So funktioniert Kapitalismus

Hier spricht der Bär

Von 22. November 2007 um 14:53 Uhr

Es ist wieder so weit: HERDENTRIEB feiert seinen zweiten Geburtstag – und Hirte Heusinger gibt seine Wachstumsprognose ab. Mit der grandiosen Wette für 2006 sind wir 2005 gestartet und bekannt geworden.

Das nächste Jahr wird schlecht. Das Wachstum wird nur bei 1,5 Prozent oder drunter liegen. Damit ist HERDENTRIEB mal wieder aus der Herde ausgerissen, die für Deutschland um die zwei Prozent erwartet (Sachverständige 1,9 und Gemeinschaftsprognose 2,1 Prozent).

Die Wette macht keinen Spaß. Es wäre die erste Wette im Blog, die ich gerne verlöre. Wie ich es auch drehe und wende, es sieht düster aus. Und das aus drei Gründen: Erstens verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen für die Banken und Unternehmen. Zweitens bleibt der Konsum mau. Das ist die eigentliche Enttäuschung. Und drittens sind Deutschlands tonangebende Ökonomen, der Bundesfinanzminister und der Bundesbankpräsident keineswegs alarmiert, reden sich die Welt schön und fechten Sträuße aus, die lächerlich sind. Wenn das nächste Jahr dann tatsächlich rezessiv werden sollte, wissen Letztere ganz bestimmt wieder woran es lag: an den ausgebliebenen Strukturreformen. Lesen Sie weiter und Sie werden die wahren Gründe erfahren:

Da wir nun mal nicht in einer Tauschwirtschaft (Neoklassik) sondern einer Geldwirtschaft leben, gehört es zur ersten Pflicht auf die Finanzierungsbedingungen der Volkswirtschaft zu schauen, auf die Konditionen an den Finanzmärkten, und – für Deutschland noch viel wichtiger – die Kreditkonditionen.

Kreditkonditionen werden verschärft

Verschärft sich da etwas, oder lockert es sich? Und leider verschärfen sich die Konditionen. Ich nehme an, die Daten für das dritte Quartal (die bereits restriktiv ausschauen) sind nichts gegen die Verschärfung, die wir bis Mitte 2008 bekommen werden. Der globale Kapitalismus steckt in der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, das Problem der Verpackungs- und Vertrauenskrise ist noch keineswegs gelöst. Hank Paulson, der US-Finanzminister, hat Recht, dass uns erst Mitte nächsten Jahres die Bugwelle erreichen wird.

Erschreckt hat mich die Commerzbank. Als die Gelben vergangene Woche eine neue Anleihe am Bondmarkt platzieren wollten, mussten sie 135 Basispunkte über Swaps zahlen. Normal sind rund 80 Stellen. Das zeigt, wie schlimm es steht. Das ist eine Verteuerung um fast 70 Prozent!!!! Die Commerzbank muss das Geld ja zu noch höheren Konditionen weiter verleihen, will sie nicht von vorne herein Verluste schreiben. Also die Finanzierungsseite dämpft nächstes Jahr, daran besteht kein Zweifel.

Noch steigt die Kreditnachfrage

Die höhere Kreditnachfrage ist zwar erfreulich, aber sie dürfte nachlaufend sein zu der kurzen Sause, die wir erlebt haben. Die Stimmung scheint in den Unternehmen noch gut zu sein. Das dürfte sich rasch ändern. Denn auch der Euro und der Ölpreis sind Boten schwächeren Wachstums. Die jüngsten Zahlen für die Auftragseingänge im September haben es bereits gezeigt. Und in der Regel wirkt ein so drastischer Anstieg der Heimatwährung erst mit einiger Verzögerung. Und wo sollen die Erfolge Amerikas beim Abbau des Handelsbilanzdefizits herkommen, wenn nicht aus schwächeren Exporterfolgen Deutschlands und Chinas? Das hängt doch alles zusammen!

Es gäbe eine ökonomische Macht, die sich gegen Euro, Öl und Kredit stemmen könnte, ja müsste: der Verbraucher. Bei den positiven Nachrichten vom Arbeitsmarkt, bei erstmals 40 Millionen Beschäftigten, wie die Freunde der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nicht müde werden zu verbreiten, da müsste doch was gehen. Die Löhne müssten steigen, die Jobsicherheit sowieso und die Menschen müssten optimistisch nach vorne schauen, den Geldbeutel locker sitzen haben und so zur großen Stütze für 2008 avancieren. Wirklich? Ich gestehe, auch ich habe bislang immer so argumentiert (MEHR JOBS = MEHR KONSUM), bin allerdings schon vorsichtiger geworden (DAS HAAR IN DER SUPPE). Und inzwischen bin ich zum Bären mutiert, sprich auf der Linie von Herrn Jahnke gelandet, der im Blog schon öfters auf die zu rosarote Brille hingewiesen hat, mit der wir auf den Verbrauch gesetzt haben.

