Warum die EZB die Zinsen nicht senken wird – leider
An diesem Donnerstag trifft sich der europäische Zentralbankrat zum letzten Mal in diesem Jahr. Es gäbe gute Gründe, die Zinsen zu senken, sie sind aber aus seiner Sicht nicht stark genug. Immerhin ist aber wohl doch der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr darum geht, wann die Zinsen erhöht werden, sondern wann sie gesenkt werden müssen. Die Marktteilnehmer jedenfalls setzen darauf.
Vermutlich ist der Zentralbanksatz von 4 Prozent neutral in dem Sinne, dass er die volkswirtschaftliche Nachfrage weder stimuliert noch bremst und deshalb nicht geändert zu werden braucht. Neutralität entspräche dem Produkt aus mittelfristigem Wachstum des (realen) Produktionspotentials von 2 1/4 Prozent und der angestrebten Inflationsrate von etwas unter 2 Prozent, also etwa 4 Prozent. Das ist keine Formel, wie sie ein echter rocket scientist verwenden würde, aber sie gibt einen guten Anhaltspunkt. Nach Keynes ist es bekanntlich besser, man liegt grob richtig als präzise falsch.
Der Notenbankzins ist ein wichtiger Indikator für die Ausrichtung der Geldpolitik – der reale handelsgewogene Wechselkurs ist ein anderer, zusätzlicher. Die Aufwertung des Euro seit letztem Sommer wird einen massiv restriktiven Effekt auf die Konjunktur haben, so wie eine Zinserhöhung. Wenn ich noch mal eine überschlägige Rechnung machen darf: Eine reale Aufwertung um 5 Prozent ist vergleichbar einer Zinserhöhung um einen Prozentpunkt, womit wir inzwischen, was das monetäre Umfeld insgesamt angeht, tatsächlich bereits im restriktiven Bereich wären. Die Erwartung, dass der nächste Zinsschritt eine Senkung sein dürfte, ist von daher berechtigt. Das Verhältnis 5 zu 1 spiegelt in etwa den Anteil des Außensektors an der Gesamtnachfrage wieder.

Es überrascht nicht, dass die EZB von solchen Argumenten nichts hören will. Die jüngsten Zahlen zum Arbeitsmarkt oder zum Bruttoinlandsprodukt, aber auch die Umfragen, die sich auf die Konjunkturerwartungen beziehen, sind immer noch ganz robust. Nicht so gut sieht es beim Umsatz des Einzelhandels aus, weil es für die Verbraucher offenbar nicht mehr so leicht ist, Kredite zu bekommen. Auch der Wohnungsbau ist ins Stocken gekommen. Insgesamt ist realwirtschaftlich von der Ölpreisexplosion, der Finanzkrise und dem festen Euro aber noch nicht viel zu spüren.
Zudem liegt natürlich die Inflationsrate bei den Verbraucherpreisen – im November waren es 3,0 Prozent im Vorjahresvergleich – weit über der Zielmarke. Wie glaubwürdig wäre die EZB, wenn sie angesichts solcher Zahlen – sowie, nicht zu vergessen, der Explosion der Geldmengenaggregate – die Zinsen senkte?
Anderseits fragt sich, weshalb die Finanzmärkte so tun, als stünde eine Art Weltwirtschaftskrise bevor, Deflation eingeschlossen. Dazu ein paar Zahlen:
- Normalerweise liegen die Dreimonatszinsen am Geldmarkt um 20 Basispunkte über dem Notenbanksatz, zur Zeit sind es 86 Basispunkte. Die Banken trauen sich gegenseitig nicht mehr über den Weg. Sie rechnen zunehmend damit, dass die Gegenseite in Zahlungsschwierigkeiten geraten wird.
- Das Gleiche bei den Pfandbriefen: Im Zehnjahresbereich übertreffen deren Renditen die von Bundesanleihen normalerweise um 15 Basispunkte, und nicht um 48 so wie jetzt.
- Ähnlich ist es in den USA: geht man nach den Futures-Märkten, wird der Notenbankzins bis zum Sommer nächsten Jahres um einen vollen Punkt auf 3,5 Prozent gefallen sein. Die Renditen der zehnjährigen Treasuries sind auf 3,9 Prozent gefallen und damit trotz des schwachen Dollars und der relativ hohen Verbraucherpreis- und Lohninflation deutlich unter das Niveau der deutschen Bundesanleihen. Das riecht stark nach Panik.
