‹ Alle Einträge

Noch einer gegen Hans-Werner Sinn’s Eindimensionalität

 

Die deutsche Volkwirtschaft entwickelt sich zum Basar. Die Löhne sind zu hoch. Osteuropa zu nah. Und kein Industrieland hat so viele Arbeitsplätze in den vergangenen 15 Jahren im industriellen Bereich verloren wie Deutschland (das stimmt natürlich nur, wenn Ostdeutschland 1991 als perfekt in den Weltmarkt integriert angesehen wird. Unsinn.) Bella, ciao. Ciao, Bella Germania. So singt es der Professor aus München, der große Hans-Werner Sinn, und er singt es umso lauter, je mehr eigene Bücher er verkauft, in denen diese Thesen ausgewälzt werden. Dadurch werden sie zwar nicht richtig, aber in den Medien und der Öffentlichkeit immer mehr zum Glaubensgrundsatz. Dabei haben schon so viele dagegen angeschrieben, der Sachverständigenrat, der tapfere Gustav Horn erst vom DIW, jetzt vom IMK aus, selbst der differenzierte Chef des arbeitgebernahen Institutes der Deutschen Wirtschaft, Michael Hüther und viele andere mehr. Aber Sinn ist auf allen Kanälen und auch in vielen Kommentaren dieses Blogs schimmert der (Un)Sinn durch.

Ein neuer Versuch, die Debatte zu drehen:

Dirk Schumacher, den ich hier im Blog schon öfter zitiert habe, weil er seit gut einem Jahr einer meiner Lieblingsvolkwirte ist, hat am Freitag ein grandioses Paper rausgebracht. Es räumt mit vielen Mythen auf, die sich seit gut fünf Jahren in die wirtschaftliche Debatte der Republik eingeschlichen haben. Schumacher ist der Deutschland-Volkswirt von Goldman Sachs, der US-Investmentbank. Er hat in Bonn studiert und dann in Frankfurt promoviert beim heutigen Bundesbankpräsidenten Axel Weber, als der noch gut drauf war. Ja, Weber zählte einst, bevor er sich den Jargon der Bundesbank angewöhnt hat (angewöhnen musste?), zu den ganz wenigen deutschen Professoren, die international ein extrem gutes Standing hatten, die mittendrin in der internationalen Makrodebatte gesteckt haben, die das Geldmengengedusel der EZB kritisiert haben, die der Makrokoordination offen gegenüber standen.

Also, beim jungen Weber hat Dirk promoviert, ist dann zu Goldman gekommen und hat unter Thomas Mayer das Handwerk gelernt. Mayer, heute bei der Deutschen Bank, ist auch so eine Koryphäe, vielleicht sogar der klügste deutsche Geld-Ökonom – aber er schafft es leider nie sich ganz von der dogmatischen Kieler Schule zu distanzieren und fällt dann immer wieder in den unsäglichen Monetarismus zurück, als wenn wir in einer Tauschwirtschaft lebten und ein großer Hubschrauber Geld abwürfe. Heute ist Jim O’Neill der Chef von Dirk. Jim weiß wahrscheinlich gar nicht, wie man Mikroökonomie buchstabiert, dafür ist er ein begnadeter Makroökonom mit steilen Thesen. Ich hab ihn letztes Jahr mal mit meinem Kollegen Marc Brost in der Fleetstreet in London interviewt – es war das größte Interview, das ich je geführt habe. (“Ein absurdes Verständnis von Wirtschaft”)
Jetzt wissen Sie, wes’ Geistes Kind Dirk Schumacher ist: Ein pragmatischer, moderner Makroökonom, eine wahre Trouvaille in der deutschen Zunft der Volkswirte. Dirk muss seine Aussagen dreimal abwägen, denn bei Goldman muss das Research für die Händler verwertbar sein. Die wetten darauf und kein Volkswirt überlebt, der zu oft, sei es aus ideologischer Verblendung, sei es aus mangelndem Gespür für die Märkte und Makro schief liegt. Denn was ist Goldman Sachs in Wirklichkeit? Der größte Hedge Fund – so sagt man das zumindest „im Markt“.

