heute unter großen Mühen über ihr Leid berichten.

Der Skandal war Anfang März erneut an die Öffentlichkeit gekommen,
als die Schule ihre Feiern zum 100. Geburtstag vorbereitete. «Für uns
hat die Aufarbeitung erst begonnen», sagte Schulleiterin Margarita
Kaufmann.

Der Missbrauch liege zwar meist schon Jahrzehnte zurück. Das
Elite-Internat sei «ein Nest von Pädophilen gewesen, die sich die
Klinke in die Hand gegeben haben. Es gab eine Art Staffelübergabe»,
sagte Burgsmüller. Den früheren Schulleiter Gerold Becker, der von
1969 bis 1985 an dem Privatinternat arbeitete und inzwischen tot ist,
bezeichnete sie als «einen Weltmeister der Vernebelungsstrategie». Er
wird in dem Bericht mit rund 90 Opfern in Verbindung gebracht.

Tatzeitraum seien vor allem die Jahre 1965 bis 1985 gewesen, sagte
die frühere Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt, Brigitte
Tilmann. Von den Betroffenen seien 115 Jungen gewesen, meist im Alter
zwischen 11 und 14 Jahren, sowie auch 17 Mädchen. Die
Staatsanwaltschaft ermittelte gegen etwa ein Dutzend Lehrer, stellte
die Verfahren aber meist wegen Verjährung ein. Die Juristinnen
sprachen sich in diesem Zusammenhang für eine deutliche Verlängerung
der Verjährungsfrist aus. Sie liege heute in schweren Fällen bei zehn
Jahren. Gerechnet werde dabei ab dem 18. Geburtstag des Opfers.

In den vergangenen neun Monaten hatte die Reformschule heftige
Turbulenzen erlebt. Es gab Streit und Rücktritte im Vorstand, unter
anderem wegen der Frage, wie die Opfer entschädigt werden sollen. Nun
soll eine Stiftung gegründet werden. Die Odenwaldschule will dabei
auch mit der Betroffenen-Organisation «Glasbrechen» zusammenarbeiten.
«Es gibt aber keine Summe der Welt, die so etwas wieder gutmachen
kann», sagte Tilmann. Schulleiterin Kaufmann kündigte an, im Februar
nächsten Jahres konkrete Summen nennen zu können.

Die Odenwaldschule zählt zu den bekanntesten Einrichtungen der
Reformpädagogik in Deutschland. Auf der Liste ihrer ehemaligen
Schüler stehen bekannte Namen. Dazu zählen der Grünen-Politiker
Daniel Cohn-Bendit, die TV-Moderatorin Amelie Fried, der
Schriftsteller Klaus Mann und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten
Richard von Weizsäcker.

 

Die Ruhe nach dem Sturm: Noch ein Indiz für die guten PISA-Ergebnisse deutscher Schülerinnen und Schüler

Der Tag danach ist fast um und es ist Ruhe eingekehrt. Heute berichtet kaum mehr jemand über die Ergebnisse der PISA-Studie 2009. Dass so schnell Ruhe eingekehrt ist, spricht noch einmal für das gute Abschneiden deutscher 15jähiger. Good news is bad news für die Medien, da sich kaum jemand für good news interessiert. Von der OECD und von einigen Medienvertretern wurde noch versucht anzuklagen, dass in keinem anderen Land der soziale Kontext eine so große Rolle für Schülerleistungen spielt wie in Deutschland. Mal abgesehen davon, dass kaum einer wirklich verstanden haben dürfte, was damit gemeint sein könnte, überraschen diese Aussagen deutsche Bildungsforscher nicht. Was überrascht ist vielmehr, mit welcher mangelnden Hintergrundinformation Protagonisten der OECD solche Befunde missverständlich kommunizieren. Hinter diesem Effekt verbirgt sich im Wesentlichen unser gegliedertes Schulsystem. In sozial benachteiligten Bezirken liegen auch weniger Gymnasien und Schülerinnen und Schüler besuchen in erster Linie nichtgymnasiale Bildungsgänge. Dass dieses zu ungünstigeren Leistungen führt, wissen wir seit wenigstens 20 Jahren. Die Kultusminister der meisten Länder haben schulstrukturell auf diese Problematik bereits reagiert und ein Zwei-Säulenmodell eingeführt, in dem auch nicht-gymnasiale Schulformen zum Abitur führen. Hier ist die berechtigte Hoffnung aller, dass dies zu besseren Leistungen in benachteiligten Bezirken führt. Ein Hinweis hierauf hätte gestern den Verantwortlichen gut angestanden.