An Weihnachten wird gespart

Es ist nicht nur diese Grafik, die mich erschauern lässt. Irgendwie haben die Reformer so tief geschnitten, dass nichts mehr in der Massenkaufkraft ankommt. Die Rentner verarmen, die Hartz IVler sowieso. Sie alle bekommen nicht mal ein Drittel der Inflation ersetzt. 2,5 Millionen Kinder leben in Armut. Die Lohndrücker sind so lange zu Gange, solange es zumindest keine verbindlichen Mindestlöhne gibt. Und die Gewinne sprudeln still und leise.

In Deutschland rächt sich die unnötig brutale Mehrwertsteuererhöhung, die die bescheidenen Lohnzuwächse auffrisst. Im Gegenzug bekommen die Unternehmen wieder Milliarden Euro geschenkt. Verstehe diese Politik, wer will. Das Wachstum fördert sie nicht, im Gegenteil!

Und da sind wir schon Mitten in der deutschen Debatte. Was treibt die tonangebenden Ökonomen um? Weitere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sowie Schuldengrenzen für öffentliche Haushalte. Das sind wahrlich Probleme, die jetzt angepackt werden müssen. Die Kreditkrise wird als für die Realwirtschaft ungefährlich abgetan. Einmal lachen.

Finanzminister Peer Steinbrück redet mindestens einmal die Woche den Euro hoch. Er liebe einen festen Euro, er sehe keine Probleme damit. Was treibt den wichtigsten Minister um? Hat er keine Berater, keine Volkswirte um sich herum? Oder ist es die Fehde um die Unabhängigkeit der EZB? Sarko hat doch schon längst die Segel gestrichen. Hat das Steinbrück niemand verraten?

Und Axel Weber, Oberfalke im EZB-Rat, hat auch so seine Fehde. Er will höhere Notenbankzinsen, weil die Konjunktur gut laufe und eher Inflationsgefahren bestünden. Er schlägt Alarm und die BILD steigt ein. EZB-Präsident Trichet und Bini-Smaghi versuchen das Thema Inflation wieder abzumoderieren. Ob’s gelingt?

Wer solche Ökonomen an der Spitze des Staates hat, der braucht sich ums Wachstum nun wirklich keine Sorgen machen.

Topp, die Wette gilt: 1,5 Prozent und weniger für 2008.

PS.: Für die Statistiker: Im vergangenen Jahr hätte ich für dieses Jahr ohne Mehrwertsteuererhöhung 2,5 Prozent plus erwartet, hatte aber angesichts der Mehrwertsteuererhöhung zwei Prozent plus/minus 0,5 Prozentpunkte gesagt.

Leser-Kommentare
  1. 361.

    @ D. Tischer

    Hallo, Herr Tischer !

    Als Wirtschaftslaie und faszinierter Leser dieses Blogs erlaube ich mir hier mal sozusagen einen ‘Meta’beitrag.
    Ich finde die Argumente Ihres Hauptgegners, Herrn Keske, meistens spontan sehr überzeugend, verfolge aber auch die ihrigen als wertvollen Realitätsabgleich mit großem Interesse.
    An Herrn Keskes Beiträgen befremden mich andererseits – wie Sie auch – die häufig abwertenden bis aggressiven nicht-argumentativen Anteile. (Ich halte ihm dabei ein wenig zugute, dass er die Perspektive eines gesellschaftlichen Bereichs einnimmt -oder einzunehmen glaubt, für den die hier andiskutierten wirtschaftlichen Probleme in ihren Auswirkungen ganz elementare existenzielle Auswirkungen haben.)
    Aber auch Ihnen erlaube ich mir hier, einen einfachen Tipp zur kommunikativen Hygiene zu geben. Schreiben Sie doch z.B. statt:
    ‘Abgesehen davon… sind (!) alle diese Begründungen aus grundsätzlicher Erwägung falsch’,
    einfach: ‘scheinen mir’ (!) …falsch.

    Mit ersterer Formulierung erklären Sie sich zum Besitzer der Wahrheit. Das passt weder zu Ihrer Grundhaltung
    noch zum allgemeinen Grundkonsens einer Diskussion und provoziert die ‘Besitzlosen’.