Die These des Papers ist der Titel: „German Manufacturing Will Survive EU Enlargement“, oder frei übersetzt: Hans-Werner Sinn hat Unrecht. Die zentrale Argumentation zielt auf die zwar triviale, in der deutschen Debatte allerdings fast untergegangene Erkenntnis, dass die absolute Lohnhöhe nicht alles ist. Gegenüber dem Rest Eurolands habe Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit durch die schmerzvolle Anpassungskrise der vergangenen Jahre wiederhergestellt. Aber selbst gegenüber Osteuropa gebe es Faktoren, die eine Investition hierzulande lohnender erscheinen lassen – trotz der optisch hohen Löhne.

Das sind unter anderem die Infrastruktur, die höhere Rechtssicherheit, die bessere Ausbildung der Arbeitnehmer, die unbedingt durch weitere staatliche Investitionen gefördert werden müsse. Darüber hinaus das „sunk cost“ Argument. Kein Unternehmen fängt immer wieder bei null an. Wenn es mal hier investiert hat, dann spricht wenig für eine Schließung der hiesigen Anlagen. Sowie interne und externe Skaleneffekte. Die Skaleneffekte sorgen im Produktionsprozess dafür, dass die „Input-Faktoren“, also vor allem die Arbeitnehmer, immer produktiver werden, je stärker die Produktion steigt. Schumacher zeigt das exemplarisch an der Automobilindustrie und den Druckmaschinen-Herstellern Heidelberger Druck, MAN Roland sowie König & Bauer, die es zusammen an der weltweiten „Printing Press Industry “ auf einen Marktanteil von fast drei Vierteln bringen.

Leider stellt Goldman Sachs diese Papers nicht ins Netz, sie sind den Kunden vorbehalten. Dankenswerterweise hat mir Dirk alle Grafiken zur Verfügung gestellt. Einige sind sehr interessant, weil sie mit dem diffusen Aberglauben, alles sei ganz schlimm hierzulande, gründlich aufräumen. Wiederum bitte ich um Verzeihung, dass ich die Grafiken mit englischer Beschriftung übernehme.

Wettbewerbsfähigkeit

Die Grafik zeigt die inzwischen zumindest international zum Klassiker mutierte Tatsache, dass Deutschland in den letzten Jahren ein „Lohnstückkostenwunder“ erlebt hat. Damit hat es seine Wettbewerbsfähigkeit wiederhergestellt.

China

Wer hat Angst vor China? Kein anderes westliches Land produziert soviel von dem, was die Chinesen importieren wollen (oder müssen).

Kredite
Investitionen

Die beiden Grafiken fundieren meine optimistische Wachstumswette. Sie zeigen, dass hierzulande der Aufschwung in Vorbereitung ist. Die Kreditnachfrage des privaten Sektors zieht seit dem zweiten Quartal 05 wieder an. Die Ausrüstungsinvestitionen zeigen seit fast zwei Jahren in die richtige Richtung.

BRIC

Die BRIC’s (Brasilien, Russland, Indien, China, eine Wortschöpfung von Jim O’Neill) sind die Wachstumszentren des Jahrzehnts – und Deutschland scheint nicht nur für China die richtigen Produkte parat zu haben.

Exporte

Deutschland hängt den Rest Eurolands beim Export ab. Das ist schön, aber auch gefährlich wie ich in Abwertungswettlauf via Lohnstückkosten versucht habe zu erklären.

Direktinvestitionen

Ausländische Investoren glauben mehr an die Wiederauferstehung der deutschen Wirtschaftskraft als das Gros unserer Ökonomen.

Direktinvestitionen

Das ist eine wunderschöne Grafik! Die deutschen Investoren und Unternehmen investieren zwar heute mehr im Ausland als vor 15 Jahren, eine Flucht aus dem „verkrusteten Land“ gibt es aber nicht. (Der scharfe Knick in den Jahren 1997 bis 2003 dürfte vor allem auf Portfolioinvestitionen zurückgehen. Die Deutschen haben Aktien, vor allem Technologieaktien an der Nasdaq entdeckt – und sich ordentlich die Finger verbrannt.)

Doing Business in 2006

„Doing Business in 2006“ ist eine Studie der Weltbank, die etwas genauer auf die Rahmenbedingungen von 155 Volkswirtschaften blickt. Es werden die Regulierungen, ihre Instanzen, die Rechtssicherheit und Bürokratie untersucht. Und siehe da: Von den „osteuropäischen Tigern“ schneiden nur zwei besser ab als Deutschland, das global auf Rang 19 gelandet ist. Es sind die beiden kleinen Baltischen Staaten Litauen und Estland.