- Auch in Großbritannien hat sich die Finanzkrise in den letzten Wochen wieder deutlich verschärft: der Interbanksatz übertrifft den Notenbanksatz von 5,75 Prozent um nicht weniger als 90 Basispunkte, ein Rekord. Die zehnjährigen Swapsätze (de facto die Renditen von Bankschuldverschreibungen) liegen um 54 Basispunkte über denen der Staatspapiere, die mit 4,5 Prozent wiederum deutlich unter dem Satz der Bank of England notieren.
In den USA sind staatliche Rettungsaktionen für die Hypothekenschuldner in der Diskussion, damit die Subprime-Krise nicht ausufert und eine allgemeine Rezession auslöst. Es darf bezweifelt werden, dass es damit getan sein wird. Innerhalb kürzester Zeit ist nämlich die Liquidität, also die kurzfristige und unlimitierte Verfügbarkeit von Kreditlinien, das Schmiermittel der Marktwirtschaft, ausgetrocknet. Bill Gross, der angesehene Chef der Bond-Fondsgesellschaft PIMCO, spricht bereits von einem Zusammenbruch des modernen Bankwesens. In Großbritannien wiederum sieht sich der Staat gezwungen, die Northern Rock, eine große Hypothekenbank, zu retten, notfalls durch Verstaatlichung. Rettungsaktionen haben wir natürlich auch schon hierzulande gesehen.
Es sollte nie vergessen werden, dass die wichtigste Aufgabe von Notenbanken darin besteht, das Finanzwesen zu bewahren. Das kommt noch vor der Bewahrung der Kaufkraft des Geldes, auch wenn das in normalen Zeiten nie so gesagt wird, weil die Banken sonst nämlich auf dumme Gedanken kommen könnten, also zu leichtfertig Kredite vergeben würden.
Was erstaunt, ist wie positiv nach wie vor die Konjunkturprognosen ausfallen. Nirgendwo werden Rezessionen erwartet. Wenn es aber so ausgeht wie einst in Japan, wenn Banken und Haushalte ihre Aktiva abwerten müssen und auf einmal de facto überschuldet sind, wird es ernst. Dann ist es mit einer kurzen wenn vielleicht auch schmerzhaften Rezession nicht getan. Dann heißt es, auf Jahre die Gürtel enger schnallen und die Verschuldung ab- und das Kapital wieder aufbauen. Sind wir schon an dieser Schwelle angekommen? Noch warten wir auf klarere Signale aus der Realwirtschaft.
Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die hohen Ölpreise, die Liquiditätsklemme und – bei uns – der feste Euro und die Implosion der südeuropäischen Immobilienmärkte nicht starke negative Auswirkungen auf die Konjunktur haben werden. Klar ist, dass die EZB nicht so recht weiß, wohin die Reise geht. Klar ist aber, dass rasche und entschlossene Zinsschritte erforderlich sein werden, wenn es mehr in Richtung Deflation gehen sollte. Wenn es sich um eine klassische Liquiditätsfalle handeln sollte, was nicht unwahrscheinlich ist, wird auch die Finanzpolitik stärker gefordert sein, als wir es uns gegenwärtig noch vorstellen. Japan war jahrelang gezwungen, Defizite in der Größenordnung von 8 Prozent des BIP zuzulassen, damit die Nachfrage einigermaßen stabilisiert werden konnte. Es könnte auch sein, dass es zu einem Abwertungswettlauf kommt – wenn nämlich alle wichtigen OECD-Länder versuchen durch niedrigere Zinsen ihre Währung zu verbilligen, um damit ihre Beschäftigung zu sichern. So oder so, die Zinsen werden nicht mehr steigen.
@Och,
negative Sparquote ist also nicht “über die Verhältnisse gelebt”.
Staatsverschuldung unter Berücksichtigung von Pensionsverpflichtungen in beiden Ländern in den USA (um die 400%) etwa doppelt so hoch wie in Deutschland ist nicht “über die Verhältnisse gelebt”. Nettoauslandsschuldnerposition, OK da kann man sich streiten, weil wenn es Nettokreditgeber gibt, muss es auch Nettokreditnehmer geben.
