‹ Alle Einträge

Wild, wirr, famos

 

Oneida sind zehn Bands in einer. Wie ihre Musik klingt? Kaum beschreiblich, zwischen nordamerikanischer Wüste und rheinischem Krautrock

Cover
 
Oneida
 
Von dem Album: Rated O Jagjaguwar 2009
You need to upgrade your Flash Player

Alles auf die Drei: Das New Yorker Trio Oneida konzertriert sich derzeit auf das dreiteilige Werk Thank Your Parents. Im vergangenen Jahr erschien dessen erster Teil, das dreigeteilte und beinahe 40 Minuten lange Stück Preteen Weaponry. Der Mittelteil des Triptychons Rated O erscheint nun auf drei CDs oder Platten von jeweils rund 40 Minuten Länge. Dass Konzeptalben oft zu den Tiefpunkten künstlerischer Karrieren gehören, wissen Oneida wohl, so erscheint das Spiel mit der Zahl auch als einziges verbindendes Element von Thank Your Parents und Rated O.

Rated O ist wild, wirr, famos. Denn wie seit einer Dekade sind Oneida wieder mindestens zehn Bands in einer, die Kategorisierung ihrer Musik ist unmöglich. Die erste der drei Platten wirkt ersteinmal wie ein brachial übersteuertes Elektrorock-Album – obwohl etwa Brownout In Lagos in nigerianischen Funk transzendiert. Eben wähnt man sich noch bei Alec Empire im Proberaum, da schwenken Oneida nach einer Minute von 10:30 At The Oasis unvermittelt auf Wüstenrock um – und rasen dann fünf Minuten lang auf einer Sandpiste geradeaus. Immer und immer und immer und immer wieder dieses eine blumige Gitarrenriff. Der zweite Teil des ewiglangen Stücks klingt dann, als habe jemand Sand ins Keyboard gestreut.

Überhaupt, Oneida wiederholen sich gern und oft. Auch das folgende Story Of O ist kaum mehr als die achtminütige Variation desselben Musters, weniger nordamerikanische Wüste als rheinischer Krautrock. Und das die erste CD beschließende The Human Factor passt in jede bislang aufgerissene Schublade, taumelt nur ein bisschen. Nimmt immer wieder Fahrt auf, stolpert, nervt, röhrt, polizeisirent. Einer schreit Unverständliches, nach zehn Minuten wird ausgeblendet. Puh. So geht es weiter. Man wähnt sich im Jurassic Park: Monster ziehen vorbei, eins exotischer als das andere, gefährlicher, bestaunenswerter.

Die zweite CD ist weniger experimentell, im ersten Drittel ein psychedelisches Rockalbum, dann immer krautiger, wirrer. Da dröhnen die Siebziger ganz gehörig mit, breitwandige Gitarren, angehauen und ausgeschwungen. Ab und an wird gesungen. Spätestens mit Luxury Travel haben sich Oneida ins Nirvana gespielt. Von dort aus dudelt es sich leicht verrückt. Die Einflüsse werden noch weiter, das Prinzip endloser Wiederholung noch konsequenter verfolgt, das Zusammenspiel der Elemente noch erstaunlicher.

Die dritte CD gleicht mehr als alles zuvor einem drogenbefeuerten Ausritt durch die globale Musikgeschichte. So rechtfertigt die innere Struktur des Albums schließlich bei aller Vielfalt die verschwenderische Geste, zwei Stunden Musik auf drei Tonträger zu verteilen.

Rated O ist aus jeder Form gefallen. Da ist dieser tiefe Widerspruch in allem. Der scheinbaren Willkür der Form steht die Repetition als musikalische Grundidee entgegen. Das sich über mehrere Jahre erstreckende Konzept Thank Your Parents scheint dieser absoluten Unberechenbarkeit zu widersprechen. Und tut es doch nicht. Da sind diese unzähligen Einflüsse. Jeder Spur folgen die Musiker – mal ein paar Takte weit, mal mehrere Minuten, selten bis zu einem Ende. Das Gewirr der Wege spiegelt sich im uneindeutigen Äußeren der Lieder: Mal kommen Oneida in drei Minuten auf den Punkt, mal auch nach 20 noch nicht. Hier ist nichts festgelegt, nichts festgefahren.

Welch paradiesischer Zustand im auf Wiederholung ausgelegten Musikgeschäft: Oneida machen immer das Gleiche, nämlich immer etwas Neues. Rated O ist wahrlich hybrid. Aus tausend Einzelteilen bauen Oneida ein Tausenderstes, das sich nicht wieder in seine Einzelteile zerlegen lässt.

„Rated O“ von Oneida ist auf Dreifach-CD und -LP bei Jagjaguwar/Cargo Records erschienen.

Weitere Beiträge aus der Kategorie POP

DJ Dangermouse & Sparklehorse: „Dark Night Of The Soul“ (2009)
La Roux: „La Roux“ (Universal 2009)
Little Boots: „Hands“ (Warner Music 2009)
Phoenix: „Wolfgang Amadeus Phoenix“ (V2/Cooperative Music 2009)
Coloma: „Love’s Recurring Dream“ (Italic Recordings/Rough Trade 2009)
Phillip Boa & The Voodooclub: „Diamonds Fall“ (Constrictor/Rough Trade 2009)
Pet Shop Boys: „Yes“ (Parlophone/EMI 2009)
The Whitest Boy Alive: „Rules“ (Bubbles 2009)
Baby Panda: „Avalanche Kiss“ (Unspeakable Records 2008)

Alle Musikangebote von ZEIT ONLINE finden Sie unter www.zeit.de/musik