Wissen

Und als letzte Grafik noch die Auswertung einer Studie, die einem im PISA-geschüttelten Deutschland wohl niemand glauben wird: Deutschland hat ein unheimlich hohes Maß an Forschungs- und Entwicklungs-Wissen. Es liegt 20 Mal höher als in Polen oder Tschechien.

Die gemischten Schlussfolgerungen der Studie:

  1. Dirk Schumacher erwartet nicht, dass der Druck, der von der Globalisierung ausgeht, nachlassen wird. Das heißt, Deutschland muss auch weiterhin zum Wandel fähig bleiben. Die Firmen werden weiter in Billiglohnländer verlagern. Aber das verarbeitende Gewerbe wird nach wie vor in diesem Land einen hohen Stellenwert haben.
  2. Kurzfristig müssen die Kosten der Arbeit weiter sinken. Der eleganteste Weg seien weitere Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich.
  3. Die Produkt- und Gütermärkte müssen weiter liberalisiert werden.
  4. Die deutschen Unternehmen müssen sich mehr auf “up-scale”-Produkte konzentrieren. Das gehe nur über eine bessere Ausbildung, weshalb hier und jetzt mit den Investitionen in Bildung begonnen werden müsse.
  5. Entscheidend für ein Wiedererstarken der deutschen Wirtschaft sei der private Konsum. Die Fiskalpolitik müsse alles unterlassen, was die verfügbaren Einkommen der Menschen weiter belaste. Leider lese sich das Koalitionspapier ganz anders. Die geplanten Maßnahmen zur Verbesserung der Einnahmesituation des Staates (Mehrwertsteuererhöhung, Pendlerpauschale, Eigenheimzulage, etc.) seien für die Erholung der deutschen Wirtschaft kontraproduktiv.

Meine Anmerkungen zu Schumacher’s Schlussfolgerungen:

  1. Wenn es stimmt, was Dirk Schumacher in seinem letzten global paper herausgefunden hat, nämlich, dass die Kapitalrendite heute in Deutschland höher ist als im Rest Eurolands, dann gibt es eigentlich keinen Grund mehr für Lohnzurückhaltung. Ja im Gegenteil, dann müssten die ausländischen Firmen eigentlich wie verrückt hier investieren, was durch seine Grafik zu den inländischen Direktinvestitionen ja auch tendenziell gestützt wird.
  2. Deutschland hat auf dem Rücken anderer Euroländer seine Wettbewerbsfähigkeit wiederhergestellt, was Schumacher in der Studie einräumt. Irgendwo ist aber der Punkt erreicht, wo wir mit der Abwertungsstrategie aufhören müssen, um nicht einen veritablen Abwertungswettlauf in Euroland, in Osteuropa, in China auszulösen, der nur Verlierer kennt, nämlich Destabilisation Eurolands, Rezessoin und Massenarbeitslosigkeit.
  3. Ich glaube, den Konzernen ist weniger mit niedrigeren Lohnkosten gedient, als mit flexibleren Arbeitszeitmodellen. Ich würde nur dann zu Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich raten, wenn im Gegenzug eine Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer ab einer vernünftigen Eigenkapitalrendite festgeschrieben würde.

30 Kommentare

  1.   Gaude

    Vielen Dank für eine so konkrete Analyse die nicht beim Analysieren bleibt, sondern auch in der konsequenten Schlussfolgerung der immergleichen Endzeitstimmung entgegentritt.

  2.   rawe64

    Was sollen diese Werturteile:
    “…und auch in vielen Kommentaren dieses Blogs schimmert der (Un)Sinn durch…”

    “…hat in Bonn studiert und dann in Frankfurt promoviert beim heutigen Bundesbankpräsidenten Axel Weber, als der noch gut drauf war”

    “…vielleicht sogar der klügste deutsche Geld-Ökonom…”

    Haben Sie keine besseren Argumente?

  3.   supertackler

    Gute Informationen! Wichtig ist – und das merkt man seit ein paar Monaten -, dass die negative Stimmung langsam aber sicher kippt (siehe auch Economist Frontpage – noch zu Gerd’s Zeiten).

