So funktioniert Kapitalismus

Hier spricht der Bär

Von 22. November 2007 um 14:53 Uhr

Es ist wieder so weit: HERDENTRIEB feiert seinen zweiten Geburtstag – und Hirte Heusinger gibt seine Wachstumsprognose ab. Mit der grandiosen Wette für 2006 sind wir 2005 gestartet und bekannt geworden.

Das nächste Jahr wird schlecht. Das Wachstum wird nur bei 1,5 Prozent oder drunter liegen. Damit ist HERDENTRIEB mal wieder aus der Herde ausgerissen, die für Deutschland um die zwei Prozent erwartet (Sachverständige 1,9 und Gemeinschaftsprognose 2,1 Prozent).

Die Wette macht keinen Spaß. Es wäre die erste Wette im Blog, die ich gerne verlöre. Wie ich es auch drehe und wende, es sieht düster aus. Und das aus drei Gründen: Erstens verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen für die Banken und Unternehmen. Zweitens bleibt der Konsum mau. Das ist die eigentliche Enttäuschung. Und drittens sind Deutschlands tonangebende Ökonomen, der Bundesfinanzminister und der Bundesbankpräsident keineswegs alarmiert, reden sich die Welt schön und fechten Sträuße aus, die lächerlich sind. Wenn das nächste Jahr dann tatsächlich rezessiv werden sollte, wissen Letztere ganz bestimmt wieder woran es lag: an den ausgebliebenen Strukturreformen. Lesen Sie weiter und Sie werden die wahren Gründe erfahren:

Da wir nun mal nicht in einer Tauschwirtschaft (Neoklassik) sondern einer Geldwirtschaft leben, gehört es zur ersten Pflicht auf die Finanzierungsbedingungen der Volkswirtschaft zu schauen, auf die Konditionen an den Finanzmärkten, und – für Deutschland noch viel wichtiger – die Kreditkonditionen.

Kreditkonditionen werden verschärft

Verschärft sich da etwas, oder lockert es sich? Und leider verschärfen sich die Konditionen. Ich nehme an, die Daten für das dritte Quartal (die bereits restriktiv ausschauen) sind nichts gegen die Verschärfung, die wir bis Mitte 2008 bekommen werden. Der globale Kapitalismus steckt in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, das Problem der Verpackungs- und Vertrauenskrise ist noch keineswegs gelöst. Hank Paulson, der US-Finanzminister, hat Recht, dass uns erst Mitte nächsten Jahres die Bugwelle erreichen wird.

Erschreckt hat mich die Commerzbank. Als die Gelben vergangene Woche eine neue Anleihe am Bondmarkt platzieren wollten, mussten sie 135 Basispunkte über Swaps zahlen. Normal sind rund 80 Stellen. Das zeigt, wie schlimm es steht. Das ist eine Verteuerung um fast 70 Prozent!!!! Die Commerzbank muss das Geld ja zu noch höheren Konditionen weiter verleihen, will sie nicht von vorne herein Verluste schreiben. Also die Finanzierungsseite dämpft nächstes Jahr, daran besteht kein Zweifel.

Noch steigt die Kreditnachfrage

Die höhere Kreditnachfrage ist zwar erfreulich, aber sie dürfte nachlaufend sein zu der kurzen Sause, die wir erlebt haben. Die Stimmung scheint in den Unternehmen noch gut zu sein. Das dürfte sich rasch ändern. Denn auch der Euro und der Ölpreis sind Boten schwächeren Wachstums. Die jüngsten Zahlen für die Auftragseingänge im September haben es bereits gezeigt. Und in der Regel wirkt ein so drastischer Anstieg der Heimatwährung erst mit einiger Verzögerung. Und wo sollen die Erfolge Amerikas beim Abbau des Handelsbilanzdefizits herkommen, wenn nicht aus schwächeren Exporterfolgen Deutschlands und Chinas? Das hängt doch alles zusammen!