 

Ein Jahrzehnt PISA: Der Aufwand hat sich gelohnt

Jubelschreie sind vielleicht übertrieben, aber eine tiefe Genugtuung mag sich bei Bildungspolitikern und empirischen Bildungsforschern eingestellt haben, als sie die neuesten PISA-Ergebnisse präsentiert bekamen. Die vielen bildungspolitischen Reformen der letzten Jahre haben nicht etwa zum Untergang des Abendlandes oder zu einem Verfall schulischer Leistungen geführt, sondern einen Schub gegeben, der in deutschen Schulen angekommen ist. Legt man die neuen Daten aus PISA-2009 neben die Befunde früherer PISA-Erhebungen, so lässt sich konstatieren.

–       Deutschland gehört zu einer Hand voll OECD-Ländern, die ihre Leistungen in allen drei getesteten Kompetenzbereichen seit 2000 kontinuierlich gesteigert haben.

–       In Mathematik und in den Naturwissenschaften liegen die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler signifikant über dem OECD-Mittelwert, im Lesen gehören wir zu den Nationen, die sich nicht signifikant vom OECD-Mittelwert unterscheiden.

–       Vor allem die Gruppe der leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler schneidet in PISA 2009 deutlich besser ab, als dies noch 2000 der Fall war. Insgesamt hat sich so auch die Leistungsheterogenität der Schülerschaft in Deutschland reduziert.

–       Horror-Quoten von 25 Prozent der 15jährigen, die der so genannten Risikogruppe angehören sind zurückgegangen, in Mathematik und im Lesen liegen die Quoten jetzt bei 18 Prozent, in den Naturwissenschaften bei 15 Prozent.

–       Die sozialen Ungleichheiten bei den Kompetenzständen und bei der Gymnasialbeteiligung sind zwar nicht verschwunden, haben sich aber in den letzten 10 Jahren reduziert.

–       Verzögerten Schulkarrieren sind gegenüber 2000 ebenfalls substanziell gesunken. 15jährige, die 2009 getestet wurden, befanden sich im Durchschnitt einen Monat länger im Schulsystem, als dies noch 2000 der Fall war.

Man darf gespannt sein, welche Ursachen für den deutschen PISA-Erfolg in den kommenden Tagen öffentlich diskutiert werden. Aus der Sicht der Bildungsforschung lassen sich folgende Kandidaten an den Start bringen:

–       Seit Ende der 1990er Jahre hat sich mit dem BLK-Modellprogramm SINUS ein deutlicher Wandel im professionellen Handeln von Mathematik- und Naturwissenschaftslehrkräften vollzogen. SINUS war die Konsequenz aus dem schwachen Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler in TIMSS. Die Philosophie in SINUS und den Folgeprojekten war von Beginn an, einen Unterricht zu initiieren, der Schülerinnen und Schüler kognitiv aktiviert und ihre Kompetenzen fördert.

–       Nach PISA 2000 sind in allen 16 Ländern große Anstrengungen im Bereich der Sprachförderung unternommen worden.

–       Ganztagesprogramme haben die Zahl der Unterstützungsmaßnahmen für benachteiligte Schülerinnen und Schüler erhöht.

–       Mit der Verabschiedung der länderübergreifenden Bildungsstandards in den Jahren 2003 und 2004 haben die Länder generell auf die Kompetenzorientierung umgestellt und sich auf einen breiten Katalog qualitätssichernder Maßnahmen geeinigt.

Manch einer wird argumentieren, dass wir jetzt, wo im deutschen Bildungssystem alles wieder in Ordnung ist, auf PISA und all diese Testungen verzichten können. Manch anderer wird für die Schulen reklamieren, dass man sie endlich in Ruhe arbeiten lässt. Hiergegen ist einzuwenden:

–       Rund 18 Prozent der 15jährigen in den „Risikogruppen Lesen und Mathematik“ bedeutet in absoluten Zahlen, dass über 100.000 15jährige im Grunde genommen nicht lesen und rechnen können. Solche Zahlen müssen alarmieren, wenn man an die unzureichende Ausbildungsfähigkeit dieser Jugendlichen denkt.

–       Die soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem ist keineswegs verschwunden. Es bleibt die Aufgabe aller, hier Fördermaßnahmen zu initiieren oder fortzuführen und von Zeit zu Zeit zu testen, ob sich diese Missstände reduziert haben.

–       Lesen ist nach wie vor der Problembereich der 15jährigen Jungen, die eine halbe Kompetenzstufe unter den Mädchen liegen.

Vermutlich ist es konstruktiver, wenn die neuen Ergebnisse uns alle motivieren, den eingeschlagenen Weg der Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung im Bildungssystem fortzuführen.