Bundesstaatsausgaben in den USA 50% höher als Bundesstaatseinnahmen, wenn man “social security” weglässt, nicht “über die Verhältnisse gelebt”? Natürlich ist richtig, dass in Deutschland die Rentenkasse auch zum Defizit beiträgt, aber in den USA sammelt die Regierung gewissermaßen die Riesterrente ein und erklärt sie zur Steuereinnahme.
Hier ein link zu einer Website, die den wirtschaftlichen Niedergang der letzten Jahre in den USA beschreibt (von einem Amerikaner).
http://www.shadowstats.com/cgi-bin/sgs/data
Und dann noch die Sache mit dem Reichtum; glauben Sie wirklich, dass es so einfach für den Staat ist, an den privaten Reichtum der 1% Reichen zu kommen ohne schweren Wirtschaftlichen Schaden oder schlicht die Flucht der Reichen nach sonstwo hin zu riskieren? Vielleicht ist es leichter als in D, wo man allzu leicht in die Schweiz kann, aber ganz so trivial ist es glaube ich auch nicht.
Dann kommt noch das Problem, dass zunehmend einfache Tätigkeiten ausgelagert werden. Die USA haben noch nicht mal einen Sprachschutz, jeder Callcenter kann aus Indien oder Afrika betrieben werden, Gestaltung von Websites und Programmierung nutzerinteraktiver Programme kann noch stärker ausgelagert werden als hier.
Der Anteil regenerativer Energien in den USA ist auch noch niedriger als hier und die Energieeffizienz ist in den USA auch niedriger als hier.
Zuletzt haben wir noch eine politische Klasse, die zumindest einige Probleme wahrnimmt, während in den USA der Präsident gar kein Interesse an der Lösung der Probleme des Landes zu haben scheint. GWB ist die größte Passiva Position die das Land überhaupt hat.
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Nach den neuesten Inflationsziffern in den USA wird es mit dem Senken des Leitzinses durch die Fed vorbei sein, womit auch der Euro nicht weiter steigen dürfte. Vermutlich wird der Offenmarktausschuss beim nächsten Treffen zunächst gar nichts unternehmen, um vom übernächsten Mal an den Leitzins langsam wieder erhöhen, um der Inflation entgegenzuwirken.
@Martin Hess: Ihre AntiBush-Tiraden sind ermüdend und gehören nicht hierher.
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Meine Meinung zu den Zinsen ist folgende :
1) Gott verbietet sogar die Zinsen. Es gibt jüdische,christliche und mohamedanische Zinsverbote.
Wenn man drann glaubt stellen wir uns also gegen Gottes Gebot.
2) Zinsen sind nichts weiter als eine Maßnahme die Spezies Mensch unter Kontrolle zu halten. Man könnte auch Sklavenhaltung sagen
3) Das die EZB nicht senkt liegt nicht an Trichet, sondern an denen die es nicht wollen. Keiner von uns Normalbürgern kennt diese Männer und Frauen mit Namen.
4) Die USA profitiert von den derzeit hohen Zinsen in Europa, denn das hält den Dollar dort wo die USA ihn derzeit habe will, UNTEN !
5) Das es auch ohne Zinsen ganz gut funktioniert sieht man an dem Beispiel Japan.
Ich denke das es weltweit der Wirtschaft sehr gut tun würde einen einheitlichen Zins von 2% zu haben.
Inflation ? Was hat der Zins mit der Inflation zu tun ? Wenn dem so wäre hätte die zweitgrößte Wirtschaft der Erde ( Japan ) eine Inflation von 20 % Japan hatte in 2007 eine Inflation von 0,00 % ! Und das bei einem Zins von ca. 0,3 % !
Erklär mir mal einer wieso es dann im Rest der Welt eine Megainflation geben soll ? Die Nachfrage bestimmt den Preis, und die Konkurenz, und sonst nichts. Sinkende Zinsen erhöhen natürlich die Nachfrage, aber nicht sooo drastisch das direkt eine Inflationswelle ausbrechen würde.
Die Welt spricht von den Schulden der USA und Deutschland. Wo ist das Problem ? Deutschland und die USA haben beide eine Staatsschuldenquote von 68 % Na und ?
Japan hat eine Quote von 150 % und es kräht kein Hahn danach, eben weil die Zinsbelastung so gering ist.
Und jetzt erklärt mir bitte mal einer warum wir das was die Japaner geschafft haben nicht auch schaffen können ?
Gruß
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