Es gäbe eine ökonomische Macht, die sich gegen Euro, Öl und Kredit stemmen könnte, ja müsste: der Verbraucher. Bei den positiven Nachrichten vom Arbeitsmarkt, bei erstmals 40 Millionen Beschäftigten, wie die Freunde der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nicht müde werden zu verbreiten, da müsste doch was gehen. Die Löhne müssten steigen, die Jobsicherheit sowieso und die Menschen müssten optimistisch nach vorne schauen, den Geldbeutel locker sitzen haben und so zur großen Stütze für 2008 avancieren. Wirklich? Ich gestehe, auch ich habe bislang immer so argumentiert (MEHR JOBS = MEHR KONSUM), bin allerdings schon vorsichtiger geworden (DAS HAAR IN DER SUPPE). Und inzwischen bin ich zum Bären mutiert, sprich auf der Linie von Herrn Jahnke gelandet, der im Blog schon öfters auf die zu rosarote Brille hingewiesen hat, mit der wir auf den Verbrauch gesetzt haben.

An Weihnachten wird gespart

Es ist nicht nur diese Grafik, die mich erschauern lässt. Irgendwie haben die Reformer so tief geschnitten, dass nichts mehr in der Massenkaufkraft ankommt. Die Rentner verarmen, die Hartz IVler sowieso. Sie alle bekommen nicht mal ein Drittel der Inflation ersetzt. 2,5 Millionen Kinder leben in Armut. Die Lohndrücker sind so lange zu Gange, solange es zumindest keine verbindlichen Mindestlöhne gibt. Und die Gewinne sprudeln still und leise.

In Deutschland rächt sich die unnötig brutale Mehrwertsteuererhöhung, die die bescheidenen Lohnzuwächse auffrisst. Im Gegenzug bekommen die Unternehmen wieder Milliarden Euro geschenkt. Verstehe diese Politik, wer will. Das Wachstum fördert sie nicht, im Gegenteil!

Und da sind wir schon Mitten in der deutschen Debatte. Was treibt die tonangebenden Ökonomen um? Weitere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sowie Schuldengrenzen für öffentliche Haushalte. Das sind wahrlich Probleme, die jetzt angepackt werden müssen. Die Kreditkrise wird als für die Realwirtschaft ungefährlich abgetan. Einmal lachen.

Finanzminister Peer Steinbrück redet mindestens einmal die Woche den Euro hoch. Er liebe einen festen Euro, er sehe keine Probleme damit. Was treibt den wichtigsten Minister um? Hat er keine Berater, keine Volkswirte um sich herum? Oder ist es die Fehde um die Unabhängigkeit der EZB? Sarko hat doch schon längst die Segel gestrichen. Hat das Steinbrück niemand verraten?

Und Axel Weber, Oberfalke im EZB-Rat, hat auch so seine Fehde. Er will höhere Notenbankzinsen, weil die Konjunktur gut laufe und eher Inflationsgefahren bestünden. Er schlägt Alarm und die BILD steigt ein. EZB-Präsident Trichet und Bini-Smaghi versuchen das Thema Inflation wieder abzumoderieren. Ob’s gelingt?

Wer solche Ökonomen an der Spitze des Staates hat, der braucht sich ums Wachstum nun wirklich keine Sorgen machen.

Topp, die Wette gilt: 1,5 Prozent und weniger für 2008.

PS.: Für die Statistiker: Im vergangenen Jahr hätte ich für dieses Jahr ohne Mehrwertsteuererhöhung 2,5 Prozent plus erwartet, hatte aber angesichts der Mehrwertsteuererhöhung zwei Prozent plus/minus 0,5 Prozentpunkte gesagt.

Leser-Kommentare
  1. 9.

    Ich bin ganz auf der Linie von EuroOptimist:
    Die Prognosse ist einfach noch zu optimistisch um bedeutend zu sein. Wenn man sich die Annahmen, die der Gemeinschaftsdiagnosse zu Grunde liegen ansieht, dann stellt man fest, dass diese Annahmen zu optimistisch sind.
    Eine Korrektur sollte einen Großteil des Abstandes zu ihren 1.5% auffressen.

