So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Liquiditätskrise!!!

Von 9. August 2007 um 20:09 Uhr

Der Schnelltender der EZB war am heutigen Donnerstag rund doppelt so groß wie der nach den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon im September 2001. Geht es jetzt los? Es gibt offenbar eine Liquiditätsklemme bei Banken, deren Anleger Geld aus Fonds abziehen möchten, die in amerikanischen Asset Backed Securities investiert haben. Da sich in einem sehr nervösen Markt die Käufer für diese einst positiv bewerteten und gut rentierlichen Instrumente in Luft aufgelöst zu haben scheinen, weil die Deckung doch nicht so gut ist wie gedacht, purzeln die Preise, wenn es überhaupt noch welche gibt. Dass die Banken nicht einfach zu den nunmehr sehr niedrigen Kursen zugreifen, zeigt erstens, dass auch sie von der Bonität der Fondsanteile nicht sehr überzeugt sind und zweitens, dass sie von der Welle der Verkaufsaufträge offenbar überwältigt sind und daher die Notenbank um Hilfe bitten müssen.

Die Assets, um die es geht, sind vor allem die inzwischen berühmten Subprime Mortgages, also Hypotheken schlechter Qualität, und die Collateralized Debt Obligations (CDOs), die Banken zur Finanzierung von Unternehmensübernahmen begeben hatten, den sogenannten leveraged – also weitgehend kreditfinanzierten – buy-outs der ursprünglichen Eigentümer.

Bei den Subprime Mortgages hatte die Kreditsumme in den letzten Jahren gelegentlich den Marktwert der Immobilien überstiegen und es war immer weniger üblich geworden, nach der Zahlungsfähigkeit der Schuldner, also ihrem voraussichtlichen Einkommensstrom zu fragen. Nachweise einer regelmäßigen Beschäftigung wurden häufig nicht verlangt. Vor allem ärmeren Leuten wurden diese Kredite aufgeschwatzt; sie hatten es nie für möglich gehalten, dass sie sich eines Tages ein Haus würden leisten können – auf einmal aber ging es. Da die Effektivzinsen so hoch waren, war es für die Banken und auf das Immobiliengeschäft spezialisierte Institute lange ein Leichtes, diese Hypotheken zu Paketen verschnürt in den Markt zu schleusen.

Abnehmer waren vor allem Investmentfonds, Hedge Funds, Pensionskassen und Versicherungen, die jetzt allesamt ihre Abschreibungsprobleme haben oder schlicht zahlungsunfähig sind. Am schlimmsten dürfte es jene treffen, die diese Papiere mit Hilfe von Krediten erworben haben. Wer könnte das wohl sein?

Die Banken waren auch deswegen so scharf auf diese Geschäfte, weil sie ihnen hohe Gebühren bescherten und ruckzuck wieder aus den Bilanzen verschwunden waren. Das spiegelt die neue Philosophie des Bankgeschäfts wider: möglichst keine Kreditrisiken einzugehen und sich zudem aus ihrer zentralen Aufgabe, nämlich aus kurzfristigen Einlagen langfristige Kredite zu machen, der sogenannten Fristentransformation, so weit es geht zu verabschieden. Die Investmentbanken haben vorgemacht, wie man auf diese Art eine phantastische Verzinsung des Eigenkapitals erreichen kann.

Bei den leveraged buy-outs war – und ist – das Prinzip das gleiche: Lasst uns die Kredite, die wir für diese Projekte vergeben, hübsch verpacken und sie, versehen mit einem anständigen Rating von Moody’s oder Standard&Poor’s sowie relativ hohen Zinsen, weitergeben an die willigen Kunden, siehe oben.

Irgendwann rechnen sich die buy-outs aber nicht mehr, wenn etwa die Kreditzinsen zu sehr gestiegen sind oder die Gewinne angesichts der fortgeschrittenen Konjunktur doch nicht mehr so zunehmen wie bisher. Dann werden aus lohnenden Übernahmeprojekten auf einmal Flops, die nur mit spitzen Fingern angefasst werden. Die CDOs verlieren an Wert, die Anleger geraten in Panik und erzeugen einen Verkaufsdruck.