    Der Aufschwung (im exportorientierten Maschinenbau ist es einer) kommt aber leider wieder aus dem Ausland und zum großen Teil aus einem einzigen Sektor – dem Maschinenbau. Wir hängen mE am seidenen Faden der Schwellenländer, deren derzitiges Wachstum auch abrupt zusammenbrechen kann (siehe 97/98).

    Schumacher’s Verweis auf die Druckmaschinen- und Autoindustrie ist ja im Prinzip das Ergebniss des Clusteringsprozesses – viele Unternehmen einer Branche siedeln sich an einem Standort an. In den beiden Fällen Baden-W. Einer meiner Lieblingsautoren Porter hat dieses Thema bereits vor Jahren aufgegriffen und es als Erfolgsmodell der Zukunft gepriesen, weil – wie im Beitrag erwähnt – hierbei erhebliche Skaleneffekte erreicht werden. Andere Beispiele in Dtl sind: Dresden/ Computerchips, Frankfurt/ Finanzdienstleistungen, Köln/ Medien.

    Mich würden aber mal Charts interessieren, die das Investitionsverhalten von ausländischen Unternehmungen in Deutschland in den letzten 10 Jahren zeigen. Meiner Meinung nach eine der Hauptursachen der hohen Arbeitslosigkeit.


  4. Das Überleben der deutschen Industrie

    Der Kollege von Heusinger ist immer noch optimistisch, was die Wachstumsaussichten der deutschen Volkswirtschaft angeht, und wohl implizit auch, soweit es die Entwicklungen am deutschen Arbeitsmarkt betrifft. Grund dafür ist ein Arbeitspapier von Gol…

  5.   jumbler

    Es steht außer Frage, dass die deutschen Unternehmen wettbewerbsfähiger geworden sind. Die hohe Arbeitslosikeit bleibt. Das liegt daran, dass die Unternehmen die Lohnstückkosten senken indem sie die am wenigsten produktiven Arbeiter entlassen und sich auf kapitalintensivere Produktionsverfahren spezialisieren. So bleiben sie international Wettbewerbsfähig. Verlierer sind daher die niedrigqualifizierten deutschen Arbeitnehmer. Das ist ein zentrales Ergebniss von Sinn und bleibt unberühert.

  6.   Berthold Grabe

    Was bei aller Qualtität heftig stört, sind die Nebensätze zur Arbeitslosigkeit. Das eben nicht mit einer Verbesserung zu rechnen sein wird.
    Was für eine Ökonomie erlebt also diesen volkswirtschaftlichen Aufschwung?

    Und warum sollten die Arbeitslosen und diejenigen die davon bedroht sind, sowie diejenigen, die von der Binnennachfrage leben, Kleinunternehmer, Handwerker, Dienstleister plötzlich optimistischer werden, wenn eine Minderheit über ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit einen Aufschwung erfährt?
    Ohne einen erstarkenden Binnenmarkt ist alles nichts? Es hängt halt vom Blickwinkel ab.

  7.   Uwe Richter

    Supertackler, mit einer Grafik, die die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland zeigt, kann ich dienen.

    Direktinvestitionen nach Deutschland (netto)

    Mich würde ihre Theorie zum Zusammenhang zwischen Direktinvestitionen in Deutschland und der hohe Arbeitslosigkeit interessieren.

    Beste Grüße


  8. Zu dem kommentar: “Noch einer gegen H.-W. Sinn’s Eindimensio-
    nalität”, möchte ich meinen (Un)Sinn anfügen. Der tapfere G.Horn,
    dazu gehört der tapfere Prof. Bofinger und der tapfere Prof.
    Hickel. Die 3 Musketiere des Keynesianismus. Die Bundesbank hat
    festgestellt: “Damit nährt sich die Verschuldung aus sich selbst he-
    raus”. Monatsbericht März 1997 (Die Schuldenfalle Dieter Meyer)
    “sunk cost-Argument: Die deutschen Druckmaschinen-Hersteller
    haben eine konjunktrelle Talsohle hinter sich. Von MAN-Roland ist
    bekannt, dass ca.150 Arbeitsplätze im Inland wegen der derzeitig-
    en Rahmenbedingungen nicht geschaffen werden. Der Satz: “dann
    spricht wenig für eine Schließung der hiesigen Anlagen “, da war
    wohl noch nicht die letzte Elektrolux Werkschließung bekannt?,
    mittlerweile werden ganze Branchen verlagert. (Conti) Die Gewerk-
    schaften haben für die Mitbestimmung ihrer Funktionäre auf die
    Vermögensbeteiligung der Arbeiter in den 60ziger verzichtet.
    Dann im Schulterschluss mit den Unternehmern die Frühverrent-
    ung eingeführt. Alles auf Kosten des Steuerzahlers. Sehen wir über
    5 Millionen Arbeitslose, marode Sozialversicherungssysteme, öffent-
    liche Gesamtverschuldung hinweg. So genau sollten wir GG und
    europ.Verfassung nicht nehmen. Einen Richter muß das politische
    Personal nicht fürchten. Reformen fürs Gemeinwohl die den Wählerkauf verhindern auch nicht.
    Mit freundlichem Gruß Friedhelm Frank