    Ein Prognosse die aber nur verrät, dass das reale Wirtschaftswachstum unter 1.5% fällt ist einfach zu optimistisch oder zu ungenau, wenn sie sich auch bei -0.5% noch als Sieger fühlen wollen.

    Es stellt sich damit aber auch die Frage, ob nun auch in Euroland Stagflation droht, weil die Bundesregierung im Boom auf eine inflationärwirkende Ausgabenerhöhung gesetzt hat?

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    • 22. November 2007 um 20:44 Uhr
    • Thomas
  2. 10.

    @ v. Heusinger

    Na dann, frohe Weihnachten ;-)

    Nicht, dass ich vor langer, langer Zeit schon sagte: Die Amis werden uns Europäer zahlen lassen, der Konsum in BRD wird uns nicht retten, die Fed wird die Zinsen erhöhen, Gold wird steigen… was gilt der Prophet im fremden Blog ;-)
    Und jetzt überholen Sie mich rechts..oder links..äh…
    wie auch immer: 2 Jahre Boom reicht doch, ist doch voll im VWLer-Konjunkturzyklen-Soll, jetzt 2 Jahre Abschwung..und 2010 gehts wieder aufwärts…always look on…habe gerade für 24 Monate “liquid put” bestellt;-)
    Mal im Ernst:
    Wie soll der Konsum anspringen, wenn Sie und andere Journalisten ständig von Rezession und Weltuntergang sprechen? “Selbsterfüllende Erwartungen” sage ich nur, da vergeht doch jedem Leser der Weihnachtskauf.
    Also Herr v. Heusinger, seien Sie mal nen Keynesianer-Held, gehen Sie voran und verballern Sie ihr 13. Gehalt für den Aufschwung…ach verdammt, haben ja schon alles in Dollar getauscht, sorry ;-)

    @Jahnke

    Was in Deutschland falsch läuft?
    Keine Innovationen! Schauen wir auf den Arbeitsmarkt: Was wird gesucht: Facharbeiter, Handwerker…wir sind wieder in den 50er Jahren, wir bauen Autos und Maschinen. Zu meiner Schul-/Studienzeit hieß es immer: Dienstleistungsgesellschaft, Informations-Gesellschaft, Wissens-Gesellschaft.
    Tja, außer SAP ist nix davon gelieben. Keine New-Economy, kein Bio-Tech, keine Dienstleistungen.
    Wir bauen Maschinen und Autos, und in den letzten zwei Jahren 3% mehr als sonst.
    Das nennen wir dann Aufschwung!
    Kein Wunder, dass Akademiker wie ich zu den modernen Bankräubern wechseln..;-)

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    • 22. November 2007 um 20:48 Uhr
    • goodnight
  3. 11.

    Beinahe hätte ich dagegen gehalten, aber dann habe ich bei SPIEGEL-Online gelesen, dass wir es in Deutschland gerade mit einem “robusten” Anstieg der Konsumausgaben im Inland zu tun hätten und deshalb auch mit einem “robusten” Wachstum. Da habe ich verzichten müssen; immer, wenn die journalistischen Ökonomen von robust reden, ist der Absturz nicht mehr weit. Der robuste amerikanische Immobilienmarkt dröhnt mir noch in den Ohren, ebenso wie die robuste, kreditfinanzierte amerikanische Konsumlust.

    Ansonsten müsste man es mal statt mit ideologiegetränkten Theorien und Modellen mit den Grundrechenarten versuchen. Herr Jahnke weist schon lange und hartnäckig darauf hin. Wenn die Löhne nicht steigen und die Renten ebenfalls stagnieren, dann haben 40 Millionen Erwerbstätige und knapp 20 Miilionen Rentener und dazu noch ihre Angehörigen ganz schlicht nicht mehr Geld, das sie in den Konsum stecken könnten (Sparverhalten als unverändert angenommen). Da können dann auch 1 Million bisher Arbeitslose, die wieder einen meist schlecht bezahlten neuen Job finden, nicht mehr helfen. Solange nicht auf breiter Front die Löhne steigen, gibt es keinen Aufschwung, der sich auf die Binnennachfrage stützen und damit tatsächlich robust sein könnte.