Ein Problem, das damit im Zusammenhang steht, scheinen im Augenblick die sogenannten hung bridges zu sein, das sind Überbrückungskredite für Unternehmenskäufe, die noch nicht in Form von Wertpapieren (structured products) im Markt platziert werden konnten. Da scheinen einige Banken wohl noch etwas in den Büchern zu haben, was ihnen die Gewinne verhageln könnte. Hoffen wir, dass es nur um einen Rückgang der Gewinne und nicht um etwas Ernsteres geht. Bislang gelten ja die Bankbilanzen nach den vielen Jahren mit rekordhohen Gewinnen als äußerst solide, im Schnitt jedenfalls.

Was immer wieder verblüfft, ist wie naiv deutsche (und französische) Banker und Portfolio Manager sein müssen, wie wenig sie die Risiken zu verstehen scheinen, auf die sie sich einlassen. Vielleicht ist das zu hart geurteilt. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die sich besser als jede andere Institution mit dem Thema Bankrisiken auskennt, hat immer wieder nur betonen können, dass niemand angesichts der Komplexität der Finanzprodukte wirklich ganz sicher sein kann, wo denn nun die Risiken gelandet sind, und ob die, die sie letztlich an der Backe haben, um das mangels eines passenderen Wortes mal so auszudrücken, sie auch tatsächlich tragen können.

Es geht jetzt vor allem darum, wie groß die realwirtschaftlichen Effekte der Liquiditätskrise sein werden. Wird es zu einer Rezession kommen? Oder zu mehr? Die geneigten Leser jedenfalls tun gut daran, mit dem Schlimmsten zu rechnen – also fürs Erste auf langlaufende Bundesanleihen umzusteigen. Wenn eine Blase platzt – so wie es jetzt der Fall sein könnte – sind die Kollateralschäden deflationärer Natur. Relativ riskante Aktiva zu verkaufen ist natürlich leider eine Strategie, die die Krise verschärfen würde. Deflation entsteht, wenn jedermann seine Verschuldung abbauen möchte.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Kreditblase ? Greenspan ?

    …kann es sein, das die KREDITBLASE etwas mit der 1%-Zins-Politik von Majestro GREENSPAN zu tun hat ?

    …flankiert von der 0-Zinspolitik Japans, der laschen Geldpolitik der EZB mit zweistelligen M3-Wachstums-Raten, der Wechselkursstabilisierungspolitik der Chinesen ?

    …das die Politik-des-billigen-Geldes nicht wirklich zum Konjunkturankurbeln taugt, sondern wegen beschränkter Kapital-Absorptionsfähigkeit der REALWIRTSCHAFT hauptsächlich in die “FINANZINDUSTRIE” geflossen ist ???

    …oder kann das HIER bei HERDENTRIEB nicht war sein ?

    …Aber: NULL PROBLEMO ! Wir werden einfach NEUES GELD nachschütten…same procedure as everytime !

    -> ..bis uns die LIQUIDITÄTsBRühe eines Tages bis zur Unterkante Oberlippe steht :-)

    • 9. August 2007 um 23:12 Uhr
    • Wi-Ing-030
  2. 2.

    Lieber Herr Wermut,
    ich wette nicht, aber wenn, dann würde ich wetten, dass sich die USA eher von der Liquiditätskrise erholen werden als andere. Warum? Weil sie nämlich in allen Ländern der Welt investiert sind. Deutschland hingegen versucht sich aus jeder Krise herauszuexportieren — eine lobenswerte Idee, Arbeitsplätze zu erhalten. Doch die USA sind stärker im Ausland investiert und haben dennoch die geringste Arbeitslosenzahl seit 40 Jahren bei einem Wachstum von 3,6 % im letzten Quartal.

    Die angeblich niedrigen US-Exportziffern sind natürlich Illusion. Amerikanische Fabriken produzieren im Ausland und exportieren von dort ins restliche Ausland. Wenn Opel ein Auto in die Schweiz verkauft, zählt das als “deutscher Export”, aber die Amerikaner kassieren die Profite. Amerikanische Fabriken in Vietnam exportieren Schuhe, amerikanische Fabriken in China exportieren Hemden nach Deutschland. Wir sollten mehr Investitionen im Ausland machen, anstatt Hypothekenderivate zu kaufen.