  9.   Heinrich Kaspar

    Eins vorweg: wer behauptet, Monetarismus behandle die Oekonomie als eine reine Tauschwirtschaft, hat KEINEN BLASSEN SCHIMMER von Monetarismus – hoeflicher kann man es wirklich nicht ausdruecken. Und sollte sich im eigenen Interesse darin zurueckhalten, Qualitaetsurteile ueber das Niveau profesioneller Oekonomen in Gutsherrenart abzugeben.

    Warum liest HERDENTRIEB nichtmal seine eigenen Links? Allein die Lektuere dieses Artikels z.B.

    … haette viel Unsinn verhindert.

    Nun zum Beitrag: soweit ich es sehen kann haben Schumacher und Sinn haben WEIT mehr gemein als Schumacher und Heusinger.

    Schumachers Argumentationslinie – eine zu niedrige Kapitalrendite in Deutschland Mitte der 90er Jahre – ist eine Alternativ- oder besser Komplementaererklaerung dafuer, warum Deutschlands Volkswirtschaft in den vergangenen ca. 10 Jahren so wettbewerbsschwach war. Denn eine zu niedrige Kapitalrendite impliziert einen zu grossen Kapitalstock – und eine zu hoher Kaptialstock impliziert ZU HOHE LOEHNE.

    Der “Unterschied” zwischen Sinn und Schuhmaer ist, dass Sinn die Ursache fuer die zu hohen Loehnen nur in der Lohndrueckerei der Gewerkschaften im Allgemeinen und in der Lohnaufholjagd nach der deutschen Einheit im Besonderen sieht. Schumacher identifiziert ausserdem noch zwei weitere Schocks: die Euroeinfuehrung und den Wegfall des Kaptialkostenvorteils deutscher Firmen in seiner Folge; und die Oeffnung des einst imperien-baueneden statt gewinn-maximierenden deutschen Finanzsektors gegenueber dem internationalen Wettbewerb.

    Aber letztlich ist egal, welcher Schock die eigentliche Ursache fuer die Wettbewerbsschwaeche ist. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus allem dreien. Die korrekte Politik bleibt immer die gleiche: das Lohnkosteniveau der deutschen Volkswirtschaft muss runter, bis die Wettbewerbsfaehigkeit wiederhergestellt ist.

    Nun argumentiert Schumacher, dieser Anpassungprozess an ein niedrigeres Kostenniveau sei weitgehend abgeschlossen, als Folge der Lohnkostensenkungen der vergangenen Jahre. Ich weiss nicht ob Sinn ihm da zustimmt; ich persoenlich sehe es aehnlich (und kann auch begruenden weshalb: dt. Exportanteil ist fast wieder da wo er anfang der 90er war, das Inflationsdiffernetial zur Eurozone verschwindet, net FDI Outflows gehen zurueck, usw. usf..)

    Allerdings: ob der Prozess abgeschlossen ist wird der Markt entschieden, und dies voellig von allein. Wenn die Wettbewerbsfaehigkeit wiederhergestellt ist, wird Deutschland interessant als Investitionsstandort. Mehr Investitionen bedeuten Mehrnachfrage nach Arbeit; und dies bedeutet ENTWEDER weniger Arbeitslosigkeit ODER hoehere Loehne. Weniger Arbeitslose und/oder hoehere Loehne bedeuten mehr Konsum.

    D.h.: wenn der Konsum nachhaltig anspringt wissen wir, dass der Anspassungsprozess abgeschlossen ist – aber keine Minute vorher.