    Davon ist doch weit und breit überhaupt nichts zu sehen. Also kann man jetzt schon sicher sagen, dass es bestenfalls ein marginales Wachstum geben wird. Bei der anzunehmenden fortdauernden Lohndrückerei, verbunden mit dem unsäglichen Geschwätz über die Segnungen der kapitalgedeckten zusätzlichen Altersvorsorge steht eher zu erwarten, dass es gar kein Wachstum geben wird.

    Wer etwas anderes behaupten will, sollte uns kurz vorrechnen, wo das Geld für steigende Binnennachfrage herkommen soll, wenn die abhängige Erwerbstätigkeit immer schlechter bezahlt wird. Und für den Fall, dass die sinnhaften Anmerkungen zur investiven Binnennachfrage aufgelegt werden soillten, muss man uns erklären, warum ein Unternehmer mit 80% Kapazitätsauslastung in eine Produktion investieren soll, deren Abnehmer gar nicht zusätzlich abnehmen können, weil sie nach wie vor nicht mehr, sondern eher weniger Geld zur Verfügung haben.

    Ich setze eine Flasche Port (Light tawny) darauf, dass wir im nächsten Jahr überhaupt kein reales Wachstum haben werden, wenn nicht bis spätestens Ende Februar Lohnerhöhungen wenigstens für die Hälfte der Arbeitnehmer stattgefunden haben.

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    • 22. November 2007 um 21:08 Uhr
    • Hermann Keske
  4. 12.

    @ taurus

    Wenn Sie die Wahrheit vertragen koennen: Tatsächlich nahmen die Konsumausgaben im Vorjahresvergleich nur um knappste 0,1 % zu. Wenn man berücksichtigt, daß das wegen der MWSt-Vorzugseffekte ungewöhnlich schwache 1. Quartal 2007 zu Nachholeffekten im 2. und 3. Quartal führen mußte, so kann man aus der etwas besseren Entwicklung in diesen Quartalen keinen Boom ablesen. Der reale Zuwachs der letzten 4 Quartale gegenüber den vorangegangenen 4 Quartalen beträgt jedenfalls nur 0,4 %. Der Trend der Quartalswerte seit dem Jahr 2000 ist negativ. Sie finden das alles hier: http://www.jjahnke.net/rundbr34.html#q3.

    Fazit: Wir spielen das falsche Globalisierungsspiel!

    @lulu

    Der Tagesspiegel hat einen 15 Jahre Vergleich und bis 2000 sind die Loehne schoen gestiegen, dann nicht mehr. Inflationsbereinigt 3. Quartal 07 gegen 06 minus 1,4 %.

    @goodnight

    Dafuer investiert die deutsche Industrie im Zeichen der Globalisierung im Ausland, und die Besserverdiener tragen ihr reiches Geld auf die internationalen Kapitalmaerkte, wo es woanders investiert wird (wenn ueberhaupt).

    Antworten

  5. 13.

    @J. Jahnke:

    Also die Aussage des Statistischen Bundesamtes ist:

    “Der durchschnittliche Netto-Stundenlohn stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 1991 bis 2006 von 11,08 Euro auf 11,76 Euro, was einem Gesamtanstieg von 6,2 Prozent entspricht. ”

    Ist das nun richtig oder nicht?

    Die Lohnabschlüsse 2007 sind nun auch (weitgehend) bekannt, die Auswirkungen der Absenkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung 2008 auch. Gehört das nicht auch zu einer halbwegs seriösen Betrachtung dazu?

    Antworten

    • 23. November 2007 um 09:38 Uhr
    • lulu
  6. 14.

    @H.Keske:

    “Der robuste amerikanische Immobilienmarkt dröhnt mir noch in den Ohren, ebenso wie die robuste, kreditfinanzierte amerikanische Konsumlust.”

    Nun bloggen Sie schon so lange und so intensiv in “Herdentrieb” und haben das trotzdem alles überlesen?

    Wer hat denn wo in den letzten 2 Jahren von einem “robusten amerikanischen Immobilienmarkt” geschrieben?

