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Der Neonazi-Stoßtrupp der Corona-Leugner

 

Für ihre Anliegen greifen Demonstranten von Querdenken auf die Hilfe von Rechtsextremen zurück. Bei der Demonstration in Leipzig bahnten ihnen Neonazis den Weg durch eine Polizeikette.

Von Henrik Merker

Nach der Demonstration stehen Teilnehmer Polizisten gegenüber. © dpa/Sebastian Willnow

Beobachter hatten bereits im Vorfeld ein Wochenende mit Ausschreitungen erwartet. Doch was am Samstag auf der Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Leipzig geschah, überstieg alle Befürchtungen. Mehrere Zehntausend Anhänger der Querdenken-Bewegung fanden sich auf dem Leipziger Augustusplatz und weiteren Kundgebungen des rechten Spektrums ein. Neonazis und Hooligans prügelten sich mit Polizisten, sie griffen Gegendemonstranten und Reporter an.

Eine Schande für die Bewegung, die seit Monaten gegen die Maßnahmen der Bundesregierung wettert und vielfach auch die Pandemie leugnet? So wirkt es nur nach außen. Tatsächlich haben Querdenken und Rechtsextremisten in Leipzig in einer Art unheilvoller Allianz demonstriert. Hatten Neonazis die Demonstrationen bislang eher als Bühne für die eigene Sache genutzt, waren sie diesmal der Stoßtrupp, der den Querdenkern einen Weg durch die Polizeiketten bahnte.

Die Bilder einer vermeintlichen Revolution

Am Rande eines Parks verdingten sich Neonazis als Einheizer, Szenekader aus dem Ruhrgebiet wie Sven Skoda und Michael Brück peitschten eine bereits aggressive Menge vermummter Hooligans über Lautsprecher auf. Pyrotechnik flog Richtung Polizei, gefolgt von Flaschen und anderen Gegenständen. Die Beamten zogen sich zurück und eine gewalttätige Phalanx zog Richtung Innenstadt.

So verschafften gewalttätige Neonazis und Hooligans den Querdenkern die Bilder, mit denen sich das Bündnis schmücken wollte: eine Masse an Protestierenden, die revolutionsartig durch Leipzig zieht. Die Polizei war machtlos und begleitete den Aufmarsch mit einigen Hundert Beamten.

Ein Teilnehmer der Demonstration in Leipzig © Henrik Merker

„Wenn das nicht wie 89 ist, dann weiß ich auch nicht”, sagte der Verantwortliche Nils Gunnar Wehner von Querdenken Leipzig in einer Videobotschaft im Anschluss – eine Anspielung auf die Demonstrationen von DDR-Bürgern, die 1989 gegen das SED-Regime protestierten. Dieser Protest allerdings war sorgfältig orchestriert: In Dutzenden Chatgruppen von Querdenken und Reichsbürgern, auf die ZEIT ONLINE Zugriff hat, ließ sich die Eskalation schon Tage im Voraus verfolgen. Über die Telegram-Gruppe von Querdenken Leipzig wurde noch während der Ausschreitungen eine Karte verbreitet, auf welchem Weg man die Polizeiabsperrung am besten umgeht.

Abgrenzung nur nach außen

Nach außen hin grenzt sich Querdenken von den Neonazis und Hooligans ab. In den Flyern, mit denen die Bewegung zur Teilnahme aufrief, distanzierte sie sich von Extremismus aller Art. In Reden und Chatgruppen werden Rechtsextreme hingegen regelrecht eingeladen – unter dem Verweis, man dürfe sich als deutsches Volk nicht spalten lassen. Der aufrührerische Verlauf der Versammlung war vorbereitet.

Und so spielten Extremisten bereitwillig die Rolle, die Querdenken ihnen zugeteilt hatte. Auf einer Kundgebung des Bündnisses „Mitteldeutschland steht auf“ im Schillerpark hatten die Veranstalter organisierte Hooligans in die erste Reihe gestellt. Auf der vor allem von Reichsbürgern besuchten Kundgebung trugen die Hooligans sogar Ordnerbinden und griffen mehrfach Journalisten und Gegendemonstranten an.