    Versucht die Politik hingegen, zur Unzeit hoehere Loehne mit Gewalt durchzudruecken – was HERDENTRIEB das offenbar empfiehlt – laueft sie Gefahr den Anpassungsprozess abzuwuergen bevor er abgeschlossen war. Dies waere eine nackte Katastrophe, Deutschland verbliebe in der Depression.

    Aber selbst wenn der Prozess abgeschlossen ist, verhindern administrierte Lohnssteigerungen den Abbau von Arbeitslosigkeit. Mehrnachfrage nach Arbeit kann auf zwei Weisen abgeglichen werden: Lohnsteigerungen, oder die Einnstellung von mehr Arbeitskraeften. In den vergangenen 30 Jahren war immer ersteres der Fall: Deutschland akkumulierte Arbeitslose in der Rezession, und wurde sie im Aufschwung nicht mehr los.

    Der kommende Aufschwung bietet eine Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Geht es nach HERDENTRIEB wird allerdings auch diese Chance ungenutzt verstreichen.

    HKP

  10.   Heinrich Kaspar

    Zu Friedhelm Frank:

    Weder Bofinger noch Horn noch Hickel haben irgendetwas mit modernem Keynesianismus zu tun. Ich verweise nochmal auf den Artikel von Bradford Delong, den ich im vorherigen Kommentar schon verlinkt hatte.

    Delong, Professor in Berkeley, ist einer der weltweit fuehrenden modernen Keynesianer, ausserdem ausgewiesener Linksliberaler (zur Zeit Bill Clintons arbeitete Delong im US Finanzministerium).

    Hier ist was Delong fuer die 5 Kernelemente des modernen Keynesianismus haelt:

    “1. The frictions that prevent rapid and instantaneous price adjustment to nominal shocks are the key cause of business-cycle fluctuations in employment and output.

    2. Under normal circumstances, monetary policy is a more potent and useful tool for stabilization than is fiscal policy.

    3. Business cycle fluctuations in production are best analyzed from a starting point that sees them as fluctuations around the sustainable long-run trend (rather than as declines below some level of potential output).

    4. The right way to analyze macroeconomic policy is to consider the implications for the economy of a policy rule, not to analyze each one- or two-year episode in isolation as requiring a unique and idiosyncratic policy response.

    5. Any sound approach to stabilization policy must recognize the limits of stabilization policy–the long lags and low multipliers associated with fiscal policy; the long and variable lags and uncertain magnitude of the effects of monetary policy.”

    Bofingers, Horns und Hickels Politikempfehlungen (Flassbeck kann man gleich noch dazuschreiben) stehen in diametralem Widerspruch zu Punkten 2 und 5; und kaum weniger in Widerspruch zu Punkten 1 und 4. D.h. wenn Delong mit seiner Charakterisieurng des modernen Keynesianismus richtig liegt, dann koennen die “Musktetiere” kaum Keynesianer sein.

    Was sind die “Musketiere” dann? Soweit ich es sehe vertreten sie eine Art exzentrischen “ISLMismus”. Das ISLM-Modell wurde in den fruehen 50er Jahren von John Hicks entworfen, um einige Grundgedanken Keynes’ zu formalisieren (es ist inzwischen allerdings sehr veraltet). Mit ISLM allein begnuegen sich die Musketiere allerdings nichts – ausserdem

    (i) schreiben sie in die IS-Gleichung noch “Loehne” hinein, und kommen so zu der – in Gewerkschaftskreisen hoechst populaeren – Politikempfehlung, man solle Arbeitslosigkeit durch Lohnerhoehungen bekaempfen. Das findet sich so weder bei Keynes noch bei Hicks, und soweit ich es sehen kann laesst sich das logisch geschlossen auch nicht darstellen.

    (ii) ignorieren sie, dass Keynes sein Konzept fuer eine spezifische Situation entwarf: die Liquiditaetsfalle waehrend der Weltwirtschaftskrise. In der Liqudidaetsfalle sind die Realzinsen strukturell zu hoch, weil die Nominalzinsen schon null sind aber das Preisniveau faellt. In dieser spezifischen Situation – und NUR in dieser spezifischen Situation – hilft herkoemmliche Geldpolitik nicht mehr um das Wachstum zu beleben(und darauf stellt Delongs Punkt 2 ab).

    Allerdings hat Deutschlands Lage heute mit der Liquiditaetsfalle nicht das Geringste zu tun – die Nominalzinsen etwa sind deutlich positiv.

    HKP