    Antworten

    • 23. November 2007 um 09:52 Uhr
    • lulu
  7. 15.

    @Hermann Keske

    Sinnhafte Anmerkungen? Mein Stichwort ;-)
    Investitionen sind immer RISIKO! Und daher immer ne Sache von Mut, Größenwahn und Hoffnung. Ein ROI lässt sich einfach nicht garantieren, denn die zukünftige Gegenwart ist immer anders als die gegenwärtige Zukunft!
    Die Stimmung ist das Problem!
    Seit 2000 haben alle Angst zu investieren! Der aktuelle “Aufschwung” ist allein Folge von Kostenreduzierung. Es gab und gibt keine Innovationen, keine Investitionen in BRD, keine neue Nachfrage.
    Die alten deutschen Produkte sind einfach nur etwas günstiger geworden…3% Aufschwung!
    Daher war auch die Stimmung in den späten 90ern erheblich besser: Telekommunikation, IT, Internet…
    Junge mutige Menschen ohne Geld! So wie drei von SAP in den 70ern.
    Und heute? Alte Männer in gesättigten Märkten horten ihr Geld. Auf der einen Seite Mega-Gewinne, Mega-CEO-Gehälter und – Abfindungen, reiche Rentner, eine Verdoppelung des Dax….auf der anderen Seite: Mega-Kinderarmut, HarzIV, Mini-Löhne, Praktika und Zeitverträge auch für Akademiker, Ausbildungslücke, Studiengebühren, Lehrermangel, etc.
    Was in diesem Land passiert ist einfach zu offensichtlich, als das es jemand sehen will!
    DeSoto sagte mal, dass Wachstum von drei Faktoren abhängt:
    Eigentum, Rechtssicherheit und Chancen für junge Männer!
    Rechtssicherheit ist ja vorhanden, aber Eigentum nur noch möglich wenn man erbt und alle anderen Chancen?…als Arzt auswandern, als Rechtsanwalt Abmahnungen schreiben, als BWLer alten Rentnern die Altersvorsorge abquatschen oder Banken ausnehmen ;-)

    “You manipulated me into where I am now – staring at the Brown and Williamson Building. It’s all dark except the tenth floor. That’s the legal department, where they fuck with my life! ”
    Jeffrey Wigand – the Insider

    Antworten

    • 23. November 2007 um 10:26 Uhr
    • goodnight
  8. 16.

    @ Joachim Jahnke und Hermann Keske

    Grundsätzlich finde ich Ihre Kritik an den gängigen Ökonomen-Aussagen bez. Lohndrückerei und dergleichen schlüssig. Wie ich Ihnen, Herr Jahnke, schon einmal geschrieben habe, finde ich diese Argumentation aber einseitig. Warum einseitig?

    Ein großes Problem der deutschen Wirtschaft, das wir in den vergangenen Jahren rauf und runter gebetet haben, ist die hohe Arbeitlosigkeit. Nun wirkt eine hohe Arbeitslosigkeit tendentiell lohndrückend: Wenn das Angebot (an Arbeitskräften) höher ist als die Nachfrage, dann sinkt der Preis (also der Lohn). Solange wir also die Arbeitslosigkeit nicht in den Bereich von 2,x Millionen gebracht haben, kann der Lohn – in den Berufssparten entsprechend dem Qualifikationsniveau der Arbeitslosen – nicht steigen. Oder, falls er steigt, besteht die Gefahr, dass die Arbeitslosigkeit wieder ansteigt. Oder wie war das noch mal genau in den 90er Jahren, insbesondere zwischen 1995 und 2000?

    Sie sehen, ich nahm das Wort “Qualifikationsniveau” in den Mund. Das ist in meinen Augen nämlich der einzige gangbare Weg aus dem Dilemma. Wenn ich Deutschland in den letzten 10 Jahren mit “erfolgreichen” Ländern, also beispielsweise Schweden, Dänemark, Großbritannien, USA, Niederlande und dergleichen vergleiche, dann fallen mir 2 Sachen auf:

    1. In allen diesen Ländern ist der Anteil der Industriejobs ähnlich gesunken wie bei uns. In allen Ländern musste der Dienstleistungssektor die Ausfälle auffangen. Bei uns war er so schwach, dass die hohe Arbeitslosigkeit nicht vermieden werden konnte. Die anderen Länder hingegen haben die Ausfälle nicht nur kompensieren können, sondern sogar deutlich Beschäftigung aufgebaut.