    Es grüßt Sie freundlich
    BF

    Antworten

    • 30. Dezember 2007 um 13:30 Uhr
    • F. Bleil
  2. 362.

    @ F. Bleil

    Danke für Ihr Interesse an meiner Diskussionsweise.

    >Schreiben Sie doch z.B. statt:
    ‘Abgesehen davon… sind (!) alle diese Begründungen aus grundsätzlicher Erwägung falsch’,
    einfach: ‘scheinen mir’ (!) …falsch.

    Mit ersterer Formulierung erklären Sie sich zum Besitzer der Wahrheit. Das passt weder zu Ihrer Grundhaltung
    noch zum allgemeinen Grundkonsens einer Diskussion und provoziert die ‘Besitzlosen’.>

    Es scheint vielleicht so, dass ich mich damit zum „Besitzer der Wahrheit“ erkläre. Und ich kann durchaus verstehen, dass nicht nur Sie, sondern auch andere das so sehen.

    „Ist/sind“ oder „scheint mir“:

    In einer argumentativen Debatte, also einer, die etwas klären soll, MUSS ich sagen „ist/sind falsch“.

    Denn sagte ich „scheint mir“, würde ich meinen: „Ist wohl so auf den ersten Blick oder unter ersten Erwägungen, kann aber auch anders sein“. Damit würde ich bestenfalls eine Aussage in der Schwebe lassen und zur Klärung nichts beitragen. Das ist nicht Sinn und Zweck der Veranstaltung.

    „Besitz“:

    Wenn ich sage „ist/sind falsch“ treffe ich ein/mehrere Urteil/e über eine/mehrere Aussage/n. Sie sind von mir, weil mein Name darunter steht. Ich verbinde damit nicht „Besitz“. Ich hatte ja geschrieben, dass es mir nicht darum geht, Recht (zu haben) und zu behalten.

    Wenn überhaupt, dann „besitze“ ich Wahrheit an einem Punkt der Debatte und zwar dann, wenn ich bis dahin nicht widerlegt worden bin oder gerade jemanden widerlegt habe. Und auch dann nur so lange, bis mich jemand widerlegt – also unter Umständen nur bis zum nächsten Beitrag eines Diskutanten.

    Wenn Sie meinen letzten Beitrag an diesem Thread noch einmal genau durchlesen, werden Sie mir zugestehen müssen, dass ich die Wahrheit nicht beanspruche. Sie wird dem zugeschrieben, der in der Debatte nicht widerlegt wurde. Das ist meinem Verständnis nach immer offen.

    Und ob am Schluss das, was stehen bleibt, DIE Wahrheit ist, kann auch noch bezweifelt werden.

    Wenn andere Diskutanten irgendwann nicht mehr antworten, kann das viele Gründe haben. Ich schließe jedenfalls nicht daraus, dass mein Standpunkt schon deshalb der richtige ist, sondern nur, dass ich keinen besseren kenne und deshalb bei meinem bleiben sollte.

    „Grundkonsensus einer Diskussion“:

    Sie meinen offensichtlich, dass es einen „Grundkonsensus einer Diskussion“ gibt.

    Ja, den gibt es, unter Leuten, die wie gesagt klären wollen, ob etwas wahr oder falsch ist.

    Solche Leute würden allerdings nicht eine Sekunde vergeuden, über den dafür erforderlichen Grundkonsensus zu diskutieren. Sie würden vielmehr ungeduldig bis unwirsch fragen: Was denn nun, scheint es Ihnen nur so oder ist es so oder nicht so, und warum?

    Man muss wahrscheinlich von einem anderen Stern kommen, um generell eine solche Einstellung hier am Blog vorauszusetzen.

    Antworten

    • 30. Dezember 2007 um 22:59 Uhr
    • Dietmar Tischer
  3. 363.

    @D.Tischer:

    Bitte machen Sie auch in 2008 genau so weiter, Ihre Kommentare und vor allem die analytische Vorgehensweise sind eine Bereicherung!

    Antworten

    • 1. Januar 2008 um 09:56 Uhr
    • lulu
  4. 364.

    Gewinneinbruch und Stellenstreichungen bei Harley-Davidson…

    Nicht nur die Autoindustrie bekommt die Auswirkungen der Finanzwirtschaftskrise zu spüren. Auch der Hersteller der Kultmotorräder, Harley-Davidson, hat schlechte Zahlen vorzuweisen für das vierte Quartal des Jahres 2008. Heute, noch vor Eröffnung d…

    Antworten

  5. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)