Auffällig ist, dass sich neu-rechte Gruppen und die AfD bei Querdenken-Demonstrationen eher im Hintergrund halten. Der Sprecher der sächsischen AfD-Fraktion Andreas Harlaß und diverse Kreis-Funktionäre waren zwar vor Ort, standen jedoch nicht an vorderster Front. Bei den Ausschreitungen in Chemnitz von 2018 hatten AfD-Bundestagsabgeordnete zwischenzeitig die erste Reihe gebildet.

Letztlich bleiben die Ausschreitungen als Makel an der sächsischen Politik und Justiz haften. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kritisierte die Demonstranten. Landesinnenminister Roland Wöller (CDU) sagte: „Jetzt der Polizei vorzuwerfen, sie hätte versagt, ist unsachlich und völlig abwegig.“ Über das Treiben der Rechtsextremen verloren sie kein Wort.

119 Kommentare

  1.   jaundnein

    Geht die Polizei streng gegen Gesetzesbrecher vor, wird sie an den Pranger gestellt.
    Geht sie rücksichtsvoll vor, heißt es, sie greife nicht konsequent durch.
    Was denn nun?

  2.   r.schewietzek

    Nun ja, die Anwärter auf den Darwin-Award sollten sich möglichst nahe beieinander halten, sich umarmen, küssen, Händchen halten, sich laut ansingen, ohne Maske selbstverständlich.

    Dann hat sich das Problem in einiger Zeit erledigt.

  3.   api-zeit

    Was man den US-Amerikanern unterstellt, z. B. mit Gewalt gegen den Staat loszugehen, ist in der BRD bereits an der Tagesordnung. Ich will mir nicht vorstellen, wie in Leipzig die Demos verlaufen wären, wenn man vergleichbar leicht Waffen kaufen könnte.
    Warum muss ein Medium wie die ZEIT einen Blog Störmelder einrichten? Warum können die staatlichen Organe den Schutz der Bürger vor dem gewalttätigen Mob nicht mehr alleine gewährleisten?

  4.   Jabor

    Die Rädelsführer dieser Ausschreitungen müssen identifiziert, angeklagt und dann (hoffentlich) für längere Zeit ins Gefängnis geschickt werden. Das wird die Mobilisierungsfähigkeit dieses Mobs einschränken. Die Polizei muss offenbar auch mehr Aufklärung betreiben um bessere Massnahmen zu ergreifen. Solche Telegram-Gruppen sind doch infiltrierbar.

  5.   FrankFreundlich

    Sind das die gleichen Rechtsextremen wie in August in Berlin?

  6.   TheEagle

    „Nach außen hin grenzt sich Querdenken von den Neonazis und Hooligans ab. In den Flyern, mit denen die Bewegung zur Teilnahme aufrief, distanzierte sie sich von Extremismus aller Art. In Reden und Chatgruppen werden Rechtsextreme hingegen regelrecht eingeladen – unter dem Verweis, man dürfe sich als deutsches Volk nicht spalten lassen.“

    An ihrem Handeln muss man sie messen…

  7.   kannverstan

    Auch Polizeibeamte griffen Journalisten an:
    „Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union sprach am Sonntag von 38 Medienvertreter, die in Leipzig an ihrer Arbeit gehindert worden seien – neun davon durch Polizeibeamte“
    https://www.tagesspiegel.de/politik/kritik-an-polizeistrategie-wie-konnte-die-querdenken-demo-in-leipzig-so-eskalieren/26603100.html

  8.   energetnix

    es ist schon traurig daß es dieser „Mithilfe“ bedarf um gegen die Seuchendiktatur zu demonstrieren!

  9.   mangelerscheinung

    „Über das Treiben der Rechtsextremen verloren sie kein Wort.“
    Das spricht für sich.

  10.   AnSinn

    ….wäre dies eine linke Demonstration gewesen, wäre die sächsische Polizei aber „auf Zack“ gewesen…

 

Kommentare sind geschlossen.