    Dies zeigt die Einseitigkeit, in der Ihre Argumentation, Herr Jahnke und Herr Keske, steckt: Die hohen Exportleistungen werden überwiegend vom Industriesektor erzielt, der mit immer weniger Arbeitern immer mehr herstellen kann. Da wir unseren Arbeitnehmern weniger Alternativen (verglichen mit dem Ausland) im Dienstleistungsbereich geboten haben, versuchten sie ihren Job in der Industrie zu behalten – mit den oben beschriebenen Auswirkungen auf die Löhne.
    Unser Problem sind weniger die niedrigen Löhne im Industriebereich (worauf ich Ihre Argumente stets rauslaufen sehe), der ja auch bei uns nur etwa 25% vom BIP ausmacht – de facto haben unsere Industrieangestellten so ziemlich die höchsten Löhne in der EU, wenngleich die Zuwächse aus oben genannten Gründen nicht mehr da sind – sondern unser Problem ist, dass unser Dienstleistungsbereich gerade im qualifizierten Bereich schlecht ausgebildet ist und, weil uns der Aufbau von Arbeitsplätzen in diesem gut bezahlten Bereich immer und immer wieder misslingt, auch keine steigenden Löhne da sein können. Die Amerikaner werden Ihnen als Beispiel für solche Jobs garantiert den Finanzsektor als erstes nennen, wobei ich hier skeptisch bin. Allerdings sind Biotechnologie, Forschung allgemein, Informationstechnologie, Bildungsbereich, Medizintechnik und dergleichen sehr beschäftigungsstark, überwiegend im Dienstleistungsbereich angesiedelt und in anderen Ländern gut bezahlt und mit steigenden Löhnen.

    2. Über die Frage, warum wir keinen gut zahlenden Dienstleistungssektor haben, könnten wir vermutlich lange diskutieren. In meinen Augen spielt die Ausbildung der Leute eine große Rolle. Wir bilden unseren Nachwuchs im Grunde ähnlich aus wie vor 25 Jahren – knapp 20% Akademiker, und der Rest ist mittelmäßig qualifiziert. Und durch die betriebliche Ausbildung, so gut das Konzept in der Theorie auch ist, führen wir unseren Nachwuchs automatisch in dieselbe Schiene rein, wo wir selbst feststecken. Und das heißt oft Industriearbeit. Oder Automechaniker. Oder Verkäufer. Aber eben nicht Forscher in der Biotechn., Pharmatechn. oder Medizin – jedenfalls nicht in ausreichender Anzahl. Sie sehen, auf diese Weise erhält sich unser System von selbst und hat wenig Möglichkeiten zur Innovation und zur Umsteuerung auf neue Gebiete. Dazu passen die Unterschiede in den (westdeutschen) Bundesländern hervorragend. Bayern und Baden-Württemberg schlagen sich (noch) gut, weil sie Bereiche haben, wo sie (noch) führend auf der Welt sind. NRW (und weitere Länder drum herum) hat Strukturprobleme wegen der weggefallenen und weiter wegfallenden Schwerindustrie – und entsprechend schlechte Arbeitsmarktzahlen. Dank Bundeshaushalt und Länderfinanzausgleich fehlt natürlich die Dynamik überall im Lande…

    Die anderen Länder, gerade die “erfolgreichen”, wo die Löhne steigen und gleichzeitig auch der private Konsum gut läuft, haben hingegen die Ausbildung der jungen Leute stark verbessert. Vergleichen Sie mal die Ausbildung unseres Geburtsjahrgangs 1980, die mittlerweile so weit abgeschlossen sein sollte, mit der in Schweden oder den USA. Und dann legen Sie mal den Jahrgang 1950 daneben. Bei Jahrgang 1950 liegt das Ausbildungsniveau der Deutschen deutlich über dem OECD-Schnitt (Akademikeranteil, Schulabbrecher, etc.), beim Jahrgang 1980 deutlich darunter. Ist es da wirklich verwunderlich, dass wir nach hinten durchgereicht werden? Nein, glaube ich, es ist ganz normal. Bei all den damit verbundenen Auswirkungen auf die Löhne.