    • 10. August 2007 um 02:06 Uhr
    • Gerry
  3. 3.

    [...] Original post by Schattenzeilen and software by Elliott Back [...]

  4. 4.

    Nun haben wir ja in dem letzten Thread von Dieter Wermuth schon die Folgen von dem diskutiert, was jetzt passieren wird. Man hat als Beobachter die seltene Gelegenheit, Geschichte zu erleben. Da wird man fast schon kontamplativ, wenn man sich nicht fragen würde, in wie weit die Folgen einen selbst betreffen werden, selbst wenn man nicht investiert ist.

    Nur eines wird nicht funktionieren. Offenkundig ist nämlich Friedmans Interpretation der Weltwirtschaftskrise federführend bei der Politik der Zentralbanken. Mit Offenmarktpolitik erhöht man die Geldmenge, um entsprechende Kontraktionen wie gestern auf den Märkten zu verhindern. Für Friedman war die fehlende Reaktion der FED auf das Austrocknen der Märkte der entscheidende Fehler Harrisons nach dem Schwarzen Donnerstag 1929. Nur ist die heutige Krise eine Folge dieser Politik, da muß man nicht wie der geschätzte HeliBen ein “Austrian” sein, um zu dieser Einschätzung zu gelangen. Es bleibt also nichts anderes übrig als einen Teil dieser Akteure auf den Märkten über die Klinge springen zu lassen. Wenn man es jetzt nicht macht, wird man es mit größeren Problemen später machen müssen. Die Konsequenz? Um realwirtschaftliche Folgen zu begrenzen, müssen die Staaten den Geldhahn aufdrehen – aber in der Realwirtschaft investieren und nicht die Finanzmärkte weiter aufblähen. Die daraus entstehende Inflationsgefahr wird man hinnehmen müssen – sie ist besser als eine Deflation. Zudem sind die Finanzmärkte zu reregulieren. Also etwa gewisse Kreditpyramiden wie bei den Private Equity Firmen und den Hedgefonds schlicht zu unterbinden. Zudem sind die Steuer- und Deregulierungsoasen wie die Cayman Islands dicht zu machen. Nur so kann man auch wieder Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Märkte herstellen. Ansonsten wird nämlich bei den Nationalstaaten die Neigung gefördert, sich vor den Folgen eines Crashs zu schützen – und damit gerieten wir in die gleiche Lage wie in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Ich empfehle die Lektüre des Buches von Harold James “Der Rückfall. Die neue Weltwirtschaftskrise”. Wenn denn jemand nach Kontemplation Lust verspüren sollte.

    • 10. August 2007 um 08:57 Uhr
    • f.lübberding
  5. 5.

    Was mich in dem Zusammenhang erstaunt ist mit welcher Regelmässigkeit vor Liquiditätsrisiken gewarnt wurde (auch in der Mainstream-Presse), und auch vor zu rosiger beurteilung der CDO’s. Wirkung? Fehlanzeige. Der Verdacht liegt nahe, dass hier in typischer Herdenmanier investiert wurde.

    Zweifel am Urteilsvermögen und dem Risikomanagement (gerade auch der involvierten deutschen Banken) sind hier wohl angebracht.

    • 10. August 2007 um 09:13 Uhr
    • Spence
  6. 6.

    Ich lese seit kurzem diesen Blog und bin, wie man gleich meiner Frage entnehmen kann, kein professioneller Trader.

    Wenn ich alles richtig verstanden habe über das “Börsenparkett”, dann sind doch Verkäufe, wie wir sie zur Zeit erleben, mit Käufen auf der anderen Seite verbunden. Das heißt, es gibt irgendwo wiederum Gewinner.

    Meine Frage lautet nun: Wer sind zur Zeit die Gewinner? Okay, die Anleger gehen aus gewissen Anlagen raus, aber wo gehen sie zur Zeit mit ihrem Geld hin?
    Ich finde das etwas eigenartig, dass nur von Verlusten gesprochen wird, aber von den Käufen auf der anderen Seite wird nichts gesagt/geschrieben.

    Ich entschuldige mich für den Bruch im Thema, aber ich danke jeder Antwort auf meine Frage im Voraus.