    Und allein unser Ausbildungssystem kostet uns Arbeitsplätze. Wenn wir ein Bildungssystem vergleichbar mit dem schwedischen hätten, dann würden in dem Bereich mindestens 500.000 Menschen mehr, eher sogar eine Million, beschäftigt sein.
    Ich weiß, wir behaupten, wir hätten kein Geld für so viele Stellen (weil wir’s lieber den Rentnern geben und die Arbeitslosigkeit finanzieren) und deshalb könnten wir den Weg auch gar nicht gehen. Ich glaube jedoch, es fehlt v.a. am guten Willen. Und natürlich kostet ein besseres Bildungsystem zunächst mehr, und die positiven Effekte werden erst 10 Jahre nach einer Umstellung voll zum Tragen kommen. So viel Langfristigkeit im Denken würde ich mir aber schon erwarten…

    Noch ein Vergleich: Von den Löhnen allein wird der Konsum noch nicht gerettet. Wie oft nennt man in Wirtschaftsdiskussionen in Deutschland den Vergleich mit Italien. Dort steigen die Löhne stärker und die armen Italiener können nicht mehr recht mit uns konkurrieren. Abgesehen davon, dass die Italiener ihre Arbeitslosigkeit deutlich stärker gesenkt haben als wir (von 11% 2000 auf jetzt 5,4%), so zeigt das auch, dass steigende Löhne nicht die Umstellung auf höher bezahlte Tätigkeiten ersetzen können. Der Konsum in Italien ist schwächer als bei uns (unsere Einzelhandelszahlen mit Basis 2000: 102, die Italiens: 93!), obwohl die Löhne angeblich mit im Schnitt 3% jährlich steigen.

    Und noch was zum Abschluss: Natürlich steigen die Renten nicht, wenn die Löhne der Arbeitnehmer nicht steigen. Die sind doch miteinander gekoppelt und werden so finanziert. Ich verstehe nicht, warum man das immer getrennt erwähnt. Trennen kann man das nur unter zwei Umständen:
    1. die Rentenbeiträge werden erhöht, sodass die Arbeitnehmer weniger und die Rentner mehr Geld haben. In Anbetracht der ohnehin schon hohen Abgaben für Rentner und der zu erwartenden Zunahme der Rentner im Vergleich zu den Arbeitnehmern (weil wir zu wenig Nachwuchs haben) halte ich das für arg fahrlässig.
    2. die Renten werden endlich auf eine breitere Basis gestellt (Steuer- statt Sozialabgabenfinanzierung). Wäre äußerst wünschenswert, aber bei unseren Politikern, die nicht mal die vergleichsweise einfache Reform unseres Bildungssystems hinkriegen, nicht zu erwarten.

    P.S. @ Joachim Jahnke: Die Wachstumszahlen in jeweiligen Preisen, verglichen mit dem Vorjahr, sind momentan besser als im Vorjahr:
    2006 Q1: 3,9
    2006 Q2: 2,3
    2006 Q3: 3,4
    2006 Q4: 4,3
    2007 Q1: 5,0
    2007 Q2: 4,6
    2007 Q3: 4,7
    Nicht, dass ich die Abschwächung des Wachstums beschönigen will. Aber für mich sieht es so aus, dass sehr wohl noch Dynamik da ist, nur eben die Inflation mehr davon auffrisst. War aber zu erwarten, wenn ich an die, Heusinger nennt sie “brutal”, Mehrwertsteueranhebung denke. Insofern sehen die aktuellen Zahlen sogar noch richtig gut aus…

    Antworten

    • 23. November 2007 um 10:53 Uhr
    • Martin Kb.
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