    Ein interessierter Leser

    • 10. August 2007 um 10:18 Uhr
    • Anonym für Jetzt
  7. 7.

    Tja, jetzt kommt der Credit Crunch wohl doch. Ich habe gestern in meinem Blog auch einen Artikel mit der gleichen Überschrift geschrieben, aber noch ein Fragezeichen statt der drei Ausrufezeichen gewählt.

    Meine Wette, dass in den nächsten 12 Monaten noch eine weitere deutsche Bank nach der IKB gestützt werden muss, ist bis jetzt keiner eingegangen. Vor ein paar Wochen waren die Kommentare auf meine negativen Postings noch beschwichtigend, jetzt scheint aber auch bei den Optimisten die Verunsicherung groß zu sein.

    Geschichte werden wir IMHO nicht sehen. Mit dem Zusammenbruch der LTCM, der Savings & Loan Krise, dem Zusammenbruch nach der High-Tech-Blase hatten wir in den letzten 20 Jahre schon einiges, das an die Grundlagen des Weltfinanzsystems ging und es hat trotzdem überlebt. Sogar so, dass ein Großteil der Bevölkerung davon gar nichts mitbekommen hat.

    Eine interessante Randnotiz neben der offensichtlichen Naivität der Käufer der ABS-Papiere, sind auch die Beurteilungen der Analysten. A+ Ratings waren üblich, als die Papiere schon auf Junk-Niveau notierten. S&P und Moodies haben da übelst gepennt (was zur aktuellen Verunsicherung massiv beträgt, das niemand mehr irgendeinem Rating vertraut und selber (als Käufer) macht man wohl auch keins mehr. Wo Triple A drauf steht wird wohl auch Triple A drin sein …).

    Spannend auch der wiederholte Versuch der Fondsindustrie, das Renditedreieck aufzulösen und den Kunde GLEICHZEITIG Rendite, Sicherheit und Liquidität zu versprechen. Wobei man ziemlich früh in der Ausbildung lernt, dass man max. zwei davon gleichzeitig bekommen kann. Auch aus der Krise der offenen Immobilienfonds vor knapp zwei Jahren (die den gleichen Grund hatte), hat offenbar niemand was gelernt und die Fondsmanager packen illiquide Papiere in Geldmarktfonds. Autsch.

    Interessant auch die Reihe der Fondsschließungen, die ich in meinem Blog sammle. Der gestern von Oppenheim vorübergehend geschlossene ABS-Fonds hat lt. Onvista 5 von 5 möglichen Sternen. Naja, knapp daneben würde ich sagen.

    Bye egghat

    • 10. August 2007 um 10:23 Uhr
    • egghat
  8. 8.

    Ich gebe f.lübberding recht, dass es an der Zeit ist, einige der verantwortlichen Akteure an die Wand fahren zu lassen. Wenn ihnen immer wieder aus der Klemme geholfen wird, starten sie sofort den nächsten Hype und machen dickes Geschäft. Unter dem Strich bedeutet das, dass hier ein Parasit auf Kosten der produktiven Industrie, echter Unternehmer und arbeitender Menschen am Leben gehalten wird. Auf keinen Fall dürfen öffentliche Gelder zur Rettung von Finanzinstituten eingesetzt werden. Lasst sie sterben, die Gewinne haben sie schließlich auch nicht verschenkt! Nur so kann die schöpferische Zerstörung Neues, Besseres schaffen.
    Schlimm ist natürlich der politische Fallout. Nachdem man jahrelang das hohe Lied auf den Markt gesungen und fatalerweise den Markt nicht deutlich genug von seinen Akteuren abgegrenzt hat, wird es eine schwere Vertrauenskrise geben. Ebenso wie es lange Mode war, Monopole zu privatisieren und Pyramidengesellschaften nicht zu regulieren, wird es wieder Mode werden, Industrien und Banken zu regulieren oder gleich zu verstaatlichen. Die einen werden das verlangen, weil sie immer gegen den Markt waren, die anderen, weil sie ihre Verluste sozialisieren wollen. Eine unheilige Allianz.

    • 10. August 2007 um 10:50 Uhr
    • EuroOptimist
  9. Kommentar zum Thema

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